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16.9.2016

Wofür es sich zu kämpfen lohnt?

Faszinierende Gewalt – Gewalt als Attraktion des Dschihadismus

Der Workshop zeigte anhand von IS-Propagandavideos, mit welchen Argumenten die Terrororganisation junge Menschen anspricht. Die Stoßrichtung der professionell produzierten Filme ist je nach Kulturkreis verschieden.

Großes Interesse bestand am Workshop zur Faszination von Gewalt und Dschihadismus. (© bpb/Nils Pajenkamp)


Welche Faszination geht von politischer Gewalt durch Dschihadisten aus? Dieser Frage ging der Workshop "Faszinierende Gewalt – Gewalt als Attraktion des Dschihadismus" nach. Im Zentrum stand die Betrachtung und Analyse mehrerer IS-Propagandavideos mit Christoph Günther vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschungen in Halle. Günther forscht unter anderem zu visueller Kultur und Ikonographie.

IS setzte mit Medienarbeit Maßstäbe

"Der IS hat mit seiner Medienarbeit Maßstäbe gesetzt", ordnete Günther die Relevanz von IS-Videos in den Bereich der Gewaltpropaganda ein. Dies gelte für Aufmachung, Produktion, Vertrieb und die Verwendung von Symbolen. Die Teilnehmer sollten die vorgeführten Videos möglichst unbefangen auf sich wirken lassen. "Was macht das mit Ihnen?", fragte der Dozent. Schließlich erzeugten die Verbindung von Ton, Bild und Text unwillkürlich eine bestimmte Wirkung.

Anknüpfung an westliche Systemkritik

Das erste Video trug den Titel "The Rise of the Khilafah: Return of the Gold Dinar", aus dem Jahr 2015. Ein insgesamt fast einstündiger Film des sogenannten "Alhayat Media Center". Er ist nach wie vor im Internet unter anderem bei jihadology.net verfügbar, einer wissenschaftlichen Sammelstelle für dschihadistische Primärmaterialien in den USA. Zu Beginn des Films sind im Stil einer Dokumentation in schneller Bildfolge Kampfszenen und Explosionen zusammengeschnitten. Der Off-Kommentar prangert in englischer Sprache das "Dollar-fixierte kapitalistische Finanzsystem" an, das die Welt versklave.

Nach der Einstiegssequenz fasste Christoph Günther den weiteren Verlauf zusammen: Finanzexperten kritisierten in Interviews mit westlichen Fernsehsendern,

"Der IS hat mit seiner Medienarbeit Maßstäbe gesetzt", Christoph Günther über die Bedeutung der IS-Propaganda und der Notwendigkeit, sich damit auseinanderzusetzen. (© bpb/Nils Pajenkamp)

dass das amerikanische Finanzsystem durch die Kopplung des Dollars an den Ölpreis zum Selbstruin verdammt sei. Deshalb seien die USA gezwungen, den Dollar in möglichst vielen Ländern in Umlauf zu bringen, um diese von der amerikanischen Währung abhängig zu machen. "Hier gibt es eine Kompatibilität der Motive für Menschen in der westlichen Welt, die das System ablehnen", so Günther. Der IS präsentiere in seinem Video Geld aus Gold, Silber und Kupfer als "göttliche Zahlungsmittel" als Alternative. Aufgrund der natürlichen Knappheit von Rohstoffe seien diese wertbeständig.

Im Anschluss zeigte Günther eine weitere Sequenz des Films. Hier bewirbt ein offensichtlich als westlicher Konvertit zu erkennender Mann in einer Art Utopie bei friedlichen und fröhlichen muslimischen Passanten, Händlern und Kindern den Golddinar als neues Zahlungsmittel. "Er behält seinen Wert" – anders als Papiergeld, versichert der Darsteller.

In einer abschließenden Sequenz steigt der Mann mit anderen Kämpfern zu heroischer Musik in Zeitlupe von einem Geländewagen und zieht für die zuvor skizzierte Utopie in den Kampf. Schnitt und Ästhetik der folgenden Kampfszenen gleichen westlichen Kinofilmen und Videospielen. Der Text der unterlegten Musik ist erstmals nicht mehr in arabischer, sondern für alle verständlich in englischer Sprache, und er wird zudem eingeblendet. In einer fortlaufenden, suggestiven Wiederholung heißt es hier unter anderem: "For the sake of Allah, We will March to the gates of the Paradise where are our Maidens await, We are men that love death just as you Love your Life, We are the soldiers that fight in the day and the night, O my brothers jihad is the way to bring back the honor of our Glorious Day".

Die Teilnehmer stellten in ihren Wortmeldungen fest, dass der Film mit seiner Bildsprache und professionellen Aufmachung an die medialen Sehgewohnheiten westlicher Menschen anknüpfe. "Er spricht an und löst elementare Gefühle aus. Da will man mitmachen", sprach ein Kommentator offen aus. Er habe nicht wegsehen können, erklärte ein anderer Teilnehmer. Speziell durch die Gesänge habe der Film einen "hypnotischen Sog" entwickelt.

Rache für Gewalt an Muslimen als Motiv

Der zweite Film hatte die Verbrennung des jordanischen Kampfpiloten Moaz al-Kassasbeh Anfang 2015 zum Thema. Er zeigt einen säkular lebenden jungen Mann an einem fiktiven Ort im Nahen oder Mittleren Osten. Dieser wird durch Internetvideos Zeuge der Zerstörung, die die Luftangriffe der Koalition gegen den IS anrichten. In einer Moschee sucht er über einen Mittelsmann Kontakt zum IS, dem er sich anschließt, und kommt in ein Ausbildungslager. Der zweite Teil des Films schildert abstrakt den Einsatz des jordanischen Piloten und zeigt Bilder von Kindern, die bei Luftangriffen verbrannt sind. Am Ende verbrennt und steinigt der IS den gefangenen jordanischen Piloten aus Rache dafür.

Christoph Günther nannte das Stichwort "Gewalt gegen Muslime" als Motivation in den Kampf zu ziehen. Die Workshop-Teilnehmer stellten fest, dass der Film, bei der Deutung der Luftangriffe auf den IS, eine Umkehr von Ursache und Wirkung stattfinden ließe und die Angriffe als "scheinbar unbegründete Aggression" darstelle. Zentral sei das Motiv der toten Kinder, das in allen Kulturen zuverlässig seine Wirkung entfalte. "Es löst eine Krise beim Beobachter aus." Christoph Günther ergänzte dazu: "Diese Krise wird nach außen getragen in die friedlichen Länder der arabischen Welt." Er betonte abschließend zur Wirkung solcher Videos, dass diese "als Komplement" funktionierten. Das heißt, sie sind eingebettet in soziale Konflikte und die politischer Situation, denen die Rezipienten ausgesetzt sind.
Referenten:
Dr. Daniela Pisoiu, Universität Hamburg (verhindert)
Dr. Christoph Günther, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung, Halle (Saale)

Moderation: Hannah Huhtasaari, Bundeszentrale für politische Bildung
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
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Benjamin Dresen

Benjamin Dresen

Benjamin Dresen ist freier Redakteur und Journalist. Er studierte Geschichte und Medienwissenschaft in Düsseldorf und war von 2011 bis 2013 Volontär in der Buchredaktion der Bundeszentrale für politische Bildung.


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