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28.5.2020

Vierter Tag: Donnerstag, 7. November 2019

Panels zur NS-Euthanasie, zu Fotoalben aus Auschwitz, zum Kuratieren von Primärquellen in der digitalen Welt, zu Sprache und Sprachgebrauch im Nationalsozialismus sowie zu neuen Forschungen zum Holocaust in Ungarn eröffneten den vierten und letzten Konferenztag.

Panel 28: Sprache, Nationalsozialismus und der Holocaust
Bei der Frage, welche Bedeutung Sprache und ihr Gebrauch während des Holocaust zukam, wandten sich die Vortragenden gegen die Vorstellung eines Top-down-Narrativs linguistischer Propaganda. Stattdessen untersuchten sie Alltagskommunikation jenseits der Reden von Goebbels.

Stefan Scholl, Die Sprache des Antisemitismus in der Alltagskommunikation während des Nationalsozialismus
Der Historiker Stefan Scholl vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache untersuchte Briefe mit Bitten oder Forderungen an Behörden und Parteigliederungen der NSDAP. Aneignung und Anwendung antisemitischer Diskurse seien wichtige Bestandteile gewesen, um die Zugehörigkeit zum Nationalsozialismus sprachlich zu demonstrieren. Er verstehe Antisemitismus, angelehnt an Shulamit Volkov, als "kulturellen Code", erklärte Scholl. Als verbreitetes diskursives Element von Antisemitismus in der NS-Alltagskommunikation sei die Annahme eines "jüdischen (Macht-)Einflusses" zu erkennen, welcher als Bedrohung für die "Volksgemeinschaft" imaginiert wurde. Die Artikulation einer solchen verschwörungstheoretischen Idee könne als Loyalitätsbekundung zum NS-Regime gefasst werden. Der von Heinrich von Treitschke stammende Topos, "Die Juden sind unser Unglück", der auch vom antisemitischen Hetzblatt "Der Stürmer" aufgenommen wurde, habe als Phrase in die individuelle Argumentation aufgenommen werden können. Dies zeige auch die Affirmation der NS-Propaganda. Scholl schloss, dass die sprachliche Zurschaustellung von Antisemitismus als Zeichen von Zugehörigkeit und Verbundenheit zwar nur ein Aspekt der Nutzung antisemitischer Diskurselemente in der Alltagskommunikation gewesen sei, aber ein wichtiger.

Friedrich Markewitz, Reflektionen zum Sprachraum des Gettos Litzmannstadt: Kommunikative Handlungen in spezifischen Texttypen während des Holocaust
Nicht die Sprache der Täter, sondern die der Opfer untersuchte der Linguist Friedrich Markewitz von der Universität Paderborn. Als besonderen Diskursraum machte er dafür das Getto Litzmannstadt aus – dieses war nicht nur das zweitgrößte Getto im besetzten Polen, es bestand auch am längsten. Markewitz analysierte die Getto-Chronik, die verfasst wurde, um der Nachwelt ein Bild von den inhumanen Lebensumständen zu hinterlassen. Charakteristika seien dabei die Selbstbezeichnung der Textgattung als "Tageschronik" oder "Tagesbericht", das damit verbundene Selbstbild der wechselnden Textproduzierenden als "der Chronist", sowie die Hinwendung an ein zukünftiges Publikum ("Der künftige Leser wird …"). Der Text enthalte explizite intertextuelle Referenzen ("Wie wir gemeldet haben …") und einen durch die Korrekturen vergangener Einträge offenbar werdenden Objektivitätsanspruch, der einem journalistischen Ethos gefolgt sei. Stilistische Charakteristika seien die Stilmittel Metonymie und Ironie. Abschließend trat Markewitz dafür ein, in der Tageschronik des Gettos Litzmannstadt auch eine oppositionelle Funktion zu sehen. Die individuellen Berichte hätten in Textform eine Gegenwelt zur vom NS-Regime errichteten Realität geschaffen.

Dominique Schröder, Die Lager beschreiben, die Grenzen der Sprache verschieben: Eine Semantik von Konzentrationslagern?
Dominique Schröder, Geschichtsdidaktikerin an der Universität Bielefeld, untersuchte die Tagebücher von Insassen von Gettos und Konzentrationslagern und ging dabei der Leitfrage nach, ob es eine spezifische Lagersemantik gegeben habe. In den NS-Lagern wurden, so Schröder, Worte mit neuer Bedeutung ausgestattet. Als Beispiel führte sie die in verschiedenen Lagern verbreitete Bezeichnung "Muselmann" für besonders abgemagerte Häftlinge an. Da es sich nicht um einen Neologismus, sondern um eine Bedeutungsveränderung mit, so Schröder, ironischem Unterton handele, sei es treffender, von einer Lagersemantik als einer Lagersprache zu reden. Schröder konstatierte zudem, dass die Sprache der Opfer sehr nah an der der Täter gelegen habe und die Tagebuchschreiberinnen und -schreiber sich häufig der begrenzten Möglichkeiten bewusst gewesen seien, das Unbeschreibliche in Sprache fassen zu können. Durch ebendiese Einsicht, so schloss Schröder, sei es ihnen letztlich möglich gewesen, den Holocaust zu erfassen und zu vermitteln.

Panel 34: Nachdenken über "vor dem Holocaust" Die deutsch-jüdische Geschichte der Vorkriegszeit nicht nur unter dem Eindruck des Holocaust zu analysieren, sondern auch den Erfahrungsraum der zeitgenössischen Wahrnehmung zu rekonstruieren, wurde nach einer Kaffeepause am späten Vormittag erprobt.

David Jünger, Über Auschwitz hinaus: Jüdische Migrationsprobleme im Deutschland der 1930er Jahre
David Jünger, stellvertretender Direktor des Zentrums für Deutsch-Jüdische Studien an der University of Sussex, stellte fest, dass sein Ansatz eigentlich unmöglich sei, er ihn aber trotzdem wage. Er hatte Debatten um Emigration in den 1930er Jahren bis zum sogenannten Anschluss Österreichs und den Novemberpogromen 1938 untersucht, die in verschiedenen deutsch-jüdischen Gruppen geführt worden waren. Diese Diskussionen und Entwicklungen einzig als Vorgeschichte des Holocaust zu interpretieren, sei eine retrospektive Verkürzung, meinte Jünger. Dennoch habe die Forschung meist danach gefragt, warum Jüdinnen und Juden in Deutschland geblieben seien und sich nicht gerettet hätten. Die Entwicklung zur Shoah sei aber nicht linear gewesen, und den Emigrationsdebatten nähere man sich eher damit, sie im Kontext der Diskurse der 1920er Jahre zu verstehen. Zwar sei Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 ein Schock für die jüdische Community gewesen, der Aufstieg des Nationalsozialismus sei zeitgenössisch aber vor allem im Kontext der jüdischen Emanzipation, ihrer Fort- und Rückschritte interpretiert worden. Außerdem sei bereits das Jahr 1932 mit dem sogenannten Preußenschlag und den Wahlerfolgen der NSDAP als "Schicksalsjahr" aufgefasst worden – wenigstens von Repräsentanten des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV). Paradoxerweise habe die nationalsozialistische Repression in den 1930er Jahren sogar für ein Revival jüdischen Lebens gesorgt. Der Minderheitenstatus, den die jüdische Bevölkerung nach den Nürnberger Gesetzen innehatte war sowohl aus der Zeit vor der jüdischen Emanzipation als auch aus Osteuropa bekannt. Die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen hegten die Hoffnung, mit der Situation umgehen zu können.

Generell solle der Kontext globaler Migration mehr beachtet werden, forderte Jünger. Viele Jüdinnen und Juden waren Verfolgung ausgesetzt, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Osteuropa. Dies habe die Emigration erschwert, denn eine Problemlösung sollte nicht nur die deutsche, sondern auch osteuropäische Juden integrieren, so die zeitgenössische Wahrnehmung. So sei Emigration lediglich als individuelle, nicht jedoch als kollektive Lösung erschienen. Als Gegenargument in der Debatte um Auswanderung wurde auch die Ansicht angeführt, mit einer Ausreise würde die durch die Elterngeneration erkämpfte Emanzipation aufgegeben. Mit dem Novemberpogrom schließlich wandte sich die Politik des NS-Regimes ab von der Diskriminierung und Unterdrückung der deutschen Jüdinnen und Juden hin zur Vertreibung. Emigration sei so zur einzigen Lösung geworden, das eigene Leben und das der Angehörigen zu retten, so Jünger.

Anna Ullrich, Weimar nutzen: Das tägliche Leben im frühen Nazideutschland lenken
Auch Anna Ullrich, Mitarbeiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ, weitete den Blick auf Debatten der 1920er Jahre aus. Das Foto des jüdischen Geschäftsinhabers Richard Stern, der sich am 1. April 1933 beim durch die SA gewaltsam durchgesetzten Boykott mit seinen Weltkriegsmedaillen geschmückt vor seinem Laden stellte, sei ikonisch geworden. Doch bereits Mitte der 1920er Jahre habe der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten dazu aufgerufen, Hinweise auf die eigene Kriegsteilnahme demonstrativ zur Schau zu stellen. Ebenso seien in den 1920ern Diskussionen um Antisemitismus und den Schutz jüdischer Kinder vor Anfeindungen in jüdischen Zeitungen, die Einführung von "Ariernachweisen" und den Ausschluss jüdischer Mitglieder in verschiedenen Organisationen geführt worden. Diese Diskurse seien in den 1930er Jahren also nicht neu gewesen. Diskussionen über diese Themen seien in jüdischen Publikationen äußerst divers gewesen. Besonders der Central-Verein (CV) hatte in seiner "CV-Zeitung" die deutsch-jüdische Doppelidentität betont und für eine kämpferische Haltung seiner Mitglieder gegen Antisemitismus geworben.

Abschlussplenum: Holocaustforschung und Spatial Turn
Frank Bajohr moderierte das abschließende Panel. Er hielt eingangs fest, dass "Raum" als Kategorie der Holocaustforschung wichtig für dessen Analyse sei. So sei beispielsweise die nationalsozialistische Vorstellung von "Lebensraum" mit Massenmorden verbunden. Der Einfluss des Spatial Turn (auch "topologische Wende" genannt) auf die Holocaustforschung wurde daraufhin diskutiert.

Sybille Steinbacher
Skeptisch gegenüber dem Konzept des Spatial Turn war Sybille Steinbacher, Lehrstuhlinhaberin mit dem Schwerpunkt der Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Da Steinbacher früher abreisen musste, wurde ihr Vortragstext von Frank Bajohr vorgelesen. Steinbacher attestierte eine Verlegung des Fokus auf osteuropäische Regionen und bezog sich auf die Arbeiten von Timothy Snyder und Jörg Baberowski, die dort Landschaften ausmachten, in denen der Nationalsozialismus und der Stalinismus mordeten. Diese wurden als "Bloodlands" (Snyder) oder als "Räume der Gewalt" (Baberowski) bezeichnet.

Trotz dieser vielfach rezipierten Studien machte Steinbacher in ihrem Text einige kritische Anmerkungen zum Konzept "Raum". Während in der Disziplin der Geographie der Spatial Turn kontrovers diskutiert werde, habe sie den Eindruck, dass Historikerinnen und Historiker dazu tendieren würden, die Kategorie "Raum" absolut zu setzen, anstatt die Debatten aus der Geografie aufzugreifen. Wenn Gewalt auf den Raum zurückgeführt werde, bestehe die Gefahr, dass aus dem Blick gerate, dass die Gewalt gegen Jüdinnen und Juden intentionaler Natur war. Auch seien die mit Snyder und Baberowski angesprochenen Interdependenzen von stalinistischer und nationalsozialistischer Gewalt noch nicht nachgewiesen worden. Alle Gewalt in Osteuropa darauf zu beziehen, erkläre wenig. Insgesamt, so schloss Steinbacher ihren Beitrag, finde sie den Spatial Turn sehr anregend, der wissenschaftliche Wert müsse jedoch überprüft werden.

Anne Knowles/Tim Cole
Im Jahr 2014 hatten Anne Knowles, Tim Cole und Alberto Giordano den Sammelband "Geographies of the Holocaust" herausgegeben. Sie sahen den Holocaust als "hochgradig geografisches Phänomen", auch im Panel betonten Knowles und Cole daher für die Chancen des Spatial Turn für die Holocaustforschung ein. Knowles, sowohl Professorin für Geografie als auch Professorin für Geschichte an der University of Maine, stellte dabei auch die Frage zur Diskussion, was genau einen räumlichen Ansatz konstituiere. Sie habe beispielsweise untersucht, ob Auschwitz so gebaut wie geplant worden war. Dabei habe sie erhebliche Diskrepanzen zwischen Planung und Realität ausmachen können.

Auch Tim Cole, Professor für Sozialgeschichte an der University of Bristol, sah in der Kategorie "Raum" großes Potential für die Holocaustforschung. Mit einem Rückbezug auf die Rede Charlotte Knoblochs Tage zuvor machte er die These stark, dass es wohl kein Dokument von Überlebenden der Shoah gebe, in dem "Raum" (und Ort) keine Bedeutung beigemessen werde. Daneben sei auch das Spannungsfeld von Nähe und Distanz bedeutsam. In dieser Hinsicht sei es häufig hilfreich, digitale Karten zu erstellen – darin sei der Spatial Turn jedoch nicht erschöpft. In der Geografie, so kam Cole zum Ende, gehe es viel um Größenverhältnisse und Maßstäbe. Die von ihm wahrgenommene Tendenz in der Geschichtswissenschaft, mikrohistorische Fokusse mit nationalstaatlichem Rahmen zu legen, empfinde er als einschränkend und empfehle daher, größere Maßstäbe anzuwenden.

Nikolaus Wachsmann
Mit Nikolaus Wachsmann, Historiker und Dozent am Londoner Birkbeck College, kam beim Panel abschließend wieder ein Skeptiker zu Wort. Er sei sich nicht sicher, so Wachsmann einleitend, wie nützlich der Begriff Spatial Turn eigentlich sei. Auch vor dieser aus seiner Sicht eher vermeintlichen als realen Wende seien räumliche Fragen in der Holocaustforschung verhandelt worden. Insbesondere Fragen zum Verhältnis von Konzentrationslagern zu ihrem Umfeld oder vom Haupt- zu den Außenlagern, seien nicht neu. Neueren Datums seien Untersuchungen zu Lagerarchitekturen. Auffallend dabei sei dabei die Diskrepanz zwischen den Architekturplänen der SS und der Realität: diese sei vor allem durch sich verändernde Bedarfe und andauernde Improvisationen, weniger durch rationale Planung geprägt gewesen, wie man am Beispiel Auschwitz sehen könne. Bauliche Maßnahmen hätten aber wiederum Handlungsräume ("agencies") für Inhaftierte geöffnet. In der Interaktion mit anderen "Turns", etwa dem Emotional Turn, könne eine Stärke des Spatial Turn liegen, meinte Wachsmann.

Simon Lengemann, Schlussbetrachtungen
Die vier "faszinierenden und erschöpfenden Tage" schloss Simon Lengemann von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ab. Für diese sei es eine Ehre gewesen, die Konferenz mit hochkarätigen Partnern veranstalten zu können. Lengemann betonte, wie erfreulich es für die bpb gewesen sei, die Verknüpfung von historisch-politischer Bildungsarbeit und Forschung zum Holocaust bei dieser Tagung gelingen zu sehen. (Auf das Verhältnis der historisch-politischen Bildung zur wissenschaftlichen Forschung geht Video-Icon Simon Lengemann in diesem Interview ein)

Sarah Cushman, Schlussbetrachtungen
Das letzte Wort gebührte Sarah Cushman von der Holocaust Educational Foundation der Northwestern University, dem Mastermind der Konferenzreihe "Lessons and Legacies". Sie bedankte sich bei allen und entließ das Publikum mit ihrer festen Überzeugung: "Geschichte ist wichtig, der Holocaust ist wichtig, und unsere Arbeit ist wichtig!" (Video-Icon Im Interview stellt Sarah Cushman die Holocaust Educational Foundation und ihrer Arbeit näher vor)
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