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14.10.2015

Workshop 3: Islamische Positionen zu bioethischen Fragen

Leitung: Dr. Katrin Simon (Freiburg)
Referentinnen: Dr. Katrin Simon (Freiburg), Fatma Aydinli (Frankfurt a.M.)
Moderation: Dr. Katrin Simon (Freiburg)

Wie gehen Muslime in Deutschland mit bioethischen Fragen um? Diesem komplexen Thema widmeten sich die Islamwissenschaftlerin Dr. Katrin Simon und die islamische Theologin Fatma Aydinli. Zentraler Begriff des Workshops – sowohl inhaltlich wie auch methodisch – war die Pluralität. Islamische Religionsgemeinschaften zeichneten sich durch ein hohes Maß an Vielfalt aus, erklärte Simon, die ab Herbst als akademische Rätin an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität lehrt und forscht. Weder gebe es DEN türkischen Islam, noch könne man sagen, dass alle Schiiten und Sunniten dieselben Positionen verträten. In der islamischen Rechtsprechung habe stets eine hohe Diskussionsfreudigkeit geherrscht. "Gelehrte haben sich gestritten und das war gewollt. Es gibt nicht die letzte Autorität."

Auch bei bioethischen Fragen gebe es daher keinen islamischen Konsens, betonte Simon. Stattdessen komme es stark auf die individuelle Prägung der Menschen an. Ob sich eine Frau für die pränatale Diagnostik oder eine Abtreibung entscheide, habe viel damit zu tun, was sie in ihrer eigenen Familie erlebt habe, meinte Simon. Allerdings beobachteten Islamwissenschaftler auch einen der Pluralität entgegengesetzten Trend. So suchten Muslime in Internetforen von selbsternannten islamischen Autoritäten verstärkt nach eindeutigen Ratschlägen und Handlungsanweisungen. "Rechtsfragen sollen in richtig und falsch eingeteilt werden."

Fatma Aydinli, die am Graduiertenkolleg "Theologie als Wissenschaft" der Goethe-Universität Frankfurt a.M. über den Lebensanfang promoviert, griff diesen Faden in ihrem Vortrag auf. Nach einem kurzen Blick auf eine Landkarte, auf der die unterschiedlichen sunnitischen und schiitischen Gruppierungen eingezeichnet waren, lenkte sie den Blick auf die unterschiedlichen Generationen der Muslime in Deutschland und ihre jeweiligen Lebensstile. Anschließend verdeutlichte sie die Vielfalt islamischer Rechtsschulen an der bioethischen Frage, ab wann das menschliche Leben schutzwürdig sei. Seien sich bei der Frage nach dem Beginn des Lebens noch alle Gelehrten einig – das Leben beginnt mit der Befruchtung – schieden sich hier die Geister: Befruchtung? Einnistung? Beseelung? – "es gibt viele Positionen".

Gleichzeitig kritisierte Fatma Aydinli die unter Muslimen verbreitete Praxis, bioethische Fragen mit einem schlichten "Ja" oder "Nein" in den Familien zu lösen oder Rat beim Hodscha einzuholen. "Das geht nicht. Es gibt in diesen Fällen kein "ja" und kein "nein". Man muss sich mit der Frage auseinandersetzen und dann die Entscheidung fällen". Daher forderte Aydinli mehr Fachexperten, "die beraten, ohne die Religion in den Vordergrund zu stellen".

Nach den Impulsvorträgen begann die Gruppenarbeit. Anhand eines Fallbeispiels sollten sich die elf Teilnehmer_innen in Kleingruppen überlegen, wie eine "ethisch verantwortliche islamische Seelsorge" aussehen kann. Dabei ging es um eine muslimische Frau, die ein vierjähriges Kind mit einem Down-Syndrom hat und nun ein zweites Kind erwartet, bei dem ebenfalls das Down-Syndrom diagnostiziert wird.

Die Diskussionen entwickelten sich in zwei Richtungen. Während sich die eine Gruppe stärker mit der Frage der Autorität und der Gewichtung der Rechtsschulen beschäftigte, diskutierte die andere Gruppe stärker inhaltliche Positionen. So könne man ein behindertes Kind sowohl als Geschenk von Gott, als auch als eine von ihm auferlegte Prüfung sehen. Aber auch ein neutraler Blick sei möglich, schließlich wolle der Islam das Leben der Menschen leichter machen – und das könne auch bedeuten, dass die Frau das Kind abtreibt. Allerdings knüpfte sich an diese Überlegung die Sorge, dass eine zu liberale Beratung von konservativeren Muslimen möglicherweise nicht akzeptiert werden könnte.

Abschließend schärften die beiden Gruppen ihre Positionen noch einmal, indem sich in leicht veränderten Kleingruppen über ihre Diskussionsergebnisse austauschten. Den Abschluss bildete eine Fishbowl-Runde mit vier Stühlen in der Mitte. Darauf mussten alle Teilnehmer_innen im fliegenden Wechsel Platz nehmen und im Gespräch mit den anderen ihre Position zu einer muslimischen Seelsorge vorstellen. Dabei reichte die Bandbreite von "Das Gespräch sollte unter religiösen Vorzeichen laufen. Nur dann nimmt die muslimische Community das Angebot auch an" bis "Religion soll Bestandteil sein, aber muslimische Seelsorge soll nicht religiös sein". Wichtig war vielen Teilnehmer_innen auch, dass Seelsorger begleiten und nicht beraten sollen. Außerdem sollten Seelsorger die Beratungsangebote vor Ort kennen und gut vernetzt sein.

Die Workshop-Leiterinnen empfanden die Diskussion als stimulierend. Es habe sich gezeigt, dass eine muslimische Seelsorge viele Menschen brauche, um Muslimen helfen zu können, die vor schwierigen bioethischen Fragen stehen: Ärzte mit muslimischem Hintergrund, aber auch religiös kompetente Seelsorger und Seelsorger, die vor allem zuhörten. Zudem sei deutlich geworden, dass man als Seelsorger auch loslassen können muss, wenn der Klient ein anderes Bedürfnis habe.

Biografische Angaben

Dr. Katrin Simon ist Islamwissenschaftlerin. Ab Oktober 2015 wird sie an der Universität Freiburg als Akademische Rätin lehren u. forschen. Die letzten Jahre war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin tätig sowie Stipendiatin der Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies, wo sie nach einer Feldforschung in New York ihre Promotion zum afroamerikanischen Islam unter dem Titel "Die Erben des Malcolm X" verfasste. Ihre Forschungsinteressen umfassen Islam in westlichen Kontexten, progressive/ feministische Koranexegese, muslimische Debatten zu Säkularismus, Rassismus sowie Bioethik.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Beate Kroll (Berlin) für bpb.de

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Beate Kroll (Berlin)

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