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15.2.2016

Uberisierung: Wie Plattformen unsere Arbeit verändern.

Patrick Stegemann am 29.02.2016

Wir teilen unsere Wohnung, Autos, verkaufen Handgemachtes auf Internetplattformen. Sozial und nachhaltig soll das sein. Tatsächlich ändert die entstehende Plattformökonomie unser Verständnis von Arbeit grundlegend – und nur wenige profitieren. Doch es gibt Hoffnung. Von Patrick Stegemann

Die Sharing-Economy ist schon jetzt ein Teil unseres Alltags - wird sie die Zukunft der Arbeit entscheidend prägen? Lizenz: cc by/2.0/de (CC, Life is Sharing von Alan Levine Alan Levine)


Es gibt Ideen, die sind so stark, dass sie einem ganzen Zeitalter einen Namen geben. Manches spricht dafür, dass wir gerade in eine Zeit eintreten, die den Namen einer App (und des dazugehörigen Unternehmens) trägt: Uber. Der Fahrdienst vermittelt über seine App Menschen miteinander, die einerseits mit ihrem Auto Taxidienste anbieten und jene, die das nutzen wollen. Wie eine dünne Schicht legt sich Uber als Plattform zwischen zwei Personen, von der einer eine Leistung anbietet und der andere sie nutzt. In großen Teilen der Welt hat Uber sich innerhalb weniger Monate stark verbreitet. Dahinter steckt mehr als nur ein neuer digitaler Trend. Die Zukunft der Arbeit wird gerade programmiert.

Vor etwa hundert Jahre trat schon einmal ein Unternehmen auf, das einer gesellschaftlichen Ordnung später den Namen geben sollte. Die Rede ist vom Autobauer Ford. Der Fordismus basierte auf monotoner Fließbandarbeit, Massenproduktion und -konsumtion. Der Sozialstaat war stark, Arbeitsverhältnisse zwar starr, aber sicher. Der Fordismus ist seit den 70er Jahren als prägendes Produktions- und Gesellschaftsmodell Geschichte. Dienstleistungsberufe sind heute wichtiger, Produktionen dynamischer, Arbeitsverhältnisse flexibler und unsicherer, der Sozialstaat geschrumpft. Den Autobauer Ford gibt es noch – und er ist immer noch groß. Doch um zu verstehen, vor welch tiefgreifenden Umwälzungen unsere Arbeitswelt steht, muss man den Blick nach Silicon Valley richten, zu Unternehmen, die nichts produzieren, nichts bauen - und dennoch Milliarden erwirtschaften.

Uber ist so viel wert wie Ford. Baut aber kein einziges Auto.

Uber besitzt kein einziges Auto, stellt keinen einzigen Fahrer an. Und trotzdem ist das Unternehmen Schätzungen zufolge mehr als 50 Milliarden Dollar wert – so viel wie der Autokonzern Ford mit fast 200.000 Angestellten und Millionen produzierter Autos. Ford prägte für ein halbes Jahrhundert die Art, wie Industrieproduktion funktionierte und Arbeitsgesellschaft gedacht wurde. Uber und all die anderen Plattformen (z.B. AirBnB) tun das Gleiche mit Dienstleistungen, die sie auf vollkommen neue Art organisieren. Weil Ubers Geschäftsmodell hierzulande gegen das Personenbeförderungsgesetz verstößt, ist der Dienst zwar deutschlandweit verboten, das dahinterliegende Prinzip jedoch prägt auch hier zusehends die Art und Weise, wie wir arbeiten. Uber verdient Geld mit fremden Autos, die Menschen auf der Plattform "teilen", es macht Amateure zu Taxifahrer/-innen. Uberisierung ist daher das Wort, das den Wandel von Wirtschaft und Arbeit ganz gut beschreibt. Neutraler könnte man auch von "Plattformökonomie" sprechen. Die digitale Ökonomie bildet Plattformen, die nichts weiter tun, als Dienstleistungen zu vermitteln. Das mag banal klingen, verändert unsere Gesellschaft aber gerade rasant.

Die heraufziehende Plattformökonomie verwischt zahlreiche Grenzen: Zwischen Produzent/-innen und Konsument/-innen, zwischen professionellem Angebot und amateurhaftem Gelegenheitsauftrag, zwischen Unternehmer/-in und Arbeiter/-in. Das Uber-Prinzip, die Plattformökonomie, die vielmehr sind als nur eine App, verändern den Arbeitsbegriff, vermischen private Hilfe und Schwarzarbeit, ändern das Verständnis und die Regelung von Monopolen.

Uber ist ein Prinzip.

Das, was zunächst recht niedlich als "Sharing-Economy" und unter dem Slogan "Teilen ist das neue Haben" firmierte, dehnt sich auf alle möglichen Lebensbereiche aus: Auf die Art, wie wir uns fortbewegen (Uber), wohnen und Urlaub machen (AirBnB), Projekte finanzieren (Kickstarter), Musik hören (Spotify) oder unser Liebesleben organisieren (Datingapps wie Tinder). Längst ist die Arbeit selbst Teil von Plattformen: Auf Crowdworking-Plattformen wie Amazon MechanicalTurk oder freelancer.com bieten Dienstleister ihre Arbeitszeit oder fertige Produkte an. Die Plattformen vermitteln nur noch zwischen den Arbeitern und Auftraggebern und verdienen damit ihr Geld.

Diese Unternehmen machen so das Soziale zum Produkt: Es gibt keine Grenze dieses Plattformkapitalismus. Alles ist zu verkaufen, das Leben wird zum Markt. Das ändert unser Verhältnis von Arbeit und Freizeit, von Profession und Hobby grundlegend: Es ist nicht mehr notwendig ein Hotel zu besitzen, um ein Zimmer zu vermieten, es braucht keine Schneiderausbildung, um selbstgenähte Taschen auf Handwerks-Plattformen zu verkaufen und kein Designstudium, um auf Plattformen Logos oder Internetseiten zu designen. Die neuen Arbeitsmöglichkeiten funktionieren ohne 9to5-Job, ohne Anwesenheitspflicht, aber eben auch ohne Kündigungsschutz, ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, ohne jegliche Sicherheit, isoliert und meist ohne gewerkschaftliche Vertretung.

Optimistisch betrachtet öffnet das die Möglichkeiten für mehr Flexibilität, die Nutzung unserer Kreativität und Innovation. Aber es gibt Plattformen auch Macht über uns, lässt uns zu Unternehmer/-innen unserer selbst werden, immer auf der Jagd nach einem neuen Auftrag, lückenlos überwacht und bewertet durch eine Plattform.

Die Sharing-Economy ist eine Lüge.

Die Plattformen erwecken gerne den Anschein, als würden sie ihren Wert aus einer genialen Idee heraus generieren. Tatsächlich geht es auch bei ihnen letztlich um Arbeit: Uber lebt von der Fahrdienstleistung seiner Fahrer, AirBnB bedient sich der Wohnung und der Reinigungskraft seiner Wohnungsanbieter/-innen, Crowdworkingplattformen wie „upwork“ leben von der Kreativität der Arbeiter/-innen, die dort ihre Dienste anbieten. Diese Unternehmen haben sich hinter den schönen Versprechen der Sharing-Economy verschanzt: Wir können alles teilen, dadurch sparsamer leben, soziale Kontakte pflegen, die Umwelt schonen. Doch tatsächlich haben wenige Unternehmen das Teilen, das Soziale, durchkommerzialisiert und Arbeitsbedingungen geschaffen, die hinter dem Schleier des "Teilens" prekär und ausbeuterisch sind.

"Die Benutzeroberfläche sagt zwar Teilen, aber das Backend, der technische Hintergrund, der basiert darauf, dass Macht, Besitz und Einfluss eben nicht geteilt werden und sehr wenige sehr viel Geld verdienen und unsere Daten absaugen.", sagt Thomas Dönnebrink, der in Berlin als so genannter Connector für die NGO Oui-Share fungiert.

Die Sharing-Economy hat ihre Versprechen nicht gehalten. Vielleicht haben wir uns auch einfach in ihr geirrt, denn das, was lange unter dem Schlagwort "Sharing-Economy" firmierte, hat mit "Teilen" eigentlich gar nichts tun: Kein Bäcker würde davon sprechen, dass er seine Brötchen teilt, keine Hotelbesitzer/-in, dass sie ihre Betten mit den Gästen "teilt". Es geht um ein Geschäft, Geld gegen Leistung. Die Plattformen verstehen es, dieses Geschäft so angenehm, so verführerisch zu gestalten, dass immer mehr Leute Lust haben, mitzumachen, eigenständig ihre Zimmer, ihre Autos oder ihre Arbeitskraft anzubieten. Doch hinter diesem Angebot stehen zumeist Unternehmen, die mit einem Heer schlecht bezahlter, scheinselbstständiger Arbeitnehmer/-innen agieren. Uber kämpft in den USA gerade darum, seine Fahrer/-innen weiterhin nicht als Angestellte behandeln zu dürfen – um Steuern und Löhne zu sparen.

Selbst gestalten

Die alte Ökonomie kommt nicht zurück, der Fordismus sowieso nicht. Die neue Form der Arbeit bringt viele Vorteile und die Plattformökonomie bereitet große Komfortgewinne, die wir alle gerne nutzen. Dass diese Vorteile mit Dumpinglöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen einhergehen, ist kein Naturgesetz. Trebor Scholz, Professor an der New School in New York, arbeitet seit vielen Jahren an dem Thema digitaler Arbeit. Er hat einen ziemlich eingängigen Vorschlag: Wir sollten die Plattformen einfach selbst besitzen. Er nennt das Plattform Cooperativism – eine Bewegung also, die Plattformen als Kooperativen oder Genossenschaften organisieren möchte. "Lasst uns nur für einen Moment folgendes vorstellen: Wie wäre es, wenn man das technische Herz dieser Hochburgen der Gewerkschaftsfeindlichkeit einfach clonen würde – mit einem anderen Eigentümermodell, mit fairen Arbeitsbedingungen, als humane Alternative zum Modell des freien Marktes?", sagte Scholz im November 2015 auf der von ihm mitorganisierten Konferenz Platform Cooperativism in New York. Eine "Coming-Out Party für das kooperative Internet" sollte die Veranstaltung sein. Mehr als tausend Menschen folgten dem Aufruf und diskutierten, wie sich die Idee geteilten Eigentums auch auf die Digitalökonomie übertragen ließe. Auch deutsche Gewerkschaften wie ver.di oder IGMetall waren auf der Konferenz vertreten. Platform Cooperativism entwirft ein Konzept neuer Eigentumsmodelle für das Internet: Die Nutzer/-innen und Arbeiter/-innen besitzen ihre Plattform selbst, entscheiden demokratisch darüber, was dort passiert, der Gewinn bleibt im Unternehmen oder wird an die die Teilhaber/-innen ausbezahlt.

"Wir brauchen etwas, zu dem wir ja sagen können", forderte Scholz. Uber und all die anderen Plattformen sind mächtig, aber letztlich sind sie "nur" ein paar Zeilen Programmiercode. Dass es möglich ist, Plattformen auch genossenschaftlich zu organisieren, zeigen einige Beispiele in aller Welt. In Israel bietet das Start-Up La’zooz eine genossenschaftliche Lösung für geteilte Fahrten an, in Berlin entsteht mit Fairmondo eine genossenschaftliche Alternative zu ebay. In Soeul unterstützt die Stadtregierung eigene Sharing-Plattformen.

Thomas Dönnebrink, der seit vielen Jahren die Sharing-Economy aktiv begleitet, glaubt, dass vor allem die europäischen Metropolen hier zusammenarbeiten sollten: "Plattformen könnten besonders gut auf dieser Ebene funktionieren, Städte könnten beispielsweise so etwas wie ein gemeinsames AirBnB entwickeln", glaubt Dönnebrink. Genossenschaften hätten gerade in Deutschland und Europa eine lange Tradition, an die gelte es auch in der digitalen Ökonomie anzuknüpfen.

Eine politische Debatte der Nische - noch.

Ob aus der Bewegung zum Plattform Cooperativism tatsächlich Lösungen erwachsen, die unser Arbeiten und Leben in der Plattformökonomie besser machen – diesen Beweis muss die junge Bewegung erst noch erbringen. Doch allein der Vorschlag ist wichtig, weil er zeigt: Die Zukunft der Arbeit ist eine politische Frage. Die Debatte darum ist bisher seltsam technikgetrieben. Aber die Zukunft von Gesellschaft, Arbeit und Leben sollte nicht in den Ingenieurbüros deutscher Maschinenbauer und nicht an den Konferenztischen im Silicon Valley entschieden werden, es ist eine zutiefst politische Entscheidung: Wem gehören eigentlich die Dinge, mit denen wir produzieren? Wer entscheidet darüber und wie? In Deutschland wird diese Debatte noch in den Nischen geführt, da gehört sie nicht hin.
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7 Kommentare anderer Nutzer

Michael | 02.03.2016 um 12:24
Genossenschaften

Toller Beitrag. Insbesondere die Frage, wie wir Genossenschaften im Digitalen umsetzen können, sollten wir diskutieren!


Antworten
Udo | 04.03.2016 um 11:21
Kooperation als modus operandi des perfekten Marktes

Verheißungsvoll ist sie wahrlich, die digitale Revolution, die der industriellen folgt. Verhängnisvoll hingegen nur, wenn man das hier gezeichnete Bild, eine finstere Zukunftsvision eines gewerkschaftsferner, scheinselbstständiger und darum weder ver- noch sonstwie sicherer Präkariats für ein realistisches Szenario hält. Ist es aber nicht. Hier schreibt mit der Bundeszentrale für politische Bildung eigentlich eine sonst vernünftig argumentierende Vorfeldorganisation unseres Staates. Aber sie schreibt vom Ubergang des Abendland, wie so nur Pegida vom Untergang desselben. Kommt mal klar und wieder auf den Teppich, die Zukunft liegt in den Händen derer, die sie gestalten, nicht verunstalten. Uber und andere Plattformen machen vor was vorher undenkbar oder nicht digital war. Gab es nicht schon immer Mitfahrgelegenheiten, Gelegenheitspensionen, Freiberufler. Uber & Co. hieven das nur auf ein neues Level und damit in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Diskutiert gehört das längst, jahrzehntelang. Das die Politik jetzt drauf kommt, zeigt nur wie weit dahinter her sie ist. Und ganz nebenbei: Haltet ihr die Umstände, unter denen das Taxigeschäft abläuft ernsthaft für nicht prekär?


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Patrick Stegemann | 06.03.2016 um 19:22
"Re: Kooperation als modus operandi des perfekten Marktes"

Hallo Udo,

vielen Dank für Ihren Beitrag - ein ganz wichtiger Punkt: Natürlich, auch nicht-digitale Arbeit ist beizeiten prekär und Taxiunternehmen sind sicher nicht immer das Vorbild für Mitbestimmung, faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen.
Darum geht es aber nicht, ebenso wenig um Zukunftsangst. Es geht 1. darum, dass Plattformen eine neue Form des Wirtschaftens und der Arbeit möglich machen, die mit unabhängigen Arbeiter_innen agiert, Marktrisiken also auslagert und individualisiert. Das ist für die Qualität von Arbeit in der Tat fatal und in den USA gut zu beobachten.

2. Die Haltung dieses Beitrag ist: Lasst uns die Möglichkeiten der Plattformen nutzen und sie im Sinne der daran Beteiligten Arbeiter/-innen, Nutzer/-innen, andere Stakeholder umgestalten. Das ist - ganz nebenbei bemerkt- auch im Taxisektor teilweise geschehen, auch da gibt es ja z.B. Genossenschaften wie gut die auch immer funktionieren. Die ganz zentrale Frage, die der Beitrag zu stellen versucht, ist, wie es gelingen kann, die entstehende Machtasymmetrie in den Märkten und die Arbeit betreffend zu Gunsten der Arbeiter/-innen zu verschieben.

Es handelt sich also keinesfalls um eine Haltung der Angst wie bei Pegida. Das Gegenteil ist der Fall, denn ich glaube tatsächlich an den emanzipatorischen Wert des kollaborativen Internets.


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SharingIsCaring | 04.03.2016 um 12:13
Ist die "Sharing-Economy" wirklich eine Lüge?

Ein spannender Beitrag, der wichtige Fragen aufwirft! Nur, macht es sich der Autor nicht zu einfach damit, die Sharing Economy gänzlich als Lüge zu entlarven? Die Frage ist ja, woher auf einmal der "Plattformkapitalismus" kommt d.h. wie/woher haben sich Uber, AirBnb, etc. entwickelt. Genau hier besteht eine entscheidenen Leerstelle des Textes, denn Plattformkapitalismus fällt ja nicht einfach vom Himmel. Vielmehr handelt sich sich dabei um eine profitgetriebene Aneignung von potentiell nicht-profitgetriebenen Sharing Economy Konzepten etwa Mitfahrgelegenheit, Couchsurfing, usw.. Bei Couchsurfing bspw. steht das Teilen eindeutig im Vordergrund und nicht der Profit oder eine strenge Tauschlogik. D.h. das Problem ist ja nicht die Share Economy ansich, sondern vielmehr die Frage wie alternative, potentiell nicht-kapitalistische also nicht unter permanenter Verwertungslogik stehende Organisationsformen inwertgesetzt werden. Die Dynamik des Kapitalismus besteht schließlich genau darin sich immer wieder günstig/kostenlos genau solche Terrains und Beziehungen anzueignen. Die Grenzlinie läuft also vielmehr an der Frage wie Produkte und Dienstleistungen organisiert und vertrieben werden z.B. Privatbesitz, profitgetrieben vs. kollektives Eigentum, nutzenorientiert und nicht zwischen Sharing Economy und Nicht-Sharing-Economy. Genau das zeigt der Autor schließlich auch auf, wenn er von Plattform Kooperativen redet. Unterm Strich: Es wäre gefährlich bis naiv die Sharing-Economy ansich in Frage zu stellen. Vielmehr muss es aus emanzipatorischer Perspektive darum gehen, Sharing Economy genau wie alle Bereiche der gesellschaftlichen Produktion und Organisation als "Kampffeld" zu begreifen, dass es gegenüber Privatisierungs., Monopolsierungs-, und Profitlogiken zu verteidigen und auszubauen gilt. Kooperative Organisationsformen bieten hierfür sicher ein vielversprechenden Ausgangspunkt!


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Patrick Stegemann | 06.03.2016 um 19:31
"Re: Ist die "Sharing-Economy" wirklich eine Lüge?"

Liebe_r "Sharing is Caring",

ich teile Ihre Haltung ganz und gar: Es muss darum gehen, diese technisch vermittelten Neuerungen als Kampffeld zu begreifen, in dem auch eine andere Möglichkeit des Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens zu Tage tritt. Dieses emanzipatorische Potential der "Sharing Economy" gilt es zu verteidigen bzw. zu erkämpfen - gegen die Interessen derer, die gerade die Plattformen betreiben. Das ist es ja, was ich als politische Frage bezeichne und das soll ja "Plattform Cooperativism" auch leisten.

Dennoch: Es ist wichtig, "Sharing Economy" zunächst als ideologischen Begriff zu dechiffrieren - als ein Begriff, hinter dem Macht steckt und der Geschichte hat. Es gibt ja bei den hier besprochenen Firmen so etwas wie "Sharing-Washing": Die Externalisierung von Marktrisiken auf Individuen, Ausbeutung, Machasymmetrien, Undurchsichtigkeit usw. sind Teil des Geschäftsmodells. Kein bug, sondern ein Feature. Der Begriff Sharing-Economy soll das verdecken. Diese Mechanismen muss man benennen, glaube ich. Und dann auch sagen: Es geht auch anders, muss anders gehen. Vielleicht aber brauchen wir dafür andere Begriffe.


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Sebastian | 28.04.2016 um 13:56
Verkannte Realität

Ich bin erschrocken, einen solch einseitigen und pauschalisierenden Artikel auf bpb lesen zu können. Wer das Silicon Valley in solcher Art dämonisiert und auf technischen Fortschritt lediglich mit Regulierung antworten möchte, bestätigt bloß den Stereotyp der "German Angst" und trägt nicht zur Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands bei.

Den Vorwurf das Plattformen zu prekären Arbeitsbedingungen führen und zur ständigen Jagt nach Aufträgen drängen würden ist nicht gegeben. Durch den Status als Freelancer ist man jederzeit in der Lage selbst zu bestimmen, wann und in welchem Umfang man arbeiten möchten. Stelle ich mich nicht zur Verfügung, hat die Plattform keinen Zugriff auf meine Arbeitszeit oder mein Eigentum. Gefallen mir die Bedingung der einen Platform nicht, kann ich jederzeit zur einer Anderen wechseln oder es ganz bleiben lassen.

Die erste repräsentative Studie* der Princeton University im Jahr 2015 von Uber Partnern hat gezeigt, dass Fahrer es hauptsächlich als Nebenverdienst nutzen und die Flexibilität der Arbeit schätzen. Die Hälfte aller Fahrer arbeitet weniger als 15h/Woche und verdienen sich damit ein leichtes Zubrot. Des weiteren haben 45% aller neuen Fahrer während eines Jahres Uber wieder verlassen. Dies beweist die Mündigkeit der Teilnehmer und widerspricht der gefühlten Übermacht von Uber.

Diskussionsbedarf sehe ich daher nicht über Plattform selbst, sondern über diejenigen Teilnehmer die auf ihnen Vollzeit arbeiten 20% bei Uber und die dadurch entstehenden Konsequenzen für den Sozialstaat.

Der obige Artikel jedoch, ist einseitig und emotional geführt und verleugnet die breite Akzeptanz solcher Geschäftsformen sowie den Nutzen der Teilnehmer. Für diese Grundhaltung habe ich kein Verständnis.

*An Analysis of the Labor Market for Uber’s Driver-Partners in the United States


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bpb-iconPatrick Stegemann | 29.04.2016 um 23:59
"Re: Verkannte Realität"

Haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar, der einige wichtige Punkte anspricht. Dabei geht es hier aber nicht im „German Angst“ und „Innovationsfeindlichkeit“, sondern um ein Ja zu diesen neuen Formen - aber zu einer Organisation von Plattformen, von der alle profitieren. Es geht darum, die Rhetorik der genannten Plattformen wie AirBnB und Uber dahingehend zu kritisieren, dass sie nur Beteiligung und Vorteile für alle suggerieren, tatsächlich aber weit hinter diesen Ansprüchen zurückbleiben. AirBnB spricht davon, wie großartig eine teilbare Stadt wäre, setzt aber eben jene Städte massiv unter Druck, die sich gegen das Geschäftsmodell und den damit empirisch übrigens gut nachweisbaren Druck auf die Mietmärkte wehren. Gleiches gilt für Uber: Ich kenne die von Ihnen zitierte Studie. Und die hohe Aussteigerrate zeigt ja gerade, dass viele eben nicht davon profitieren, für Uber zu arbeiten. Der Protest vieler Fahrer in den USA www.nytimes.com/2016/02/21/nyregion/uber-drivers-up-against-the-app.html?_r=0 wirft ja auch ein Schlaglicht darauf, wie kritisch viele Fahrer Uber sehen. Zudem sind gerade auch Prozesse in den USA anhängig, die die von Ihnen auch aufgeworfene Frage verhandeln, welches Verständnis von Arbeitgebern da vorliegt diese Studie spricht von Uber bspw. als „funktionale Arbeitgeber“ - eine Rolle, die Uber konsequent ablehnt und damit sehr viel Geld macht und viele Steuern und Sozialabgaben spart; www.labourlawresearch.net/papers/uber-taskrabbit-co-platforms-employers-rethinking-legal-analysis-crowdwork.

Die Wahlfreiheit der Nutzer ist theoretisch natürlich gegeben, wenn wir die Plattformen aber zusehends als Arbeitgeber betrachten und dahin geht die Entwicklung, ändert sich das Argument grundlegend. Wir würden ja auch nicht sagen: Ist doch egal, ob Aldi Betriebsräte entlässt, die können ja auch woanders arbeiten. Es geht also um grundlegende Maßstäbe von Recht und Gerechtigkeit. Dass überdies viele Sharing-Plattformen ihre „soziales Image“ pflegen, dahinter aber zum einen VC-Kapital getriebene Unternehmen stehen, die in hohem Maße extraktiv agieren und - das ist ebenso bedeutend - kaum sozialen Mehrwert schaffen, sondern eine grundlegende Ökonomisierung sozialer Beziehungen provozieren auch das ist z.B. in dieser Studie von Juliet Schor von der Berkley University dargelegt worden: www.bc.edu/content/dam/files/schools/cas_sites/sociology/pdf/TheSharingEconomy.pdf - auch das gehört zum Gesamtbild.

Warum eine Debatte darum, Plattformen genossenschaftlich zu organisieren und sie tatsächlich in den Dienst breiterer Schichten zu stellen, nun ein Argument der Angst oder eine innovationsfeindliche Haltung sein soll, leuchtet mir nicht ein. Ich bin da ja ganz bei Ihnen: Ich bejahe den Nutzen und die grundlegende Innovation, die davon ausgeht. Aber ein zweiter Blick auf das Phänomen sollte schon erlaubt sein.

Abschließend noch ein Wort zur Grundhaltung des Textes: Abseits dessen, dass ja auch genossenschaftlich organisierte Formen von Unternehmungen innovativ und wertschaffend sein können, geht es mir tatsächlich nicht vorrangig um die „Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“. Das ist schlicht nicht die normative Basis, von der aus ich Diskussionen führe. Das hat im übrigen sehr wenig mit „German Angst“ zu tun, denn hier sind solcherlei Ansätze von Plattform Cooperativism nur am Rande zu finden. Die Selbstorganisation von Nutzer_innen und Arbeiter_innen auf diesen Plattformen ist in den USA viel weiter fortgeschritten und die Debatte darum wird dort intensiv geführt https://medium.com/@trebors/platform-cooperativism-vs-the-sharing-economy-2ea737f1b5ad.ouu1ipsp3.

Haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar - ich freue mich über die Debatte. Und wenn Sie mögen, bleiben wir darüber im Gespräch!


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