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Mit der Mode wird Kleidung zur Weltanschauung. Wir beurteilen die anderen auf den ersten Blick auch danach, wie sie sich anziehen. Wir kleiden uns so, wie wir uns selbst sehen und wie wir von anderen gesehen werden wollen. Kleidung wird uns zur zweiten Natur, zur kulturellen Haut. Das kann durchaus auch direkt politisch werden, dann geben wir mit unserer Kleidung uns und anderen zu verstehen, welche Haltungen wir vertreten, welche Werte wir teilen, zu welcher sozialen Bewegung wir gehören. Auch in der Mode werden inzwischen fixe Geschlechterrollen hinterfragt, die existierende und wachsende kulturelle Vielfalt wird sichtbar.

Im Kapitalismus werden diese persönlichen und kulturellen Prozesse zu Warenwelten. Die Modeindustrie wird dominiert von Großunternehmen, die den gesamten Produktzyklus steuern und auch die mediale Vermarktung von Idealen und Haltungen beherrschen. Es sind weltumspannende Wunschmaschinen, die Trends aufspüren und setzen. Sie organisieren das Schöne, den eigenen Stil als Versprechen für die Vielen, zu ihren Bedingungen. Die sind immer zwiespältig, die Vorteile und Schattenseiten der Globalisierung und effizienter Märkte sind hier im Alltag zu erleben. Prekäre Arbeitsbedingungen für Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter und ein umweltschädigender Stoffwechsel mit ökologischen Folgekosten sind im Preis beim Verkauf kaum enthalten. Gleichzeitig gibt der globale Modemarkt auch Millionen Menschen Arbeit und in den Nischen immer wieder auch neuen Anbietern die Chance auf wirtschaftlichen Erfolg und kulturelle Anerkennung.

So können Milliarden Menschen sich den kulturellen Traum des eigenen Stils, der äußeren Schönheit im Alltag erfüllen. Die Hürden dazu sind so gering wie nie. Und die Zyklen des neuen Schönen werden immer kürzer - mit der „Fast Fashion“ lernen wir die beschleunigte Dynamik der Märkte am eigenen Leib kennen: der Wunsch erlischt im kurzen Glücksmoment der Erfüllung, und wird sofort neu geweckt. Schon der Kauf und das erste Tragen der neuen Kleider mischt den vorzeigbaren Stolz aufs Erworbene mit der nervösen Ahnung, dass da noch was fehlt, es das doch nicht gewesen sein kann. Die Wunschmaschinen der Modeindustrien machen aus unserer Verunsicherung eine massenhafte strukturelle Neurose und aus der steten Nachfrage nach Neuem ein profitables Geschäftsmodell. Aus unseren enttäuschten Träumen von heute wird der Müll und der nächste Trend von morgen.

Dagegen gibt es auch politische Bewegungen – die Lieferketten werden langsam härter reguliert, die Rechte der Arbeiterinnen zumindest thematisiert, die Ökobilanz des Ganzen kommt ebenso in den Blick, wie die Suche nach technischen und kulturellen Alternativen Fahrt aufgenommen hat. Die modischen Weltanschauungen und Haltungen sind so in die Kämpfe um den Wertewandel eingebunden, der weltweit ansteht. Wie werden wir uns in einer gerechteren und nachhaltigeren Welt wohl kleiden wollen? Oder müssen wir sehen, was übrig bleibt, wenn wir so weitermachen, und haben dann ganz andere Sorgen?


Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung, Seiten: 50, Erscheinungsdatum: 21.09.2020, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 5876

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