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24.2.2016

Workshop 2: Einreiserouten jenseits des zentralen Mittelmeeres

Über Griechenland, die westlichen Balkanstaaten und Ungarn nach Deutschland

Der Journalist Nino Seidel (NDR) gab den Workshopteilnehmenden durch Schilderungen und Aufnahmen über die Flucht entlang der Balkanroute Einblicke in die Flüchtlingsperspektive, die in der öffentlichen Debatte kaum vorhanden sei. Gleichzeitig bot er den Teilnehmenden einen journalistischen Zugang zum Thema Flucht. (© bpb)

Zu Beginn verwies Seidel im Rahmen eines kurzen Einführungsvortrags auf die hohe Zahl der Toten und Vermissten auf der Balkanroute, die laut UNHCR im Jahr 2016 zu beklagen seien. Im Vergleich zum Vorjahr sei von einem deutlichen Anstieg auszugehen. "Solange es keine legalen Wege gibt, wird das so bleiben", mahnte Seidel.

Anschließend erklärte er den Teilnehmenden die Veränderungen der Einreiserouten anhand der Balkanroute. Ursprünglich verlief diese von Griechenland über Mazedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich und Deutschland. Im Herbst 2015 verlagerte sie sich nach Westen: Seitdem gelangen die Flüchtlinge überwiegend über Kroatien und Slowenien nach Österreich, Deutschland und Skandinavien.

Anhand der Flucht des Syrers Rami, die der Journalist phasenweise begleitete und für das öffentlich-rechtliche Fernsehen dokumentierte, veranschaulichte er den Teilnehmenden, was es bedeutet, über die ursprüngliche Balkanroute zu fliehen. Seidel zeigte Ausschnitte aus der Fernseh-Dokumentation. So erhielten die Teilnehmenden Einblicke in Ramis Fluchtmotive und den unterschiedlichen Umgang mit Flüchtlingen in Transit- und Zielländern. Seidel konstatierte, egal wer man vor der Flucht gewesen sei, "auf der Flucht ist man niemand".

Anschließend verdeutlichte Seidel die Veränderungen der Balkanroute, die er in mehrere Phasen einteilte. In der ersten Phase gab es ihm zufolge entlang der Balkanroute für Flüchtlinge keine Hilfe von staatlicher Seite. Stattdessen existierte ein großer Schleusermarkt. Seidel gab angesichts aktueller Entwicklungen zu bedenken, dass geschlossene Grenzen gleichbedeutend mit einem florierenden Schleusermarkt seien. Ein Teilnehmer verwies in diesem Zusammenhang auf die Erkenntnis des Vortages, dass Flucht Geld koste und entsprechend nur für Menschen eine Option darstelle, die sich eine solche leisten könnten. An dieser Stelle diskutierten die Teilnehmenden die Frage, inwiefern die deutsche Medienberichterstattung die Erwartung nähre, dass überwiegend arme Flüchtlinge nach Deutschland kämen, und ob Medienberichte wie die über Rami möglicherweise vorhandene Vorurteile stärkten.

Danach stellte der Journalist die zweite Phase der Balkanroute vor. Diese begann Seidel zufolge mit der Errichtung des ungarischen Grenzzauns, der zur Verlagerung der Einreiseroute beitrug: Seit Herbst 2015 verliefe die Route nunmehr über Griechenland, Mazedonien, Kroatien und Slowenien nach Österreich und Deutschland. Dabei legten die Flüchtlinge Wege zurück, „die zwar nicht unpassierbar, aber gefährlich und abschreckend“ seien, erläuterte Seidel. Weiterhin sei die Phase von einem Organisationsanstieg in den Transitländern gekennzeichnet: Flüchtlinge erhielten Hilfe von staatlicher Seite, bspw. indem sie von Polizei und Militär weiter nach Österreich geleitet werden. Gleichzeitig sei der Versuch weiterer Abschreckung in den Transitländern zu beobachten, berichtete der Journalist. In dieser Phase gab es Seidel zufolge keinen Markt für Schleuser.

Schließlich beschrieb Seidel die aktuelle Phase, in der die Abriegelung der Balkanroute vorangetrieben werde. Bei den Versuchen, Flüchtlinge abzuschrecken, habe es nach Seidels Ansicht bereits einen "Überbietungswettbewerb" der Länder Europas gegeben. In diesem Zusammenhang gab eine Teilnehmerin zu bedenken, inwiefern die Strategie der Abschreckung mit der Geschichte und den Werten Deutschlands zu vereinbaren sei.

Die abschließende Diskussion kreiste u.a. um die Attraktivität Deutschlands als Fluchtziel sowie die Handlungsoptionen der deutschen Politik. Seidel bescheinigte dieser im Umgang mit der aktuellen Flüchtlingssituation einen hohen Grad an Planlosigkeit.

Zudem wurden Fragen nach einem journalistischen Kodex und nach Veränderungen in der deutschen Berichterstattung zum Thema Flucht aufgeworfen. Seidel stellte in diesem Zusammenhang fest, dass in den Medien derzeit der Fokus darauf liege, was passiert sei und wünschte sich stattdessen mehr Reflexion über die Hintergründe und Folgen der Ereignisse. Angesichts der Übergriffe in der Kölner Silvesternacht habe Seidel zufolge jedoch eine Selbstreflexion unter Journalistinnen und Journalisten stattgefunden.

Dokumentation: Janett Deser
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