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Editorial Wo sich Menschen Meinungen mithilfe von Massenmedien bilden, ist Propaganda nicht weit. Sie ist der Versuch, kollektive Überzeugungen und Emotionen zu formen, zu synchronisieren und für zielgerichtetes Handeln zu motivieren. Propaganda wird von unterschiedlichsten Akteuren eingesetzt. Staaten, Medien, Unternehmen, Gruppen, Einzelpersonen – sie alle nutzen ihre Instrumente für sich. Ob es darum geht, Kriege zu legitimieren, sich selbst, die eigene Leistung oder eigene Produkte besser dastehen zu lassen, oder darum, andere Meinungen und Menschen zu diffamieren.

Die Mittel für Propaganda sind heute vielfältiger als je zuvor. Waren früher Radio, Film, Fernsehen und Presse die wichtigsten propagandistischen Plattformen, so kommen heute die verschiedenen Netzwerke und Formate der digitalen Medien hinzu. Propaganda erschöpft sich längst nicht mehr in Worten, Bildern oder Zahlen. Algorithmen, Likes und Social Bots sind heute ebenfalls fester Bestandteil. Fake News stehen dabei für eine bedenkliche Entwicklung. Die Wirkung von Gerüchten und gezielten Falschmeldungen im Netz kann massiv sein– für einzelne Menschen, aber auch für Gruppen oder sogar Staaten. Propaganda arbeitet mit den Ängsten und Hoffnungen der Vielen. Sie verspricht, zu den Starken, Guten, zu den Siegern zu gehören. Aber der Preis der einfachen Wahrheiten ist der Zusammenhalt durch Unterwerfung. Die Kehrseite geschlossener Systeme des Meinens ist die Gewalt gegen Andersdenkende und die oft genug neurotische Ausblendung realer Widersprüche.

Dass das Wort heute einen bösen Ruf hat, ist den geschichtlichen Erfahrungen geschuldet. In Deutschland diente die Propaganda der Nationalsozialisten dazu, den Massenmord von Staats wegen zu rechtfertigen und in ein geschlossenes Glaubenssystem zu integrieren. Dabei spielte der Antisemitismus eine wichtige Rolle. Die so entfesselte maßlose Gewalt nach innen und außen und die massenhafte "Gleichschaltung" von Medien und Meinungen sind deshalb bis heute das Menetekel für allen Erfolg von Propaganda.

Propaganda ist kein Schicksal. Eine freie und kritische Presse, die öffentliche Vielfalt der Meinungen, offener Streit um Einstellungen und Werte sind mächtige Gegenkräfte gegen propagandistische Verkürzungen. Nicht zuletzt deshalb ist die Abschaffung der freien Presse eines der ersten Ziele von Diktatoren und autoritären Regimes.

Wir alle sind den Versuchungen und Zumutungen von Propaganda ausgesetzt. Doch jedes propagandistische System hat seine Risse und ausgeblendeten Zonen. Sie zu beleuchten ist der erste Schritt in die Freiheit und eigene Verantwortung. Und so stehen wir immer wieder vor einfachen Fragen: Wem kann und will ich wie weit vertrauen, wie gehe ich mit den Anderen, den behaupteten Gegnern und wie mit meinen Zweifeln um? Wie weit reicht mein Mut, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen?


Herausgeber: bpb, Seiten: 50, Erscheinungsdatum: Juni 2017, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 5863

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