zurück 
2.5.2019

Real-Life oder alles nur Fake?

Jugendliche durchleuchten und erleben, wie Verschwörungstheorien funktionieren

"Bielefeld gibt‘s doch gar nicht!" – Als der Student Achim Held erstmals die Story um seine frei erfundene "Bielefeld-Verschwörung" 1994 ins Netz stellte, diskutierte wenig später halb Deutschland darüber. Vom 29.03 bis 31.03 debattierten Jugendliche im Rahmen der Tagung "Real-Life oder alles nur Fake?" über Verschwörungstheorien und wie sie zustande kommen.

Seminarteilnehmer beim Verschwörungstheorienquiz. (© bpb)


Zahlreiche Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren sind aus ganz Deutschland angereist, um sich mit den großen Verschwörungstheorien der Geschichte und der Gegenwart auseinander zu setzen. Mitten im Teutoburger Wald, am Rande von Bielefeld, nach einem gemeinsamen Abendessen, beginnt die Fachtagung mit einer Begrüßung (Viola Röser/bpb) in großer Runde.

Souverän und in lockerer Atmosphäre führen die Moderatorin Maral Bazargani (ZDF, Mainz) und der Moderator Johannes Kuber (RWTH Aachen) durch den Abend. Sie animieren die Teilnehmenden zum Kennenlernen und kommen dann zum ersten Höhepunkt: einem interaktiven und spannenden Verschwörungstheorienquiz.

Verschwörungstheorien folgen immer dem gleichen Muster

So lässt sich spielerisch leicht ein erster Bogen spannen von den Reichsbürgern und Reptiloiden über die Anschläge von 9/11 und sogenannte Chemtrails bis hin zu den "Protokollen der Weisen von Zion". Im Laufe des Quiz wird ganz nebenbei der theoretische Grundstein für die gesamte Tagung gelegt. Laut dem amerikanischen Politikwissenschaftler Michael Barkun zeichnen sich Verschwörungstheorien durch folgende Aspekte aus:
  1. Nichts geschieht durch Zufall,
  2. Nichts ist, wie es scheint und
  3. Alles ist miteinander verbunden.
Bei realen Ereignissen wie dem NSA-Skandal um global überwachte Telekommunikationskanäle kann man eher von einer Affäre als von einer Verschwörung oder gar einer Verschwörungstheorie sprechen, da es dabei offensichtlich um amerikanische Interessen ging und nicht um die Verfolgung geheimer Ziele der NSA. Auch Schätzfragen kommen vor: Wer hätte gedacht, dass einer Studie der Universität Mainz aus dem Jahr 2016 zufolge 25 % der Deutschen an eine Verschwörung hinter Lady Dianas Tod glauben? Dass 15 % der Meinung sind, Ebola sei kein natürlich auftretendes Virus, sondern ein Biowaffenprojekt der USA? Und dass die Mondlandung für 17 % der befragten Deutschen niemals stattgefunden hat? Das Ratespiel öffnet den Teilnehmerinnen und Teilnehmern spätestens in dem Moment die Augen für die eigene Gegenwart, als herauskommt, dass 9 % bei der Befragung angaben, an eine von der Regierung gewollte unkontrollierte Flüchtlingszuwanderung zur Abschaffung der deutschen Bevölkerung zu glauben.

 Die Jugendlichen treffen mit dem Bus im Haus Neuland ein. Und schnell noch einen Workshop auswählen. Diesmal gab es Tagungsturnbeutel. Viola Röser (bpb) begrüßt die Teilnehmenden. Maral Bazargani (ZDF) und Johannes Kuber (RWTH Aachen) moderieren die Jugendfachtagung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erzählen von sich. Beim Verschwörungstheorienquiz und weiteren Spielen lernt man sich besser kennen. In den Eröffnungsworkshops basteln die 16- bis 20-Jährigen eigene Verschwörungstheorien… ...und präsentieren so zum Beispiel die "Katzenmenschen-Verschwörungstheorie". Michael Butter (Universität Tübingen) hält den Eröffnungsvortrag über Merkmale von Verschwörungstheorien. Nach dem Zuhören werden Fragen gestellt und gemeinsam diskutiert. Im "Lügenpresse" Workshop wird natürlich mit Tablets gearbeitet. Wie kann man mit Verschwörungstheorien umgehen? Das probieren die Jugendlichen im Reaktionstraining selber aus. Claus Oberhauser (Universität Innsbruck) löst die Rätsel um Freimaurer und Illuminaten. Rapper Juse Ju "durchschaut das große Spiel" in seinen Songs. Die Party ist in vollem Gange. Zeit für eine Exkursion zu einem realen Ort, der mit Verschwörungstheorien in Verbindung steht... Es geht zur Wewelsburg, die von Heinrich Himmler einst als Zentrum der SS auserkoren wurde. Beim Gewinnspiel der gebastelten Verschwörungstheorien gewinnt "Die Feministische Weltverschwörung". Poetry Slammer Dominik Erhard präsentiert zum Abschluss seinen Slam zu Verschwörungstheorien.


Wem nützt eine bestimmte Theorie?

Auch der zweite Tag beginnt mit kreativer Zusammenarbeit. In sechs parallel laufenden Workshops sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter professioneller Anleitung der Teamenden von Bildungsbausteine e. V. (Berlin) ihre eigenen Verschwörungstheorien basteln. Die besten Vorschläge aus jeder Gruppe werden gesammelt und für alle zu einer finalen Abstimmung ausgehängt. Danach geht es weiter mit einem Vortrag von Michael Butter (Universität Tübingen). Er erläutert und vertieft die Thesen von Michael Barkun anhand von drei Fragen: Was ist eine Verschwörungstheorie? Wie argumentieren Verschwörungstheorien? Und wie unterscheiden sie sich von anderen Theorien? Immer werde die Welt in Gut und Böse eingeteilt und meist wirke eine unsichtbare Macht (z. B. eine globale Finanz-Eilte), die angeblich im Hintergrund die Fäden ziehe. Daher sei es ratsam, sich die "Cui bono?"-Frage zu stellen: Wem nützt eine bestimmte Theorie? Wessen Interessen werden mit ihr bedient? Auch Expertinnen und Experten sollte man in diesem Zusammenhang hinterfragen und auf ihren Status überprüfen, denn es sei typisch für Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretiker, sich auf vermeintlich wissenschaftliche Belege im Netz zu berufen.

Emotionales Reaktionstraining für den Alltag

Im Anschluss daran spricht Jakob Baier über Verschwörungstheorien im deutschen Gangsta-Rap und am Nachmittag gibt es die Gelegenheit, in sechs verschiedenen Workshops einige der aktuell kursierenden Verschwörungstheorien näher kennen zu lernen. Darunter "Chemtrails", antisemitische Verschwörungstheorien, "Reichsbürger", Verschwörungstheorien über die 9/11-Anschläge, "Lügenpresse" und "Der große Austausch". Angeleitet von Referentinnen und Referenten wie Sebastian Bartoschek, Tobias Ginsburg, Katharina Kleinen von Königslöw, Jan Rathje und Karolin Schwarz tauchen die Jugendlichen in die Welt der Verschwörungstheorien ein. Danach diskutieren sie zusammen mit Claus Oberhauser (Universität Innsbruck) über die Facts zu Illuminaten und Freimaurern und über die Fakes, also Verschwörungstheorien, die sich über Geheimgesellschaften wie diese verbreiten.

Gleich darauf das nächste Highlight: Gemeinsam mit den erfahrenen Trainerinnen und Trainern von Gegen Vergessen – Für Demokratie e. V. teilen die Jugendlichen ihre persönlichen Erfahrungen und haben die Gelegenheit, sich im Umgang mit Verschwörungstheoretikerinnen und -theoretikern in unterschiedlichen Szenarien zu üben. Dieses Reaktionstraining hat es in sich, denn jede und jeder darf mehrmals in unterschiedliche Rollen schlüpfen. Am Ende staunen fast alle darüber, wie leicht es ist, sich in eine angebliche Verschwörung hinein zu phantasieren und wie anstrengend hingegen das skeptisch-kritische Gegenhalten und Hinterfragen ist. Beim anschließenden Kino-Event inklusive Popcornknistern geht trotz entspannter Atmosphäre die Hauptmessage des Films nicht unter, der von antisemitischen Verschwörungstheorien handelt und auf einer wahren Begebenheit beruht. Zum musikalischen Ausklang des Abends schafft Rapper Juse Ju mit Zeilen wie "Nur ich allein hab es geschafft, das große Spiel zu durchschauen" aus seinem Song "Propaganda" popkulturelle Zugänge zum Thema Verschwörungstheorien.

Feministische Weltverschwörung setzt sich durch

Der letzte Tag vergeht – wie die vorherigen – im Flug. Bei der Exkursion zur Wewelsburg werden die Teilnehmenden mit den zahlreichen Mythen und Legenden konfrontiert, die sich um die einst von Heinrich Himmler als Zentrum der SS auserkorene Burg ranken. Dazu passen die Beiträge der beiden Poetry-Slammer Josefine Berkholz und Dominik Erhard, die die Weltgeschichte als Game und Realitätsflucht thematisieren. Und die Ehrung der beliebtesten selbstgebastelten Verschwörungstheorie steht an. Durchgesetzt hat sich ganz knapp die "Feministische Weltverschwörung", die mit viel Ironie, Lachen und Applaus vom jungen Publikum aufgenommen wird.

Beim großen Finale stellen die Jugendlichen sich gegenseitig noch einmal abwechslungsreich und pointiert die Verschwörungstheorien vor, die sie in den jeweiligen Workshops bearbeitet haben. Die Teilnehmenden waren durchweg persönlich involviert und wurden mit einer integrativen Didaktik auf Augenhöhe in ihrem Alltag abgeholt. Der Theorie-Praxis-Ansatz der Tagung, für dessen Gestaltung im Vorfeld auch Jugendliche einbezogen wurden, scheint aufgegangen zu sein. Die Konfrontation mit den vielen Impulsen und Meinungen anderer hat so gut wie jede und jeden zum Nachdenken und zur intensiveren Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft angeregt. Am Ende geht es dann schnell mit dem Bus zum Bahnhof, sicherheitshalber nach Paderborn, denn es könnte ja sein, dass Bielefeld tatsächlich nicht existiert.

Dr. Jörg Bernardy

Dr. Jörg Bernardy

Dr. Jörg Bernardy ist freier Autor, Philosoph und Dozent.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln