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28.6.2002

Interkulturelle Kulturarbeit

April 2002

Kultur und Kulturarbeit hat auch in kleineren Städten zentrale Bedeutung für Integrationsprozesse. Ein Ergebnis dieser Studie ist, dass der Qualifizierungsbedarf auf diesem Gebiet sehr hoch ist.

Vorbemerkungen

Hintergrund der Befragung/ des Auftrags

Die Thematik interkultureller innergesellschaftlicher Beziehungen hat in den letzten Jahren deutlich an Relevanz gewonnen. Auch in der kulturellen Diskussion von Vereinen und Kommunen schlägt sich dies nieder. Die Bundeszentrale für politische Bildung engagiert sich verstärkt in den Bereichen Kulturarbeit und kulturelle Bildung. In diesen Arbeitsfeldern wird das Thema Interkulturalität von vielen Akteuren zunehmend als eine der zentralen Herausforderungen angesehen. Das zeigt sich auch an der wachsenden Zahl an Tagungen und Kongressen zu diesem Themenfeld.

Fokus auf kleinere und mittlere Städte

In einer Arbeitshypothese, die dieser hier vorgelegten explorativen Studie zugrunde lag, ging man davon aus, dass die Großstädte schon vielfach aus ihren eigenen Ressourcen großer Kulturdezernate die Problematik und die Chancen interkultureller Kulturarbeit bearbeiten. Deshalb sollten vor allem auch kleinere und mittlere Städte befragt werden. Zwar wird der Ausländeranteil in Städten wie Stuttgart und Frankfurt mit über 20% wohl auch in mittlerer Zukunft in kleineren Städten nicht erreicht werden. Dennoch werden die Kontaktstellen fremder mit den dort "einheimischen Kulturen" in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Mit der Befragung soll ein (nicht unbedingt repräsentativer) Eindruck darüber gewonnen werden, wie auch diese Städte in ihren vorhandenen Ansätzen interkultureller Kulturarbeit sinnvoll durch Aktivitäten der Bundeszentrale unterstützt werden können.

Thematischer Hintergrund

Globalisierung und "Multikulturelle Gesellschaft"

Globalisierungsprozesse als weltumspannende Kommunikations- und Austauschbeziehungen von Menschen, Ideen, Gütern, Dienstleistungen und Kapital haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch beschleunigt. Nicht nur in den auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik, sondern im Binnenbereich ergeben sich hieraus einschneidende Konsequenzen, die das Weiter-So vieler Politikbereiche grundsätzlich infrage stellen. Die weltweite Dynamik wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung findet ihr Pendant in der multikulturellen Zusammensetzung der Bevölkerung. Moderne Gesellschaften sind zunehmend offen. Dafür sprechen nicht nur ethisch-politische Begründungen, die unser Selbstverständnis seit den Anfängen der Aufklärung geformt haben, sondern vor allem wirtschaftliche Zwänge. Die ansonsten recht selten anzutreffende Gemeinsamkeit von Wirtschaftsverbänden, Kirchen und Vereinigungen ausländischer Mitbürger und systemkritischer NGOs, die sich für eine großzügigere Zuwanderungsgesetzgebung einsetzen, belegt dies.

Kulturelle Dimension der Integration

Die Durchdringung dieser Prozesse ist noch längst nicht zu der Tiefe und Radikalität vorgedrungen, in denen über grundsätzlich neue Politikentwürfe nachgedacht werden kann. Denn nicht nur das Zuwanderungs- und Staatsbürgerschaftsrecht stehen auf dem Prüfstand. Es geht um eine grundsätzlich neue Form des Zusammenlebens und die fundamentale Frage, welche Regeln im Sinne einer friedlichen und gerechten Gesellschaft mit möglichst großen Freiheitsrechten wir dafür finden. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn die Debatte um Staatsbürgerschaftsrecht und Zuwanderungsgesetzgebung eine umfassendere Problematik der Integrationsnotwendigkeiten und des Rechts auf kulturelle Differenz offengelegt hat. Der Streit um Begriffe wie "Multikulturelle Gesellschaft" und "Leitkultur" betraf insbesondere die kulturelle Dimension der Integration.

Aus der kulturpolitischen Fachdiskussion kommen einige ermutigende Signale: Interessante und reflektierte Dokumente kulturpolitischer Akteure, die nach Repräsentanz und Rolle von Traditionen und lebendigen Ausdrucksformen fremder Kulturen im öffentlichen Kulturbereich fragen. Deutscher Städtetag, KMK, Kulturpolitische Gesellschaft und Deutscher Kulturrat haben in Stellungnahmen, Grundsatzprogrammen und Veröffentlichungen schon vor längerer Zeit Diskussionsangebote unterbreitet, die allerdings wenig öffentlichen Widerhall fanden.

Öffentlich dominiert heute sowohl in der Kultur- als auch vor allem in der Gesellschaftspolitik wieder eine andere Diskussion. Enttäuschend an ihr ist, dass die verschiedenen Standpunkte zwar mit dem Begriff der "Kultur" hantieren, ihn aber gleichsam als Kampfinstrument einsetzen. Der Kulturbegriff wird dort freilich links liegen gelassen, wo mit seiner Hilfe in Verbindung mit Kulturarbeit und Kulturpolitik aktive Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet werden können. So ist im Entwurf des Zuwanderungsgesetzes, den Innenminister Schily vorgelegt hat, eine Reihe von zentralen Aufgaben einer künftigen Integrationspolitik benannt, wie arbeits- oder sozialpolitische Steuerung der Zuwanderung. Kulturpolitik als wesentlicher Gestaltungsfaktor eines friedlichen Zusammenlebens kommt allerdings nicht vor. Auch in dem über 300 Seiten starken Bericht der "Zuwanderungskommission" (der sog. Süssmuth-Kommission) "Zuwanderung gestalten. Integration fördern" gibt es weder einen Abschnitt, der sich mit Kultur und Kunst beschäftigt, noch taucht im Stichwortverzeichnis das Wort "Kultur" geschweige denn "Kulturpolitik" auf.

Dies ist nicht einer ressortspezifischen "Blindheit" eines einzelnen Innen- und Sicherheitspolitikers oder einer einseitig zusammengesetzten Kommission anzulasten. In vielen Landes- und kommunalen Konzeptionen zur Integrationspolitik bleiben kulturpolitische Instrumentarien, ja das gesamte Feld von Kunst und Kultur, unterbelichtet. Ein Beispiel unter vielen: Die Stadt Essen hat ein, auch über 300 Seiten umfassendes "Konzept für die interkulturelle Arbeit in der Stadt Essen" diskutiert und beschlossen. Erarbeitet wurde es unter Federführung vom Amt für Entwicklungsplanung, Statistik etc. zusammen mit Ausländerbeirat, Schulamt, Sozialverwaltung, Jugendamt u.a., aber das Kulturamt war anscheinend nicht einbezogen. Das schlägt sich dann auch in dem Konzept nieder, in dem es um vieles geht, nur nicht um Kultur und Kulturarbeit.

Diese Nichtachtung sowohl der integrativen wie der identitätsstärkenden Funktionen von Kultur und Kunst findet man auch im Bereich der genuinen Kulturpolitik: Auch hier sind Ansätze, die sich auf Migrantenkulturen beziehen, eher selten. Selbst in großen Städten mit über 20% Anteil nicht-deutscher Bevölkerung gibt es kaum Mittel im Kulturetat, die zur Förderung dieser Kulturen zur Verfügung stehen. Als kleines Indiz mag genügen, darauf hinzuweisen, dass von dem immer noch knapp 0,5 Mrd. DM großen Kulturhaushalt der Stadt Frankfurt am Main vielleicht ein Prozent für Kunst- und Kulturförderung ausgegeben werden, die sich auf die Kulturen und Künste der in der Stadt lebenden nichtdeutschen Nationalitäten und Ethnien bezieht. Dieses machen allerdings über 30 Prozent der Frankfurter Bevölkerung aus. Sie leben und arbeiten hier und zahlen Steuern, mit denen u.a. die öffentlichen Kulturausgaben finanziert werden. Solche Aufrechnungen sind vielleicht kleinkrämerisch, doch sie verweisen zumindest auf ein bestehendes Missverhältnis.

Interkulturelle Kulturarbeit

Dabei zeigen viele rührige Vereine und Initiativen vor Ort die besonderen Stärken der Kultur als Medium des Integrationsprozesses. Diese Stärken sind: Kultur unterscheidet und verbindet. Sie betont Vielfalt, Ausdruck und Besonderheit, das heißt: sie setzt an den Stärken der jeweiligen Lebensform positiv an. Sie profiliert die Einzigartigkeit des jeweiligen Lebenszusammenhangs von Menschen. Sie betont über diese Identität hinaus den gestalterischen Auftrag zu Übergang und Brückenschlag. Sie ist das beste Medium, symbolisch das Zusammenwachsen oder Auseinanderdriften von Gesellschaften anzuzeigen. Das haben nicht zuletzt die umfassenden Arbeiten von UNESCO und Europarat zu Vielfalt und Diversität verdeutlicht.

Interkulturelle Kulturarbeit hat über diese Einzelprojekte hinaus freilich kaum eine eigene Lobby aufbauen können. An manchen Orten finden sich regional aktive Zusammenschlüsse wie das junge Eine-Welt-Haus in München, die Brotfabrik in Frankfurt, Exile in Essen oder die Werkstatt der Kulturen in Berlin. Es gibt einzelne Ansätze kommunaler Kulturpolitik wie in Osnabrück, Nürnberg oder Berlin-Neukölln.

Vermehrt werden Tagungen zur interkulturellen Kulturarbeit veranstaltet, die gerade den Erfahrungsaustausch und die Reflexion der Akteure in diesem Arbeitsfeld unterstützen wollen – auch mit dem Ziel, Vernetzungen anzuregen. Bei der Umsetzung des Internationalen Jahres der Vereinten Nationen 2001 "Dialog zwischen den Kulturen" hat die Deutsche UNESCO-Kommission besonderen Wert darauf gelegt, die Vielfalt interkultureller Kulturprojekte in Deutschland – gerade auch außerhalb der Metropolen – mit ausgewählten Beispielen zu präsentieren und damit ideell zu unterstützen. Weitere Aktivitäten der UNESCO-Kommission zielten auf die Förderung des Austausches und der Vernetzung der interkulturellen Projekte und Einrichtungen.

Allerdings führte dies alles bislang noch nicht zu einer systematischen Vernetzung oder "Versäulung" mit entsprechenden Landes- und Bundesverbandsstrukturen, wie sie in den etablierten Kulturbereichen anzutreffen ist. Diese Organisationsmuster, die interkulturelle Kulturarbeit eine bessere Lobby verschaffen könnten, scheint im diffusen und bunten Feld interkultureller Initiativen sind noch lange nicht erreicht.

Fazit:

In der öffentlichen – die Gesellschaft insgesamt betreffenden – Diskussion um Globalisierung, Migration und Integration sind kulturelle Aspekte also ein eher vernachlässigter Gesichtspunkt gewesen, selbst in großen Städten. Die kulturelle Dimension war eher auf die Fachdiskussion in der Kulturpolitik, Kulturarbeit und kulturellen Bildung beschränkt.

Die Fragen, die sich in Zukunft immer schärfer stellen werden und für die kulturellen und kulturpolitischen Akteure handlungsleitend sein werden, lauten:



Letztendlich stehen hinter diesen Positionen auch unterschiedliche Auffassungen von der Kultur bzw. von den Kulturen einer Gesellschaft: Sind Kulturen homogene Gebilde, für die alles "Fremde" eine Bedrohung (der eigenen Existenz) darstellt, dem gegenüber sie sich abschotten müssen? Oder – Zitat Bernd Wagner:

"Gibt es nicht viele ‘deutsche Kulturen‘ die sich, je nach Region, gesellschaftlicher Gruppe, Generation, kulturellen Interesses, Milieus und was auch immer unterscheiden? Gibt es nicht auch ohne Migranten ‘Parallelgesellschaften‘ und sich überlagernde Identitäten? Zudem ist Kultur nicht Statisches, sondern etwas, das sich ständig wandelt und weiter entwickelt."

(Bernd Wagner: Multikultur als ‘Leitkultur‘. Ein ärgerlicher Anlass und eine notwendige Diskussion. In: Kulturpolitische Mitteilungen, Heft IV/2000)

Hiermit ist eine Sichtweise gekennzeichnet, die wir gerne auch als theoretischen Ausgangpunkt unserer Empfehlungen nutzen werden, die am Schluss dieser explorativen Studie für die Arbeit der Bundeszentrale gegeben werden.

Die Befragung

Ziel der Befragung war eine Sondierung des Feldes der interkulturellen Kulturarbeit auch in kleineren und mittleren Städten. Der Fragebogen wurde im Hinblick auf den Untersuchungsauftrag und auf die Akzeptanz der Befragten möglichst kurz gehalten – auf manche interessante Fragestellung musste dabei verzichtet werden. In die Befragung wurden alle Städte mit zehntausend bis fünfhunderttausend Einwohnern einbezogen, sie ist also als Vollerhebung angelegt.

284 von 1523 Stadtverwaltungen (19%) antworteten auf die Befragung. Aus Zeitgründen wurde auf eine Wiederholungsbefragung verzichtet, die in der Regel die Rücklaufquoten erhöht. Trotz ihrer wissenschaftlichen Konzeption und Auswertung kann die Studie somit keine ideale Repräsentativität beanspruchen. Im Lichte des immer noch desolaten Forschungsstandes liefern ihre Ergebnisse jedoch jetzt schon wertvolle Orientierungshilfen für zukünftige Qualifizierungsmaßnahmen im Bereich interkultureller Kulturarbeit. 51% der Fragebögen kamen aus Kulturverwaltungen zurück, 7% von Ausländerbeiräten bzw. Arbeit mit Ausländern/ Flüchtlingen.

Die Befragungsteilnahme unterscheidet sich etwas nach Bundesländern: Die höchsten Beteiligungen sind in Schleswig-Holstein (33%) Thüringen und Sachsen-Anhalt (je 30%) sowie Rheinland-Pfalz festzustellen, während Baden-Württemberg (15%) und Hessen (14%) die Schlusslichter stellen. Der Unterschied zwischen Ost- und Westbundesländern ist insgesamt jedoch gering (22 bzw. 18%).

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Die Rücklaufquote kann bereits als Hinweis auf die Bedarfslage der Gemeinden diskutiert werden. Betrachtet man die Antwortquote nach der Größe der Städte, so nimmt auch der Rücklauf erwartungsgemäß deutlich zu. Da kommunale Kulturarbeit eher in Städten mit Zentrumsfunktion stattfindet dürfte auch das Interesse von größeren (22%) und vor allem Großstädten (34%) an interkulturellen Themen höher sein.

Dort bestehen vermutlich auch eher spezielle "Zuständigkeiten", was die Chance der Befragungsteilnahme sicher positiv beeinflusst hat. Das Anschreiben wandte sich an die öffentlichen Kulturämter oder kommunal betrauten Akteure im kulturpolitischen Feld. Dies können bei kleineren Städten Fachreferenten oder Bürgermeister sein, die Kultur als ein Fachgebiet unter anderen verwalten. Entsprechende Absender wurden vermerkt: 58% der Antworten kamen aus Kulturämtern und -referaten oder von Ausländerbeauftragten. Weitere 14% wurden von verwandten Verwaltungen wie Sozial- oder Jugendämtern oder der Gleichstellungsbeauftragten beantwortet. In 19% antworteten allgemeine Institutionen wie der Bürgermeister oder andere Verwaltungsabteilungen wie Hauptamt, Öffentlichkeitsarbeit oder Bürgerbüro. 8% konnten aus den Angaben nicht identifiziert werden. Einige dieser kommunalen Akteure haben – sofern sie hier selbst keine expliziten Angebote bereithalten oder kommunalpolitischen Konzepte anbieten – den Fragebogen sogar an entsprechende frei-gemeinnützige Initiativen weitergereicht, die in ihrem Auftrag und mit öffentlichen Mitteln interkulturelle Kulturarbeit betreiben. Der Rücklauf ist unter den genannten Bedingungen akzeptabel und kann als hinreichende Basis für den gewünschten Eindruck des Untersuchungsfeldes dienen.

Ergebnisse der Befragung

Interkulturelle Kulturarbeit und ihre Träger

In 195 der 284 antwortenden Städte werden in irgendeiner Form interkulturelle Veranstaltungen durchgeführt. Das reicht von interkulturellen Festen/Festivals, angeboten in der Jugendarbeit, Ausstellungen, Filme, Diskussionsveranstaltungen, Kursen, Beratungsangeboten bis zur Förderung interkultureller Kulturgruppen. Im Durchschnitt ist fast ein Drittel der Kommunen also mit dem Thema (noch) überhaupt nicht in kulturellen Veranstaltungen befasst. Wiederum erwartungsgemäß ist der Zusammenhang mit der Größe der Städte: Das Angebot nimmt von 100% der Städte über 100.000 ab auf 57% der Städte mit unter 20.000 Einwohnern.

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Deutlich wird die große Bedeutung freier Träger in diesem Arbeitsfeld. Gerade in den kleineren Städten wirkt sich hier das Subsidiaritätsprinzip deutlich aus. Der Anteil der Städte, in denen das interkulturelle Angebot ausschließlich von freien Trägern durchgeführt wird, liegt in Städten mit bis zu 50.000 Einwohnern bei über 30%, in Städten ab 50.000 Einwohnern hingegen bei unter 10%.

Da die Bundeszentrale mit den geplanten Qualifizierungsmaßnahmen interkulturelle Kulturarbeit vorwiegend in kleineren Städten unterstützen will, werden freie Träger als potentielle Zielgruppe dieser Maßnahmen eine große Rolle spielen. Da anzunehmen ist, dass die Arbeit der freien Träger in den kleineren Städten vorwiegend ehrenamtlich geleistet wird, müssen die Rahmenbedingungen der geplanten Maßnahmen auf diese Zielgruppe abgestimmt werden.

Von den 139 Kommunen, die keine eigenen Angebote interkultureller Kulturarbeit aufweisen, haben 124 Angaben zu den dahinter stehenden Gründen gemacht:

In der Mehrzahl der Fälle stehen personelle und finanzielle Engpässe einem Angebot entgegen. Auch strukturelle Gründe werden häufig angeführt – Städte, die dazu nähere Angaben gemacht haben, benennen z.B. andere oder unklare Zuständigkeiten, das Fehlen eines politischen Auftrages oder das Bestehen ausreichender Angebote freier Träger. Ausgesprochene Qualifizierungsdefizite machen dagegen nur wenige Verwaltungen als ausschlaggebend für den Verzicht auf Aktivitäten aus. Ansatzpunkt für Bildungsangebote wäre bei einer solchen Konstellation, Beispiele und Wege aufzuzeigen, wie ohne großen Aufwand interkulturelle Kulturaspekte in einer Gemeinde ihren Platz finden können.

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Etwa ein Drittel der antwortenden kommunalen Mitarbeiter sieht keinen Bedarf an solchen Veranstaltungen bzw. ca. ein Zehntel meint, diese Aufgaben würden bereits in ausreichendem Maß von anderen Veranstaltern übernommen. 12 Stadtbedienstete konstatieren mangelndes Interesse oder Problembewusstsein der Verantwortlichen.

Ein Bedarf an interkultureller Kulturarbeit wird zunächst offenbar mit deutlichen Integrationsproblemen von Ausländern assoziiert: 80% der städtischen Mitarbeiter in jenen Kommunen ohne eigenes Angebot konnten in ihrer Gemeinde keine derartige Problemlage erkennen. bzw. verwiesen in den offenen Anmerkungen häufig auf einen geringen Anteil ausländischer Mitbürger.[1] Entsprechend häufig finden sich in den kleineren Städten derartige Lageeinschätzungen (siehe Abbildung unten). Vor dem Hintergrund der einführenden Bemerkungen gehen wir allerdings davon aus, dass interkulturelle Kulturarbeit auch dann zur Förderung des gesellschaftlichen Integrationsprozesses sinnvoll sind, wenn der Anteil der ausländischen Mitbürger relativ gering ist oder konkrete Probleme nicht evident sind. Teilt man diese Auffassung, so scheint eine Zielgruppe für Informationen und Bildungsangebote hier auch die politischen Entscheidungsträger zu sein, die für die Relevanz interkultureller Kulturarbeit erst noch gewonnen/ sensibilisiert werden müssen.

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Immerhin werden bei einem Drittel der Städte, in denen kein Bedarf auf Grund eines Integrationsproblems konstatiert wurde, dennoch interkulturelle Kulturangebote durch die Kommune gemacht. Im folgenden wird weiterhin gezeigt, dass mit mangelnden Integrationsprobleme bzw. interkulturellen Veranstaltungen nicht zwangsläufig mangelnder Bedarf an Qualifizierungsmöglichkeiten einhergehen muss.

Felder für Qualifizierungsmaßnahmen

Um die potenziellen Zielgruppen von Qualifizierungsmaßnahmen besser beurteilen zu können, wurde nach der Einschätzung eines entsprechenden Angebots für die verschiedenen Arbeitsfelder gefragt.

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Die Schwerpunkte liegen aus Sicht der Gemeindemitarbeiter bei der Kinder- und Jugendbildung: (46 bis 57% mit (sehr) hohem Qualifizierungsbedarf), gefolgt von der Erwachsenenbildung (43%). In Betrieben und in der kirchlichen Arbeit sehen die Befragten einen weniger dringenden Bedarf, was jedoch auch der mangelnden Zuständigkeit in diesen Bereichen geschuldet sein kann. Deutlich geringere Qualifizierungsmängel werden im engeren künstlerischen Bereich gesehen – ob man hier bereits interkulturelle Aspekte gut umgesetzt sieht oder aber die Relevanz des Arbeitsfeldes für das Thema geringer einschätzt, blieb in dieser Befragung offen. In den Anmerkungen des Fragebogens wurde außerdem häufiger auf das Arbeitsfeld "Allgemeine Kulturarbeit" verwiesen sowie das Sprachproblem als eines der wesentlichen Integrationshemmnisse thematisiert.

Nur 10% der teilnehmenden Verwaltungen meinten, in ihrer Gemeinde bestünde überhaupt kein Bedarf an Qualifizierungsmaßnahmen zu dem Thema. Über zwei Drittel der Antwortenden sahen in mindestens einem Arbeitsfeld einen (sehr) hohen Bedarf an Bildung und immerhin 40% nannten einen hohen Bedarf als Durchschnitt über alle abgefragten Arbeitsfelder. Auch in der Hälfte der Städte ohne eigene Veranstaltungen im Bereich interkultureller Kulturarbeit werden in mindestens einem Arbeitsbereich (sehr) hohe Defizite bei Qualifizierungsmaßnahmen angenommen. Korrespondierend dazu wird auch der Qualifizierungsbedarf in kleineren und mittleren Städten nicht gering eingeschätzt.

Grafik: Qualifizierungsbedarf in mindestens einem Arbeitsfeld nach Größe der Gemeinde

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GEWÜNSCHTE DIENSTLEISTUNGEN DER BUNDESZENZTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG Die Bundeszentrale für politische Bildung wird als möglicher Anbieter für den Qualifizierungsbedarf bei den allermeisten teilnehmenden Gemeinden (83%) in Betracht gezogen. Für drei Viertel der Kommunen gäbe es mindestens ein mögliches Angebot, das als eher (sehr) wichtige Unterstützung empfunden würde. Die Kundenpotenziale unterscheiden sich nur geringfügig nach Ost- bzw. Westbundesgebiet (71 bzw. 77%), während die Schwankungen bei den unterschiedlichen Gemeindegrößen auf hohem Niveau deutlicher sind.

Grafik: Unterstützungspotenzial in mindestens einem Angebot nach Größe der Gemeinde

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Die Nachfrage wäre demnach bei Literaturtipps / Informationsmaterialien (61%), einem Beratungs- und Serviceangebot (59%), Workshops / Seminaren / Trainings (55%) sowie einer Förderung der Vernetzung (50%) am größten. Nachrangig wird eine Projektbörse als hilfreich empfunden und für Tagungen oder Kongresse finden sich eher wenige Gemeinden, die darin eine eher (sehr) wichtige Unterstützung sähen. 8 der 21 Städte, die sonstige Gründe als wichtig bzw. sehr wichtig einschätzen, haben dazu nähere Angaben gemacht. Hier dominiert eindeutig das Themenfeld Finanzierung/ Förderung mit 6 Nennungen.

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Aus der Rangfolge der zur Auswahl stehenden Maßnahmen und aus den offenen Erläuterungen lässt sich ablesen, dass ein besonderer Wert auf eine Praxisorientierung von Qualifizierungs- und Bildungsangeboten gelegt wird. Sie sollen Umsetzungsmöglichkeiten für die konkrete Alltagsarbeit bieten, indem z.B. gelungene Projektbeispiele und Erfahrungen anderer Einrichtungen vorgestellt werden. Auch wenn die Förderung der Vernetzung erst an vierter Stelle der Nennungen kommt, so wird in den Anmerkungen doch recht häufig die Notwendigkeit von Austausch und Vernetzung vor Ort angesprochen. Einige Male wird auch vorgeschlagen, bei der Durchführung von Qualifizierungsmaßnahmen mit lokalen Institutionen zu kooperieren. Häufig in den Anmerkungen genannte Inhalte sind Finanzierungsfragen, das Thema Sprache sowie der Bedarf an Hintergrundinformationen über die Herkunftsländer der Migranten.

Allerdings wird auch darauf hingewiesen, dass trotz Bedarf häufig Zeit und Ressourcen fehlen, um Qualifizierungsangebote ausreichend wahrnehmen zu können.

Stichpunkte zu konzeptionellen Überlegungen für mögliche Unterstützungsmaßnahmen interkultureller Kulturarbeit

Kultureinrichtungen als Lernorte multi-/interkultureller Wirklichkeit

Aufgrund der zentralen Bedeutung von Kultur und Kulturarbeit für Integrationsprozesse – in Kommunen wie in der Gesellschaft insgesamt – stellen sich den Kultureinrichtungen neue Herausforderungen. Konzepte, Methoden und Inhalte müssen sich auf diese multikulturelle Wirklichkeit, die auch in kleineren Städten anzutreffen ist, einstellen bzw. diese zum Thema machen. D.h. interkulturelle Kulturarbeit ist als Querschnittsaufgabe zu sehen und nicht an spezielle Interkultur-Einrichtungen zu delegieren.

Diese Erkenntnis hat sich aber bisher – wie schon in den Vorbemerkungen ausgeführt – bisher nur selten in Kulturpolitik und -arbeit niedergeschlagen. Deshalb sollte es auch Aufgabe von Qualifizierungsmaßnahmen der Bundeszentrale sein, hier eine entsprechende Sensibilisierung zu unterstützen und Reflexionsprozesse anzuregen. Das bedeutet, dass als Zielgruppen auch diejenigen kulturellen Akteure angesprochen werden sollten, die sich bisher nur wenig mit der Thematik auseinander gesetzt haben. Das kulturelle Angebot insbesondere in den kleineren Städten ist aufgrund der kleineren und weniger ausdifferenzierten Verwaltung stärker von den politischen Entscheidungs- und Mandatsträgern geprägt, für die deshalb auch entsprechende Angebote entwickelt werden sollten.

Einbindung in Gesamtkonzept

Langfristig ist es sinnvoll, nicht einzelne/singuläre Qualifizierungsmaßnahmen unabhängig voneinander zu entwickeln und anzubieten, sondern die verschiedenen Medien, Methoden und Inhalte aufeinander abzustimmen. Das muss keine zwingende eindimensionale Aufeinander-Bezogenheit sein, aber letztlich sollte ein Gesamtkonzept erkennbar werden.



Anbindung an bestehende Strukturen interkulturellen Kulturarbeit

Wie in den Vorbemerkungen dargestellt, gibt es in der interkulturellen Kulturarbeit bisher noch keine vernetzenden Organisationsstrukturen. Da sie aber – wie Erfahrungen in anderen Feldern der Kultur zeigen – für die Weiterentwicklung und Etablierung eines Arbeitsfeldes von großer Bedeutung sind, sollten die Unterstützungsmaßnahmen der Bundeszentrale in Kooperation bzw. Abstimmung mit den beginnenden Vernetzungsansätzen durchgeführt werden, auch um dabei mitzuhelfen, die vernetzenden Strukturen auszubauen. Das hat auch den Vorteil, dass man auf Ressourcen vor Ort zurückgreifen kann, die nah an der Alltagspraxis und den entsprechenden Problemen und Möglichkeiten orientieren.

Partizipation von Migranten

Vor dem Hintergrund der Diskussion um Qualitätskriterien für interkulturelle Arbeit sollte eine Partizipation von Migranten auch bei Qualifizierungs- und Unterstützungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Dabei soll nicht einer »formalen Quotierung« das Wort geredet werden, jedoch ist eine aktive Einbeziehung von Erfahrungen von Migranten aus inhaltlichen Überlegungen her wichtig.

Interdisziplinarität vor fach- bzw. bereichsspezifischen Angeboten

Die schon mehrfach angesprochene gesellschaftliche Querschnittsfunktion der Interkultur sollte sich auch in den Qualifizierungs- und Unterstützungsangeboten widerspiegeln. D.h. sie sollten weniger fach- bzw. arbeitsfeldspezifisch ausgelegt sein, sondern die Inhalte und Themen so bearbeiten, dass sie für verschiedene Arbeitsfelder interessant/ attraktiv sind und auch Querverbindungen aufzeigen. Beispielsweise könnten Projekte vorgestellt werden, die als Kooperationsprojekte zwischen Schule, Museum, freien Trägern etc. in die gesamte Kommune wirken, statt in einem »geschützten Raum« unter sich zu bleiben.

Theorie-Praxis-Bezug

Wiederholt wurde in den offenen Antworten auf die notwendige Praxisrelevanz von Qualifizierungs- und Unterstützungsmaßnahmen hingewiesen. Dieses Bedürfnis zeigt sich auch in der Rangfolge der gewünschten Unterstützungsformen. Aus fachlicher Sicht ist jedoch eine Förderung der (theoretischen und konzeptionellen) Reflexion der Praxis gerade im Feld der interkulturellen Arbeit ein wichtiges Anliegen, da hier noch deutliche Defizite bestehen. Bei den zu entwickelnden Maßnahmen sollte also immer ein Theorie-Praxis-Bezug hergestellt werden. Das kann eine differenzierte und systematische Analyse von konkreten positiven wie negativen Erfahrungen von Projekten sein, oder inhaltlich-theoretische Texte mit einem konkreten Bezug zu parallel/gleichzeitig vorgestellten Praxisbeispielen etc.

Internetrecherche

Neben der Studie wurde im Januar 2002 auch eine informelle Internet-Recherche durchgeführt. Die Recherche sollte ermitteln, welche Qualifizierungsmaßnahmen zur interkulturellen Kulturarbeit in den Jahren 2000 und 2001 in Deutschland angeboten wurden.

Als Qualifizierungsmaßnahmen galten bei der Recherche Seminare, Workshops, Tagungen sowie Kongresse, und es wurde zudem auch allgemein mit Hilfe der Schlagworte "Weiterbildung" und "Fortbildung" gesucht.

Bei der Auswertung wurde der Ausdruck "interkulturelle Kulturarbeit" relativ eng ausgelegt, und zwar im Sinne kultureller Aktivitäten (wie z.B. in den Feldern Musik, Theater, Kunst), die entweder Interkulturalität als eindeutigen thematischen Aspekt vorweisen oder mittels derer das Zusammenleben bzw. gegenseitige Verständnis von Menschen verschiedener Kulturen gefördert werden soll.

Unter diesen Vorgaben fiel das Resultat der Recherche vornehmlich negativ aus. Außer der Fachhochschule Hamburg und der Fachhochschule München, die im Rahmen ihres jeweiligen Studienprogramms im Fachbereich Sozialwesen Qualifizierungsmaßnahmen zur interkulturellen Kulturarbeit anboten (wie z.B. ein Blockseminar zum Thema "Theaterarbeit als Medium der sozialen Kulturarbeit", in dem es auch um die szenische Arbeit mit Menschen eines multikulturellen Stadtteils ging), konnten keine weiteren Qualifizierungsmaßnahmen ermittelt werden.

Es darf hier aber nicht unerwähnt bleiben, dass Internet-Recherchen zu einer allgemeinen Bestandsaufnahme nur bedingt aussagekräftig sind. Ganz allgemein geht in der Welt mehr von statten als in der virtuellen Welt dokumentiert ist. Zudem erfassen Suchmaschinen nicht alle Seiten, die im Internet abzurufen sind. Letztlich fällt auch bei großer Sorgfalt im Hinblick auf die Wahl der Suchbegriffe und ihrer logischen Kombinationen manches, das im Netz steht, doch durchs Netz.

Fußnoten

1.
Die Antworten sind hier sicher durch die individuellen Einschätzungen der/des BearbeiterIn des Fragebogens gefärbt und sind damit nicht unbedingt repräsentativ für die Meinung in Politik, Verwaltung oder Bevölkerung der jeweiligen Stadt.

Christiane Görres, Tortsten Groß, Martina Oertel, Thomas Röbke

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