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6.2.2008

Zwischen Faszination, Grauen und Vereinnahmung

Die wechselvolle Resonanz der Massenmedien auf die Proteste von '68

Happenings, Sit-Ins, öffentliches Leben in der Kommune – die Revolte der 68er war auch ein mediales Ereignis. Die Medien wurden beschimpft und bekämpft und zugleich gezielt für die Mobilisierung der Öffentlichkeit genutzt.

In ihrem vierzigsten Jubiläumsjahr sind die Bilder und Erinnerungen an die Revolte von '68 in den Medien wieder omnipräsent: Mit kanonischen Fotos und Fernsehmitschnitten von Straßenkämpfen, Demonstrationen und Happeningaktionen, unterlegt mit dem Rocksound der 1960er Jahre feiern die Medien ein weiteres Mal '68 als Medienereignis und als herausragendes Moment der bundes-deutschen Geschichte.

Neue Protestformen sorgten für die breite Aufmerksamkeit der Medien: Sitzblockade in Frankfurt/Main am 30.05.1968. (© AP )


Die '68er-Jubiläen sind längst zu Medienritualen geworden, in denen diese sich ihrer Interpretationshoheit über die Geschehnisse Ende der 1960er Jahre vergewissern. Hierbei können sie auf eine lange Geschichte zurückgreifen. Denn die Medien haben sich als kulturelle Deutungsinstanzen bereits zu Beginn in die Entstehungsgeschichte der Revolte eingeschrieben. Schon damals erkannten sie den medialen Ereignischarakter symbolischer Protestformen wie Happenings und Sit-Ins sowie von polarisierenden Bildern studentischer Barrikadenkämpfe mit der Polizei.


Gleichzeitig war die Studenten- und Jugendbewegung die erste emanzipatorische Protestbewegung, die gezielt die Massenmedien für die breitenwirksame Mobilisierung der Öffentlichkeit nutzte. Ein wesentliches Merkmal der '68-er Bewegung, wie ihre symbolische Chiffre lautet, ist, dass sie dabei in einem widersprüchlichen Wechselverhältnis zu den Massenmedien stand: Während sie diese einerseits als "kapitalistisch" und "bürgerlich" ablehnte, nutzte sie die neuen öffentlichen Mobilisierungsmöglichkeiten, die ihnen das massenmediale Interesse bot. Gleichzeitig musste die Bewegung zusehen, wie die Medien sich ihrer Protestkodes bemächtigte und sie zur Modernisierung ihrer eigenen Darstellungsformen und Themen nutzte.

Anlässlich der Demonstration gegen den Berlin-Besuch des Schah von Persien am 2. Juni 1967 verteilten Mitglieder der Kommune I Papiertüten mit Karikaturen des Herrscherpaares. (© Benjamin Pritzkuleit / '68 - Brennpunkt Berlin)

Wenn man die zeitgenössischen medialen Reaktionen auf die Revolte von '68 betrachtet, müssen zunächst zwei Tendenzen in der Protestbewegung unterschieden werden: Zum einen die politisch motivierten Proteste der Studentenbewegung um den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und zum anderen jene der subversiven Happeningbewegung, die vor allem auf den restaurativen kulturellen Common Sense der 1960er Jahre abzielen und die sich im Wesentlichen um die Mitglieder der Kommune 1 formieren.

Beide Protestgruppierungen haben gemeinsame Wurzeln, vor allem in den anti-autoritären Grundüberzeugungen und in ihren symbolischen Aktionsformen. Während die Proteste um den SDS allerdings konkrete politische Konfliktsituationen aufgreifen (wie den Vietnamkrieg) und provozieren (wie die Konfrontationen anlässlich des Schah-Besuchs), weiten die Kommunarden ihre Rebellion aus auf eine "revolutionäre Lebenspraxis", die sich nicht nur in einzelnen Protestaktionen manifestiert, sondern auch in der öffentlichen Verkörperung und Inszenierung eines hedonistischen und selbstbestimmten Lebensstils, der den autoritären und materialistischen Werten der älteren Generation im Nachkriegsdeutschland den Kampf ansagt. Vor allem die Aufhebung der Privatsphäre, das polygame Zusammenleben in einer Kommune und die Auflösung des bürgerlichen Familienverständnisses werden provokativ öffentlich zur Schau gestellt.

Zwar handelt es sich bei beiden Tendenzen der Studenten- und Jugendbewegung um in sich heterogene Strömungen, die im Verlauf der Jahre 1967 und 1968 in immer kleinere Gruppierungen zerfallen. In der öffentlichen Wahrnehmung aber dominiert das Bild einer mehr oder weniger einheitlichen Front rebellierender Studenten, in der einige prominente Leitfiguren herausragen, welche immerhin die beiden Grundtendenzen der Bewegung repräsentieren: Rudi Dutschke und die Mitglieder der Kommune 1.

Rudi Dutschke und die politischen Proteste in den Medien

Umringt von Journalisten: Rudi Dutschke (Bildmitte) war für die Medien der Idealtypus des romantisch euphorischen Revolutionärs. (© AP)

Rudi Dutschke ist in den zeitgenössischen Medien der wichtigste Repräsentant der (im engeren Sinne) politischen Strömung – auch wenn dieser Status im SDS damals keineswegs unumstritten ist. Wie kein anderer deutscher Aktivist zu dieser Zeit verkörpert er den Idealtypus des romantisch euphorischen Revolutionärs, der seine Anhänger durch mitreißende Reden und Aufrufe elektrisiert. Die Medien erkennen damals sehr schnell die visuelle und emotionale Attraktivität von Dutschke auf dem Bildschirm und auf den Zeitungsseiten.

Aber sie setzen sich zum Teil auch mit seinen Zielen und den Hintergründen der Studentenunruhen auseinander. Gerade linke und liberale Medien wie Der Spiegel, Die Zeit, Stern, aber auch Fernsehsender wie WDR oder SWF sympathisieren teilweise mit der Rebellionen der Studenten im restaurativen Adenauer-Deutschland. Etwa in der Ablehnung von innenpolitischen Entwicklungen wie den Notstandsgesetzen oder außenpolitischen wie dem Vietnamkrieg gibt es Gemeinsamkeiten. Auch diese Medien benötigen eine herausragende Figur, an der sie die komplexen politischen, kulturellen und habituellen Protesthintergründe der Studentenbewegung festmachen können. Dutschke wird daher von ihnen regelmäßig als Studentenführer interviewt und porträtiert.

Die Kommune 1 und die subversive Happeningszene in den Medien



Mit neuen Protestformen immer wieder Aufmerksamkeit erregen: Party der "Kommune I" vor der Berliner Gedächtniskirche am 12. August 1967. (© AP )

Die Happeningszene um die Kommune 1 bezieht noch strategischer als die Vertreter des SDS die Medien in ihre Provokationen ein. Subversiv handeln sie dabei vor allem, indem sie gezielt die mediale Ereignisorientierung bedienen und diese vorführen. Ihre öffentlichen Spektakel und Aktionen sichern ihnen nicht nur mediale Aufmerksamkeit, sondern zeigen, nach welchen kommerziellen und sensationslüsternen Mechanismen "Medienwirklichkeit" konstruiert wird. Zunehmend werden die Medien dabei zum bevorzugten Ort der Selbstinszenierung der Kommunarden. Mit der steigenden Medienpräsenz wächst bei ihnen der Eindruck, über die pure Selbstdarstellung kulturelle Tabus wirksam brechen zu können.

Ein eindrückliches Beispiel für das subversive Vorführen der Medien durch die Kommune 1 und die unterschiedlichen medialen Reaktionen ist das "Puddingattentat" im April 1967: Im Vorfeld des Besuchs von US-Außenminister Hubert Humphrey bemerken die Mitglieder der Kommune 1, dass sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Um den Staat und seine öffentlichen Organe, samt ihrer "Hofberichterstattung" – wie der Vorwurf der Studenten lautete – lächerlich zu machen, schmieden sie vermeintliche Attentatspläne. Unter polizeilicher Beschattung testen sie ihre mit Pudding gefüllten Bomben und werden sofort festgenommen. Am nächsten Tag titeln die Springer-Blätter: "FU-Studenten fertigten Bomben mit Sprengstoff aus Peking" (Berliner Morgenpost), "Attentat auf Humbert Humphrey" (Bild), "Mit Bomben und hochexplosiven Chemikalien, mit Sprengstoff gefüllten Plastikbeuteln – von Terroristen 'Mao-Cocktail' genannt – und Steinen haben Berliner Extremisten einen Anschlag auf den Gast unserer Stadt vorbereitet" (Bild). Das darauf folgende Gerichtsverfahren nutzt die Kommune, um die überzogenen Autoritätsstrukturen des Staates öffentlich lächerlich zu machen, wie der Kommunarde Dieter Kunzelmann rückblickend im Fernsehgespräch mit dem SWF betont.

Nach zwei Tagen wird das Verfahren erfolglos abgebrochen. Die Kommunarden werden aus der U-Haft freigelassen und geben ihre erste Pressekonferenz: Dort präsentieren sie ihre Version des Geschehens und für ein Fernsehteam des SFB stellen sie den gesamten Verlauf von der Planung bis zu ihrer Festnahme noch einmal nach.

So reißt auch nach Aufklärung der subversiven Aktion das mediale Interesse an den "Bombenattentätern" nicht ab. Linksliberale Zeitungen berichten ironisch über die gelungene Irreführung der Polizei und die überzogenen Reaktionen des Boulevards. So etwa Kai Herrmann in der Zeit in einem Artikel mit dem Titel "Elf kleine Oswalds". Selbst die die New York Times berichtet über das "Puddingattentat".

Wie das Nachstellen der Aktion durch den SFB zeigt, sympathisieren auch Teile des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit den Kommunarden und stellen das Puddingattentat als eine harmlose Spaßaktion vor, die dennoch erfolgreich übertriebene Kontrollmechanismen des Staates und populistische Meinungsmache der Boulevardblätter decouvriert. Das Beispiel zeigt damit, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerade im Kampf gegen den Springer-Konzern tendenziell auf Seiten der protestierenden Studenten und Kommunarden stand.

Das Interesse der Medien an der Kommune geht aber bald weit über die Berichterstattung solcher Aktionen hinaus. Journalisten und Fotografen besuchen regelmäßig die Kommuneräume und berichten vom anti-bürgerlichen Lebensstil der Kommunarden – nicht ohne hierfür satte Honorare bezahlen zu müssen (nach dem Motto: "Erst blechen dann sprechen!"). Da gleichzeitig in den Medien, der Werbung und der Konsumgüterindustrie Jugend als Zielgruppe mit eigenen Bedürfnissen und Identitäten entdeckt wird, werden die Rebellen von '68 zu Stars der Gegenkultur stilisiert, als Avantgarde eines lustbetonten und selbstbestimmten Lebensstils. Als solche verlieren sie schließlich die öffentliche Deutungsmacht über ihre ursprünglich gesellschaftskritisch motivierten Protestkodes und werden zu Protagonisten des medial und kommerziell forcierten popkulturellen Zeitgeistes – dessen medialen Gesetzen sie am Ende selbst erliegen.

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Katrin Fahlenbrach

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Katrin Fahlenbrach

Dr. Kathrin Fahlenbrach, geboren 1967, arbeitet als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Halle. Ihre Promotion schrieb sie zu dem Thema "Protestinszenierungen. Visuelle Kommunikation und kollektive Identitäten in Protestbewegungen".


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