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Der Dnipro im Lauf der Geschichte

Uwe Rada

/ 5 Minuten zu lesen

Von den Griechen wurde er „Borysthenes“ genannt und als reicher Fluss beschrieben. Später wurde der Dnipro Schauplatz einer Massentaufe und der Gründungsort der Kyjiwer Rus. Seitdem am 17. Jahrhundert am drittgrößten Fluss Europas der erste Kosakenstaat entstand, ist der Dnipro aus der ukrainischen Geschichte nicht mehr wegzudenken. Das gilt erst recht seit dem Beginn des russischen Kriegs im Land, mit dem der Dnipro zum Kriegsfluss wurde.

Der historisch-kulturelle Komplex "Saporoger Sitsch" auf der Insel Chortyzja, der Sitz des Kosakentums am Dnipro. (Alexey Tolmachov, Externer Link: Wikimedia Commons) Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de

5. Jahrhundert v. Chr.: In seinen Historien beschreibt der griechische Geschichtsschreiber Herodot (490/480 – 430/420 v. Chr.) erstmals den Dnipro, seinerzeit noch unter dem Namen Borysthenes: „Der Borysthenes, der zweitgrößte der skythischen Flüsse, ist meiner Meinung nach der wertvollste und produktivste nicht nur der Flüsse in diesem Teil der Welt, sondern auch anderswo, mit Ausnahme des Nils. Er bietet die feinste und reichlichste Weide, bei weitem die reichste Versorgung mit den besten Fischsorten und das beste Trinkwasser – klar und hell. Nirgendwo wachsen bessere Ernten als an den Ufern.“

Frühmittelalter: Der Dnipro ist eine Handelsstraße „von den Warägern bis zu den Griechen“ und bildet bis ins 13. Jahrhundert eine Kontaktzone zwischen den slawischen, skandinavischen und byzantinischen Völkern.

988 n. Chr.: Taufe der Rus durch den Großfürsten Wolodymyr (um 960 – 1015) im Wasser des Dnipro, der damit in seiner Bedeutung zum ostslawischen Jordan wird. Kyjiw firmiert seitdem auch als „zweites Jerusalem“ und die die Christianisierung der Kiewer Rus nimmt ihren Anfang.

1113: Im Kyjiwer Höhlenkloster verfasst der Mönch Nestor die mittelalterliche Erzählung von den vergangenen Jahren. Sie ist heute bekannt als Nestorchronik.

15. Jahrhundert: Die Saporoger Kosaken siedeln am Unterlauf des Dnipro „hinter den Stromschnellen.“ Die Stadt Saporischschja hat davon ihren Namen bekommen. Auf der Flussinsel Chortyzja entsteht die Saporoger Sitsch, der Sitz des Kosakentums am Dnipro.

17. Jahrhundert: Am Dnipro entsteht der erste Kosakenstaat. Er wird heute in der Ukraine als Ursprung der ukrainischen Staatlichkeit betrachtet.

1667: Vertrag von Anrussowo: Der Dnipro bildet die Grenze zwischen dem polnischen Königreich und dem Moskauer Zarenreich. Die Kosaken ziehen sich auf ihre Flussinsel Chortyzja zurück.

Denkmal für die russische Zarin Katharina die Große in der ukrainischen Hafenstadt Odesa. Aus Protest gegen den russischen Angriffskrieg wurde es im Dezember 2022 demontiert. (© picture-alliance, imageBROKER/Michael Runkel)

1787: Die aus Deutschland stammende Zarin Interner Link: Katharina die Große (1729-1796) befährt den Dnipro. Zu ihrem 25-jährigen Thronjubiläum will sie die Kosaken unterwerfen und ihre Macht in Neurussland festigen. Dafür machen sich im Frühjahr 1787 achtzig Schiffe, römischen Galeeren nachempfunden, aus Kyjiw auf den Weg, sobald das Eis des Dnipro geschmolzen ist. 3.000 Menschen sind an Bord, Diener, Gefolge, aber auch Österreichs Kaiser Joseph II. (1741-1790) und Fürst Grigori Potemkin (1739-1791), Katharinas Baumeister und Oberbefehlshaber.

Während der Expedition gründet Katharina II. eine Stadt. Zunächst heißt sie zu Ehren der Gründerin Jekaterinoslaw, später dann Noworossijsk, in der Sowjetunion schließlich Dnjepropetrowsk. Die Industriestadt am Dnipro wird heute von den Bewohnerinnen und Bewohnern wie auch der Fluss nur Interner Link: Dnipro benannt.

1837: Der Dichter Taras Schewtschenko (1814 – 1861) schreibt seine Ballade Die Behexte, in der es heißt: Der Dnepr stöhnt und brüllt, der breite, Zornbebend heult der wilde Wind, Beugt tief hinab die hohe Weide, Wirft Wellen, die wie Berge sind. Schewtschenkos Landschaftsbeschreibungen sind eng mit Gedenken an die Kosakenzeit verknüpft. Seine ukrainischsprachigen Gedichte machten den Dnipro vom Fluss der Kosaken zum Symbol der ukrainischen Nation.

1905: Am Dnipro werden die ersten Schleusen gebaut. Bis dahin behindern zahlreiche Stromschnellen die Schifffahrt. Bereits auf Katharinas Inspektionsreise durch „Neurussland“ schreibt der schwedische Adelige Magnus Jacob Crusenstolpe (1795 – 1865) in seinen Russischen Hofgeschichten: „In Kiew schiffte sich Katharina auf kostbar geschmückten Galeeren ein und fuhr den Dnjepr aufwärts, nachdem man Klippen, die der Fahrt hätten hinderlich oder gefährlich werden können, fortgesprengt hatte. Zu Beginn des Frühlings begab sie sich nach Krementschuck und fand dort einen für sie bereiteten und mit dem raffiniertesten asiatischen Luxus geschmückten improvisierten Palast vor. Hier veranstaltete man große Festlichkeiten. Unter anderem gaben zwölftausend neu eingekleidete Soldaten das Schauspiel eines Scheingefechts.“

1927: Beginn des Baus des Stauwerks in Saporischschja in der Sowjetunion. Neal Ascherson schreibt dazu in seinem Buch über das Schwarze Meer: Dieser Bau ließ „in einem künstlichen See im Landesinneren die Sieben Stromschnellen untergehen, die vom byzantinischen Kaiser Konstantin Porphyrogenitus erstmals in die Landkarten aufgenommen wurden und über die die Normannen auf dem Weg von Kiew nach Konstantinopel ihre Boote zogen.“

Eine Gruppe von Arbeitern verlässt im April 1932 die Baustelle des Wasserkraftwerks DneproGES nach Ende der Schicht. (© picture-alliance, Fyodor Kislov/TASS)

1. Mai 1932: Inbetriebnahme des Wasserkraftwerks DneproGES bei Saporischschja. Das Kraftwerk, auf Ukrainisch DniproHES, staut den Strom auf einer Länge von 65 Kilometer bis hoch nach Dnipro auf. Das damals drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt hat eine 57 Meter hohe und 762 Meter lange Staumauer aus Beton. Der Saporischschja-Stausee hat einen Stauinhalt von 1.100 Millionen Kubikmetern.

18. August 1941: Zwei Monate nach dem deutschen Einmarsch in der Sowjetunion wird nach einem Beschluss des Rats der Volkskommissare und des Zentralkomitees der KPdSU die Staumauer des DneproGES von der Roten Armee gesprengt. In der Flutwelle, die vom Saporischschja bis nach Nikopol rauscht, sterben Zehntausende Menschen. 45 Tage lang kann die Rote Armee das linke, also östliche Flussufer halten und schwere Maschinen mit der Eisenbahn nach Sibirien bringen.

3. Oktober 1941: Saporischschja wird von der Interner Link: deutschen Wehrmacht eingenommen. Im Zweiten Weltkrieg befand sich ein großer Teil der Ukraine unter deutscher Besatzung. Die Besatzungsverbrechen brachten Zerstörung, Leid und Tod in das Land.

1943: Zwei Jahre nach ihrer Einnahme wollen die Deutschen die Staumauer sprengen. Die Rote Armee war 1943 wieder bis ans östliche Ufer des Dnipro herangerückt. Russischen Soldaten gelingt es, die Staumauer zu retten. Den Kampf um das Kraftwerk beschreibt Sawa Holowaniwsky später in seinem Roman Die Pappel am anderen Ufer (1968).

26. April 1986: Im Atomkraftwerk Tschernobyl kommt es zu einer Nuklearkatastrophe. Das sowjetische AKW liegt am Prypjat, einem rechten Nebenfluss des Dnipro.

1991: Die Ukraine wird nach der Auflösung der Sowjetunion Interner Link: unabhängig. Lange spielt der Dnipro als imaginäre Grenze der „beiden Ukrainen“ eine Rolle. Das linke Ufer im Osten des Landes gilt als prorussisch, während sich die Ukraine am rechten Ufer des Dnipro westlich orientiert.

November 2004: Mehr als 100.000 Menschen protestieren auf dem Maidan in Kyjiw gegen offensichtlichen Wahlbetrug bei der vorangegangenen Präsidentschaftswahl. Die Stichwahl hatte der prorussische Kandidat Wiktor Janukowytsch hauchdünn gewonnen. Die wochenlangen Proteste (Orangene Revolution) haben Erfolg. Das Oberste Gericht ordnet eine zweite Stichwahl an.

Dezember 2004: Bei der erneuten Stichwahl schlägt der prowestliche Kandidat Wiktor Juschtschenko Janukowytsch mit 52 zu 44 Prozent.

2010: Bei der Neuwahl des Staatspräsidenten setzt sich Wiktor Janukowytsch gegen Julija Tymoschenko durch.

Protestdemonstration auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew (Majdan) im Dezember 2013 gegen den gegen den damaligen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch. (© picture-alliance/AP, Ivan Sekretarev)

2013: Präsident Wiktor Janukowytsch will die schon 2005 begonnene Annäherung an die EU beenden und das Assoziierungsabkommen aufkündigen. Proteste dagegen lässt er niederschlagen. Es folgt der Interner Link: Euromaidan, der Aufstand der Zivilgesellschaft im Winter 2013/14, der in der Ukraine „Revolution der Würde“ heißt.

21. Februar 2014: Wiktor Interner Link: Janukowytsch verlässt Kyjiw.

18. März 2014: Russland Interner Link: annektiert die zuvor besetzte Halbinsel Krim. Die UN-Generalversammlung erklärt die Annektion am 27. März 2014 für völkerrechtswidrig.

13. April 2014: Paramilitärische russische Truppen erlangen die Kontrolle über Teile des Donbass.

25. Mai 2014: Der proeuropäische Kandidat Petro Poroschenko gewinnt die Präsidentschaftswahlen.

21. April 2019: Interner Link: Wolodymyr Selenskyj, bekannt als Schauspieler und Komiker, gewinnt die Stichwahl gegen den amtierenden Präsidenten Petro Poroschenko mit etwa 73 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Blick auf die überfluteten Straßen und den Hafen der Stadt Cherson nach der Zerstörung des Kachowkaer Staudamms flussaufwärts des Dnipro. (© picture-alliance, NurPhoto/Celestino Arce)

24. Februar 2022: Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine.

2. April 2022: Russische Truppen ziehen aus der Umgebung von Kyjiw ab.

11. November 2022: Ukrainische Truppen erobern das von Russland besetzte Gebiet am rechten Ufer des Dnipro bei Cherson zurück.

6. Juni 2023: Zerstörung des Kachowkaer Staudamms oberhalb von Cherson. Flussabwärts kommt es zu großflächigen Überschwemmungen.

Weitere Inhalte

Uwe Rada koordiniert das Onlinedossier Geschichte im Fluss. Von ihm erschienen unter anderem "Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss", "Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ sowie "Die Oder. Lebenslauf eines Flusses".