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counter 22.3.2018

Tagungsbericht

Ein "Kategorienproblem" gebe es in der Debatte um "Salafismus". Das sprach der Islamwissenschaftler Klaus Hummel während seines Vortrags mehrfach an: Denn die eigentliche Herausforderung seien "Dschihadisten" und die Frage, ab welchem Punkt eine Person bis zur Gewaltbereitschaft radikalisiert sei und eine Gefahr darstelle. Um das immer richtig einschätzen zu können, fehlten aber tiefere Einblicke in die Szene.

Aber wie kommt es eigentlich zu Radikalisierung? Was steckt hinter den individuellen Radikalisierungsprozessen und wie lassen sie sich unterbrechen oder gar umkehren? Vor allem darüber wurde während der Tagung diskutiert. Klaus Hummel wagte in diesem Zusammenhang den Vergleich mit dem Rechtsextremismus und erklärte, das Radikale an sich sei das Problem: Wer empfänglich für radikales Denken sei, der sei empfänglich für alle Formen von Radikalität. Dennoch verwies Klaus Hummel darauf, dass ein Vergleich zwischen Rechtsextremismus und Salafismus kompliziert sei. Insbesondere aufgrund der Tatsache, dass die salafistische Szene in Sachsen mit knapp 190 Personen keineswegs gleichzusetzen sei mit der rechten Szene vor Ort. In diesem Zusammenhang verwies er ebenfalls darauf, dass Rechtsextremismus und Salafismus in Wechselwirkung zueinander stünden und dies ebenfalls in der Präventionsarbeit berücksichtigt werden müsse.

"Mit Gewalt ins Paradies? Fachtag zur Radikalisierungsprävention". Unter dieser Überschrift hatte die Bundeszentrale für politische Bildung nach Leipzig eingeladen. Mehr als 100 Teilnehmende beschäftigten sich mit neuen Ansätzen der Radikalisierungsprävention und lernten die unterschiedlichen Akteure des Arbeitsfeldes sowie aktuelle Beispiele aus der Praxis kennen. Und schließlich wurde erörtert, welche Übertragungsmöglichkeiten aus dem Bereich der Rechtsextremismusprävention möglich sind.

Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereichs Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung eröffnete die Tagung gemeinsam mit Roland Löffler, dem Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Hanne Wurzel sprach den Fall von Linda W. aus dem sächsischen Pulsnitz an: Im Alter von 16 Jahren war Linda W. nach Syrien ausgereist und hatte sich dort dem so genannten "Islamischen Staat" angeschlossen. 2017 wurde sie im Irak verhaftet und dort mittlerweile zu sechs Jahren Haft verurteilt. Die Besonderheit des Falls Linda W. liegt darin, dass ihr direktes soziales Umfeld erst spät merkte, dass sie sich radikalisierte. Hanne Wurzel erinnerte daran, wie komplex Radikalisierungsprozesse sind und erklärte, dass der Erfolg von Präventionsarbeit vom Zusammenspiel aller Akteure abhinge: "Alleine geht es nicht!" Außerdem betonte sie die Wichtigkeit eines Netzwerks für die Arbeit in der Prävention und die Bedeutung der Rollenklärung: "Jeder Akteur muss sich seiner Aufgabe bewusst sein und dementsprechend seine Kompetenzen und auch Grenzen kennen."

Roland Löffler erinnerte an die Ursprünge des Salafismus und sprach dessen Herkunft im Hanbalismus, einer der vier Rechtsschulen des sunnitischen Islam an. In diesem Zusammenhang sagte er, dass die Frage nach der göttlichen Ordnung und der Kampf um die Einheit der Religion keine dem Islam eigene Erscheinung, sondern in allen Religionen zu finden sei. Damit sei auch der Salafismus, als eine "rückwärtsgewandte Reformbewegung" nicht dem Islam eigen: "Solche Reformbewegungen finden sich in allen Religionen." Insofern gebe es sozial- und gesellschaftspolitisch Ähnlichkeiten im Hintergrund radikalisierter Menschen.

"Salafismus" und Überschneidungen zum Rechtsextremismus

Über das Phänomen des Salafismus sprach im Anschluss Klaus Hummel. Der Islam- und Politikwissenschaftler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Landeskriminalamt Sachsen im Bereich islamistischer Terrorismus. Zu Beginn seines Vortrages schloss sich der Wissenschaftler Hanne Wurzels Plädoyer an: Prävention sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sie funktioniere nur gemeinsam mit allen Beteiligten. Darüber hinaus sei es wichtig, auch in der Präventionsarbeit das Thema im Spiegel der medialen und gesellschaftlichen Debatte zu betrachten, das gelte gleichermaßen für den Salafismus als auch für den Rechtsextremismus.

190 Salafisten gebe es in Sachsen. Das sei wichtig zu wissen, denn es sei wichtig die Proportionen im Blick zu behalten. Im Vergleich dazu sei das Problem des Rechtsextremismus in Sachsen viel stärker ausgeprägt und allein zahlenmäßig relevanter. Ausländerfeindliches und rechtsextremes Denken seien zudem oft Auslöser aus denen sich auch Radikalisierung im salafistischen Bereich entwickelte. Dass "Salafisten" dennoch allgemeinhin als bedrohlicher gelten, sei eine der Herausforderungen der Debatte.

Hummel sprach anschließend die Herkunftsgeschichte des Salafismus an. Er erklärte, dass das Wort sich aus dem Arabischen ableite und schlicht für "Vorfahre" stehe. Auf die "Vorfahren", die Weggefährten des Propheten Mohammed, die im siebten Jahrhundert im heutigen Saudi-Arabien lebten, beriefen sich die Salafisten – das gelte für die Ausübung der Religion, das Alltagseben und das theologische Verständnis. "Die letzten Jahrhunderte Geistesgeschichte werden dabei einfach ignoriert. Theologisch geht es von hier aus direkt zu den Anfängen der Religion, ohne Umwege."

Als besonders wichtig betonte Hummel die Erkenntnis, dass jedoch nicht "der Islam" das eigentlich relevante sei, sondern "das Radikale". Damit nahm er Bezug auf den französischen Politologen Olivier Roy, dessen Forschung von einer "Islamisierung von Radikalität" ausgeht. Gemeint ist damit, dass nicht der Islam sich radikalisiert habe, sondern dass sich sämtliche Radikalisierungstendenzen derzeit im Islamismus entladen: "Islamismus" als globale Gegenkultur. Nicht die Religion sei der Grund für die Radikalisierung, sondern der Islam das Ventil für Radikalität. Die Gründe für Radikalisierung seien schließlich in gesellschaftlichen, sozio-ökonomischen und natürlich auch politischen Faktoren zu finden. Einen religiösen Bezug benötigten sie nicht zwingend.

Damit ließe sich auch der Bogen zum Rechtsextremismus und damit zu eigentlich allen Formen von Radikalität schlagen, denn nicht die individuelle Ideologie sei relevant für den Hinwendungsprozess: wer empfänglich für radikales Denken sei, der sei empfänglich für alle Formen von Radikalität, so Hummel. Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, kann es dem Zufall obliegen, ob sich jemand nationalistisch oder religiös radikalisiert. Hinzu komme, dass radikale Ideologien in vielen Punkten große Gemeinsamkeiten aufweisen: Die großen Narrative dieser Ideologien seien immer vereinnahmend, recht einfach zu verstehen und bieten sowohl absolute Wahrheiten an als auch Aufstiegspotential für alle Menschen, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft.
Gerade die Salafisten, so Hummel, seien "richtig gut darin eine ganz einfache Ideologie zu predigen. Wenn man mit diesem wenigen, aber klaren Wissen in die Welt geht, dann kann man problemlos über andere schimpfen." Denn immer bleibe die Höherwertigkeitsideologie - also die Aufwertung des eigenen Selbst und der eigenen Gruppe und die gleichzeitige Abwertung aller Menschen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören. Diese Höherwertigkeitsideologie sei, wenn auch anders in ihrer Ausrichtung, aber in ihrer Art und Weise gleich, auch im Bereich des Rechtsextremismus zu finden.

Ähnlichkeiten fänden sich ebenfalls im Umgang der Mitglieder dieser Gruppen miteinander: Nach außen seien die Gruppen stark geschlossen, innen gebe es aber viel "Herzlichkeit" zu erleben. Für das geschlossene Gruppenbild sei dies ein wichtiger Faktor, "auch darüber funktioniert das, über Emotionen".

Nicht vergessen bei der Auseinandersetzung mit dem "Salafismus" in Deutschland dürfe man, dass man es mit einer überaus heterogenen Gruppen zu tun habe. Auf der einen Seite gebe es gemeinsames Auftreten, auf der anderen Seite "bekämpfen die sich untereinander bis aufs Blut", so der Islamwissenschaftler.

"Wir haben ein Kategorienproblem". Mit dieser Aussage leitete Hummel einen weiteren Punkt ein: Schon zu Beginn hatte er angesprochen, dass über "Salafisten" regelmäßig diskutiert werde, die Gruppe der Islamisten aber nicht weniger relevant sei. Die "Syrien-Ausreiser" seien beispielsweise sicher "sehr radikalisiert, aber sind das Salafisten?" Viele seien nach Syrien gefahren aus der naiven wie ehrlichen Intention heraus, Helfen zu wollen. Generell sei der "Topos des Helfen wollen" ganz maßgeblich. Das gelte heute in Syrien, wie zuvor in den 1990er-Jahren in Bosnien. In diesem Zusammenhang mahnte Hummel an, nicht die Ursachen aus den Augen zu verlieren: "Wir sitzen hier und sprechen über Salafismus und vergessen darüber was täglich in Syrien passiert. Die Ursache für radikalen Salafismus sind Krisen in der Welt!"

"Wo geht’s hin?"

Für die zukünftige Arbeit und weitere Diskussionen sollte das Radikalitätsparadigma genauso wie das Salafismusparadigma in Frage gestellt werden, erklärte Hummel. Das könnte Raum schaffen für die wirklich relevante Frage: Wie funktioniert Dschihadimus in Deutschland? Denn das sei die eigentliche tägliche Problematik. Und hier stelle sich die Frage: Ab wann wird jemand zu einer Gefahr für die Öffentlichkeit? Ab wann ist er Teil eines gewaltbereiten Netzwerkes? Hummel appellierte daran, Interessen und Kräfte zu bündeln um dschihadistische Netzwerke in den Fokus zu rücken und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Dazu zähle er beispielsweise auch Gruppen wie den 2016 verbotenen Verein um die Koran-Verteilaktion "Lies!". Da stoße man aber wieder auf ein Kategorienproblem, das seien nicht einfach nur Salafisten. Es seien Dschihadisten, und von denen gehe immer auch Gewalttätigkeit, wenigstens aber Gewaltbereitschaft aus.

Auch der Islamwissenschaftler Michael Kiefer beschäftigte sich im Rahmen des gleichnamigen Fachtages in Schwerin im Februar 2018 mit der Problematik der Kategorisierung. Einen Bericht über diese Tagung und seinen Vortrag finden Sie hier.

"Wo geht’s also hin?" Damit überschrieb Hummel seinen abschließenden Ausblick. Zu wenig werde darüber nachgedacht, wie das salafistische und dschihadistische Milieu aussehe. Dazu zog er noch einmal den Bogen zum Rechtsextremismus und sprach den Prozess gegen Mitglieder der Gruppe "Freital" an, deren Anführer erst kürzlich zu empfindlichen Haftstrafen verurteilt worden sind: "Das große Problem ist nicht, dass fünf Menschen es für richtig halten, Verbrechen gegen andere allein aufgrund ihrer Herkunft zu begehen. Das große Problem ist, dass in deren Umfeld niemand ist, der das vollständig ablehnt." Ähnlich sei es im salafistischen Milieu. Auch hier bestehe die größte Problematik nicht darin, dass Salafisten generell gewaltbereit seien, sondern dass die Gewalt Einzelner in den eigenen Reihen nicht auf Ablehnung stoße.

Diskussion

Das von Hummel angesprochene weitgehend unbekannte "Milieu" aufgreifend, fragte eine Teilnehmerin ob die Zusammenarbeit mit Moscheevereinen möglich oder ratsam sei, um besseren Einblick in die Szene zu erhalten. Hummel erklärte, das sei vom Einzelfall abhängig. Man müsse sehen, mit wem konkret man es zu tun habe. Nicht nur gebe es auch salafistische Moscheevereine, selbst Organisationen wie beispielsweise DITIB hätten eine eigene Agenda.

Auch das von Hummel erwähnte Kategorienproblem fand Einzug in die Diskussion. Der Wissenschaftler führte seine Unterscheidung aus und charakterisierte drei Gruppen: Salafisten würden auffallen wollen, ihnen gehe es darum anzuecken und zu "stänkern". Islamisten hingegen hätten ein niedrigeres Profil. Ihr Ziel sei der Gang durch die Institutionen. Schließlich die Dschihadisten: Manche würden sich an den Salafisten orientieren, manche würden aber auch Gewalt und Terrorismus praktizieren wollen oder zumindest unterstützen oder gutheißen.

Eine kritische Anmerkung kam von einer Teilnehmerin aus Sachsen-Anhalt: Mitnichten sei dort Salafismus die größte Bedrohung, der Rechtsextremismus sei das wirkliche Problem. Und dessen Ursachen gelte es zu analysieren. Hanne Wurzel erklärte dazu, dass mit der Themensetzung des Vortrages keine Gleichsetzung vollzogen werden sollte. Ziel sei es hingegen über Schnittmengen nachzudenken und zu hinterfragen, wie Präventionsarbeit in der extremen Rechten und Präventionsarbeit in der salafistischen Szene voneinander lernen können.

Von mehreren Teilnehmenden wurde die wichtige Rolle der Pädagogik betont. Die Gesellschaft müsse Angebote machen, ansonsten würden das die Salafisten übernehmen. Ohne "Beziehungsarbeit" könne man bei jungen Menschen nichts verändern. Dafür brauche es Zeit, geschultes Personal und Infrastruktur. Wichtig sei es ebenfalls, dass sich auch Theologen, Sozialarbeiter und Psychologen auf dem Feld der Präventionsarbeit bewegten, nicht ausschließlich Islamwissenschaftler.

Angesprochen auf den Forschungsstand sprach Hummel noch einmal die Frage der Milieus an: Insgesamt gebe es zu wenig ethnologische Grundlagenforschung. Zum Beispiel stehe da die Frage im Raum, wie Mitglieder dieser Gruppen ihren Alltag verbringen und wie religiös sich dieser in der Praxis wirklich gestalte.

Im Anschluss an den Vortrag Klaus Hummels startete die zweiteilige Arbeitsphase. Zwischen zwei mal vier Themen konnten die Teilnehmenden der Fachtagung wählen.

Arbeitsgruppenphase I

Workshop 1: Politische Bildung als Prävention

Götz Nordbruch, Islamwissenschaftler und Mitbegründer von ufuq.de stellte zunächst das Konzept der politischen Bildung als Prävention vor. Zielgruppe seien nicht junge Menschen, die sich bereits intensiv einer radikal-islamischen Ideologie verschrieben haben, erklärte der Wissenschaftler. Vielmehr seien es die Jugendlichen, die möglicherweise irgendwann Opfer salafistischer Missionierungsarbeit werden könnten. Das Ziel sei daher, Angebote zu entwickeln, die attraktiver sind, als die der salafistischen Szene.

Dabei sollten nicht nur Hinwendungs-, sondern ebenso Abwendungsmotive der Jugendlichen bei der Konzeption von Angeboten betrachtet werden. Genauso wichtig sei es aber, Religiosität nicht nur als Gefahr, sondern auch als eine mögliche Ressource wahrzunehmen. Um zu erkennen, wann diese Ressource in ein mögliches Radikalisierungsrisiko umschlägt, könne es hilfreich sein, bestimmte Haltungen sinnvoll einzustufen. So bestehe zum Beispiel eine erhöhte Radikalisierungsgefahr, wenn das Gemeinschaftsgefühl durch die Religiosität zu einem Wunsch nach Dominanz und Normierung wird.

Auch Abgrenzungen und Abwertungen sowie ein Anspruch auf die absolute Wahrheit und ein Missionsgedanke seien deutliche Indizien für ein Radikalisierungsrisiko. Präventiv wirke die politische Bildung dem mit Methoden entgegen, die sich auch auf andere Bereiche der Jugendhilfe übertragen ließen. Wichtig sei es, die Themen Religion und Extremismus nicht zu labeln und stattdessen Zugänge über die Themen junger Menschen zu schaffen. Zum Abschluss betonte Nordbruch noch einmal, dass das Aufzeigen von Alternativen für die Jugendlichen im Zentrum der politischen Bildung als Prävention stehen sollte.

Workshop 2: Prävention und Beratungsstellen

Erik Alm stellte zu Beginn des Workshops die Präventionsarbeit der Koordinierungs- und Beratungsstelle Radikalisierungsprävention (KORA) im Freistaat Sachsen vor. Die Präventionsarbeit von KORA baut auf fünf Säulen auf und schließt diverse Akteure und Gruppen ein. Die fünf Säulen entsprechen einem vertrauensvollen Dialog mit muslimischen Organisationen, Info-, Sensibilisierungs- und Fortbildungsveranstaltungen, einer Angehörigenberatung sowie einer Deradikalisierungs- und einer Ausstiegsberatung.

Frances Rohde sprach über die Arbeit der Beratungsstelle Sachsen des "Violence Prevention Network", deren Angebot auf Prävention, Qualifizierung und Intervention bzw. Deradikalisierung beruht. Beispiele dieses Angebots sind Workshops für Schülerinnen und Schüler, Informations-, Sensibilisierung- und Fortbildungsveranstaltungen zur Früherkennung und Stärkung der Handlungskompetenz von Menschen, die mit gefährdeten jungen Menschen in Verbindung stehen, Erstberatung für Angehörige und Dialogmaßnahmen mit Radikalisierten, Ausreisewilligen und Rückkehrern. Rohde betonte dazu, dass sich das Angebot von VPN grundsätzlich an alle Menschen richte, die Beratung im Zusammenhang mit (religiös begründeter) Radikalisierung suchen.

Nach dem Input der Referenten diskutierten die Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer in kleinen Gruppen ein Fallballspiel, um die Frage nach dem Wesen der Präventionsarbeit zu konkretisieren. Das Fazit der Gruppenarbeit bestand in der übereinstimmenden Meinung, dass eine fachspezifische Beratung die Berücksichtigung zahlreicher Faktoren verlange. Daher sei es schon im ersten Verdachtsmoment wichtig, möglichst viele Informationen zu sammeln und Rückfragen zu stellen, anstatt direkt zu alarmieren.

Workshop 3: Bräute für den Dschihad? Genderreflektierte Radikalisierungsprävention

Silke Baer, pädagogische Leiterin und Mitbegründerin von cultures interactive e.V., ging in ihrem Input auf einige theoretische Grundlagen im Themenfeld genderspezifischer Radikalisierung und Präventionsarbeit ein. Allein durch die zahlenmäßige Beteiligung von Frauen und Mädchen in salafistischen Netzwerken sei das Themenfeld in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus der Debatte gerückt. Frauen und Mädchen übernehmen beispielsweise wichtige Aufgaben bei der Rekrutierung von anderen Frauen. Um gute Präventionsarbeit leisten zu können, müsse man phänomenübergreifend agieren und lokale Präventionsnetzwerke aufbauen.

Daran anschließend gab Barbara Lüke, Bürgermeisterin von Pulsnitz, einen sehr persönlichen Einblick in die Entwicklungen der letzten zweieinhalb Jahre im Fall Linda W. Die Sorge um den Ruf der Kleinstadt, die Verzweiflung in Lindas Umfeld, aber auch der Hass einiger Bürger bestimmten seit 2015 ihren Alltag als Bürgermeisterin. Neben infrastrukturellen Problemen falle vor allem auf, dass die Leute aufgehört hätten miteinander zu reden und Probleme daher mit sich alleine ausmachten. Lüke setze sich deshalb für einen niedrigschwellig angelegten Aufbau von Gesprächsformaten unterschiedlichster Akteure in ihrer Stadt ein. Außerdem mache sie sich für die Einrichtung einer "114-Hotline" stark, an die sich betroffene Jugendliche mit ihren Problemen wenden können, um anschließend an entsprechende Beratungsorganisationen weitergeleitet zu werden.

Workshop 4: Islamistische Propaganda im Netz

Julian Junk, Lehrbeauftragter der Universität Potsdam und Leiter des Berliner Büros des Leibniz-Instituts Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung bot zu Beginn des Workshops eine kurze Definition der Begriffe "Radikalität" und "Radikalisierung". Die "Online-Radikalisierung" habe nach seiner Aussage dabei einen besonderen Stellenwert, da sie Dynamiken aufweise, die offline nicht möglich seien. Dazu gehöre unter anderem die Geschwindigkeit, in der radikale Inhalte verbreitet würden: Online-Plattformen als "24h-Echokammern". Radikalisierte Menschen hätten hier die Möglichkeit rund um die Uhr auf Inhalte zuzugreifen. Gleichzeitig sei es sehr schwierig in solchen Foren präventiv zu reagieren, beispielsweise durch die Kommentierung der Inhalte. Maßnahmen dieser Art würden nämlich auch rund um die Uhr von Radikalisierten bekämpft, "das Internet pausiert nicht". Kanäle der Radikalisierung seien in erster Linie "Facebook", um einen Erstkontakt aufzubauen und dann der Messenger-Dienst "Telegram", um einen vertiefenden Zweitkontakt zu pflegen.

Ergänzend dazu stellte Nava Zarabian von jugendschutz.net verschiedene Fallbeispiele vor, anhand derer die geschilderten Inhalte von Julian Junk deutlich wurden. Die Online-Radikalisierung spiele sich hauptsächlich in sozialen Medien ab, wobei die bildliche Darstellung eine bedeutende Komponente sei. Diese sei auch meist zugeschnitten auf die jeweilige Zielgruppe. Durch Verlinkungen und Link-Empfehlungen in vermeintlich harmlosen Online-Communities würden Jugendliche auf extremistische Kanäle geführt, die ihnen mit Symbolen aus ihrer Lebenswelt radikale Inhalte näher brächten. Um dem entgegenzuwirken seien juristische Maßnahmen ebenso notwendig wie pädagogische Prävention sowie Kooperationen auf nationaler und internationaler Ebene.

Workshop 5: Antidiskriminierungsarbeit als Radikalisierungsprävention?

Der Workshop wurde von Ethem Ebrem vom Heidelberger Verein Mosaik Deutschland eingeleitet. Er betonte den Zusammenhang von Diskriminierungserfahrungen und Radikalisierungsfaktoren. Erstere seien ubiquitär, also auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu finden. Damit einher gehe ein ausgeprägter Sinnverlust ("significance loss"; Lyons-Padilla). Dieser "Sinn" sei jedoch eng mit dem Gefühl von Wertschätzung und dem Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gemeinschaft verbunden. Radikale Gruppen und Ideologien könnten dies aufgreifen, ihrerseits "Sinn" stiften und diese Lücke füllen. Das Ziel müsse daher eine Antidiskriminierungskultur sein, in der marginalisierten Gruppen die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht wird.

Öczan Karadeniz vom Leipziger Verband binationaler Familien und Partnerschaften sieht Demokratiebildung als Grundlage für moralisch verankerte Selbstverantwortung und damit als Schutz vor Indoktrination und vor einfachen Welt- und Feindbildern. Problematisch seien stigmatisierende und rassistische Narrative gegenüber marginalisierten Gruppen, welche gesamtgesellschaftlich bedient würden und sich auch aus dem kulturellen Gedächtnis speisten. Darüber müsse mehr öffentlich gesprochen werden.
In der anschließenden Diskussion wurde besprochen, was Antidiskriminierungsarbeit und Radikalisierungsprävention allgemein und in den verschiedenen Arbeitskontexten eigentlich bedeute. Darüber hinaus wurde der Präventionsbegriff problematisiert, da dieser immer beinhalte, etwas verhüten zu wollen (lat. praevenire). Damit allerdings könne es – gerade im Feld der primären Prävention – zu Stigmatisierungen von Gruppen kommen.

Arbeitsgruppenphase II

Workshop 1: Schulen im Fokus der Prävention

Der Workshop von Elke Seiler vom Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur in Leipzig (ZEOK) und Stipo Zepa vom Demokratiebildungsprogramm "Dialog macht Schule" in Berlin konzentrierte sich auf Antidiskriminierungsarbeit und Radikalisierungsprävention in Schulen. Der Ansatz des ZEOK ist es desintegrative Ausgrenzungserfahrungen zu mindern, sodass die Barrieren zwischen den homogenen Gruppen "WIR" und "DIE" aufgebrochen werden. Ziel sei es, das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit aufzuheben, an dem die salafistische Ideologie häufig erfolgreich anknüpfe, erklärte Seiler.

Dialog macht Schule bildet Studierende aller Fachrichtungen zu Dialogmoderatorinnen und Dialogmoderatoren aus, die dann für zwei Jahre an einer Schule arbeiten. Dabei würde die Persönlichkeitsentwicklung ebenso gefördert wie eine demokratische Handlungs- und Urteilsfähigkeit, referierte Stipo Zepa. Die Präventionsarbeit des Programms sei "Demokratiebildung": Die Herausforderung dabei bestehe darin, zu erkennen, dass es nicht "die Jugendlichen", "den Grund" oder "den Lösungsansatz" gebe.
Zepa forderte mehr Demokratiebildung dieser Art, mehr Raum für Schülerinnen und Schüler und eine intensivere Förderung wichtiger sozialer und demokratischer Kompetenzen (u.a. Impulskontrolle, Medienkompetenz, Perspektivwechsel) an Schulen.

Die später im Plenum diskutierten Fallbeispiele zeigten die Bedeutung eines "Klassenzimmerdialogs", der alle Schülerinnen und Schüler miteinschließt und keine Türen verschließt. Als äußerst wichtig betonten auch die Teilnehmenden des Workshops, sei es, sich auf die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler einzulassen, unterschiedlichen Meinungen Raum zu geben und Perspektivwechsel anzuregen.

Workshop 2: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – Radikalisierung als Herausforderung für die Jugendhilfe

Florian Endres, Leiter der Beratungsstelle "Radikalisierung" im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellte die 2012 eingerichtete Stelle für telefonische Erstberatung im BAMF vor. Ziel sei es, einerseits mit Sicherheitsbehörden zu kooperieren und andererseits die Ratsuchenden an zivilgesellschaftliche Ansprechpartner zu vermitteln, die weiterführende Beratung leisten können. Die Ratsuchenden kämen meist aus dem familiären oder sozialen Umfeld der vermeintlich Radikalisierten. Das Themenfeld "unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge" sei dabei besonders, weil diese häufig bereits traumatisierende Erfahrungen gemacht haben und deutlich höhere Vulnerabilitäten aufwiesen.

Daran anknüpfend erläuterte André Taubert von der Hamburger Beratungsstelle legato, dass gerade bei dieser "Klientengruppe" die üblichen Kooperationspartner – Familie und soziales Umfeld – fehlten. Taubert betonte, dass in der Arbeit von legato die betroffenen Jugendlichen zu 90 Prozent nicht erfahren, dass ihretwegen Kontakt zu einer Beratungsstelle aufgenommen wurde. Wichtig sei dabei zu verstehen, dass auch radikalisierte Jugendliche nicht "fremdgesteuert" seien, sondern in ihrem Handeln einen Sinn sehen würden. Daran müsse angesetzt werden, was legato als Versuch verstehe, Brücken für die Betroffenen zu bauen. Dafür werde auch bezüglich unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge mit jenen Menschen zusammengearbeitet, die "den besten Draht" zu den betreffenden Jugendlichen haben. Häufig seien das nicht die Personen, die zuvor den Kontakt zur Beratungsstelle gesucht haben.

Workshop 3: Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden

Verena Raatz, Projektkoordinatorin der Violence Prevention Network-Beratungsstelle Bayern, und Holger Schmidt, Leiter des Kompetenzzentrums für Deradikalisierung im Bayrischen LKA, stellten anhand von zwei Fallbeispielen ihre Zusammenarbeit in Bayern vor. Raatz nahm dabei die zivilgesellschaftliche Perspektive und Schmidt die sicherheitsbehördliche Perspektive ein. Ein erster Aspekt, der eine gute Zusammenarbeit sichere, sei die klare Aufgabenklärung und der regelmäßige Austausch. So sei beispielsweise die Gefahreneinschätzung eines Falls allein Sache der Polizei. Die Weiter- oder Übergabe finde wechselseitig statt. Es gebe sowohl Fälle, die von VPN, zunächst anonymisiert, an das LKA weitergegeben werden. Es gebe aber auch Fälle, die vom LKA aufgrund fehlender Sicherheitsrelevanz an VPN übergeben werden.
Ein herausstechendes Problem bei der Weitergabe von Informationen seien Regelungen zum Datenschutz. Außerdem könne die Zusammenarbeit des zivilgesellschaftlichen Trägers mit einer Sicherheitsbehörde durchaus eine Schwelle für VPN darstellen, wenn es um den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zu Betroffenen geht. Diese Problematik wurde auch von den Teilnehmenden angemerkt. VPN erscheine in den Darstellungen eher als eine Art "verlängerter Arm der Polizei" und nicht als eigenständig. Verena Raatz merkte dazu an, dass sich die Betroffenen durch die Transparenz des Verhältnisses zum LKA von Beginn an darüber bewusst seien, dass Informationen eventuell weitergegeben werden müssten. Viele Teilnehmende des Workshops kritisierten die Zeugeninformationspflicht von Beratern in diesem Zusammenhang stark, da dies das Beratungsverhältnis stark belasten könnte.

Workshop 4: Islamistische Propaganda im Netz

Siehe Arbeitsgruppenphase I

Abschlussgespräch: Prävention im Rampenlicht

Den Abschluss der Tagung gestaltete die Islamwissenschaftlerin Marfa Heimbach im Dialog mit der Theaterdramaturgin Judith Weißenborn. Weißenborn ist beim Jungen Schauspiel Düsseldorf engagiert und wirkt aktuell an der Inszenierung von "Paradies" mit. Das Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz handelt von Hamid. Es spielt in der Nacht vor Hamids erstem Terroranschlag. Der junge Mann soll einen anderen mit einem Messer töten. Aber Hamid ist aufgeregt und eine Stunde zu früh am vermeintlichen Tatort. Hier setzt das Stück ein. Hamids Leben zieht noch einmal an ihm vorbei: erlebte Urlaube mit der Familie, Gespräche und Auseinandersetzungen.

Kann Theater Prävention? Mit dieser Frage startete Marfa Heimbach in das Gespräch mit der Dramaturgin. "Aus meiner Sicht ja, klar!" entgegnete die. "Paradies" sei der Versuch sich dem Islamismus anzunähern. Es gebe aber auch zahlreiche Angebote des Theaters mit einer anderen thematischen Schwerpunktsetzung. Gleich seien jedoch bei allen Inszenierungen die sich an die Vorführungen obligatorisch anschließenden Gesprächsrunden zwischen Schauspielern, Dramaturgen, Publikum und Theaterpädagogen. Die jeweilige Inszenierung würde für diese Gespräche die Grundlage schaffen und das Theater einen Schutzraum bieten, in dem alles gesagt werden darf – falsche Meinungen gebe es nicht. Das sei "Primärprävention", erklärte Weißenborn. Mit klassischen Fragerunden mit den Schauspielern dürfte das Format nicht verwechselt werden: "Oft sind es auch die Darsteller, die Fragen an das Publikum richten, wie sie die Inszenierung erlebt hätten".

Ob im Kontext von Terror, Radikalisierung und Unglück überhaupt gelacht werden sollte, wollte Marfa Heimbach außerdem von der Dramaturgin wissen, immerhin sei das Stück an vielen Stellen sehr lustig. "Unbedingt", meinte Weißenborn. Mina Salehpour, die Regisseurin von "Paradies" sage selber, das Stück genau dafür inszeniert zu haben: Um Lachen zu erzeugen, berichtete Weißenborn. Lachen helfe dabei Hemmschwellen zu überwinden und Humor helfe generell dabei schwer zugängliche Themen anzugehen: "Mit Lachen kommt man ins Gespräch."

Marfa Heimbach sprach dazu das Beispiel Linda W. an, das bereits am Morgen im Vortrag von Klaus Hummel und zuvor von Hanne Wurzel aufgegriffen wurde: Bei Linda W. habe auch die Unfähigkeit miteinander zu sprechen zu einer tragischen Radikalisierung geführt. Eine "emotionale Öffnung" habe nicht mehr stattgefunden. Theater könne aber genau das leisten. Weißenborn unterstütze die Einschätzung und betonte die vielfältigen Möglichkeiten des Theaters in der Arbeit mit Bildern, die immer stärker seien als Worte. Und am Beispiel des Jungen Schauspiels Düsseldorf käme dann auch noch der Raum zur Aussprache hinzu.

Und Kritik? An der Darstellungsform etwa? Immerhin würde ein im Stück auftretender Imam von einer Schauspielerin mit rosa Bart gespielt, kommentierte Heimbach ihre Frage. Natürlich gebe es das, sagte die Dramaturgin. Einmal habe eine Gruppe von Imamen empört das Theater verlassen, mitten im Stück. Aber das sei eine Ausnahme gewesen, die meisten Besucher reagierten sehr positiv. Im Gespräch mit dem Publikum würde Kritik dieser Art sogar oft von den Zuschauern selbst zurückgewiesen: Nicht ein Imam sei hier dargestellt worden, sondern ein Hassprediger. Und den dürfe man, müsse man sogar lächerlich machen. Generell sei ihre Erfahrung, dass insbesondere muslimische Jugendliche kein Problem mit der Darstellungsform hätten und ausgesprochen positiv reagierten. Das hinge, erklärte Weißenborn, sicher auch mit der Art der Inszenierung zusammen. Als Theater hätten sie versucht das Thema so auszuarbeiten, dass deutlich wird, was faszinierend an radikalen Ideologien sein kann. Dafür habe man auch einen besonderen künstlerischen Ansatz gewählt: den eigentlichen Zuschauerraum abgehängt, das Publikum auf die Bühne geholt und eben diese Bühne in einen Club verwandelt, in dem sich dann auch die Zuschauer befinden. Durch durchlaufende Beats entstehe zudem eine reelle Clubatmosphäre, die gerade eben auch anziehend auf junge Menschen wirkt.

Zum Abschluss appellierte Marfa Heimbach zweifach an die Teilnehmenden der Fachtagung: Zum einen sollte jeder nach Möglichkeit die Inszenierung in Düsseldorf besuchen. Und zum anderen: in der eigenen Stadt und bei der Arbeit prüfen, ob es schon Kontakte zu den jeweiligen Theatern vor Ort gebe und ob sich auch vor Ort Modelle zur Kooperation entwickeln ließen. Denn Theater sei ein effektiver Weg der Präventionsarbeit, nicht nur im Bereich des Salafismus.
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