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Podcast: Wir im Wandel



Grundeinkommen für Yvonne – 1000 Euro und der Traum vom besseren Leben

Wir im Wandel. Geschichten vom Umbruch

Wir im Wandel – Grundeinkommen für Yvonne (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

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Yvonne Harscher hat gewonnen. Keinen Jackpot, sondern ein Grundeinkommen. Ein Jahr lang bekam sie jeden Monat 1000 Euro von dem Verein "Mein Grundeinkommen" ausgezahlt.

Die 54-Jährige hatte schon viele Jobs in ihrem Leben und kennt das Gefühl von Unsicherheit. Sie lebt und arbeitet in Eisenhüttenstadt. Nach Mauerfall und Wiedervereinigung verlor Yvonne Harscher ihre Anstellung als Kellnerin. Dann war sie tätig bei einer Versicherung, bei einem Pizza-Bringdienst und im Callcenter. Sie wurde angeheuert, entlassen, wieder angeheuert. Jahrelang verdiente sie so wenig, dass sie aufstocken musste: Trotz Arbeit musste sie immer wieder beim Jobcenter beantragen, ihr Einkommen mit Arbeitslosengeld II zu ergänzen.

Sie fand schließlich eine Anstellung als Politesse in Eisenhüttenstadt. Ein Job, der ihr viel Spaß macht und der endlich genügend Einkommen bringt, um keine Hilfen beantragen zu müssen. Doch bald wurde ihr klar, dass sie aus gesundheitlichen Gründen als Politesse wohl nicht bis zur Rente arbeiten kann. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits den Verein "Mein Grundeinkommen" entdeckt. Sie begann an den Verlosungen von Grundeinkommen teilzunehmen. Mit den 1000 Euro zusätzlich im Monat wollte sie sich eine neue Zukunft aufbauen.

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen

Über die Einführung eines Grundeinkommens gibt es seit langer Zeit eine öffentliche Debatte. Es gibt verschiedene Modelle des Grundeinkommens. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass es vorsieht, allen Bürgerinnen und Bürger monatlich einen bestimmten Geldbetrag auszuzahlen – und zwar bedingungslos.

Ein wichtiges Argument für die Einführung eines Grundeinkommens war zunächst die hohe Arbeitslosigkeit ab den 2000er Jahren. Inzwischen wird das Konzept vor allem aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitswelt von den Befürwortern gefordert. Es ist zu erwarten, dass künftig Arbeitsstellen verschwinden und mehr Menschen langfristig eine Existenzsicherung brauchen. Dieser Wandel der Arbeitswelt wird als "vierte industrielle Revolution", als "Industrie 4.0" oder auch als "Arbeitswelt 4.0" bezeichnet.

Das Konzept eines Grundeinkommens wird auch international diskutiert. Erste Staaten haben es schon getestet. Zum Beispiel Finnland. Dort fand 2017/18 ein Experiment statt, das weltweit viel Aufmerksamkeit erhielt. Eine Gruppe Arbeitssuchender erhielt zwei Jahre lang jeden Monat 560 Euro. Ergänzend wurde untersucht, welche Auswirkungen das Grundeinkommen auf die Personen hatte. Machen sich die Personen selbständig? Gründen sie ein Start-up? Sind sie eher bereit, sich (wieder) anstellen zu lassen? Das Ergebnis zeigte, dass die Gruppe mit Grundeinkommen nur geringfügig mehr Engagement auf dem Arbeitsmarkt zeigte als eine Vergleichsgruppe Arbeitssuchender, die kein Grundeinkommen bekam. Doch bezogen auf die psychologische Situation der Menschen zeigte sich, dass das Grundeinkommen durchaus eine Wirkung hat: Die Gruppe mit Grundeinkommen war zufriedener und weniger gestresst als die ohne.

Yvonne Harscher kann das bestätigen. Mit dem Grundeinkommen kann sie sicherer und gelassener leben. Doch für sie war noch etwas anderes entscheidend: Sie wollte ein Grundeinkommen gewinnen, um neben ihrer Arbeit als Politesse eine neue Ausbildung zu machen. Und zwar zur Verwaltungsfachangestellten. Ein Beruf, den sie bis zur Rente machen kann. Als sie dann tatsächlich ein Grundeinkommen gewann, meldete sie sich zur Ausbildung an. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie konnte die Ausbildung bis heute nicht starten, weil kein Präsenzunterricht möglich ist. Noch immer wartet Yvonne Harscher darauf, dass es endlich losgeht und sie ihre Pläne umsetzen kann.

Sicherheit und Perspektiven entwickeln

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen geht derweil weiter. Ein strittiger Punkt ist die Finanzierung. Kritische Stimmen befürchten, dass im großen Umfang Sozialleistungen abgebaut werden, um das Grundeinkommen bereitzustellen. Ebenso wird diskutiert, ob das Grundeinkommen wirklich bedingungslos sein soll. Das heißt, ob es an alle Bürgerinnen und Bürger gehen soll unabhängig von Einkommen und Vermögen. Manche sehen ein Grundeinkommen zudem lediglich als "Faulenzer-Bonus": Die Menschen würden dadurch eher passiv als aktiv(er), was den Arbeitsmarkt angeht.

Welche Auswirkungen das Grundeinkommen auf Bürgerinnen und Bürger hat, will man auch in Deutschland herausfinden und zwar anhand einer ersten Langzeitstudie. Anders als in Finnland werden nicht allein Arbeitssuchende betrachtet, sondern die Bevölkerung generell. An dem "Pilotprojekt Grundeinkommen" ist das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beteiligt. Erwachsene aus ganz Deutschland konnten sich für die Studie bewerben. Seit Juni 2021 bekommen 122 Personen drei Jahre lang monatlich 1200 Euro. Sie werden regelmäßig befragt, ob und wie sich ihr Verhalten verändert hat. Erste Zwischenergebnisse der Studie werden voraussichtlich Ende 2023/Anfang 2024 vorliegen. Insgesamt läuft das Pilotprojekt drei Jahre und endet im Mai 2024.

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