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20.8.2007

Die popkulturelle Adaption des politisch verpufften RAF-Mythos

In Filmen, Songtexten, Literatur, Werbung und Mode findet eine Trivialisierung, Romantisierung und Popularisierung der RAF statt. Die Verwendung von RAF-Symbolen ist heute weitgehender Beliebigkeit anheim gefallen.

Es ist nicht bekannt, wie ehemalige RAF-Mitglieder darauf reagiert haben, dass Repräsentanten einer jüngeren Generation kurz nach Auflösung der RAF damit begannen, diese in den unterschiedlichsten kulturellen Bereichen zum Gegenstand einer erneuten Verklärung zu machen, ihren gescheiterten Feldzug gegen Staat und Eliten streckenweise zu ästhetisieren, sich besonders spektakuläre Elemente des vermeintlichen Guerillakampfes herauszugreifen und sie zu romantisieren sowie Einzelne, wie Andreas Baader und Ulrike Meinhof, nun als Pop-Ikonen zu besetzen und erneut zu heroisieren. Das RAF-Emblem mit der quer über den fünfzackigen Stern montierten Maschinenpistole von Heckler & Koch tauchte nun auf T-Shirts und Postern, auf Buchtiteln und Filmplakaten, auf Fotostrecken in Mode- und Anzeigen von Lifestyle-Magazinen auf.

"Prada Meinhof" ist zum Synonym für den Einzug der RAF in die Pop-Kultur insgesamt geworden. (© Maegde und Knechte Elternhaus)

Es schien sich, wenn auch nur vorübergehend, um eine regelrechte Welle zu handeln, die der gerade untergegangenen RAF als popkulturelles Artefakt plötzlich erneut Aufmerksamkeit verschaffte. Die Rede war nun von "RAF ist hip", "RAF ist chic", "RAF goes Pop" und – das alles hochgerechnet – von einem regelrechten "RAF-Retro-Trend". Doch zum Teil scheint dieser "Trend" auch einem medialen Kumulationseffekt geschuldet gewesen zu sein. Jedenfalls war unübersehbar, wie sich Kritiker dieses Phänomens annahmen, sich daran abarbeiteten und es auf diese Weise selbst noch einmal, wenngleich auch nur indirekt, multiplizierten und potenzierten.


Die größte Aufmerksamkeit gewann zunächst die Verballhornung von "Baader Meinhof" zu "Prada Meinhof", einem Label, unter dem die Hamburger Boutique "Maegde und Knechte Elternhaus" ein T-Shirt vermarktet hat. Andere T-Shirts trugen Aufschriften wie "Prada Terror", "German Eiche", "German Tiefgang", "Feldbett Diva" und "Mein Kampf", dies auf einem Unterhemd, auf dem ein kleiner Kampfhund zu sehen war. "Prada Meinhof" wurde rasch zu einem durchschlagenden Erfolg. Es ist inzwischen zum Synonym für die RAF-Mode insgesamt, das Spiel mit den Terrornamen und -emblemen, die tendenzielle oder zuweilen auch manifeste Tabuverletzung inbegriffen, avanciert.

Ein anderer Ausgangspunkt dieses Trends war ein Treffen von snobistisch auftretenden Jungschriftstellern in der Executive Lounge des Berliner Hotels Adlon gewesen, die sich seit 1999 mit wechselndem Erfolg als "popkulturelles Quartett" zu vermarkten versuchten. Einer von ihnen, der 30-jährige Alexander von Schönburg, erklärte mit einem kalkuliert provokanten Gestus, wie es weiland Georg Heym kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs getan hatte: "Unsere einzige Rettung wäre eine Art Somme-Offensive. Unsere Langeweile bringt den Tod. Langsam komme ich zur Überzeugung, dass wir uns in einer ähnlichen Geistesverfassung finden wie die jungen Briten, die im Herbst 1914 enthusiastisch die Rugby-Felder von Eton und Harrow, die Klassenzimmer von Oxford und Cambridge verließen, um lachend in den Krieg gegen Deutschland zu ziehen." Vor einer als tödlich empfundenen Langeweile sich den Krieg herbeizuwünschen und darin vielleicht tatsächlich den Tod zu finden, das hatte Vertreter einer Studentengeneration im Herbst 1914 bereits nach Langemarck geführt. Doch dieser sehr viel näher liegende Anknüpfungspunkt schien den versammelten Jungautoren nicht besonders geeignet zu sein. Das Image kriegsbegeisterter Nationalisten vertrug sich offenbar wohl nicht mit einem Snobismus, für den britische Eliteschüler als Vorbild sehr viel eher in Frage kamen.

Mitautor Joachim Bessing ging im weiteren Verlauf von Kriegs- zu Terrorphantasien über, schlug vor, man müsse nun "von innen bomben", und konkretisierte das mit den Worten: "Bomben aus Semtex bauen und dann in Prada-Rucksäcken an die Art-Direktoren schicken, per Kurier. Oder das Café Costes oder das Adlon sprengen." In dieser Situation konnte es nicht ausbleiben, dass nun auch das Stichwort RAF fiel. Es war Benjamin von Stuckrad-Barre, der es, obgleich in Abgrenzung gegenüber seinem Vorredner, in die Runde warf. Er hielt Bessing vor, dass es ihm im Unterschied zur RAF wohl nur um Zerstörung gehe, während die RAF zwar auch nichts bewirkt, jedoch an die Stelle des von ihr Zerstörten "etwas Neues" habe setzen wollen. Doch der Bann schien gebrochen.

Es war ein weiterer Jungschriftsteller, der den Ball auffing und sein eigenes Spiel damit trieb. John von Düffel (Jg. 1966), hatte bereits mit Stücken wie "Rinderwahnsinn" und "Born in the RAF" Aufmerksamkeit erregt. In einem Zeit-Interview verriet er dann im Jahr 2000, was er an der RAF und ihrer Zeit so aufregend finde: Wie die RAF-Leute mit ihrem ganzen Leben für eine Gesinnung eingestanden hätten, das habe "auch etwas Großes, Unbedingtes, Absolutes. Also Mythisches. Wie im Kino. [...] Da gibt es Entführung, Flucht, Untergrund – das Land zu RAF-Zeiten war der letzte große Abenteuerspielplatz der deutschen Geschichte." Mit dieser Haltung blieb der damalige Dramaturg am Hamburger Thalia-Theater, wie zahlreiche Romane, Filme und Theaterstücke belegen, keineswegs ein Sonderfall, sondern setzte nur den vom "popkulturellen Quartett" in Szene gesetzten Thrill weiter fort.

Das "Große", das "Absolute", das "Unbedingte" – diese unverkennbaren Ingredienzien einer hier freilich nur ästhetisch auftretenden fundamentalistischen Ideologie – schienen ihren Reiz auf Vertreter einer jüngeren Generation keineswegs verloren zu haben. Bezeichnend dürfte allerdings sein, dass diese Bewunderungshaltung, die Anbetung des Mythischen, fast nur noch im Bereich der Fiktion, also von Schriftstellern, Theater- und Filmemachern, geäußert werden kann. Der "Abenteuerspielplatz" RAF blieb, wie der Regisseur Christopher Roth mit seinem Filmporträt "Baader" anschaulich unter Beweis gestellt hat, nun für sie reserviert. Waren derartige Äußerungen in einem politischen Umfeld auch so gut wie vollständig diskriminiert, so verfügten fiktionale Autoren immer noch über einen solchen Spielraum. Während sich die RAF politisch längst erledigt hatte, feierten die von ihr geschaffenen Mythen in der Kultur fröhliche Urständ.

Eine besondere Rolle spielten dabei Pop- und Rockmusiker. Die aus Sindelfingen stammenden Punk rocker Wizo widmeten der aufgelösten Untergrundorganisation mit "R. A. F." gar einen eigenen Song. Darin heißt es unverblümter als in irgendeinem anderen Zusammenhang: Die Hip-Hop-Band Absolute Beginner mit ihrem Song "Die Söhne Stammheims", in dem von deren Sänger Jan Delay beklagt wird, dass die jungen Leute nur noch für Hunde und Benzin kämpften und nicht mehr Baader und Ensslin folgten, sowie die Schweizer Band Mittageisen, die einen in der Zelle verfassten Meinhof-Brief intonierte, um so für einen "faireren Umgang" mit ihr und ihrem Schicksal zu plädieren, standen dem nur wenig nach.

Für die wohl größte Aufregung sorgte jedoch 2002 das inzwischen eingestellte Modemagazin Tussi Deluxe mit seiner 22 Seiten langen Bilderstrecke "RAF-Parade". Darin wurden einige der schaurigsten Sequenzen aus der Geschichte der RAF, wie etwa die Szene mit dem im Kofferraum eines Pkw aufgefundenen Leichnam des von der RAF erschossenen Hanns-Martin Schleyer, mit der quer über die Doppelseite führenden Zeile "Aber die fliegende Schlinge wand sich um seinen Hals" von Models nachgestellt. Das alles war offenbar absichtslos, nicht einmal als gezielte Provokation in Szene gesetzt. Die einzige erkennbare Absicht hinter der Geschmacklosigkeit bestand darin, wie bei einer Werbekampagne etwa, der – wie die mit den Aufnahmen von Aids-Toten operierende Benetton-Reklame früher schon unter Beweis gestellt hat – im Zweifelsfall auch jedes Mittel recht ist, Neugierde für das eigene Produkt zu wecken.

Modestrecke im Magazin "Tussi Deluxe": ist jedes Mittel recht, um Neugierde zu wecken? (© salonrouge.de)

Diesem Erfolg wollte das Hamburger Lifestyle-Magazin Max nicht nachstehen und übernahm die Bilderstrecke unter der Überschrift "Die Zeit ist reif für RAF-Popstars". Auch Max ließ sich nicht davon abhalten, etwa die Aufnahme des von einem Fotomodell nachgestellten, in einer Blutlache auf dem Boden seiner Zelle liegenden Leichnam Andreas Baaders zu reproduzieren sowie ein darüber montiertes Bild von einem Paar Hausschuhen samt der zynischen Empfehlung, dass "Andreas Baaders Woolworth-Pantoffel Kult" seien. Der Tabubruch, Modearrangements mit Aufnahmen von Todesopfern zu "garnieren", und die Skrupellosigkeit, auf der Suche nach geeigneten Sujets die Geschichte des Terrorismus zu plündern, scheinen sich hier die Waage zu halten.

Mit der hemmungslosen Verklärung von Baader, Meinhof & Co., ihrer Trivialisierung, Romantisierung und Popularisierung, geht gewiss auch eine Bagatellisierung ihrer Taten und denen des Terrorismus insgesamt einher. Dass dies auch noch nach dem 11. September 2001 möglich gewesen ist, hat viele irritiert, verärgert und auch abgestoßen. Jedoch wäre es ein Kurzschluss, die während der RAF-Zeit entstandenen Mythologeme und die nach ihrer Auflösung produzierten Pop-Artefakte gleichrangig behandeln zu wollen. Ihre Konstitutionsgeschichte, ihre soziokulturelle Funktion und damit auch ihr jeweiliger gesellschaftlicher Stellenwert sind dafür zu unterschiedlich.

Die radikale Entkontextualisierung von Symbolen, die beliebige Adaption von Zeichen und deren Neuverwendung in völlig anderen Zusammenhängen sind ein hervorstechendes Merkmal der Popkultur. Die Zeitgeschichte fungiert im Falle der RAF wie ein Supermarkt oder ein Steinbruch, in dem sich diejenigen, die sich als Popartisten in Kunst, Mode, Theater, Musik und Literatur Aufmerksamkeit verschaffen wollen, nach Belieben glauben bedienen zu können. Namen, Embleme, Markenzeichen und Logos werden entwendet, gekreuzt oder verballhornt, wie "Prada Meinhof", und als mit dem Gestus des "radical chic" versehene ästhetische Zeichen erneut benutzt.

Dies alles wäre in den 1970er und 1980er Jahren kaum vorstellbar gewesen. Möglich wurde es erst unter der Voraussetzung, dass die RAF aufgehört und sich die mit ihr verbundene Aufregung gelegt hatte. Ein Kritiker merkte in diesem Zusammenhang zutreffend an: "Weil der bundesdeutsche Terrorismus im kollektiven Bewusstsein aufhörte, etwas zu sein, was wehtut, kehrt die RAF als Logo wieder – als vage Chiffre für heroische Gesten, Tod und Bedeutung." Das von seiner ursprünglichen Bedeutung Losgelöste und in seiner Semantik Unbestimmte macht hier offenbar den Unterschied aus. Stand die Verwendung von RAF-Symbolen früher zumindest in ideologischer Hinsicht für eine bestimmte Aussage, so ist sie heute weitgehender Beliebigkeit anheim gefallen.

Wie erheblich die Diskrepanz zwischen der RAF als einem historischen und einem ästhetischen Phänomen ist, darauf hat der Kulturwissenschaftler Niels Werber hingewiesen: "1967 und auch 1977 sind von diesem Tableau weit entfernt, denn es werden nur jene Elemente dieser historischen Schichten zitiert, die in das Programm einer coolen Ästhetik passen: Mode, Models, Drogen, Sex. Der Terrorismus wird so losgelöst von seiner historischen Umwelt, von seinem genuinen Kontext und selektiv für den Konsum der Gegenwart neu zurechtgemacht." Was bei dieser Entkontextualisierung bislang herausgekommen ist, dürfte daher wohl eher als "Terroristenkitsch" denn als eine Besorgnis erregende Remythologisierung der RAF zu bezeichnen sein.

Was der Literaturwissenschaftler Heinz-Peter Preusser in einer kritischen Auseinandersetzung mit den Abwehrreaktionen auf die 2003 verbreitete Ankündigung der Kunst-Werke, sie wolle eine Ausstellung zum Thema "Mythos RAF" zeigen, festgestellt hat, das gilt auch in dem hier entfalteten Zusammenhang:

"Der Mythos Terrorismus ist [...] nicht eine Mystifizierung von Verbrechen, sondern Signal für das Unbewältigte der Zeitgeschichte. Und dieses Unbewältigte lässt sich nicht äußerlich in Entmythisierung überführen. Aufklärung über den Mythos schließt ein, sich auch seiner Faszinationsgeschichte zu vergewissern – nicht affirmativ, sondern begreifend. Was arbeitet weiter in den Subjekten, die sich zu diesem Diskurs affektiv verhalten? Und dazu zählten die fragwürdige Position des Sympathisanten wie die aufgeregte Reaktion, die dem Terror eine mediale Wirkungsmöglichkeit in die Massen der Gesellschaft gab (und immer wieder gibt). Damit erst war die Stilisierung von Personen und Programmen zum Mythos möglich: Weil die Gesellschaft die Personalisierung von Konflikten so nahm, wie sie von den Terroristen gedacht wurden – als symbolische Handlung. Und die Opfer erst gaben den Taten Tiefe: das Fremdopfer, das kalt und bewusst eingeplant war, wie das Selbstopfer, mit dem sich die RAF in Stammheim ein letztes Mal inszenierte, um dem Mythos Nahrung zu geben."

Das Verhältnis zwischen Mythos und Logos, zwischen Mythos und Aufklärung, zwischen Historisierung und Entmythologisierung ist also keine Einbahnstraße. Die Hoffnung, die Geschichte ließe sich von entzauberten Mythen einfach entgiften, die Vergangenheit ließe sich entschlacken, ist trügerisch. Nur im Bewusstsein, dass das Faszinosum Untergrundkampf, von dem der Terrorismus so lange hat zehren können, wohl auch unabhängig von seinem jeweiligen politischen Kontext fortexistieren wird, bleibt eine Ahnung von den Risikopotentialen, die der Moderne weiter innewohnen, erhalten.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Ausschnitt des Aufsatzes "Mythos RAF" von Wolfgang Kraushaar. Erschienen in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, Hamburger Edition HIS Verlag, Hamburg 2007.

Dr. Wolfgang Kraushaar

Zur Person

Dr. Wolfgang Kraushaar

Der promovierte Politologe Wolfgang Kraushaar, geboren 1948, ist Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozial-
forschung. Dort erforscht er Protest und Widerstand in der Geschichte der Bundesrepublik und der DDR. Seine Arbeits-
schwerpunkte bilden u.a. die 68er-Bewegung sowie die Rote Armee Fraktion.


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