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Mit der Coronapandemie wurden seit letztem Jahr Selbstverständlichkeiten des Alltags zum Risiko: Treffen im Freundeskreis, flüchtige Begegnungen und Nähe zu anderen Menschen in der Schule, bei der Arbeit und in der Öffentlichkeit – was das Leben ausmacht, wurde auf einmal zur Gefahr. Aus bisherigen Routinen wurden so abwägende Gedanken, Skrupel und bewusste Entscheidungen: Die neuen Unsicherheiten nahmen Millionen zum Anlass, sich in das Feld der Risikobewertung zu begeben. Wir haben neu gelernt, ein eigenes Bewusstsein für das akzeptable Maß von Wert und Risiko zu bilden. Dabei können Standards helfen, wie sie im Journalismus eigentlich grundlegend sind, oder auch Methoden der Risikoberechnung wie im Maschinenraum der Versicherungswirtschaft: Quellenkritik, Klarheit über die Grenzen der Modelle und die Gültigkeit von Informationen, kritische Einschätzungen von Wahrscheinlichkeiten und Vergleichbarkeiten. Die Differenz zwischen der gefühlten, in den Öffentlichkeiten behaupteten Wirklichkeit und den messbaren Tatsachen kann so neu in den Blick und die eigenen Argumente kommen. Ein kritischer Realismus im Alltag würde die Risikokompetenz der Gesellschaft insgesamt verbessern. In autoritären Staaten wird der Kampf für die eigenen moralischen Werte, für Demokratie und Pressefreiheit lebensgefährlich. Der Mut, den die Menschen dabei beweisen, kann auch uns zu denken geben. Die rechtlichen Bedingungen für demokratische Beteiligung und Meinungsbildung sind bei uns garantiert. Aber auch in Deutschland ist Engagement und die Erfüllung politischer Ämter inzwischen immer wieder von extremistischer Gewalt bedroht. Es ist gut und wichtig, dass das Menschen nicht davon abhält, für die eigenen Interessen, Werte und Würde einzutreten. Systemische Risiken wie Krankheit und Armut oder auch globale Entwicklungen wie der Klimawandel erfordern aktive Politiken der Regulierung und Entwicklung von Infrastrukturen. Das Gesundheitssystem in Deutschland erwies sich bisher im Ergebnis als bemerkenswert leistungsfähig, aber es verschleißt sein Personal. Die Fragen nach seiner Neujustierung werden drängender, ebenso wie in den anderen sozialen Infrastrukturen. Wenn zum Beispiel Kinder ein Armutsrisiko sind, stimmt etwas ganz entschieden nicht. Bildung heißt auch, Ressourcen für das Wagnis riskanter Entscheidung zu erwerben. Scheitern als Chance zu begreifen muss man sich allerdings auch leisten können. Die Voraussetzungen dafür sind noch sehr ungleich verteilt. Wie können wir eine neue Kultur des selbstbewussten Umgangs mit Risiken entwickeln, wie die sozialen und persönlichen Netzwerke dafür robuster und gerechter gestalten? Umsichtig, aber entscheidungsfreudig, Pessimismus des Verstandes und Optimismus des Willens – das könnte dafür eine geeignete Haltung sein. Es gibt sicher noch andere, und jede Situation kann die Fragen neu stellen. Darüber zu streiten und immer wieder die Probe auf die Wirklichkeit zu machen ist ein Risiko, das sich einzugehen lohnt.


Herausgeber: Bundeszentrale für politische Bildung, Seiten: 50, Erscheinungsdatum: 21.06.2021, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 5879

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