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19.11.2020

Stürzt Corona Europa in eine neue "Große Depression"?

Die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen, die notwendig waren, um die Ausbreitung der Corona-Epidemie zu verhindern, sind dramatisch. Bei oberflächlicher Betrachtung erinnert das an die "Große Depression" der 1930er Jahre. Ob wir heute in einer vergleichbaren Situation sind, analysiert der Wirtschaftshistoriker Jan-Otmar Hesse.

Ausgangsbeschränkungen - wie hier in Paris - und andere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus ließen Europas Wirtschaft im Frühjahr 2020 einbrechen. (© picture-alliance, Le Pictorium Agency/ZUMA Press )


Die "Große Depression" gilt als dramatisches historisches Ereignis, nicht zuletzt weil sie in vielen Ländern zu politischer Polarisierung und Radikalisierung führte. In Deutschland begünstigte die Weltwirtschaftskrise den Aufstieg der Nationalsozialisten. Gibt es die Gefahr, dass Europa nun in eine vergleichbare fundamentale Wirtschaftskrise stürzt? Welche Lehren aus der Vergangenheit können uns davor bewahren, eine ähnliche politische Radikalisierung zu erleben? Ein Blick auf die damalige Zeit kann sich lohnen.

Die damalige "Depression" begann als eine Börsenkrise, die ein hochgradig instabiles internationales Finanzsystem zum Einsturz brachte. Ausgelöst durch den Börsencrash ab dem 24. Oktober 1929 gingen nacheinander mehrere eng verflochtene Banken und Großunternehmen in den USA und in Europa bankrott. Die Krise des globalen Finanzsystems traf auf eine schwache Wirtschaft. Die Landwirtschaft auf der ganzen Welt kämpfte bereits vor der Krise mit sinkenden Preisen. Weil viele Beschäftigte damals noch in der Landwirtschaft tätig waren – in Deutschland mehr als ein Viertel – belastete der Preisverfall die Gesellschaften stark.

Zudem hatten sich die Staaten in Europa vor der Krise hoch verschuldet. Rechnet man die Reparationszahlungen für die Zerstörungen des Ersten Weltkrieges hinzu, drückte die Weimarer Republik eine Schuldenlast vom Dreifachen des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Großbritannien und Frankreich betrugen die Staatsschulden immerhin noch fast das Doppelte des BIP. Ausgerechnet die großen Volkswirtschaften in Europa waren damit abhängig von einem regelmäßigen Fluss privater Kredite aus den USA.

Prof. Dr. Jan-Otmar Hesse (© Privat)

Goldstandard für Deutschland zusätzliches Problem

Außerdem – das war die dritte große Unwucht in der Weltwirtschaft vor der Krise – hatten sich die Länder nach dem Ersten Weltkrieg überstürzt dazu entschieden, den Goldstandard wieder einzuführen. Er verband die Währungen aller großen Volkswirtschaften durch einen festen Wechselkurs, was Gläubigern eine gewisse Sicherheit verschaffte, aber auch Zwangslagen verursachte: Denn die Wechselkurse ließen sich nur aufrechterhalten, wenn die Länder genügend Gold oder goldkonvertible Währung besaßen – dies bereitete Ländern mit großem Importbedarf wie Deutschland zusätzliche Probleme.

All diese Schwierigkeiten wären unter Umständen sogar lösbar gewesen, wenn es eine höhere Kooperationsbereitschaft der Regierungen gegeben hätte. Das war aber nicht der Fall. Viele diplomatische Kontakte waren von Misstrauen geprägt – übrigens nicht nur zwischen den "Erbfeinden" Deutschland und Frankreich oder der Sowjetunion und den nicht sozialistischen Staaten. Sämtliche Versuche, die ökonomischen Probleme auf internationalen Konferenzen zu beheben, blieben ergebnislos. So eskalierte die Börsen- und Finanzkrise 1929 zur "Großen Depression".

All diese Rahmenbedingungen waren aber weder in der Finanzkrise des Jahres 2008 gegeben – noch sind sie es in der gegenwärtigen Coronakrise. In den heutigen westlichen Volkswirtschaften gibt es die Dominanz weniger Branchen nicht mehr, die in ähnlicher Weise die Arbeitsmärkte prägen wie die Landwirtschaft oder die Stahlindustrie in den 1930er-Jahren. Selbst das "Verarbeitende Gewerbe", heute der größte Wirtschaftssektor in Deutschland, beschäftigt nur 17 Prozent aller Erwerbstätigen, gefolgt vom Handel mit 13 Prozent. Die Finanz- und Versicherungsbranche kommt laut Statistischem Bundesamt 2018 auf gerade einmal 2,5 Prozent der Erwerbstätigen, das Gastgewerbe auf 4,2 Prozent.

Schon weil sich die Beschäftigung auf unterschiedliche Branchen verteilt, war der Anstieg der Arbeitslosigkeit in der gegenwärtigen Krise milder. Onlineversandplattformen oder Streamingdienste, Anbieter von Videokonferenzsoftware, Produzenten von Webcams, Fahrradhersteller und -händler profitierten sogar von der Krise. Zwar stieg die Arbeitslosigkeit beispielsweise in den USA mit 14,4 Prozent im April 2020 dramatisch an. Im Vergleich zur Großen Depression, als in den USA eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent und in Deutschland sogar von über 30 Prozent gemessen wurde, ist das aber noch moderat.

Bilder der Armut wie die Fotografien von Dorothea Lange aus den 1930er Jahren – hier aus der Serie "Migrant Mother" (1936) – sind noch heute erschütternd. Die gegenwärtige Krise ist jedoch weder zahlenmäßig noch in ihrer sozialen Bedeutung mit damals vergleichbar. (© picture-alliance, Photo12/Ann Ronan Picture Library)


Krise weder zahlenmäßig noch in ihrer sozialen Bedeutung vergleichbar

Dabei bedeutete Arbeitslosigkeit damals existenzielle Not, weil längst nicht alle Beschäftigten in den Genuss von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe kamen. Die Bilder der Armut – etwa die Fotografien von Dorothea Lange aus den USA der 1930er Jahre – sind noch heute erschütternd. Natürlich ist Arbeitslosigkeit auch heute eine erhebliche Belastung für die betroffenen Familien – das soll keineswegs relativiert werden. Fakt ist aber, dass die gegenwärtige Krise weder rein zahlenmäßig noch in ihrer sozialen Bedeutung in Bezug auf die Arbeitslosigkeit mit damals vergleichbar ist. Durch die unterschiedlichen Krisenprogramme liegt die offizielle Arbeitslosenquote in Deutschland mit 6,2 Prozent im September 2020 sogar deutlich unter dem Niveau von vor der Finanzkrise von 2008. Allerdings kommen zu den in der Statistik ausgewiesenen drei Millionen Arbeitslosen mehr als sechs Millionen "Kurzarbeiter" hinzu, weit mehr als in der Finanzkrise.

Der Hintergrund für diesen vergleichsweise glimpflichen Verlauf ist die staatliche Interventionspolitik. Durch ein gigantisches "Wiederaufbaupaket" konnte die existenzielle Not vieler Familien verhindert werden. Dazu waren Politiker in der Großen Depression weder bereit noch in der Lage. Selbst die kühnsten Programme, die in der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik lebhafte Kritik auf sich zogen und deshalb auch nicht realisiert wurden, forderten zur Krisenbekämpfung Mittel von zwei Milliarden Reichsmark. Dies hätte einem Drittel des damaligen Reichshaushalts entsprochen – oder 2,3 Prozent des BIP im Jahr 1929.

Dagegen lag der Umfang des im Mai 2020 beschlossenen Corona-Hilfspaketes der Bundesregierung bei 353 Milliarden Euro, ungefähr die Höhe des Bundeshaushaltes des Vorjahres und etwas mehr als zehn Prozent des BIP von 2019. Seitdem sind noch diverse Förderungen unter anderem auf europäischer Ebene hinzugekommen. Anders als in den 1930er-Jahren betrachten es Regierungen in allen Teilen der Welt heute als ihre Aufgabe, die wirtschaftlichen Folgen der verschiedenen Krisen des Wirtschaftssystems zu entschärfen.

Dies ist auch deshalb sinnvoll, weil die "Lockdowns" vielerorts auf staatliche Anordnung erfolgten - andernfalls wären Regressforderungen die Folge gewesen. Aber auch in der "Lehman-Krise" und später in der Eurokrise stand der Staat bereit, obwohl diese Krisen maßgeblich von leichtsinnigen, teilweise auch kriminellen Managerinnen und Managern mitverursacht worden sind.

Ob die große Fürsorgeverpflichtung des Staates, die Politikerinnen und Politiker heute stark zu empfinden scheinen, eine irregeleitete Selbstüberschätzung ist und ob sie sich auf Dauer aufrechterhalten lässt, ist zu diskutieren. Zweifellos stellt sie aber einen gravierenden Unterschied zur Weltwirtschaftskrise dar, als Staaten nur das Notwendigste gegen die Misere vieler taten. Selbst der oft gefeierte "New Deal" von Franklin D. Roosevelt ab 1933 war im Vergleich zu heute hinsichtlich des Finanzvolumens winzig und trug zur Krisenüberwindung nur wenig bei.

Staaten sahen sich als Konkurrenten

Ein dritter Unterschied zwischen der heutigen Krise und der Großen Depression liegt in der internationalen Kooperationsbereitschaft. Insbesondere die europäischen Staaten sahen sich damals nicht nur als wirtschaftliche, sondern auch als nationalstaatliche Konkurrenten an. Kredite oder gar Milliardengeschenke, wie sie nun im Rahmen der Europäischen Union vereinbart wurden, wären damals undenkbar gewesen. Jeder versuchte, seine Wirtschaftskrise auf Kosten der Handelspartner zu lösen: Frankreich machte einen Kredit an Deutschland so davon abhängig, dass die deutsch-österreichischen Zollunionspläne aufgegeben würden. Das Ergebnis war Deutschlands Zahlungsunfähigkeit und der Beginn der Devisenbewirtschaftung im Juli 1931, um den Abfluss von Liquidität zu stoppen.

Großbritannien versuchte im September 1931 Kapitalabzüge aus den USA durch eine drastische Währungsabwertung zu stoppen, welche gleichzeitig die Exportindustrie aufpäppeln sollte. Die USA hatten schon 1930 den Einfuhrzoll für eine große Zahl von Gütern drastisch erhöht, um die inländischen Landwirte und Unternehmen vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.

Großbritannien revanchierte sich zwei Jahre später mit dem "Imperial Preference Tarif". 1933 werteten die USA den Dollar massiv ab. Nicht nur durch die allgemeine Wirtschaftskrise – so etwa Pleiten und eine geringere Nachfrage – sondern wesentlich bedingt durch diese außenwirtschaftspolitischen Maßnahmen schrumpfte der Warenwert des Welthandels innerhalb von drei Jahren auf ein Drittel zusammen.

Der Unterschied zu den Krisen der Gegenwart könnte nicht größer sein. Zwar begann auch nach der Finanzkrise ein Jahrzehnt, in dem die zunehmende weltwirtschaftliche Integration durch protektionistische Tendenzen unterbrochen wurde, mit dem Scheitern der TTIP-Verhandlungen, dem Brexit und dem amerikanisch-chinesischen Handelskrieg unter Donald Trump als sichtbarsten Auswirkungen. Bei der Bewältigung des Abschwungs dominierte gleichwohl die internationale Kooperation.

Der Unterschied im Ausmaß der Krisen damals und heute wird noch größer, wenn neben den nackten Zahlen die Rahmenbedingungen beachtet werden: Der schlechte Zustand einer nur rudimentären sozialen Sicherung, die zerstrittene Völkergemeinschaft und nicht zuletzt das wirtschaftswissenschaftliche Wissen, das in der Großen Depression nicht einmal eine statistische Gesamterfassung lieferte. Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und die Sozialproduktberechnungen sind erst als Reaktion auf die Krise entwickelt worden. Im Unterschied zu heute waren ökonomische Frühwarnsysteme schlechterdings nicht vorhanden.

Die Lehren aus der historischen Krise

Die Große Depression taugt also nicht als Maßstab zur Bewertung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, und auch nicht für die Bewertung der Euro- und Finanzkrise vor einer Dekade. Die Krisen hatten jeweils andere Ursachen, andere Verläufe und die Rahmenbedingungen für die Krisenbekämpfung unterscheiden sich fundamental. Das heißt aber nicht, dass keine Lehren aus der Geschichte gezogen werden könnten. So lässt sich am Beispiel der Großen Depression sehr gut zeigen, dass eine rasche Krisenüberwindung nur über den Weg der internationalen politischen Kooperation führt. Sie ist kein Garant für eine gute Krisenbekämpfung, aber ihre Abwesenheit würde auf jeden Fall zu einer Eskalation führen.

Weiter lässt sich zeigen, dass tiefe Wirtschaftskrisen immer ein Risiko der politischen Radikalisierung hatten und haben. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Rezessionen verschiedene soziale Gruppen sehr ungleich trafen und die Krisenbekämpfung immer eine Umverteilung von Lasten und Wohlstand zur Folge hatte. Die Politik muss daher nun sehr genau prüfen, ob die Lasten der Krise und der Krisenbekämpfung nicht nur kurz-, sondern auch mittel- und langfristig wirklich gerecht verteilt werden. Dabei geht es auch um die Frage der Generationengerechtigkeit. Eine Krisenbekämpfung, die die Staatsschulden ins Unermessliche steigen lässt, könnte die Handlungsspielräume in künftigen Krisen deutlich einschränken.

Stürzt die Wirtschaft durch Corona in eine "Große Depression"? Im Moment sieht es nicht danach aus. Die gegenwärtige Corona-Krise scheint von der Weltwirtschaft überraschend gut verkraftet worden zu sein, so dass sich hier noch viel mehr als 2008 der Vergleich zur Weltwirtschaftskrise verbietet. Dennoch könnten wir am Beginn einer Krise ganz anderen Typs stehen: Die Freude über die sich rasant erholenden Börsenkurse – nach dem "Schwarzen Freitag" 1929 brauchte der S&P-Index gut 30 Jahre, um das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen –, über den Boom in der IT-Branche, bei Online-Händlern und Streamingdiensten sowie über das vermeintlich familienfreundliche Home-Office wird wahrscheinlich nicht unbegrenzt anhalten.

Wirtschaftskrisen sind und waren immer Phasen beschleunigten wirtschaftlichen Strukturwandels. Gegenstand und Richtung dieses Strukturwandels ist in der gegenwärtigen Krise noch nicht klar erkennbar, nicht zuletzt wegen der Intervention des Staates, der Branchen konserviert hat, die schon lange kriselten wie der Einzelhandel oder die Luftfahrtbranche. Nach Corona wird die Wirtschaft – hierzulande und weltweit –eine ganz andere sein. Die wohl wichtigste Lehre aus der Weltwirtschaftskrise lautet, dass gut beraten ist, wer an solchen Wendepunkten den Strukturwandel ermöglicht und nicht unterdrückt.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Jan-Otmar Hesse für bpb.de

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Jan-Otmar Hesse

Jan-Otmar Hesse

Jan-Otmar Hesse

ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bayreuth. Er ist Co-Autor des Buchs "Die Große Depression" über die Weltwirtschaftskrise ab 1929, in dem er auch Parallelen und Unterschiede zur schweren Finanzkrise ab 2008 aufzeigt.


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