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20.10.2021

Das Edikt Kaiser Konstantins von 321

Konstantins Dekret bezeugt, dass Juden in den gesellschaftlichen Strukturen und im städtischen Leben Kölns und anderer Gemeinden eine bedeutende Rolle spielten.

Das Edikt Kaiser Konstantins von 321, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (Biblioteca Apostolica Vaticana)



Das Objekt

von Thomas Otten
Das Dekret Konstantins aus dem Jahr 321 n.u.Z. ist im sogenannten Codex Theodosianus überliefert, eine Handschrift, die in der Zeit von 429 und 437 im Auftrag des oströmischen Kaisers Theodosius II. (408–445) erstellt wurde. Im Codex sind alle Gesetze zusammengestellt, die seit dem Jahr 312 von Konstantin dem Großen und den folgenden Kaisern erlassen wurden, in gekürzter Form und in lateinischer Sprache. Die Gesetzessammlung besteht aus 16 Abschnitten, wobei nur die Bücher 6 bis 16 überliefert sind. Sie wurde im Februar 438 erlassen und trat ab dem 1. Januar 439 für das gesamte römische Reich in Kraft. Damit wird belegt, dass trotz der Trennung in ost- und weströmisches Reich im Jahr 395 die beiden Kaiser gemeinsam Gesetze erließen. Selbst nachdem das weströmische Kaisertum im Jahr 476 untergegangen war, blieb der Codex Theodosianus nördlich der Alpen weiterhin gültig und bildete die Grundlage für die folgenden Gesetzestexte. Neun weitere Handschriften sind bekannt, die allerdings nur fragmentarisch erhalten sind; ihre Überlieferung erstreckt sich vom 6. bis zum 10. Jahrhundert.


Historischer Kontext

Das Edikt Kaiser Konstantins von 321
von Thomas Otten
Das Dekret Konstantins aus dem Jahr 321 n.u.Z. ist die früheste erhaltene schriftliche Quelle zur Existenz von Juden in Mittel- und Nordeuropa. Durch seinen Beweischarakter hat das Dekret eine besondere Bedeutung für jüdisches Leben in Deutschland. Es belegt, dass schon seit frühester Zeit Menschen jüdischen Glaubens auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands lebten, die sich seit 17 Jahrhunderten in das gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Leben hier einbringen.

Als das Edikt erging, bestand die Stadt Köln, deren offizielle lateinische Bezeichnung Colonia Claudia Ara Agrippinensium lautete, schon seit drei Jahrhunderten. Die epigraphischen und archäologischen Quellen lassen keinen Zweifel: die zivile und militärische Gesellschaft im Köln der Spätantike war geprägt von ethnischer Vielfalt. Während in Südeuropa und im Mittelmeerraum Belege jüdischer Siedlungen aus der Zeit vor dem 4. Jahrhundert zu finden sind, ist dies nördlich der Alpen anders. Zwar ist wahrscheinlich, dass sich Juden in dieser Region niederließen – möglicherweise in der Folge des Bar-Kochba-Aufstands im Jahr 136 –, doch geben nur sehr wenige Urkunden, hier und da anzutreffende Inschriften und vereinzelte Kleinfunde Zeugnis von ihrer Anwesenheit in der Spätantike und im frühen Mittelalter. Erst mit dem beginnenden Hochmittelalter (11. Jahrhundert) gewinnt die Frühzeit jüdischer Geschichte in Deutschland und Frankreich ein schärferes Profil.

Die Tatsache, dass es nur wenige archäologische Funde mit jüdischen Bezügen wie etwa der Abbildung einer Menora gibt, spiegelt vielleicht nur die geringe Bedeutung wider, die diese Symbole und Objekte für Juden in der Spätantike hatten; umso wertvoller ist damit das Dekret als historische Quelle – nicht nur für Köln, sondern für alle nordalpinen Provinzen des römischen Reiches.

Im Edikt wird das Folgende bestimmt:

Von besonderem Interesse sind hierbei die impliziten Aussagen des Textes. Die decurioni, wie die Mitglieder des Stadtrats (curia) genannt wurden, hatten sich im Jahr 321 an Konstantin gewandt und verlangt, der Kaiser solle es ihnen ermöglichen, auch Juden zum Dienst im Rat der Stadt zu verpflichten. Damit widerrief das Edikt eine bestehende Absprache. Zuvor waren Juden (wie auch die kleine frühchristliche Gemeinde) aus religiösen Gründen von diesen Pflichten ausgenommen worden – ein Sitz im Rat der Stadt bedeutete auch die Teilnahme an kultischen Handlungen und Opfern für die römischen Götter.

Mit der Teilhabe an der curia gingen Rechte einher, vor allem aber Pflichten. Den Dekurionen oblag es, für eine funktionierende Verwaltung der Stadt zu sorgen. Sie erhoben Steuern und finanzierten damit kommunale Dienstleistungen. Voraussetzungen für den Dienst von Juden und Christen im Rat dürften ein gewisser Wohlstand und wirtschaftliche Macht wie auch eine höhere gesellschaftliche Stellung gewesen sein.

Die Wirtschaft der Stadt hing von den Erträgen der Landgüter reicher Bürger im Umland ab. Die seit dem 3. Jahrhundert regelmäßig stattfindenden Überfälle der Germanen auf die villae rusticae (landwirtschaftliche Betriebe) brachten insbesondere die reichen Familien in erhebliche wirtschaftliche Schieflage, da die Einkünfte aus ihren ländlichen Besitzungen abnahmen. Auf Grund dieser konjunkturellen Schwierigkeiten sah sich die Stadt gezwungen, zu handeln: es galt, die Stadtregierung für vermögende und einflussreiche Juden aus der Zivilgesellschaft zu öffnen.

Damit dient das Edikt als Nachweis, das wohlhabende Juden mit entsprechendem Grundbesitz und Betrieben im Köln der Spätantike ansässig waren. Aus ihm geht auch hervor, dass es dort schon seit langer Zeit eine größere jüdische Gemeinde gab, und dass es innerhalb dieser unterschiedliche Schichten gab. Darüber hinaus macht das Edikt deutlich, dass die Juden originärer Bestandteil einer entwickelten städtischen Gesellschaft waren und sich innerhalb dieses Organismus auf unterschiedlichen sozialen Ebenen bewegten.

Schlussendlich gestaltete der Kaiser seine Antwort auf das Verlangen der Kölner allgemeingültig, so dass sich überall im Reich unterschiedliche Umstände unter diese Regelung subsumieren ließen. Das führt zur Folgerung, dass auch anderen Provinzen und Großstädte im römischen Reich der Spätantike größere jüdische Bevölkerungsanteile hatten. Damit regelt die auf den Antrag aus Köln hin entwickelte gesetzliche Bestimmung einen Normalfall und nicht eine Ausnahme.


Persönliche Geschichte

Eine Schlacht, die den nächsten Kaiser des Römisches Reiches bestimmte und den Verlauf der Weltgeschichte änderte.
von Magdalena Wrobel

Büste Konstantins des Großen. (© picture-alliance/akg)

Geboren im Jahr 272 n.u.Z. im mittleren Balkan, wuchs Konstantin I., der später Kaiser Konstantin der Große genannt wurde, in Nicomedia in der heutigen Türkei auf. Er erhielt Unterricht in lateinischer Literatur, griechischer Sprache und Philosophie. Die Atmosphäre der Toleranz in seiner Heimat förderte den geistigen Austausch zwischen Christen und Juden und wirkte sich auf die geistige Haltung des zukünftigen Kaisers auf.

Am 27. Oktober 312, dem Vorabend der Schlacht, warteten Konstantin I. und seine Soldaten auf das Aufeinandertreffen mit der Armee seines Rivalen Maxentius. Dieses würde entscheiden, wer nach dem Tod von Kaiser Diocletian im Jahre 305 alleiniger Herrscher über das römische Reich werden sollte. Die Armeen trafen an der Milvischen Brücke auf einander, einer über den Tiber führenden Brücke nördlich von Rom. Zwar ging es bei der Schlacht um die Herrschaft über das römische Reich – doch die Vision am Vorabend hatte deutlich weiter reichende Folgen für die Geschichte Europas.

Über die Ereignisse dieser Nacht gibt es zwei Darstellungen. Nach der einen sahen Konstantin und sein Heer auf dem Marsch plötzlich ein Kreuz aus Licht über der Sonne mit den griechischen Worten "Eν τούτω νίκα" (En toutō níka, in diesem Zeichen siege) erscheinen. Eine andere Version schildert, Christus sei Konstantin in einem Traum erschienen und hätte ihn angewiesen, auf den Schilden seiner Soldaten ein Zeichen aus den Buchstaben "Chi" und "Rho" anzubringen – eines der ältesten christlichen Embleme zur Bezeichnung von Christus. Mit diesem “Chi-Rho” auf ihren Schilden zogen die Soldaten Konstantins am nächsten Tag in den Kampf und gewannen die Schlacht.

Zwei Tage nach dem Sieg zog die Armee Konstantins in Rom ein und er wurde zum alleinigen Herrscher im westlichen Teil des römischen Reichs. Obwohl nicht ganz klar ist, ob das in der Schlacht verwendete Zeichen zur damaligen Zeit als Christusmonogramm verstanden wurde – einige zeitgenössische Quellen berichten, damit sei der römische Sonnengott Sol Invictus angerufen worden – fand diese Geschichte in späteren Narrativen als Mittel zur Verbreitung des Christentums Anwendung.

Im Jahr 313, also ein Jahr nach der Schlacht, traf Konstantin die auch "Toleranzedikt von Mailand" genannte Vereinbarung, mit der Christen, Juden und Heiden in beiden Teilen des römischen Reichs erlaubt wurde, die von ihnen gewählte Religion frei auszuüben. Diese Vereinbarung hatte weitreichende Konsequenzen, insbesondere für Christen und Juden, die in den Jahren zuvor unter schlimmsten Verfolgungen gelitten hatten. Ihre monotheistischen Religionen unterschieden sich erheblich von den Ritualen und der religiösen Praxis der Römer und Griechen. Mit der Mailänder Vereinbarung ging eine größere Toleranz unter den verschiedenen gesellschaftlichen und kulturellen Gruppierungen einher, und es wurde Juden und Christen möglich, sich in allen Provinzen des Reiches niederzulassen. In der Folge wurde das Christentum zur vorherrschenden Religion des Römischen Reiches.

Konstantin war der erste römische Kaiser, der zum Christentum konvertierte. Allerdings geschah dies erst kurz vor seinem Tod im Jahr 337, ein im 4. Jahrhundert nicht ungewöhnliches Geschehen. Auch seine Nachfolger bekannten sich erst auf dem Sterbebett zum Christentum, was im Wesentlichen praktischen Überlegungen geschuldet sein dürfte – als Christen hätten sie an den staatlich organisierten, heidnischen Feiern nicht teilnehmen können. Ob auf Grund der Prägung seiner Jugend und Erziehung, oder auf Grund seiner Vision vor der Milvischen Schlacht – mit der Mailänder Vereinbarung änderte Konstantin der Große den Lauf der Geschichte.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Thomas Otten, Magdalena Wrobel

Thomas Otten

Thomas Otten wurde 1966 in Bonn geboren und studierte Archäologie und Alte Geschichte. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt der römischen und byzantinischen Archäologie. Er ist spezialisiert auf Denkmalschutz und Museen. 2021 habilitierte er sich mit einer Studie zum byzantinischen Pergamon und zu byzantinischen Bestattungsriten und -bräuchen. Seit 2016 ist er Direktor des MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Viertel Köln.


Magdalena Wrobel

Magdalena Wrobel ist Projektmanagerin am Leo Baeck Institute - New York | Berlin (LBI). Sie promovierte am Historischen Seminar, Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Am LBI hat sie u.a. das 1938Projekt und das Shared History Project betreut.


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