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Russland auf dem Weg in die Kriegswirtschaft | Europäische Wirtschaftspolitik | bpb.de

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Russland auf dem Weg in die Kriegswirtschaft

Janis Kluge

/ 9 Minuten zu lesen

Nach dem Angriff auf die Ukraine durchlief die russische Wirtschaft eine heftige, aber nur kurze Krise. Die westlichen Sanktionen und ausbleibenden Investitionen deuten auf eine düstere Zukunft hin.

Der russische Präsident Wladimir Putin (M.) besucht eine Waffenfabrik in Tula. Das Land droht, in seiner Wirtschaftstätigkeit immer abhängiger von der Rüstungsindustrie zu werden. (© picture-alliance, ZUMAPRESS.com | Russian Presidential Press Office)

Für Russlands Wirtschaft bedeutete der russische Angriff auf die Ukraine eine doppelte Herausforderung. Zum einen wurde Russland durch die westlichen Sanktionen dazu gezwungen, seinen Außenhandel und sein Finanzsystem neu auszurichten. Zum anderen benötigt das russische Militär für den Krieg in der Ukraine große Mengen an Waffen, Munition, aber auch Soldaten. Der Staat steigerte seine Militärausgaben dramatisch, um die Rüstungsproduktion hochzufahren. Die russische Wirtschaft konnte beide Herausforderungen in den ersten anderthalb Kriegsjahren besser als erwartet meistern. Allerdings zehrt das Land von der Substanz. Der Wohlstand der russischen Bevölkerung wird langfristig deutlich schrumpfen.

Sanktionskrise währt nur kurz

In Reaktion auf die russische Vollinvasion im Februar 2022 verhängten die USA, die EU und ihre Verbündeten eine Vielzahl scharfer Sanktionen gegen Russland. Bereits in den ersten Wochen wurden weitreichende Finanzsanktionen verhängt, die den Zugang der meisten russischen Großbanken zum westlichen und weltweiten Finanzsystem abschnitten. Auch die russische Zentralbank wurde sanktioniert und verlor den Zugriff auf Devisenreserven im Wert von rund 300 Milliarden US-Dollar. Zugleich wurde das 2014 von der EU gegen Russland eingeführte Technologieembargo drastisch verschärft. Der Export von sogenannten Dual-Use-Gütern (die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können) wurde vollständig untersagt. Mit etwas Verzögerung folgten zusätzliche Exportsanktionen gegen Russland, die vor allem Rohstoffe wie Kohle, Metalle und Öl treffen. Dagegen wurde russisches Pipelinegas und Flüssiggas nicht sanktioniert. Hier kappte Russland im August 2022 selbst die Lieferungen, um Druck auf die EU auszuüben.

In den ersten Wochen nach ihrer Einführung lösten die Sanktionen einen wirtschaftlichen Schock in Russland aus. Russlands Importe stockten. Auch der russische Handel mit China war betroffen, obwohl Peking keine Sanktionen verhängt hatte. Vorübergehend kam es in Russland zu Knappheiten bei Konsumgütern und in der Wirtschaft benötigten Komponenten und Rohstoffen. Die Inflation stieg im April 2022 auf 17,8 Prozent, auch weil der Rubel in den ersten Wochen des Krieges stark an Wert verlor. Für einige Tage herrschte große Verunsicherung: Es bildeten sich Schlangen an vielen Geldautomaten und es drohte ein Engpass bei der Zahlungsfähigkeit der russischen Banken.

Allerdings gelang es der russischen Zentralbank, die Situation auf den Finanzmärkten durch entschiedene Gegenmaßnahmen zu stabilisieren. Die Leitzinsen wurden drastisch von 9,5 auf 20 Prozent erhöht und der Transfer von Geld ins Ausland größtenteils untersagt, um eine Kapitalflucht zu vermeiden. Russland profitierte davon, dass die Preise für Öl und Gas auf dem Weltmarkt mit Beginn der Invasion in die Höhe schossen und der Export kaum unter den Sanktionen litt. Die ersten Kriegsmonate brachten Russland deshalb paradoxerweise die höchsten Exporteinnahmen seiner Geschichte ein. Von März bis Mai 2022 stiegen Russlands Exporte auf 154 Milliarden US-Dollar, während die Importe nur 54 Milliarden US-Dollar betrugen. Das brachte Rückenwind für den Rubel, der bald sogar stärker war als vor Beginn des Krieges.

Die russische Wirtschaft durchlief eine heftige, aber kurze Krise. Im Sommer 2022 lag das Bruttoinlandsprodukt (BIP) rund 6 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Allerdings konnte Russland diesen Einbruch bis zum Sommer 2023 vollständig wettmachen. Drei Faktoren waren für die Erholung verantwortlich:

  • Erstens gelang es den russischen Unternehmen besser als erwartet, die eigenen Lieferwege umzustellen. Über Drittländer wurden weiterhin viele westliche Waren importiert.

  • Zweitens ließen die hohen Energiepreise die russischen Exporte aufblühen und spülten hohe Steuereinnahmen in die Kassen des russischen Staates.

  • Drittens erhöhte der Staat seine Ausgaben für das Militär und die Rüstungsproduktion sehr deutlich, was der Konjunktur in Russland Rückenwind verschaffte.

China wird zum entscheidenden Handelspartner

Viele global agierende Konzerne kündigten kurz nach Kriegsbeginn ihren Rückzug aus Russland an. Teilweise standen die Sanktionen einer Fortsetzung des Russlandgeschäfts im Weg. Teilweise waren es aber auch Sorgen um die eigene Reputation, die die Unternehmen zum Rückzug bewegten. Damit verstärkten sie zunächst die Wirkung der Sanktionen. Die Werke vieler westlicher Investoren – insbesondere in der russischen Automobilindustrie – stehen bis heute still. An die Stelle von in Russland produzierten Autos und LKWs westlicher Marken sind indes chinesische Fahrzeuge getreten. Der russische Import von Fahrzeugen aus China vervielfachte sich und betrug alleine im Juni 2022 über 2 Milliarden US-Dollar.

Auch in anderen Branchen ist China oft die einzige Alternative, auf die russische Unternehmen angesichts der Sanktionen zurückgreifen können, um sich Ersatzteile, Maschinen oder andere Komponenten zu besorgen. Zwar haben auch einige chinesische Konzerne ihr Geschäft mit Russland reduziert, allerdings betrifft das nur die international agierenden Unternehmen wie Huawei, die die Sekundärsanktionen der USA fürchten müssen. Insgesamt hat der Handel zwischen Russland und China deutlich zugenommen. Für die Wirkung der westlichen Sanktionen ist besonders verheerend, dass China auch westliche Technik nach Russland weiterverkauft, darunter auch Halbleiter von Unternehmen wie Intel, Samsung oder Infineon im Wert von über 200 Millionen US-Dollar – pro Monat.

Westliche Konsumgüter sind in Russland trotz des Rückzugs vieler Großkonzerne weiterhin verfügbar, wenn auch zu erhöhten Preisen. Um den Import über Drittstaaten zu ermöglichen, entschied die russische Regierung, dass bestimmte Waren auch ohne Einwilligung des Herstellers nach Russland eingeführt werden dürfen. Über diesen sogenannten Grauimport kommen seitdem für den türkischen oder kasachischen Markt vorgesehene iPhones, Coca-Cola oder Mercedes nach Russland. Das bringt auch viele Probleme mit sich, weil es keine Garantie des Herstellers und wenig Schutz vor billigen Fälschungen gibt. Auch westliche Kinofilme sind weiterhin in Russland zu sehen, wenn auch als Raubkopien in teilweise schlechterer Qualität.

Umbau zur Kriegswirtschaft schreitet voran

Russlands Angriff auf die Ukraine bedeutet für Russland nicht nur mehrere Zehntausend gefallene Soldaten, sondern auch hohe Materialverluste. Munition, Panzer und Artillerie kamen zwar zunächst aus russischen Lagerbeständen, allerdings reichten diese schon nach wenigen Monaten nicht mehr aus, um den Bedarf an der Front zu decken. Die Kapazität der russischen Rüstungsindustrie war ebenfalls nicht auf einen großen Krieg ausgelegt, was zu Engpässen führte. Deshalb arbeitet Moskau seit Sommer 2022 mit Hochdruck daran, die Produktion von Panzerfahrzeugen, Raketen und Munition auszuweiten. Die Militärausgaben wurden dafür drastisch erhöht.

Ende 2021 plante das russische Finanzministerium mit einem Verteidigungshaushalt von rund 3,5 Billionen Rubel, was 2,3 Prozent des russischen BIP entsprochen hätte. Die tatsächlichen Ausgaben betrugen mit mehr als 6 Billionen Rubel etwa 4 Prozent des BIP. 2024 beträgt der geplante Verteidigungshaushalt gar 10,8 Billionen Rubel, was 6% des erwarteten BIP entspricht. Wenn man die Kaufkraft des Rubels ins Verhältnis zum US-Dollar setzt, entsprechen diese Ausgaben einem Verteidigungsbudget von über 300 Milliarden US-Dollar (zum Vergleich: Deutschland plant für 2024 mit einem Verteidigungshaushalt von 71,2 Milliarden Dollar, die USA mit 842 Milliarden).

Die gewaltigen Ausgabensteigerungen haben sich in den russischen Produktionsstatistiken niedergeschlagen. Russlands Wirtschaft konnte sich erholen, weil der leichte Rückgang in der Produktion von Öl und Gas sowie im Fahrzeugbau durch Steigerungen in der Rüstungsindustrie ausgeglichen wurde. Zwar geben die russischen Behörden keine gesonderten Zahlen für die Waffenindustrie an, allerdings zeigen diejenigen Sektoren, denen der militärisch-industrielle Komplex zugeordnet werden kann (Metallgüter, optische und elektronische Geräte, Bau von Schiffen und Flugzeugen), starke Zuwächse im Vergleich zu 2021. Auch russische Regionen, in denen es viele Rüstungsfabriken gibt (vor allem im Ural), sind seit 2021 stark gewachsen, während die von der Automobilindustrie geprägte Region Kaluga einen wirtschaftlichen Einbruch hinnehmen musste.

Krieg und Rüstungsboom haben auch einen akuten Arbeitskräftemangel in Russland zur Folge: Die offizielle Arbeitslosigkeit ist auf einen historischen Tiefststand von 3 Prozent gefallen. Die Washington Post geht von zwischen 500.000 und einer Million Menschen aus, die Russland im ersten Kriegsjahr verlassen haben. Darunter sind besonders viele gut ausgebildete Russinnen und Russen, denen der Wechsel ins Ausland leichter fällt. Auch die Mobilisierung für den Krieg ist ein Aderlass arbeitsfähiger Russen, wenn auch eher aus den wirtschaftlich schwächeren Regionen. Neben der Zwangsrekrutierung ziehen auch die sehr hohen Gehälter, mit denen das russische Militär lockt, viele Männer an, die in ihrer Heimat keine Perspektiven hatten. Viele russische Soldaten kehren nicht mehr lebend von der Front zurück. Allerdings bringt der Krieg über den Sold und die Entschädigung für Gefallene auch viel Geld in manche Orte.

Der Krieg schadet der Wirtschaft langfristig

Russlands wirtschaftliche Erholung wurde getragen von sehr hohen Staatsausgaben, die – abhängig vom Ölpreis – nicht langfristig durchzuhalten sind. Dabei sind weniger die neuen Schulden das Problem: Mit geschätzten 2 Prozent des BIP im Jahr 2023 dürfte das Loch im russischen Haushalt fürs Erste überschaubar bleiben. Allerdings ist Russlands Wirtschaft sehr stark ausgelastet, was auch der Mangel an Arbeitskräften zeigt. Die hohe Staatsnachfrage lässt deshalb auch die russischen Importe ansteigen, während die Exporte aufgrund gefallener Weltmarktpreise nicht mehr so viel Geld ins Land bringen wie noch 2022. Das schwächt den Rubel und trägt zur Inflation bei.

Der Rubelkurs gab im Verlauf des Jahres 2023 bereits deutlich nach. Das verteuerte die Importe und schlägt sich zunehmend in den Inflationsraten in Russland nieder: Während die Inflation im April 2023 bei nur 2,3 Prozent lag, stieg sie bis September 2023 auf 5,7 Prozent an. Um den Verfall der russischen Währung zu bremsen, erhöhte die russische Zentralbank ihre Zinsen, die sie im Laufe des Jahres 2022 auf 7,5 Prozent gesenkt hatte, in einer außerordentlichen Sitzung deutlich. Im September betrugen sie 13 Prozent. Die Hoffnung der Bank ist, dass die hohen Zinsen die private Nachfrage in der russischen Wirtschaft zügeln. Die Staatsausgaben für den Krieg wird das allerdings nicht senken.

Russland ist ungeachtet der Sanktionen wirtschaftlich stark genug, um seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine noch mehrere Jahre fortzusetzen, wenn es nicht zu einem Einbruch der Energiepreise auf dem Weltmarkt kommt. Der Umbau der russischen Ökonomie zu einer Kriegswirtschaft, die vor allem durch Staatsausgaben in Schwung gehalten wird, dürfte sich in den nächsten Jahren fortsetzen. Damit wird die russische Wirtschaft immer stärker davon abhängig, dass der Krieg auch fortgesetzt wird, da der Rüstungsboom sonst abrupt enden könnte. Zu nachhaltiger Entwicklung wird Russlands aktuelles Wirtschaftsmodell deshalb nicht führen. Die starke Fokussierung auf den Krieg, fehlende Investitionen, aber auch die längerfristigen Auswirkungen der Sanktionen lassen die langfristen Zukunftsaussichten für die russische Wirtschaft sehr düster erscheinen . Zwar wird es auch weiterhin kaum Arbeitslosigkeit geben, allerdings wird die russische Bevölkerung sich immer weniger für ihr Einkommen leisten können. Der hohe Preis des Kriegs wird erst nach Ende des Krieges und damit höchstwahrscheinlich auch nach dem Ende der Ära Putin in vollem Umfang sichtbar werden.

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Janis Kluge ist seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er arbeitet in der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien zur wirtschaftlichen Entwicklung Russlands und den angrenzenden Nachbarstaaten, zur Innenpolitik Russlands und zu Wirtschaftssanktionen. Zuvor promovierte er an der Wirtschaftsfakultät der Universität Witten/Herdecke über politische Risiken für ausländische Investoren, die informelle Wirtschaft in Russland und die Nutzung westlicher Rechtssysteme durch russische Unternehmen.