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30.10.2019

Antisemitismus(kritik) in der Migrationsgesellschaft

Prof. Dr. Karim Fereidooni, Ruhr-Universität, Bochum (© Peter-Paul Weiler)


Antisemitismus, so der Referent zu Beginn seines Vortrags, lasse sich nicht mit Gefühlen erklären, auch wenn er vermehrt mit einer behaupteten Gefühlslage zu legitimieren versucht wird. Der deutsche Philosoph und Soziologie Theodor Adorno bezeichnete es als einen Trick von Antisemiten, sich als Verfolgte darzustellen und sich zu verhalten, als würde die öffentliche Meinung antisemitische Äußerungen unmöglich machen. Hierbei findet also eine Täter-Opfer-Umkehrung statt: Die Selbststilisierung als Opfer ermögliche eine kritische Position gegenüber der Demokratie und den Medien. Der Antisemitismus biete allen, die sich antisemitisch äußern, ein Selbstbild an, welches gekennzeichnet ist durch Ehrlichkeit und Offenheit, Fleiß und Gerechtigkeit. Diese Eigenschaften unterscheide sie von "den Juden". Gegenwärtig seien antisemitische Äußerungen in die rechtspopulistische Forderung nach einem Schlussstrich unter die deutsche Erinnerungskultur einzuordnen. Auch hier finde eine Täter-Opfer-Umkehr statt: Die eigene Geschichte kann auf einen anderen Akteur (Israel / antiisraelischer Antisemitismus) verlagert werden, der angeblich wiederholt, was Deutschland nie zu wiederholen versprochen hat. In diesem Zusammenhang wird Migrantinnen und Migranten das Defizit eines fehlenden biografischen Bezugs zur "Täternachfolgeschaft" vorgeworfen: Sie haben nicht die gleichen, die nationale Identität betreffenden Aufarbeitungsprozesse mitgemacht und werden außerhalb dieser national-kulturellen Gemeinschaft positioniert. Deutsche mit Migrationshintergrund werden als grundsätzlich "anders" im Umgang mit dem Nationalsozialismus betrachtet. Prof. Fereidooni fordert, dass die politische Bildung Zugänge zu differenziertem Geschichtswissen anbieten müsse, die für alle offen sind und die nicht auf unterstellten Defiziten Migrantinnen und Migranten aufbauen. Ein Mangel an Perspektivwechseln begleite alle gegenwärtigen Versuche, Rassismus und Antisemitismus zu thematisieren. In Anlehnung an den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Dr. Felix Klein, fordert Prof. Fereidooni für die antisemitismuskritische Bildungsarbeit eine "subjektorientierte Perspektive", die Antisemitismus nicht sozialpsychologisch auf "Judenhass" verengt, sondern subjektiven Erfahrungen Raum lässt.  
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