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1.4.2020

35. und 36. bpb:forum "Da lachste: Humor als Werkzeug der politischen Bildung"

In der zweiteiligen Veranstaltungsreihe "Da lachste: Humor als Werkzeug der politischen Bildung" im September 2018 mit der Kabarettistin Idil Nun Baydar, dem Medienwissenschaftler Andreas Dörner und der extra3 Redakteurin Jasmin Wenkemann haben wir darüber gesprochen was Humor für die politische Bildung leisten kann und wie man politische Gags schreibt.

Beim 35. bpb:forum trat Idil Nuna Baydar alias Jilet Ayse im bpb:medienzentrum mit ihrem Programm "Ghettolektuell" auf. (© bpb)


Eine humoristische Politikvermittlung kann Studien zufolge politisch Desinteressierte eher erreichen als klassische Bildungsangebote. Mit politischem Humor kann Gesellschaftskritik einfacher geäußert und ein Thema aufgemacht werden. Humorvolle Elemente sind auch für die politische Bildung wertvoll, da Pointen sich durch ihr hohes Maß an Verständlichkeit auszeichnen und Gags das Potential haben die junge Zielgruppe abzuholen. Humor hat den Ruf trivial zu sein, vielleicht albern, abwertend oder oberflächlich, jedenfalls nicht geeignet für die politische Bildung. Aber wenn wir über eine überraschende Pointe lachen, passiert noch viel mehr, als dass wir uns freuen. Idil Nuna Baydar ist Kabarettistin. Ihre Kunstfiguren Jilet Ayse und Gerda Grischke sind vor allem unter jungen Menschen mit Migrationsgeschichte bekannt. Ihr Humor ist provokant. In ihrem Programm "Ghettolektuell", mit dem sie bei einem Kabarett-Abend auch das bpb:medienzentrum in Bonn Anfang September füllte, geht es um Alltagsrassismus und Klischees über Türken und Deutsche. Der selbsternannte "Integrationsalptraum" Jilet Ayse bringt das auf die Bühne, was im Fachjargon "Ethno-Comedy" heißt. Sie beschreibt rassistische Strukturen und teilt ihre Erfahrungen als Kind von Migranten mit nicht ganz so weißer Haut mit ihrem Publikum. "Was viele nicht wissen", erzählt sie, "Kant war einer der härtesten Rassisten, die wir jemals hatten... auf dieser Welt. Kant hat gesagt es gibt wertvolle Menschen und es gibt wertlose Menschen. Und das Geile ist, du erkennst sie am Aussehen! Er war ein Genie!", sagt Jilet Ayse. "Er hat gesagt, diese hochwertigen Menschen haben blonde Haare, blaue Augen und helle Haut. Also ich habe auch weiße Haut, aber … wie soll ich das erklären... mein Weiß ist so wie dieses Domäne-Weiß, kennst du das? Diese Farbe aus dem Baumarkt für 5,99 Euro? Du versuchst die Wand weiß zu machen und egal wie lange du es probierst, es wird nicht weiß? Das ist mein Weiß. Dein Weiß ist Alpina Premium!" Das überwiegend weiße Publikum lacht. Aber es macht auch Klick.

Funktionen politischen Humors

Andreas Dörner und Jasmin Wenkemann diskutierten beim 36. bpb:forum über Möglichkeiten und Grenzen politischen Humors. (© bpb)


Politischer Humor wie die Ethno-Comedy von Idil Baydar hat eine ausgeprägte Informationsfunktion. Ein politischer Gag kann politisch relevante Informationen enthalten, die das Publikum vorher noch nicht kannte. Andreas Dörner, Professor für Medienwissenschaften an der Philipps-Universität Marburg forscht seit Jahren zur Rolle von Entertainment-Formaten im politischen Bereich und verrät: "Politischer Humor kann als Türöffner dienen." Mit humorvoll vorgetragener Kritik könne auch über sensible Themen einfacher ein Gespräch eröffnet werden. Als Jilet Ayse bringt Baydar beispielsweise das Thema Migration auf den Tisch. In einem anderen Gag versetzt sie sich in die Lage von Bürgern, die gute Deutsche sein wollen und "deswegen losziehen, um die Leute zu integrieren." Niemand habe ihnen beigebracht wie das ginge und man ließe sie damit alleine. Die erste Idee, die einem dabei dann eben komme: Man fragt die Menschen, wo sie herkommen. "Aber ich, und das weißt du nicht, stehe auch unter Druck. Weil ich muss dir beweisen, dass ich integriert bin. Und wenn jemand sagt, aber du bist nicht integriert, weil du bist nicht von hier. Dann muss ich wieder von vorne anfangen." Der Medienwissenschaftler Dörner lobt ihren Ansatz, beide Perspektiven zur Sprache zu bringen und auch beide zu ironisieren. "Das, finde ich, ist eine sehr gute Strategie, wenn es darum geht gesellschaftliche Verhärtungen zu lockern", analysiert er den Gag.

Zu den Funktionen, die Humor einnehmen kann, zählt auch die gemeinschaftsbildende Integrationsfunktion. Das Verstehen des Kontexts und der zum Teil ironischen Referenzen, die in einem Gag stecken, erfordert Hintergrundwissen. Verstehen alle Mitglieder einer Gruppe einen Witz, bestätigen sich ihre Gemeinsamkeiten. Diese Selbstvergewisserung schweißt zusammen. Die lustige Frau mit türkischen Wurzeln im Scheinwerferlicht des bpb:medienzentrums erfüllt noch eine weitere Funktion von Humor besonders für solche, die ebenfalls Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihres Familienstammbaums gemacht haben: die Ventilfunktion. Witze über Alltagsprobleme können für die Betroffenen erleichternd und befreiend wirken. Schließlich wird ein Problem offen thematisiert und der psychologische Druck durch das Lachen in der Gruppe gleichsam weggespült. Die Gelotologie, auch Lachforschung genannt, beleuchtet die psychologischen Effekte von Lachen genauer. Michael Titze ist ein Pionier der Gelotologie. Seinen Untersuchungen zufolge gilt auch für weniger Betroffene, dass das kontrollierte Denken unterbrochen wird, wenn man über eine unvorhergesehene Pointe lacht. Momente der Irritation ermöglichten es, festgefahrene Verhaltensmuster leichter abzulegen und neue Zusammenhänge zu erkennen. Ein Potential, das es auch für die politische Bildung lohnt, auszuschöpfen. Darüber hinaus ist laut Dörner die Vergnügungsfunktion von Humor eine zentrale Funktion, die alle weiteren Funktionen trage. "Wenn es Spaß macht zuzuschauen, dann ist man bereit, auch politische Inhalte zu tolerieren", so der Forscher. US-Studien haben herausgefunden, dass es heute tatsächlich schon so ist, dass Jugendliche den Großteil ihres politischen Wissens aus Satire-Nachrichtenshows haben.

Gemeinsames Lachen kann befreien und zusammenschweißen. Es kann sich allerdings auch ins Negative verkehren, wenn Humor als ausgrenzendes Mittel verwendet wird. Wie man kritischen politischen Humor macht ohne persönlich zu werden, weiß Jasmin Wenkemann. Die junge Mutter ist bereits seit zehn Jahren Gag-Schreiberin bei der Satiresendung extra3. Sie erzählt, dass alle Redakteure bei extra3 vollausgebildete Journalisten sind so wie sie. "Das Tolle an Satire ist, dass es komplizierte Zusammenhänge einfach total verständlich macht."

Humor erzielt Reichweite

Schreibt man einen politischen Gag, schaue man am Anfang erst einmal, "was ist eigentlich das Absurde an dem Thema?", so Wenkemann. "Und so kommt man dann auf das Gefäß", erklärt die extra3-Redakteurin. Ein Gefäß ist das Format, mit dem das Skurrile an einer Sache sichtbar gemacht wird. "Wenn wir Beiträge planen, dann überlegen wir: Ist das etwas, dass man zum Bespiel im Stil einer Nachrichtensendung verarschen könnte." Ein Gefäß kann aber auch ein Spiel oder die Adaption einer Werbung sein. Zum Fall des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, der Mann mit der auffälligen Brille beispielsweise, griff extra3 die Werbung von Fielmann auf. "Weil wir dachten, der Typ muss doch irgendwie anders sehen." In dem Beitrag setzen andere Menschen Maaßens Brille auf und sehen plötzlich auch ganz andere Dinge. Im Unterschied zur Comedy, deren Hauptzweck die Unterhaltung ist, möchte Satire immer Kritik üben, betont Wenkemann. Nichtsdestotrotz ist beim Schreiben von Satire und Kabarett der sogenannte "Comic Relief" wichtig. Das ist der Gag, der nach all den deprimierenden Informationen, die auch ein satirischer Beitrag vermitteln kann, einen erleichternden Lacher auslöst. "Das ist cool und dann verliert man auch keine Zuschauer", hebt die Gag-Schreiberin hervor. Ohne den Comic Relief "tut es halt nur weh". So wie in klassischen Nachrichtenangeboten.

Eine kritische Facette von Kabarett ist jedoch, dass sie Politiker-Verdrossenheit verstärken kann. Das Hauptproblem dabei läge laut Dörner in einer Zeit, in der Politiker-Bashing ganz ohne Humor massiv betrieben wird, darin, dass auch satirische Gags über Politiker als unwissende Idioten demokratiegefährdende Formen annehmen können. Extra3-Redakteurin Wenkemann würde aber nie auf berechtigte Kritik an Politikern verzichten wollen. "Ich glaube, es wird immer wichtiger, dass alle Macher von politischem Humor ihre Witze immer treffender formulieren".

Wie vielschichtig Humor ist, zeigen auch die Studien von Katharina Kleinen-von Königslow (2013). Die Kommunikationswissenschaftlerin unterscheidet sechs Typen von politischem Humor. Unter den Typ "Kritischer Humor" fällt die Satire. "Humor für alle" ist aus konventionellen Unterhaltungsformaten wie der Harald-Schmidt-Show bekannt. Der Typ "Humor-Geschichten" findet sich zum Beispiel in Fernsehserien wie Die Simpsons. "Menschelnder Humor" beschreibt den (im besten Fall gekonnt selbstironischen) Humor von Politikern, die sich in unterhaltenden Medienangeboten präsentieren. "Guerilla-Humor" wird im Netz beispielsweise in Form von Parodie-Videos und umgeschriebenen Songs auf Youtube oder Memes für die sozialen Netzwerke eingesetzt. Dieser Humor-Typ wird von politischen Akteuren strategisch zur Erzielung von Aufmerksamkeit eingesetzt und unterscheidet sich vom Typ "Humor unter Freunden". Bei Letzterem werde politischer Humor von Nutzern in eigens animierten GIFs, gestalteten Fotokollagen oder Video-Mashups zur Selbstdarstellung genutzt. Alle sechs Humor-Typen sind beliebt, haben aber unterschiedliche Wirkungen hinsichtlich ihrer Informations-, Kritik- und Integrationsfunktion für die politische Kommunikation.

Politische Aufklärung mit niedrigschwelligen Pointen und derber Sprache

Laut Kleinen-von Königslow werden politische Informationen aus fiktionalen "Humor-Geschichten" wie bei den Simpsons von der Zuschauergruppe vermutlich eher selten als solche entschlüsselt, weshalb sich deren Leistung in Bezug auf die Vermittlung von kritischen Informationen und in Bezug auf eine integrierende Wirkung der Rezipienten in den politischen Diskurs eher im Mittelfeld rangiert. Ebenso fällt die Kritik- und Integrationskraft von "menschelndem Humor" eher gering aus. Nichtsdestotrotz kann der Auftritt von Politikern in Alltagsformaten dazu beitragen, dass die Zuschauer sich ein eigenes, vielleicht neues Bild von der Person hinter dem Amt machen können. "Guerilla-Humor" im Netz dagegen hat eine hohe Integrationsfunktion. Diese Art von Humor spricht besonders die junge Zielgruppe an und ist stark getragen von der Video-Austauschplattform Youtube. Die "Internet-Erfolgsgeschichte dieses Humortyps", so Kleinen-von Königslow, begann mit Youtube-Videos wie die Bush-Parodie "This Land" zur US-Wahl 2004 und mündete bereits 2008 in den ersten zur "Youtube-Wahl" ernannten Wahlkampf in den Vereinigten Staaten. Grundsätzlich hängen der Informationsgehalt und die Kritikfähigkeit allerdings stark vom Format ab. Authentische, von Nutzern selbst produzierte Inhalte des Typs "Humor unter Freunden" können ebenfalls zu einem hohen Grad dazu beitragen, Menschen in einen Diskurs einzubeziehen, die zuvor in keine gesellschaftlichen Debatten involviert waren. Anders die kritisierende Satire wie Die Anstalt, die vergleichsweise viel Vorwissen erfordert und meist hauptsächlich eine politisch interessierte, elitäre Minderheit erreicht. Vorsicht sei auch bei politischem Zynismus geboten. Satire kann laut Kleinen-von Königslow am besten von allen Humor-Typen Information und Kritik vermitteln. Politischer Humor in reinen Unterhaltungsformaten aber spricht ein größeres Publikum an. Der Typ "Humor für alle über alles" ist durch weniger aggressiven Humor gekennzeichnet und ist angepasster an gesellschaftliche Normen. Die Witze sind so konzipiert, dass sie auch ohne spezielles Vorwissen von einem breiten Zuschauerkreis verstanden werden können. Zahlreiche Studien über solche "Soft-News-Formate" zeigen die positiven Effekte dieses Humor-Typs: Das Format erhöht die Aufmerksamkeit und das Interesse an politischen Themen sowie die Bereitschaft über Politik zu reden. Darüber hinaus scheinen insbesondere politisch Desinteressierte über diese Art der Informationsvermittlung neues politisches Wissen zu erlangen (Landreville, Holbert und LaMerre 2010).

Derbe Stand-up Comedy wie die von Idil Baydar oder Carolin Kebekus ist jedoch nicht mehr eindeutig einer Kategorie zuzurechnen. Laut Dörner zeigen die Frauen, "dass derbe Pointen und politisch unkorrekte Sprache durchaus einhergehen können mit politischer Aufklärung." Auch Figuren wie Gernot Hassknecht bei der heute-show steigern die Aufmerksamkeit. "Bei der heute-show im ZDF, dessen Durchschnittszuschauer 70 Jahre alt ist, dient derbe Sprache außerdem dem Zweck, eine gemeinsame Kommunikationsebene aufzubauen mit den jungen Menschen", erklärt der Medienwissenschaftler. Politisch unkorrekte Sprache signalisiert, "wir sprechen hier nicht nur gestelzt, sondern so wie man auch im Alltag spricht. Wie ihr jungen Menschen, wenn ihr unter euch seid." Diese Form der Synthese aus Kabarett und Comedy betrachtet Andreas Dörner daher als das Zukunftsmodell, "weil es ermöglicht, Zuschauergruppen anzusprechen, die sich für das klassische Kabarett nicht interessieren würden." "Humor macht Gesellschaftskritik verträglicher", meint Jasmin Wenkemann. "Man kann alle Themen durch Humor an mehr Leute bringen. Ich sehe da eigentlich nur Vorteile."

Dieser Text ist zuerst im Journal für politische Bildung (2/19) erschienen und wurde von Sabine Juliana Stockheim verfasst.

Die ganze Veranstaltung im Facebook-Livestream nochmal anschauen:


Quellen:

Baum, Matthew A./Jamison, Angela (2011): Soft News and the four Oprah effects. In: Edwards III, George C./Shapiro, Robert Y./Jacobs, Lawrence R. (Hg.): The Oxford handbook of American public opinion and the media. London, S. 121-137.

Dörner, Andreas/Vogt, Ludgera (2017): Wahlkampf mit Humor und Komik. Selbst- und Fremdinszenierung politischer Akteure in Satiretalks des deutschen Fernsehens. Wiesbaden.

Hardy, Bruce W./ A. Gottfried, Jeffrey/Winneg, Kenneth M./Jamieson, Kathleen H. (2014): Stephen Colbert's Civics Lesson: How Colbert Super PAC Taught Viewers About Campaign Finance. In: Mass Communication and Society, 17(3), S. 329-353.

Kleinen-von Königslöw, Katharina (2013): Politischer Humor in medialen Unterhaltungsangeboten. In: Dohle, Marco/Vowe, Gerhard (Hg.): Politische Unterhaltung – Unterhaltende Politik. Forschung zu Medieninhalten, Medienrezeption und Medienwirkungen. Köln, S. 163-191.

Landreville, Kristen D./Holbert, Lance R./LaMarre, Heather L. (2010): The Influence of Late-Night TV Comedy Viewing on Political Talk. A Moderated Mediation Model. In: The International Journal of Press/Politics, 15 (4), S. 482−498.
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