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27.5.2018

Gelebte Religion

Professor Riem Spielhaus.


Vor diesem Hintergrund der diversen Facetten eines diskutierten Religionsverständnisses ist ein Diskurs beobachtbar, der entlang zweier Linien geführt wird: erstens die Rolle von Religion im öffentlichen Raum und zweitens erlebte und gelebte Religion im Alltag der Menschen. Letzteres zeigt, dass vor allem die Begegnung mit Menschen anderer Hintergründe, insbesondere im urbanen Raum, zum Alltag gehört, wie Frau Prof. Spielhaus [1] in ihrem Vortrag anmerkte. Vor allem junge Menschen wachsen mit einer großen Selbstverständlichkeit gegenüber Diversität auf. Andersgläubige Menschen sind ihnen nicht fremd. Dies ereignet sich in einem staatlichen Rahmen, der eine Gesetzgebung hat, die religionsfreundlich ist und das Ausüben der Religionsfreiheit sowohl gewährleistet als auch schützt. Gleichzeitig findet eine Debatte darüber statt, wieviel Religionsvielfalt mit dem Werteverständnis in Deutschlands verträglich ist. Dies zeigte Prof. Heiner Bielefeldt [2] in seinem Vortrag mit der provokanten Frage "Religionsfreiheit in Deutschland: gibt’s da ein Problem?" auf. Daher wird im Folgenden entlang dieser beiden Linien versucht, das derzeitige Klima um Religion und Religionspluralismus in der deutschen Gesellschaft zusammenzufassen.

2.1. Religion im öffentlichen Raum

Die Etablierung der Säkularisierung in Europa steht oft stellvertretend für die Beziehung zwischen dem öffentlichen Raum und der Religion. Hierbei wird der öffentliche Raum sowohl als der staatliche und juristische als auch der rein gesellschaftliche, nicht private Raum gesehen und oft vermischt. Religion hat in dieser Vorstellung ihren Platz im Privaten. Prof. Riem Spielhaus sprach in ihrem Vortrag von "Säkularitäten", da es unterschiedliche Verständnisse davon gibt, was Säkularität bedeutet und welche Konsequenzen daraus für das Beziehungsgeflecht zwischen Religion, Staat und öffentlicher Raum entstehen. Frau Spielhaus erwähnte vier Arten: 1) die Kontrolle der Religion über den Staat oder umgekehrt, 2) Kooperation zwischen Staat und Religion, 3) Symbiose zwischen den Beiden und 4) Religionsfeindlichkeit oder Ignoranz. "Da gibt es einerseits die Vorstellung von einer engen Bindung bis zur strikten Trennung, das gedeihliche Miteinander oder das erbitterte Gegeneinander, die Respektierung des jeweils anderen Bereichs oder die spiegelbildlichen Übergriffe in denselben", wie Frau Spielhaus ausführte.

Unabhängig von der Definition wirkt das jeweilige Säkularitätsverständnis als Rahmen, sowohl für das Eigene, als auch für das Normale und das Normative des Einzelnen, der Gesellschaft und ihrer Institutionen. Losgelöst von der genauen Ausgestaltung der Säkularität eines Staates, wird diese Form der Beziehung als Normalität empfunden und wirkt damit normativ. Durch diese Norm wird der Einfluss der Mehrheitsreligion auf die Kultur nicht mehr wahrgenommen. Innerhalb dieses geographisch begrenzten Rahmens entsteht dadurch der fragwürdige Eindruck, dass alle anderen Religionen nicht zu diesem Kulturkreis gehören. Die Entwicklung der Wissenschaften in der Frühzeit des Islams, auf der medizinische Erkenntnisse aufbauen, die Einführung der arabischen Zahlen in die Mathematik ebenso wie der Ausdruck von Religiosität in der Architektur zeigen jedoch neben vielen anderen Beispielen, dass unterschiedliche Religionen universellen Einfluss auf zahlreiche Kulturkreise hatten (s. Vortrag Daniel Bax). Die Konfrontation mit anderen Religionen, aktuell auch verstärkt durch Geflüchtete, hilft Bürgern in unserem Land, den Einfluss von Religion auf die deutsche Kultur zu erkennen, da viele religiös beeinflusste, aber scheinbar säkulare Gewohnheiten derart zur Normalität geworden sind, dass sie als solche nicht mehr auffallen. Woher kommt es eigentlich, dass Sonntag ein Ruhetag ist? Gehört der schöne Dom oder die Kirche einfach zum gewöhnlichen Stadtbild? An anderer Stelle sprach Herr Prof. Bielefeldt vom Empfinden des Glockenläutens als der normale und vielleicht einzige Ausdruck für den Ruf zum Gebet und Gottesdienst, der im Zweifel jedoch ebenfalls so kulturalisiert ist, dass er schon lange nicht mehr mit seiner ursprünglichen Intention wahrgenommen wird. Im Gegensatz dazu werden religiöse Traditionen, Symbole und Riten anderer Religionen außerhalb der Mehrheitsreligion jedoch oft nicht als Ausdruck von Kultur verstanden. Zusätzlich konnotiert man diese stark religiös, ungeachtet der Möglichkeit, dass gewisse Traditionen, Symbole und Riten ebenso das Ergebnis von religiösen Kulturalisierungsprozessen sein können. Müssen damit Religionen geographisch verortbar und statisch verankert sein um kulturell dazu zu gehören und Einfluss auszuüben? Oder ist ein übergeordneter Einfluss von Religion im vielfältigen Ausdruck der verschiedenen Religionen auf Kultur spürbar? Welche Sinne und Art der Wahrnehmung sollten geschärft werden, um den pluralen Einfluss von Religion auf Kultur zu erkennen, wertzuschätzen und auch aktiv in die Gestaltung von Umfeldern und damit Kultur mit einzubeziehen?

Die Normalität im öffentlichen Raum als etwas Statisches, Abgegrenztes zu sehen, speist sich aus den oben genannten Punkten und birgt in der heutigen Zeit neue Formen der Ausgrenzung, wie Prof. Heiner Bielefeldt in seiner Rede adressierte. Cuius regio, eius religio, die Territorialisierung und Verortung von Religion ist eine einseitige Sichtweise und macht nicht den Kern einer Religion aus. Vielmehr befeuert sie die Ab-und Ausgrenzung von anderen, vermeintlich Anders- und Nicht-gläubigen. Im Kontext der Reformation entstanden auch solche Begrifflichkeiten wie "das Abendland", welches eine Verortung suggeriert, jedoch bei näherem Hinsehen eine Gruppe beschreibt, die sich einer Konfession oder einem Wertekodex verschrieben hat. Über die Geschichte hinweg hat sich die Lokalisierung des sogenannten ‚Abendlandes‘ verschoben und auch an der einen oder anderen Stelle erweitert, wie Daniel Bax, Redakteur bei der Tageszeitung die "taz", in seinem Vortrag beschrieb – so auch beispielsweise in der aktuellen Rhetorik rechtspopulistischer Strömungen, deren Verständnis von Abendland sich vom osteuropäischen Raum, wie bspw. Ungarn, über Polen, Westeuropa bis hin nach Nordamerika zieht. Damit stellt sich die weitere Frage, auf welche Weise ein abgegrenzter Raum, wie z.B. ein Nationalstaat, offene, plurale Strukturen schaffen kann.

In einer seiner fünf postulierten Thesen sprach Thomas Krüger [3], Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, über die Rolle der Religion in der Schaffung eines freiheitlich demokratischen Staatsverständnisses, indem er Böckenförde zitierte: "Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her aus der moralischen Substanz des Einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, d.h. mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben." Eine Ordnung der Freiheit setzt daher voraus, dass ihre Bürger Freiheit verantwortlich ausgestalten. Dafür bedarf es grundlegender gemeinsamer Werte und Orientierung. Nicht wenige Menschen sehen in Religion zurecht eine wichtige Basis für Werteorientierung, führte Krüger weiter aus.

Die Zeit habe gezeigt, dass die "Hypothese zunehmender Säkularisierung, Religion in ihre Schranken zu weisen, widerlegt werden kann", wie Thomas Krüger bei der Veranstaltung sagte. Weiter wies er darauf hin, wie Heidegger bereits feststellte, dass an den Stellen, wo die wissenschaftlich-technische Beherrschbarkeit durch aufgeklärte Menschen scheiterte, man wieder auf die ‚Magie‘ zurückgriff – eine Wiederverzauberung der Welt. Religion jedoch, wie so häufig in säkularen Gesellschaften, von Marktwirtschaft, Rechtswissenschaft und Wissenschaft und damit Logik und Vernunft abzugrenzen, sei konstruiert, wie der Religionssoziologe José Casanova im Rahmen der "W. Michael Blumenthal Lecture" im jüdischen Museum zu Berlin erklärte.

Anknüpfend an den obigen Punkt, dass Religion nicht lokalisierbar und verortbar ist, stellt sich die Frage nach der Rolle und Ausgestaltung von Religion in einem pluralen Kontext. Durch Migration hat sich auch der öffentliche Raum weiterentwickelt und verändert. Menschen unterschiedlicher kultureller, religiöser und ethnischer Prägung leben in Deutschland und haben vor allem in den folgenden Generationen ein Selbstverständnis als Deutsche, auch wenn sie einer nicht-christlichen Religion angehören, wie Aydan Özoğuz [4] betonte. Gesprächsbereitschaft und Dialogfähigkeit sind Grundvoraussetzungen im pluralen Miteinander, um Exklusivitätsansprüchen und statischen Kulturverständnissen, die ein Konflikt- und Gewaltpotenzial bergen, entgegenzuwirken. Hierzu sah Krüger u.a. die politische Bildung in der Verantwortung. Daher ist hierbei die Rolle des Staates, Religions- und Weltanschauungsfreiheit zu schaffen und kontinuierlich zu gewährleisten, eine wichtige Grundlage. Der Religionssoziologe José Casanova beschrieb vor kurzem die Aufgaben des säkularen Staates folgendermaßen: Der Staat sei 1. kein Religionskritiker, d.h. keine Religion darf aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Er habe 2. eine neutrale Distanz und Respekt für alle Weltanschauungen zu wahren. Der Staat hat keinerlei theologische Kompetenz, um religiöse Wahrheitsfragen zu entscheiden, erläuterte Krüger. Abstand und Distanz des Staates gegenüber Religionsgemeinschaften bedeutet nicht Ignoranz, Gleichgültigkeit oder Beziehungslosigkeit, ergänzte Prof. Bielefeld, sondern ganz im Gegenteil die intensive Beschäftigung des Staates mit Religion(en), da diese ein Bestandteil der Gesellschaft sind und damit der Aufmerksamkeit des Staates bedürfen. Thomas Krüger fuhr fort: "Der Staat habe 3. die Aufgabe, Minderheiten zu schützen und sie trotz des Mehrheitsprinzips in repräsentativen Demokratien nicht dem Diktat der Mehrheit zu überlassen. Der Staat sichert also den Entfaltungsspielraum der Religionen erst, indem er den exklusiven Charakter der Religionen in seine Schranken weist. Dabei ist der religiöse Resonanzboden unserer Gesellschaft vielfältiger denn je. Andersgläubige haben denselben Anspruch wie Nicht- oder Nicht-mehr-glaubende, so die Verfassungstheorie. Dass dieser Anspruch in der Realität nicht konfliktfrei umgesetzt werden kann, hat sich immer wieder gezeigt. Der Rückzug des Staates aus dem Streit um religiöse Wahrheit geschah schrittweise, wie wir wissen. Er ermöglichte aber zugleich Religionsfreiheit und Religionsfrieden."

Dies wirft einige weiterführende Fragen auf: Welcher Art soll der Einfluss von Religion im öffentlichen Raum religionspluraler Gesellschaften sein? Was an Religion soll gefördert werden, so dass sie ihre Absicht und Bestimmung als Beitrag zur gesellschaftlichen Kohäsion erfüllt? Wie sieht sich eine Gesamtgesellschaft für diesen Prozess verantwortlich, egal welchen Glaubens? Welche Erkenntnisse trägt Religion in Entscheidungsprozessen bei, ohne einen ausschließenden und rein auf Eigeninteressen gerichteten Charakter zu haben?

2.2. Religion im Alltag

Wie begegnet uns Religion und Religionspluralismus im alltäglichen Leben? Im Bereich der Schulbildung, womit sich Riem Spielhaus eingehend beschäftigte, werden die Lernenden und Lehrenden alltäglich mit dem Thema Religionsvielfalt konfrontiert. Ein elementarer Bestandteil einer Schule und eines Lehrplans ist das Schulbuch. Wie soll Religionspluralismus nun in Schulbüchern adressiert werden? Die Schule soll, laut Beschluss der Kultusministerkonferenz, die Vielfalt der Religionen als Normalität und Potential einer Gesellschaft wahrnehmen. In den heutigen deutschen Klassenzimmern ist es mittlerweile alltäglich, dass Kinder verschiedenster Kulturen und Religionen zusammentreffen, gemeinsam lernen und sich anfreunden. Das Zusammentreffen dieser Kulturen wird oft positiv und sehr vielfältig dargestellt. Bei dem Thema Religionspluralismus hingegen stößt Frau Spielhaus noch oft auf verzerrte, ungenaue und einseitige Darstellungen. So wird noch häufig das Bild vermittelt, dass Muslime, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, nicht aus Deutschland, sondern aus dem Land ihrer Eltern oder Vorfahren kommen. Oder es wird geschrieben, dass das Zuckerfest ein Fest sei, das in der Türkei gefeiert wird, dabei ist es ein religiöses Fest, das von der weltweiten muslimischen Gemeinde gefeiert wird. Außerdem werden oft nur die am stärksten vertretenen Religionen in Deutschland beschrieben: Judentum, Christentum und Islam. Religiöse Minderheiten finden hier noch nicht ausreichend Platz. Es gibt heute 150 Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften mit jeweils mindestens 1000 Mitgliedern in Deutschland, also weit mehr als die drei größten Religionsgruppen. All diese tragen zu einer gesellschaftlichen Vielfalt bei, in der wir "alle gemeinsam Lernende oder alle gemeinsam Gestaltende für dieses Zusammenleben […]" sind, wie Spielhaus betonte. Gesellschaftliche Vielfalt und wie diese betrachtet, erzählt und erklärt wird, ist nicht etwas, das von Lehrern entwickelt werden muss, sondern durch eine gemeinsame Vision in Deutschland - von Mehrheiten und sichtbaren Gruppen, von Minderheiten und nicht so sichtbaren, aber zu Deutschland gehörenden Gruppen. Eine Vision, mit denen die Menschen unterschiedlichster Religions- und Kulturhintergründe einverstanden sind und die von allen mitgetragen wird.

Eine Einteilung von Menschen alleinig nach religiös und nicht-religiös ist einschränkend und eindimensional in Bezug auf Glaubensfragen. Religiosität drückt sich sehr individuell und vielfältig aus. "Religionsfragen sind nicht nur Fragen, entweder glauben oder nicht glauben, das sind Grenzfälle. Die Realität ist viel komplexer", so Heiner Bielefeldt. Jeder hat einen anderen Zugang zu Religion. Auch innerhalb einer Glaubensgemeinschaft drückt jeder seinen Glauben anders aus. Hier kann zwischen zwei Ebenen unterschieden werden. Einerseits gibt es festgeschriebene Normen und Gebote einer Religion, die auf unterschiedliche Weisen umgesetzt und gelebt werden, und andererseits gibt es die persönliche Beziehung zur Religion. Hier sind verschiedene Modi des Verhaltens sichtbar. Es gibt bspw. die Suchenden, Fragenden, Skeptischen, Neugierigen, oder die traditionellen Modi des Betens und Fastens und auch die gänzliche Absage von Religion. So ist der Austritt aus einer Kirche oder anderen religiösen Institution noch kein Indiz dafür, dass diese Menschen weniger religiös sind. Auch die Intensitäten im Ausleben des Glaubens sind sehr unterschiedlich und zugleich nichts Statisches. So erklärt Heiner Bielefeldt: "[…] der Mensch ist ein komplexes Wesen und Religion eine unverzichtbare Dimension."

Religion hat zudem einen erheblichen Einfluss auf die deutsche Kultur. Das ist derart selbstverständlich geworden, dass es den meisten Menschen in Deutschland nicht mehr auffällt, wie sowohl Bax und Spielhaus anmerkten. Jetzt jedoch, da die deutsche Gesellschaft zunehmend durch die Integration der Geflüchteten mit neuen Kulturen und Religionen konfrontiert wird, kommt dieser Einfluss verstärkt zum Vorschein. Es entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen dem gewohnten christlichen Einfluss und den Einflüssen anderer Religionen. Viele haben nun Angst, aus ihrer eigenen Identität entwurzelt zu werden. Davon scheinen einige nicht beachten zu wollen, dass Kultur nicht statisch sein muss. Bax betonte, dass es bereits seit einer sehr langen Zeit einen Austausch zwischen den Kulturen gibt und sie deswegen keinen klar abgrenzbaren Raum mehr haben (siehe oben Bespiele zur Entwicklung der Wissenschaften und Architekturkunst). Das scheinen viele nicht zu beachten, wie er weiter ausführte. Einige Menschen schließen sich aktuell zusammen, um das christlich-abendländische Kulturerbe zu schützen. Das hat allerdings zur Folge, dass Minderheiten ausgegrenzt werden. Wie real ist der Verlust der althergebrachten Kultur? Bedeutet die Integration anderer Kulturen, dass der Einzelne seiner Identität beraubt wird? Was bedeutet die Integration anderer Kulturen vor dem Hintergrund einer gemeinsam aufgebauten, sich stetig weiterentwickelnden Vision, wie von Frau Spielhaus angesprochen? Wie wäre ein gesellschaftlicher Zusammenhalt und Fortschritt möglich, wenn Kultur seit Anbeginn immer gleichbleibend wäre? Was sind die Chancen einer sich verändernden Kultur für den Fortschritt und die Entfaltung des Einzelnen? Wie können wir gemeinsam an einer Kultur arbeiten, in der sich jeder dazu gehörig und wohl fühlt? Wie könnte hier Religion Teil der Lösung sein?

Religion ist auch ein Antrieb für gesellschaftliches und damit religionsübergreifendes Engagement. In diesem Engagement kann jeder einen wertvollen Beitrag leisten. Aydan Özoğuz berichtete über die Arbeit in der Flüchtlingshilfe: "Wir haben uns sehr in der Flüchtlingshilfe engagiert, weil ich glaube, dass das unsere Gesellschaft ein Stück weit stabil hält. Wenn Menschen helfen, helfen sie ja anderen, aber auch sich selbst." Bei solchen Projekten waren die unterschiedlichsten Vereine und religiösen Institutionen beteiligt. Gesellschaftliches Engagement wirkt wie ein Magnet, der Menschen aus den unterschiedlichsten Hintergründen zusammenbringt und an einer gemeinsamen Sache, der selbstlosen Hilfe an anderen/am Nächsten, arbeiten lässt. In diesem Kontext ist es unerheblich, welcher Religion oder Kultur jemand angehört. Wenn hierbei Religion nun als Erkenntnisquelle herangezogen wird, da sie alle Menschen mit einbezieht, dann findet sich der Aspekt der Nächstenliebe und des Dienstes an den Mitmenschen in nahezu allen Religionen wieder. Dadurch scheint sie es zum Leben und Wesen eines jeden Menschen dazu zu gehören. Sie ermöglicht es ihm, sich diese Attribute anzueignen um zum Gemeinwohl beizutragen. Das Engagement stärkt sowohl den Zusammenhalt in einer Gesellschaft als auch den eigenen Charakter.

Besondere Hoffnung hegte Özoğuz gegenüber den jungen Menschen. Für die jüngere Generation ist Religionspluralismus normal geworden. Für sie ist es weitaus ungewohnter, pauschale Aussagen über religiöse Gruppen zu treffen, da sie bereits viele dieser Menschen kennen und wissen, dass sie alle verschieden sind. Trotzdem sehen sich die jungen Menschen mit Religionspluralismus und seinen Chancen und Herausforderungen weiterhin konfrontiert und führen diesen Diskurs weiter. Jedoch soll der Diskurs nicht für Spaltung sorgen; die Jugend möchte vielmehr Konflikte ansprechen und trotzdem mit diesen Menschen zusammenbleiben, um gemeinsam eine Lösung zu finden – eine Verhaltensweise und Tonalität, die hoffnungsbringend für Deutschland ist. Welche kulturellen Hindernisse hat die Jugend bereits überwunden, die es erleichtern, Religionspluralität als Normalität wahrzunehmen? Wie kann die Gesamtgesellschaft davon lernen und darauf aufbauen?

Fußnoten

1.
Vortrag "Religion, Identität, Motivation zum Handeln – ein dynamischer Prozess" von Prof. Dr. Riem Spielhaus
2.
Vortrag "Religionsfreiheit als Orientierung" von Prof. Dr. Heiner Bielefeldt
3.
Vortrag "Das Potenzial von Religion zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem säkularen Staat" von Thomas Krüger
4.
Grußworte Staatsministerin Aydan Özoğuz als Schirmherrin der Veranstaltung
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