zurück 
3.2.2020

Russland hinter Gittern

Es ist schon dunkel, als unser Bus gegen 18:00 Uhr in Jaroslawl parkt. Wir haben bereits einen langen Tag hinter uns: Besuch in der deutschen Botschaft am Morgen, mehrere Stunden Fahrt, in denen die russische Herbstlandschaft an uns vorbei rauschte und ein Treffen mit Vereinsvertretern von Klein- und Mittelunternehmen, die uns einen Einblick in die Lebenswirklichkeit russischer Kleinstädte gegeben haben. Doch der Termin in Jaroslawl sollte das Treffen der Reise werden, das vielen womöglich am längsten in Erinnerung bleiben wird und viele tief bewegte.

Wir treffen die ehemaligen Häftlinge Ruslan Wachapow und Alexandr in einem Raum, der gefüllt ist mit Paketen, die ihr Verein an Gefangene schickt. Alexandr ist knapp über 40 Jahre alt und saß fast sein ganzes Leben als Erwachsener im Gefängnis, mehr als 20 Jahre. Die Jahre sind nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Er ist hager, seine Hüftknochen scheinen durch die Jeans durch. Er spricht wenig und hört die meiste Zeit seinem Kollegen Ruslan zu. Ruslan erzählt von den grausamen Haftbedingungen in russischen Gefängnissen.

Alexandr, links, saß 20 Jahre im Gefängnis. Er will nicht sagen warum. Mord sei es nicht gewesen. Ruslan Wachaparow, rechts, möchte den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte auf die Situation in russischen Gefängnissen aufmerksam machen. (© Elena Kuch)


"Wir haben in drei Schichten geschlafen", so Ruslan, auf Matten durchtränkt von Schweiß. Anders ging es nicht in den zwei Zellen für 170 Mann. "Ich habe zum ersten Mal gesehen, dass man im Stehen schlafen kann", ergänzt Alexandr. Den Geruch in dem Gefängnistrakt kann und will man sich als Zuhörer nicht vorstellen. Vier Duschbrausen für 1500 Häftlinge, vier Metalleimer als Toiletten – keine Trennwände und nur eine Rolle Toilettenpapier für jeden Gefangenen im Monat. Zwei Mal in der Woche hätten sie das Recht gehabt, sich zu waschen. In der Realität wären aber oft Wochen vergangen bis sie duschen durften.

Ruslan hat vor seiner Inhaftierung als Fahrer für Bauunternehmen gearbeitet und erzählt, dass ihm nach einem Konflikt vor einem Kindergarten, Kinderschändung vorgeworfen wurde. Er beteuert seine Unschuld und vermutet, dass Polizisten ihm dies andichten wollten, um ihn zu erpressen. Kein ungewöhnlicher Vorgang in Russland, bestätigen später auch andere Gesprächspartner. Die Polizisten hätten ihm angeboten, das Verfahren einzustellen, wenn er direkt an sie Geld zahle. Dagegen hat er sich gewehrt und deswegen sei sein Fall vor Gericht gelandet. Das Urteil: Fünfeinhalb Jahre Haft, davon mehr als ein Jahr in der Isolierzelle. "Im Gefängnis herrscht ein internes Gericht. Die Häftlinge haben ein gutes Fingerspitzengefühl dafür, wer ein Verbrecher ist und wer nicht. Ich wurde in Ruhe gelassen", so Ruslan. Dadurch sei er immerhin nicht von Mithäftlingen geschlagen oder vergewaltigt worden. So geht es den so genannten "Erniedrigten" in dem Kastensystem des Gefängnisses.

Die Schläge und Erniedrigungen der Gefängniswärter blieben ihm allerdings nicht erspart: "Zwei Mal im Monat verprügelt zu werden, galt als normal." Er beschreibt die Wärter als willkürlich und unberechenbar. Wenn Häftlinge Schmiergeld zahlen, und das sei Gang und Gebe, um zu überleben, würde es die Korruption nur verschlimmern, erklärt Ruslan.

Wenn Gefangene schwere Krankheiten haben, werden sie nicht akkurat behandelt. Es gebe keine medizinische Versorgung aber "man lässt sie nicht sterben", so Ruslan. Alexandr nickt. Ruslan ergänzt: "Kurz bevor sie sterben werden sie frei gelassen, damit sie draußen sterben". Das sei wohl besser für die Gefängnisstatistik.

Ruslan und Alexandr sind freigekommen. Sie haben kaputte Zähne und durch harte Arbeit im Gefängnis, unter anderem für Rüstungsunternehmen, geht es ihnen gesundheitlich nicht gut. Ruslans Knöchel seien bis heute oft schwarz geschwollen Auch nach ihrer Freilassung sind sie weiterhin unter Beobachtung. Sie werden regelmäßig kontrolliert und es ist ihnen verboten, nach 22:00 Uhr noch auf den Straßen zu sein.

Wie es ihm jetzt gehe, fragt jemand aus unserer Gruppe. Er wirke so dynamisch und fast fröhlich. "Wenn ich lächeln kann, bin ich dann gesund?" Er bekomme Panikattacken, wenn er mit fremden Kindern in einem Raum ist - aus Angst, dass ihm wieder etwas angedichtet werde. "Wenn ich Uniformierte sehe, ballen sich meine Fäuste. Bin ich dann gesund?" Er macht die Daumen hoch und sagt: "Aber alles gut." Wie es Alexandr nach 20 Jahren Haft geht, traut sich niemand zu fragen.

Elena Kuch

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln