zurück 
18.6.2019

Keynote von Thomas Krüger beim Festakt und der Mitgliederversammlung der AJS NRW

Sehr geehrter Herr Gierlich,
sehr geehrte Damen und Herren,

fast täglich erscheinen Umfragen, Studien und Analysen aller Art, die den Zustand der Welten von Kindern und Jugendlichen beschreiben. Jugendliche wollen mehr über Liebe, Sex und Vielfalt im Unterricht reden, verkündeten erst vergangene Woche die Autorinnen und Autoren einer Untersuchung der Evangelischen Schulstiftung. Die Unter-25-Jährigen wollen erfreulicherweise immer weniger Alkohol trinken – das hören wir nunmehr seit einigen Jahren und konnten es kürzlich dank einer neuen Erhebung wieder in den Nachrichten lesen. Und die JIM-Studie stellte im vergangenen Jahr fest: Immer mehr Teenager machen Musik. Natürlich erscheinen in ebenso regelmäßigen Abständen Untersuchungen, die vor allem Eltern Sorgen machen können. Da geht es um mangelnde Bewegung, durchaus ernst zu nehmende Entwicklungen beim Cybermobbing oder den zu starken Konsum zuckerhaltiger Speisen und Getränken.

Dank dieser Studien wissen wir also sehr viel über „die“ Jugend, ihre Interessen, ihre Probleme, ihre Ideen von der Zukunft. Und immer deutlicher wird uns, dass viele Kinder und Jugendliche ganz genaue Vorstellungen davon haben, wie unser Zusammenleben funktionieren soll. Auch über ihre politischen Anspruchshaltungen gibt es Untersuchungen: etwa die des Opaschowski-Instituts für Zukunftsforschung, wonach Jugendliche sich bei unterschiedlichen gesellschaftlichen Fragen mehr Mitspracherecht wünschen. Spätestens seit der Fridays For Future-Bewegung nehmen wir aber auch jenseits demoskopischer Erhebungen wahr, dass sich hier eine Generation Gehör verschaffen will.

Wie zu Beginn dieser Woche ein Aufsatz in der Süddeutschen Zeitung herausgestellt hat, nehmen Kinder und Jugendliche innerhalb einer sich wandelnden Öffentlichkeit eine andere Rolle wahr, als es vielleicht vor 15 oder 20 Jahren noch der Fall war. „Die, die vorher Objekt einer Erziehung waren, werden zum souveränen Subjekt“, heißt es in dem SZ-Artikel. Die Fridays For Future-Bewegung ist in diesem Prozess der Selbstverortung nur die Spitze des Eisbergs. Das Wortspiel mit Blick auf den Klimawandel ist an dieser Stelle durchaus beabsichtigt.

Natürlich geht nicht jeder Millenial mit Marx und Bourdieu ins Bett und viele von ihnen werden auch in dessen Jubiläumsjahr nicht mehr als ein oder zwei Artikel des Grundgesetzes zitieren können. Auch nicht jeder Clip der Youtuber und Youtuberinnen um Rezo, die gerade Stimmung gegen etablierte Parteien machen, hält einem Faktencheck bis zum letzten Spiegelstrich stand. Das lange vorherrschende Bild einer unpolitischen, weil auf Konsum und individuelle Lebenserfüllung ausgerichteten Jugend, können wir aber trotzdem getrost in den digitalen Papierkorb der Geschichte verschieben. Das Gefasel von einer unpolitischen Jugend ist Unsinn und nervt mittlerweile.

„Das politische Bewusstsein dieser Generationen ist überhaupt nicht verschwunden“, sagt beispielsweise auch der Medien- und Kommunikationswissenschafter Marcus Kleiner von der SRH Hochschule der populären Künste in Berlin. Es sei nur flüssiger und vielfältiger geworden. Wir als politische Bildner, als Jugendschützer, als Pädagogen und Sozialarbeiter wissen das natürlich auch schon lange. ABER, und hier gilt es ein wenig Wasser in den Wein zu gießen, wenn es einerseits um das Selbstverständnis von manchen Kolleginnen und Kollegen geht, und andererseits um die Erwartungen, die an unsere Profession herangetragen werden, können es nicht oft genug sagen:

Obwohl wir um das Potential und die Neugier der jungen Menschen wissen – wir erleben es ja auch in unserer beruflichen Praxis –, verstehen wir, und die die uns von höherer Stelle das Wohl der Jugend anvertrauen, unsere Arbeit noch zu oft unter einem falschen Vorzeichen. Defizite, Risiken, Gefahren – in der öffentlichen Diskussion ist gerade von politischer Bildung meist erst dann die Rede, wenn bereits vermeintlich die demokratische Ordnung in Gefahr ist. Doch auch in Fachdiskursen verwischen immer wieder die Grenzen zwischen politischer Bildung und Präventionsarbeit im Dienste der Verhinderung von Radikalisierung und Extremismus.

Die Frage inwiefern sich politische Bildung von so genannter Demokratieförderung unterscheidet, ist derzeit eine offene, die innerhalb der Profession diskutiert wird. Haben wir es hier nur mit zwei verschiedenen Begriffen oder doch mit unterschiedlichen Disziplinen zu tun? Ist eine Abgrenzung sinnvoll? Diese Debatte möchte ich hier nicht weiter auffächern. Für die politische Bildung ist zunächst einmal die Feststellung entscheidend, dass die Bedarfe entlang aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen und die Adressatinnen und Adressaten als eine maximal heterogene Gruppe selbstbestimmter Individuen mit Rechten verstanden werden müssen. Die beiden unterschiedlichen Ansätze überschreibt der Erziehungswissenschaftler Kurt Möller mit zwei zueinander in Spannung stehenden Begriffen.

„Während Prävention per definitionem einer Verhinderungslogik folgt, wird Demokratiebildung von einer Ermöglichungs- beziehungsweise Gestaltungslogik bestimmt. Geht es ersterer gleichsam aus der Defensive eines Bedrohungsszenarios heraus primär reaktiv um Vorbeugung und Vermeidung von Problemen, Gefährdungen und Gefahren, die als bedrohlich wahrgenommen und eingestuft werden, strebt letztere eher proaktiv und offensiv gewendet die Befähigung zum aktiven Erhalt und zur Fortentwicklung von demokratischen Verhältnissen an.“

Welche Konsequenzen diese Abgrenzung für die Ziele und die Methoden der politischen Bildung hat, darauf möchte ich in wenigen Augenblicken eingehen. Lassen Sie mich zuvor – jenseits von Kriminalitäts- und Delinquenzdiskursen – vergegenwärtigen, über wen wir eigentlich sprechen. Lassen Sie uns das Bild ein wenig schärfer zeichnen, das sich uns in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen dieser Generation bietet:

Nach den Begriffsbestimmungen des Jugendschutzgesetzes sind Kinder Personen, die noch nicht 14 Jahre alt sind, und Jugendliche Personen, die 14, aber noch nicht 18 Jahre alt sind. Von einer klar umrissenen sozialstrukturierten Gruppe lässt auf der Grundlage des Jugendschutzgesetzes nicht sprechen. Um die Kinder und Jugendlichen in ihrer Vielschichtigkeit zu erfassen und zielgruppengerecht als politische Bildner aber auch als Jugendschützer anzusprechen, bedarf es einer Ausdifferenzierung der verschiedenen Lebensphasen, -lagen und -Realitäten eines jungen Menschen. Diese Differenzierung erfolgt zunehmend entsprechend der Trias der Gruppe der Heranwachsenden (zwölf- bis 19-Jährige), der Gruppe der jungen Erwachsenen (20- bis hin zu frühen 30-Jährigen) sowie die der Kinder (bis einschließlich elf Jahren).

Ein wichtiger Bestandteil der öffentlichen sozialen Infrastruktur sowie personenbezogener Dienstleistungen, die den Prozess des Aufwachsens von Kindern neben Familie und Schule unterstützt, ist die Kinder- und Jugendhilfe. Die meisten Entwicklungen in den Teilbereichen der Kinder- und Jugendhilfe laufen in der Verantwortung und im Auftrag der Kommunen, nicht aber unter ihrer Regie ab. Die Zivilgesellschaft ist daran wesentlich beteiligt. An dieser Stelle schaltet sich auch die politische Bildung beratend, aber auch durch materielle Förderung symbiotisch zu.

Unter 18-Jährige sind die zentrale Altersgruppe der Kinder- und Jugendhilfe. In Deutschland lebten am 31.12.2016 knapp 13,5 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung lag bei 16,3 Prozent. Ihre Anzahl ist seit 2006 von damals 14,2 Mio. zurückgegangen, nach einem Tiefststand im Jahr 2014 gegenüber dem Jahr 2016 vor allem aufgrund der Zuwanderung aber wieder leicht angestiegen. Diese Zunahme wird sich voraussichtlich auch in den nächsten Jahren fortsetzen, in der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung wird davon ausgegangen, dass im Jahr 2025 fast 13,7 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Deutschland leben werden. Gleichzeitig sind in der Bevölkerungsvorausberechnung die hohen Geburtenzahlen in den Jahren 2016 und 2017 noch nicht in vollem Umfang berücksichtigt, sodass der reale Anstieg noch höher ausfallen dürfte. Der Zuwachs konzentriert sich überwiegend auf die Städte – ein Trend der wohl anhalten wird. Trotz dieser Prognosen wird der Anteil der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren gesamtgesellschaftlich jedoch nur geringfügig steigen und den demografischen Wandel kaum bremsen. Gerade deshalb sollten wir nach Wegen suchen, die Kinder und Jugendlichen im Sinne der Generationengerechtigkeit gestaltend einzubinden. Die Jugend darf nicht ein weiteres Mal aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwinden.

Es ist noch nicht so lange her da trugen die heutigen Kinder- und Jugendberichte lediglich „Jugend“ im Titel. Erst Mitte der 1990er Jahre wurden sie gemäß Paragraph 84 SGB VIII um den Zusatz „Kinder“ erweitert und der Berichtsradius ab dem zehnten Bericht explizit auf das Kindesalter ausgeweitet. Doch durch die so neu entstandene Aufmerksamkeit gegenüber der Kindheit, insbesondere der frühen Kindheit, sowie dem demographisch bedingten Anstieg des Interesses an den über 60-Jährigen, verschwand die Jugend zunehmend aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Übrigens hat auch die bpb die Jugend als eine eigene Gruppe erst später ausdekliniert – irgendwann in den 2000er Jahren – und dann entsprechende Angebote auf sie zugeschnitten.

Erst der 15. Kinder- und Jugendbericht beschrieb und behandelte das Jugendalter als „zentrale Lebensphase, in der Menschen sich selbst in den sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Zusammenhängen der Gesellschaft aufstellen“. Unlängst wird dieser Prozess deshalb nicht nur als ein individualisiertes Gestaltungs- und Bewältigungsprojekt jedes und jeder einzelnen Jugendlichen, sondern auch als eine gemeinsame Generationslage betrachtet. Gleichzeitig haben sich in diesem Zeitraum viele Lebensereignisse wie universitäre oder berufliche Ausbildung, Auszug aus dem Elternhaus oder Berufseinstieg sowie die eigene Familiengründung bei einer wachsenden Zahl von jungen Menschen bis in das dritte Lebensjahrzehnt und damit in das junge Erwachsenenalter hinein verlängert und verschoben.

Hier bietet es sich an etwas genauer auf die Zahlen zu schauen: Der aktuelle Kinder- und Jugendhilfereport gibt uns einen empirischen Überblick seiner Hauptzielgruppe der Unter-18-Jährigen. 35,4 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, ihr Anteil hat sich gegenüber 2006 mit damals 28,5 Prozent also um knapp 7 Prozentpunkte erhöht. Ihr Anteil dürfte zukünftig aufgrund von höherer Geburtenzahl in dieser Gruppe als auch weiterer Zuwanderung steigen. Hierbei ist wichtig zu beachten, dass drei von vier Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutsche Staatsangehörige sind. Diese haben spätestens in der 2. Generation zu 90 Prozent ihre (gesamte) schulische Ausbildung in Deutschland absolviert und sind in einen alterstypischen Alltag eingebunden.

Für die politische Bildung ist diese Entwicklung im Lichte der sich diverser gestaltenden Gesellschaft bereits jetzt von großer Bedeutung. Auch unsere Arbeit prägen dabei zwei wesentliche Entwicklungen zunehmend diese eigenständige Generationslage: zum einen ist das die digitale Mediatisierung des Alltags. Zum anderen ist es der Ausbau der Ganztagsschulen.

Die Mediale und außermediale Welt sind längst verschmolzen, zwischen „online“ und „offline“ wird mit gutem Grund nur noch selten klar getrennt. Der virtuelle Raum ist für die meisten Kinder und Jugendlichen Teil des Alltags. Den Medienumgang von Kindern und Jugendlichen untersucht in regelmäßigen Intervallen der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest in den sogenannten „KIM-und-JIM“-Studien. Demnach besitzt bereits die Gruppe der 12- bis 13-Jährigen zu 61 Prozent ein internetfähiges Smartphone, während die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen praktisch vollständig über solche Geräte verfügt.

Auf diesen mobilen Endgeräten werden überwiegend nichtlineare Medien- und Medieninhalte konsumiert, sodass ein deutlicher Bindungsverlust gegenüber den klassischen Medien zu konstatieren ist. Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Diversifizierung der Rezeptionswege durch die Digitalisierung. YouTube, der multifunktionale Messenger WhatsApp und der audiovisuelle Onlinedienst Instagram haben allen anderen digitalen und analogen Medien bei Kindern und Jugendlichen den Rang als Leitmedien abgelaufen. Die Meinungsführerschaft können Influencer und Influencerinnen für sich beanspruchen – ein Milliardengeschäft, das auch mit Blick auf den Jugendschutz einige Schwierigkeiten mit sich bringt: Denken Sie etwa an minderjährige Youtuberinnen und Youtuber, Kinder-Influencer, die unter Leistungsdruck – auch der Eltern – Arbeit verrichten. Der Konflikt zwischen der emanzipatorischen Kraft der neuen digitalen Medien und der Wahrung von Rechten im Sinne des Jugend- und Arbeitsschutzes ist virulent. Hier ist eine breite Diskussion in Gesellschaft und Politik notwendig.

Gesamtgesellschaftlich betrachtet hängt mit den neuen Nutzungsgewohnheiten die Ablösung textbasierter Medienrezeption durch audiovisuelle Rezeption zusammen. Das hat Folgen für die kognitive Entwicklung von Jugendlichen und Kindern, derer sich die Jugendarbeit bewusst sein muss. Mehrere Studien weisen darauf hin, wie stark die Entwicklung der Literalität und damit auch die Fähigkeit gesprochene Sprache zu verstehen durch das Vernachlässigen oder nicht Verwenden von Schriftsprache beeinträchtigt wird. Kinder, die viel lesen, nehmen rund vier Millionen Wörter im Jahr auf, wohingegen Kinder, die wenig lesen, lediglich auf 50.000 Wörter pro Jahr kommen. Die Wissenschaft spricht bereits seit längerem von der so genannten Ikonischen Wende – abgeleitet vom englischen Begriff Iconic Turn – und verweist auf einen epistemologischen Paradigmenwechsel. Begleitet wird diese Erscheinung von einem Validitätsverlust aus der Sicht klassischer Medienrezeption, weil audiovisuelle Codes nicht mehr hundertprozentig „übersetzbar“ und nachvollziehbar sind.

Die Diskussion um Fake News und das konjunkturelle Wiederaufleben von Verschwörungstheorien begleiten diesen Prozess. So lässt sich konstatieren, dass Kinder und Jugendlich missbräuchlichen Medienkulturen ausgeliefert sind. Den neuen Möglichkeiten stehen also neue Risiken für den Jugendschutz gegenüber. Insbesondere für die Gruppe der Grundschulkinder werden daher Jugendschutz-Software in Form von Filtern oder Apps diskutiert. Gleichzeitig möchte ich unterstreichen: Der politischen Bildung geht es nicht um Verbotspädagogik. Vielmehr müssen wir die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen stärken, denn ohne digitale Medien kann man heute nicht mehr erwachsen werden. Zum Reifungsprozess von Kindern und Jugendlichen gehört es dazu, ein Gespür zu bekommen, wo Grenzen überschritten werden und welche Konsequenzen eine ausschließliche audiovisuelle Medienrezeption hat. Die politische Bildung setzt hier stark auf Eigenverantwortung, der klassische Jugendschutz bedient mit Recht ein etwas anders geartetes Instrumentarium.

Zu den Herausforderungen gehört es, Methoden zur Feststellung und Vermittlung der Validität von Medieninhalten zu finden. Notwendig sind insbesondere das Erlernen von Fähigkeiten zur Medienkritik, zur Recherche als Rezeptionsprinzip oder Kenntnisse über die Medienökonomien: Was ist ein Qualitätsmedium unter den Bedingungen der Digitalisierung? Die politische Bildung geht Partnerschaften mit Experten und Praktikern zivilgesellschaftlicher und auch privatwirtschaftlicher Initiativen ein, die ihre pädagogische und didaktische Kompetenzen im Zusammenspiel verschiedener Disziplinen anbieten. Es braucht jedoch auch gut geschultes Personal in staatlichen Bildungseinrichtungen. Kein Pädagoge sollte in Zukunft seinen Hochschulabschluss ohne verpflichtende Leistungsnachweise in medienpädagogischen Fragen beziehungsweise der Anwendung medialer Rezeptionsformen bekommen.

Hieran schließt sich die zweite wesentliche Entwicklung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland an: der Ausbau des Bildungsraums Schule. Sie durchläuft ebenfalls starke Veränderungsprozesse. Dabei wird Schule zunehmend vom Lern- zu einem Lebensort der Kinder und Jugendlichen. Bereits der der 14. Kinder- und Jugendbericht sprach von „neuen Modalitäten des Aufwachsens“. Diesem Umstand trägt die bpb Rechnung, indem sie gezielt Formate für den schulischen Einsatz entwickelt.

Das Aufwachsen ist heute weniger durch familiale Binnenwelten geprägt, als das noch bei früheren Generationen der Fall war. Die Familie bleibt zwar weiterhin in zentraler Verantwortung, die emotionale Unterstützung und persönliche Beratung zu bieten, gleichzeitig etablierte sich im vergangenen Jahrzehnt ein neues Hybrid aus der privaten und öffentlichen Übernahme von Verantwortung in der Kinder- und Jugendhilfe.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass die Lebenswelten von Kindern- und Jugendlichen offener, pluraler, individueller und vorläufiger werden. Die Einbindung der Kinder und Jugendlichen in ein ideologisch und wertgebunden stabiles Koordinatensystem wird fragiler. Was heißt dieser Befund für die Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter? Daten der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) zeigen, dass Jugendliche bildungsorientierte Freizeitgestaltung überwiegend und über die sozialen Schichten hinweg positiv sehen. Gleichzeitig wird nach wie vor ein starker Zusammenhang zwischen dem Bildungsmilieu der Jugendlichen sowie dem sozialen Status der Herkunftsfamilie einerseits und der Nutzung bildungsorientierter Freizeitaktivitäten andererseits dokumentiert.

Im Bedeutungszuwachs von bildungsbezogener Freizeitgestaltung zeigt sich demnach ein „Fahrstuhleffekt“: So steigt die Nutzung von Bildungsangeboten in der Freizeit in den Altersgruppen insgesamt an, sozialstrukturelle Unterschiede bleiben dabei jedoch bestehen. Soziale Herkunft entscheidet häufig über die Bildungsbiographie. Die ökonomische Kluft charakterisiert die Lebensverhältnisse des Kindes- und Jugendalters heute deutlicher als noch vor zwei Jahrzehnten. Dem Sozialstaat ist es bisher nicht gelungen herkunftsbedingte Benachteiligungen nachhaltig abzubauen. Bei der Tagesbetreuung gilt: Diejenigen Kinder, die es wegen des Zweitspracherwerbs am nötigsten hätten und am meisten von einer guten Kindertagesbetreuung profitieren würden, werden am schlechtesten erreicht, und diejenigen die auch zuhause besonders gefördert werden, nehmen die Angebote besonders in Anspruch. Später haben Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig das zusätzlich erhöhte Risiko in Auswahlverfahren aussortiert zu werden. Und auch bei Studienentscheidungen ist das soziale, kulturelle und ökonomische Kapital des Elternhauses von großer Bedeutung.

Hinzu kommt: Die primäre Ungleichheit – das unterschiedliche Leistungsniveau, das selbst wiederum durch soziale Einflüsse tangiert wird – wird zusätzlich ergänzt durch eine sekundäre Ungleichheit, die sich in unterschiedlicher Bereitschaft äußert, ein Studium etwa auch mit schlechteren Abiturnoten überhaupt zu beginnen.

Die Kinder- und Jugendhilfe tut gut daran, der Empfehlung des 14. Kinder und Jugendberichts zu folgen und der Formel Rechnung zu tragen: Ungleiches ungleich behandeln und Angebote zuerst an sozial benachteiligten Orten zur Verfügung zu stellen. Chancengleichheit kann nur hergestellt werden, wenn bereits im Kleinkindalter gleiche Ermöglichungsbedingungen für den Erwerb von Kompetenzen geschaffen werden. Die wichtigste Zielsetzung des Jugendschutzes bestünde diesem Credo folgend darin, Kindern und Jugendlichen Ermöglichungskompetenzen zu vermitteln. Dies kann sowohl durch die ordnungspolitisch-schützende als auch pädagogisch-fördernde Komponente erreicht werden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der politischen Bildung kann es nicht darum gehen, die Generation der Heranwachsenden zu verklären oder gar Phantasien utopischer Gesellschaftszustände in sie hineinzuprojizieren. Gravierende Probleme wie die Armut von Kindern und Jugendlichen sowie die ungleichen Chancen bei Bildung und Berufsfindung muss auch die politische Bildung im Blick behalten und durch passende Konzepte adressieren. Ich denke da etwa an die Versuche soziale Arbeit mit politischer Bildung zu kombinieren – Ansätze, die seit einigen Jahren und in jüngster Zeit verstärkt kontrovers diskutiert werden. Trotz all diesen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen – das positive Selbstverständnis der Profession sowie die Zuversicht gegenüber unserer Demokratie muss gegenüber anderweitigen Interessen verteidigt werden. Das ist in Zeiten gesellschaftlicher Transformationen und vermeintlicher politischer Tektonik keine Binsenweisheit.

Gerade im Feld der Bekämpfung jeglicher Ausprägungen von Extremismus in unserer Gesellschaft ist der Ansatz der Prävention aus sicherheitsrelevanten Gesichtspunkten sicher legitim, um ideologisch-dogmatischen Haltungen und Gewalt zu begegnen. Mit Blick auf die politische Bildung sind Versuche der Vereinnahmung aber unter dem Gesichtspunkt zu hinterfragen, in wie fern der Präventionsgedanke in Konflikt mit einem emanzipatorischen Ideal politischer Bildung steht. Die Professorin für Didaktik der politischen Bildung Sabine Achour macht in einem gemeinsamen Text mit Thomas Gill, dem Leiter der Landeszentrale in Berlin, auf den zentralen Unterschied zur Präventionsarbeit aufmerksam: „Politische Bildung sieht in ihren Teilnehmenden nicht die zukünftigen Feinde der Demokratie.“ Prävention und politische Bildung schließen sich zwar nicht per se aus – die entsprechende Haltung beeinflusst allerdings die Parameter der eigenen Arbeit: Maßnahmen zur individuellen Verhaltensprävention sind anders gestrickt als Maßnahmen, die auch gesellschaftliche Zustände (das Verhältnis) im Blick haben. Bezogen auf die verschiedenen Phänomenbereiche des Extremismus besteht die Rolle der politischen Bildung darin, die Prozesse und Hintergründe zu analysieren. Statt der Frage, wie Straftaten verhindert und Radikalisierungstendenzen neutralisiert werden können, steht bei der politischen Bildung das „Warum?“ an vorderster Stelle. Sie nimmt Ursachen in den Blick, stellt Zusammenhänge entlang zeitlicher, geografischer und vielfältiger thematischer Achsen her und steckt ergebnisoffen einen individuellen Zielrahmen ab, was bestenfalls am Ende die Stärkung der Demokratie in unserem Land zur Folge hat. Wir fragen also nicht zuerst nach einem gewünschten Verhalten, sondern nach den Verhältnissen.

Die Adressatinnen und Adressasten treten entsprechenden Bildungsangeboten nicht als potentielle Gefährderinnen und Gefährder gegenüber. Stattdessen begreift die politische Bildung ihre Zielgruppe als Partnerinnen und Partner, Co-Produzentinnen und Produzenten von Inhalten und Praktiken mit der Idee, politische Mündigkeit sowie Urteils- und Handlungsfähigkeit zu fördern. Die unterschiedlichen Formate haben im wahrsten Sinne des Wortes einen produktiven Anspruch. Mit Kurt Möller gesprochen, den ich anfangs bereits zitiert habe, konzentriert sich das Interesse auf eine Konstruktionsarbeit an der Demokratie. Möller schreibt: „Im Vordergrund stehen nicht Fragen öffentlicher Sicherheit, sondern Bedürfnisse und Interessen nach individueller und kollektiver Lebensgestaltung im Rahmen der Herstellung, Durchsetzung und Infragestellung allgemein verbindlicher und öffentlich relevanter Regelungen.“

Nicht alles, was als Extremismus-Prävention und Demokratieförderung bezeichnet wird, ist auch politische Bildung. Vollständig entziehen kann und sollte sie sich dem aber nicht. Wenn gesellschaftliche Teilhabe damit einhergeht, dass gerade Kinder und Jugendliche sich in Weltbild und Handeln innerhalb demokratischer Bahnen bewegen, dann kann die politische Bildung mit einer ihrer Kernkompetenzen zur Stabilisierung gesellschaftlicher Verhältnisse beitragen. Innerhalb der so genannten Primärprävention ist politische Bildung also durchaus relevant: sie kann beispielsweise Zielgruppen für extremistische Ideologien sensibilisieren und insbesondere die Resilienz junger Menschen gegenüber Ansprachen aus der extremistischen Szene stärken. Die Hinwendung in die Lebenswelten der Menschen, die Erfahrung von Gestaltungsmacht und ihr Engagement kann Integrationskräfte freisetzen, die dem Gefühl von Orientierungs- und Machtlosigkeit entgegenwirken. Sie kann auch Ambiguitätstoleranz im Sinne eines friedlichen Miteinanders fördern. Es würde unsere Disziplin jedoch vor eine Zerreißprobe stellen, sollte die Rahmung der Primärprävention den Auftrag an die politische Bildung bestimmen. Die Agenda sollte vielmehr darin bestehen, gesamtgesellschaftlich zu wirken und alle Teile und Altersstufen der vielfältigen Gesellschaft zu erreichen.

Wissensvermittlung mit dem Ziel einer Förderung des Verständnisses für demokratische Prozesse und politische Zusammenhänge sind eine wichtige Facette der Arbeit politischer Bildung. Fragen rund um die Organisation der parlamentarischen Debatte oder die wirtschaftlichen Einflussfaktoren innerhalb des politischen Betriebs können dabei wichtiger sein als der Versuch, Antworten auf große politische Fragen zu finden. Der politische Prozess hat eine Eigenlogik, die man zunächst verstehen muss, um mehr Verständnis für demokratische Politik zu erlangen. All das ist wichtig und als Stärkung des demokratischen Bewusstseins zu begreifen.

Zur Aufgabe der politischen Bildung gehört aber ebenso, Räume anzubieten, in denen nicht nur Kinder und Jugendliche sondern alle Bürgerinnen und Bürger demokratische Teilhabe praktizieren können. Die Digitalisierung und das Bespielen virtueller Räume sind längst zu einer Querschnittsaufgabe geworden, die Bedeutung von Medienkompetenz kann in diesem Zusammenhang nicht überbewertet werden.

Zunehmende Relevanz gewinnen jedoch gerade analoge Vermittlungsräume, die den Austausch erst ermöglichen. Als Präsident der bpb bin ich froh über die vielfältige Struktur der politischen Bildung, die uns in Gestalt von staatlichen wie auch nichtstaatlichen Institutionen, Stiftungen und einer pluralen Trägerlandschaft zur Seite steht. Extremismus ist dabei eines der Kernthemen, und im Umgang mit unseren Partnerinnen und Partnern bekommt es nochmal eine besondere Dringlichkeit. Vereine und Verbände sind oft direkt oder indirekt betroffen oder erleben das Problem in ihrem unmittelbaren Umfeld. Um diesem Umstand zu begegnen wurde im Jahr 2010 das Programm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ – kurz ZdT – ins Leben gerufen, das als Regiestelle in der bpb der Arbeit nachgeht.

Mehr als 2.000 haupt- und ehrenamtliche Demokratieberaterinnen und Berater wurden seitdem ausgebildet und begleitet. Ihre Erfahrungen und ihr Wissen geben sie als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in ihr Vereinsleben weiter und helfen dabei, Konflikte mit Bezug zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu identifizieren und zu bearbeiten. Sicher tragen die Maßnahmen von ZdT auch einen präventiven Charakter in sich. Die Arbeit vollzieht sich aber entlang der Prämisse, dass der Austausch von Wissen, Kompetenzen, Meinungen und Haltungen auf Augenhöhe praktiziert wird – ein Peer-to-Peer-Ansatz, der ohne den erhobenen Zeigefinger auskommt und auch deshalb bei unseren Partnerinnen und Partnern so viel Zustimmung gefunden hat.

Während die klassische, meist von Sicherheitsbehörden konzipierte und beaufsichtigte, Präventionsarbeit einseitig gesellschaftliche Normsetzungen als festes Gebilde auf die Subjekte projiziert, entfaltet die politische Bildung in ihrem normativen Anspruch ein dialektisches Moment. In einer Gesellschaft, die sich immer stärker pluralisiert und qua technologischer, ökonomischer und kultureller Transformationen singularisiert, gewinnt dieses Potential weiter an Bedeutung. Denn parallel zur Reproduktion der breiten Palette demokratischer Grundannahmen lässt die politische Bildung offen, wie genau dieser Rahmen im Einzelnen ausbuchstabiert werden kann. Sie ist inklusiv und möchte alle zur gleichberechtigten Teilhabe befähigen. Sie nimmt die kulturelle Bildung in den Blick, wobei hier sämtliche Prägungen kultureller Praktiken in einen Dialog unter Gleichen treten sollen. Dabei spielen verstärkt Emotionen eine zentrale Rolle – die zwar zu den großen Herausforderungen der politischen Bildung gehören, jedoch auch vom Ende der Möglich- und Mobilmachung her gedacht werden sollten.

Gemäß dem Beutelsbacher Konsens haben die Angebote nicht zum Ziel Adressatinnen und Adressaten zu indoktrinieren, denn auch der Oktroyierung und folglich der blinden Übernahme demokratischer Prinzipien haftet ein autoritärer Beigeschmack an. An die Stelle der staatsbürgerlichen Erziehung treten Aushandlungsprozesse, die mitunter Reibung und Auseinandersetzungen zur Folge haben. In dieser auf Multiperspektivität und Kontroverse ausgelegten Praxis steckt viel Potenzial, und die Erwartungen sind hoch – gerade in Zeiten von Wandel und Umbruch. Politische Bildung kann nicht alles erfüllen, was ihr zugetraut wird, und sie kann schon gar nicht mit schnellen Maßnahmen Abhilfe schaffen. So hat politische Bildung nie funktioniert. Ihr Erfolg kann auch nicht an Entwicklungen von Kriminalitätsstatistiken abgelesen werden.

Vielleicht birgt aber gerade das Konfliktpotential in der Vielfaltsgesellschaft und die Fähigkeit damit umzugehen paradoxerweise gerade den Schlüssel für das, was wir seit einigen Jahren unter der Formel „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ beschworen wird. Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin an der Uni Frankfurt am Main, beschreibt den gesellschaftlichen Streit als verbindende Erfahrung eines höchst heterogenen Kollektivs: „Die Auseinandersetzung ist ein Vehikel, über das wir immer wieder Zusammenhalt herstellen, weil wir über die Auseinandersetzung über Werte und Normen die Grenze unseres Zusammenlebens immer wieder neu festlegen.“

Den demokratischen Streit und die Kontroverse müssen wir im Sinne der politischen Bildung unter Kinder und Jugendlichen ebenso fördern. Wir müssen sie, an ihrem Umfeld und in ihrer Lebenswelt ansetzend, unterstützen Wege und Instrumente der Teilhabe für sich nutzen zu können. Wir verstehen sie nicht als Gefährder. Uns geht es nicht darum präventiv ihr Verhalten zu steuern oder Meinungsvielfalt einzuschränken. Wir müssen viel mehr bei uns selbst, als Bildungsinstitution, daran mitarbeiten, ihnen Zugang zu demokratischen Strukturen, Verfahren und Entscheidungsprozessen zu verschaffen und aufzuzeigen, um gemeinsam streiten und demokratische Kräfte freisetzen zu können. Wie Kurt Möller es beschrieben hat: Wir müssen uns auf die „Konstruktionsarbeit an der Demokratie“ konzentrieren – und das geht nicht ohne Kinder und Jugend. Statten wir sie mit dem entsprechenden Werkzeug aus.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

- Es gilt das gesprochene Wort -
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln