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30.3.2010

Bürgerschaftliches Engagement in Ost- und Westdeutschland

In der DDR war das bürgerschaftliche Engagement hoch. Aber mit dem Wegfall vieler staatsnaher Einrichtungen nach 1990 sank auch das Engagement. Welche Faktoren begünstigen das Engagement? Und wie fällt der Vergleich mit Westdeutschland heute aus?

Mitarbeiter der Sozialeinrichtung "Kieler Tafel" in Kiel verteilen gespendete Lebensmittel an Hilfsbedürftige. (© AP)


1. Bürgerschaftliches Engagement: Was ist das?



Dass es zum Umfang des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland einen verwirrenden Zahlensalat gibt, ist auf populärwissenschaftlichen, wenngleich sehr informativen Seiten im Internet bereits dokumentiert.[1] Vor allem zwei Gründe führen zu dieser Unübersichtlichkeit: Zum einen kommt es zu einer uneinheitlichen Verwendung von Begriffen; mal wird von Freiwilligenarbeit, mal vom Ehrenamt und mal von bürgerschaftlichem Engagement gesprochen, wobei diesen Begriffen unterschiedliche Bedeutungen unterlegt werden. Zum anderen gibt es verschiedene Arten, das Engagement der Bürger statistisch zu erfassen.

Ausgehend von einem laufenden Forschungsprojekt über "Sozialmoralische Landkarten engagierter und disengagierter Bürger", wird im Folgenden eine strenge Definition von Bürgerschaftlichem Engagement zugrunde gelegt: Als engagiert gilt, wer einen freiwilligen, regelmäßigen und unentgeltlichen Beitrag zu einer Aufgabe des Allgemeinwohls in einem öffentlichen Umfeld leistet (vgl. Corsten/Kauppert/Rosa 2007: 12f).

2. Daten zum Engagement



Anteil der Bürger in Ost- und Westdeutschland. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Das Diagramm "Entwicklung der Engagementquoten in Ost- und Westdeutschland" zeigt eine Zusammenstellung von Daten aus dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, des Freiwilligensurveys von Infratest Burke München und des European Value Survey (EVS). In diese Darstellung gingen nur Engagementformen ein, die entweder zeitlich regelmäßig (mindestens einmal pro Monat; gemessen im Sozioökonomischen Panel), mit regelmäßiger zeitlicher Verpflichtung verbunden (Freiwilligensurvey) oder im Kontext eines Vereins (so das Kriterium im EVS) erfolgten.

Die regelmäßigen Formen von Engagement sind über die Zeit relativ stabil. Insbesondere die Zahlen aus dem Sozioökonomischen Panel zeigen jedoch eine Verschiebung zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Jahr 1990 war das Engagement in Ostdeutschland – als ein Erbe der DDR-Gesellschaft – noch relativ hoch. Der danach erfolgende Abbau staatsnaher Einrichtungen, die dieses hohe Engagement zu DDR-Zeiten getragen hatten, führte jedoch zu einer Verminderung des Bürgerschaftlichen Engagements in den neuen Bundesländern. Das Diagramm zeigt, dass die Engagementquote in Ostdeutschland erst Ende der 1990er Jahre wieder ansteigt, aber nur sehr langsam. In Westdeutschland können wir im gleichen Zeitraum eine stetigere Entwicklung beobachten.

Engagement nach Bildungskapital. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)




Odds Ratios für das Engagement bildungsnaher Personen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

3. Erklärungen für Engagement

Ein bekannter Zusammenhang besteht zwischen Engagement und Bildungsressourcen. Personen mit hohen Bildungsabschlüssen tendieren eher dazu, sich bürgerschaftlich zu engagieren, als bildungsferne Akteure. Dies zeigt sich auch zwischen 1990 und 2003 in Ost- und Westdeutschland. Bemerkenswert ist dabei jedoch, dass die Prozentsatzdifferenzen für das Bürgerschaftliche Engagement zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Personen in Ostdeutschland leicht höher sind als in Westdeutschland.

Das zeigt sich auch bei einem Vergleich von so genannten Odds Ratios, einem statistischen Wert, der die Chancen des Eintritts eines Zustands angibt. So war in Ostdeutschland zum Beispiel 1990 die Chance, dass eine gebildete Person ein Engagement aufgreift, um 2,18 mal höher als bei einer bildungsfernen Person. Für Westdeutschland fiel diese für bildungsnahe Personen erhöhte Chance mit 1,73 leicht niedriger aus. Unser Diagramm "Engagement nach Bildungskapital" zeigt, dass in Ostdeutschland auch nach der Einigung bildungsnahe Personen gegenüber bildungsfernen Personen im Vergleich mit den gleichen Personengruppen Westdeutschlands in höherem Maße zum Engagement neigen. Bildung wirkte sich somit schon in der DDR, aber auch nach dem Systemwechsel in Ostdeutschland mehr noch als in Westdeutschland zugunsten des Eintritts in bürgerschaftliches Engagement aus.

Engagement und Arbeitslosigkeit. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Auf ähnliche Weise, allerdings nicht ganz so konstant, zeigt sich in Ostdeutschland, dass der negative Einfluss, den die Arbeitslosigkeit auf die Aufnahme eines bürgerschaftlichen Engagements ausübt, hier nicht so gravierend wirkt wie in Westdeutschland. Dies wird zum einen wiederum belegt durch die Entwicklung der Prozentsatzdifferenzen zwischen den Engagementraten von arbeitslosen und nicht arbeitslosen Personen. Zum anderen zeigt sich dies auch bei den Odds Ratios, also der statistisch berechnet verringerten Chance, sich zu engagieren.

Odds Ratios für das Engagement bei Arbeitslosigkeit. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)




Literaturhinweise

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Fußnoten

1.
Vgl. http://marx-blog.de/2009/05/zahlensalat-ehrenamt/

Michael Corsten / Sebastian Grümer

bpb_biografieteaser_corsten_gruemer.jpg Zur Person

Michael Corsten / Sebastian Grümer

Michael Corsten, geboren 1961; Professor für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim, ehemaliger Projektleiter im SFB 580 Halle/Jena. Arbeitsfelder: Lebenslauf- und Generationsforschung, Bildungssoziologie, Soziologie der Zivilgesellschaft, Kultursoziologie Publikation: Corsten, Michael/Kauppert, Michael/Rosa, Hartmut (2008) Quellen bürgerschaftlichen Engagements. Wiesbaden: VS

Sebastian Grümer, geboren 1977; wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und des Center for Applied Developmental Science (CADS) der FSU Jena und im SFB 580 Halle/Jena. Forschungsinteresse: Individuelle und kontextuelle Einflussfaktoren auf subjektives Wohlbefinden. Publikation: Grümer, S. & Pinquart M. (2010). Perceived changes in personal circumstances related to social change: Associations with psychosocial resources and depressive symptoms. European Psychologist.


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