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20.10.2021

Plohn-Parochet aus Prag

Diese Parochet, gefertigt aus dem seidenen Kleid eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde, war ein wertvolles Geschenk an diese und sollte das Andenken des Spenders bewahren.

Plohn-Parochet aus Prag, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Jewish Museum Prague)


Das Objekt

Plohn-Parochet aus Prag
von Rachel L. Greenblatt

Diese Parochet, ein Vorhang für den Thoraschrein (das sakrale Zentrum des Synagogenraums, in dem die Thorarollen aufbewahrt werden), wurde 1711 für die Hohe Synagoge Prags (Hochschul, Vysoká synagoga, בית כנסת הגבוה) angefertigt. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurden Ritualgegenstände aus dem gesamten Protektorat Böhmen und Mähren in das Jüdische Zentralmuseum in Prag transportiert. Im damals erstellten Inventar wird zu diesem Prachtvorhang vermerkt, er stamme aus Prag, sehr wahrscheinlich unmittelbar aus der Hohen Synagoge. Nach dem Krieg wurden die Sammlungen an das spätere (1948) Staatliche Jüdische Museum übergeben. Im Jahr 1994 wurde das Museum privatisiert und bekam den Namen, des es auch schon vor dem Krieg getragen hatte: Jüdisches Museum in Prag.


Historischer Kontext

Wenige Exemplare von Frauenkleidung, die in Sakralobjekte umgewandelt wurden, überdauerten Hunderte von Jahren
von Rachel L. Greenblatt

Am oberen Rand weist diese damastseidene Parochet eine aus goldfarbenem Metallfaden gestickte, eher ungewöhnliche Widmung auf. Ihr zufolge wurde die Parochet von Mori, Sohn des Selig Bischitz, gab die Parochet "für die Seele seiner Frau, der sittsamen Frau Reizl, Tochter unseres Lehrers Rabbi Mosche Plohn seligen Angedenkens, auf ihre zu Lebzeiten geäußerte Bitte, zur Erfüllung Gottes" gestiftet.

Auch wenn der notwendigerweise lakonische Text mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet, stellte die Schenkung eines Ritualgegenstandes eine Möglichkeit für europäische Jüdinnen und Juden der frühen Neuzeit dar, das Andenken verstorbener Angehöriger innerhalb des sakralen Raums der Synagogen zu bewahren Gestiftete Objekte dieser Art waren eng mit mit dem wichtigsten in den Synagogen gesprochenen Gedenkgebet, der Haskarat Neschamot (wörtlich das "In-Erinnerung-Bringen der Seelen"), verbunden. An den meisten Sabbaten wurden morgens, nachdem aus den Thorarollen vorgelesen und diese wieder in den Thoraschrein zurückgestellt worden waren, von den Kantoren in jeder der Synagogen Prags die Gedenkeinträge – die haskarot – der jeweiligen Gemeinde aus einem besonderen Buch, auch "Memorbuch" genannt, verlesen. Der Eintrag in das Memorbuch wurde durch Martyrium verdient, von hinterbliebenen Verwandten erworben oder durch die Bestimmung entsprechender Geldmittel für diesen Zweck durch den Verstorbenen vor seinem Tod gesichert. Mitunter berufen sich die haskarot auch darauf, dass die verstorbene Seele durch die Schenkung eines Ritualgegenstandes Gottes Gedenken verdient.

Der Eintrag im Memorbuch der Hohen Synagoge bietet weiterführende Informationen. Der entsprechende Eintrag bittet, Gott möge der Seele von Reizl, der Ehefrau des Mori Bischitz und Tochter des Mosche Plohn, gedenken, "weil sie ihren Ehemann vor ihrem Tod angewiesen hatte, aus einem ihrer Kleider eine Parochet für den Thoraschrein anfertigen zu lassen. Und ihr Ehemann ehrte ihren Wunsch und wandte [außerdem] eine beträchtliche Summe seines eigenen Geldes für ihre Seele auf. Und er ließ aus einem ihrer Kleider eine heilige Parochet mit sechs Silberglocken fertigen, damit ihrer Seele gedacht würde und ihre Gerechtigkeit in dieser Welt vor ihr herginge."

Reizls Bitte verlangte, dass eines ihrer persönlichen Kleidungsstücke zur Herstellung der Parochet verwendet werden sollte! Mit diesem Vermächtnis sollte also ein greifbarer Rest ihrer persönlichen Gegenwart im Allerheiligten des Gebetshauses, einem streng den Männern vorbehaltenen Ritualraum, seine letzte Ruhe finden. In den erhaltenen Memorbüchern der Prager Synagogen gibt es doppelt so viele haskarot für Männer wie für Frauen. Dagegen geht die Hälfte aller erwähnten Ritualgegenstände Schenkungen von Frauen zurück. Der Bereich, in dem gegenständliche Schenkungen eins wurden mit dem Ort des Rituals, übte offenbar besondere Anziehungskraft auf Frauen aus. An Reizls Parochet fehlen die Glocken – aus dieser Zeit ist kein Silber erhalten –, aber die haskarah ermöglicht eine eindeutige Identifizierung des Vorhangs. Wenn der Kantor diesen Gedenkeintrag vorlas, konnte die Gemeinde ihn mit dem konkreten Vorhang verbinden, der gelegentlich in ihrer Synagoge verwendet wurde.

Reizls hinterbliebener Ehemann, Abba Mori ben Selig (1691–1752), war Textilhändler und damit in derselben Branche tätig wie viele der wohlhabenderen – wenn auch nicht die reichsten – Juden Prags. Der Stoffe von Reizls Kleid, das auf einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren vor ihrem Tod datiert werden konnte, verweist ebenso auf die geschäftliche Tätigkeit ihrer Familie, die auf das Engste mit der Wirtschaft von Prag und seiner Region verwoben war, wie auf ihr hohes gesellschaftliches Ansehen. Darüber hinaus fanden mit der Verwendung dieses Materials die ästhetischen Normen der Umgebungsgesellschaft in den Raum der jüdischen Synagoge Eingang – soweit wir wissen, wurde in der christlichen und in der jüdischen Bevölkerung Prags mit den gleichen Textilien gehandelt.

Der Brauch, aus persönlichen Kleidungsstücken Sakralgegenstände zu fertigen, war in der frühen Neuzeit wohlbekannt. Auch wenn die Frage seiner Schicklichkeit unter Rabbinern kontrovers diskutiert wurde, war dieser Brauch im Osmanischen Reich weit verbreitet. In Anbetracht des hohen Preises und der großen Mengen an Material, die für jedes Kleid verbraucht wurden, trugen ausschließlich die wohlhabendsten Frauen Europas Kleider aus Seide. Diejenigen, die mit der Mode gingen, trugen ihre Seidenkleider wahrscheinlich nicht länger als ein paar Jahre, wobei selbst die wohlhabendsten Frauen das Material dieser Kleider wiederverwendet haben dürften.

Das Gewand einer Frau im Namen ihrer verstorbenen Seele und als ein die Zeit überdauerndes Andenken an sie in die Sphäre des Sakralen zu erheben, war ein finanziell und spirituell gleichermaßen gewichtiges Geschenk. Der Brauch war jüdischen und katholischen Familien gemeinsam. Eine trauernde christliche Mutter beispielsweise stiftete ein seidenes Kleidungsstück, das ihrer 1716 verstorbenen Tochter Maria Magdalena von Boussey gehört hatte. Zusammen mit 15 Ellen Silbermaterial wurde das Kleid für die Fertigung eines eleganten Messgewands für die Klosterkirche des Frankfurter Karmeliterklosters verwendet, wo sie begraben lag. Das Gewand ist heute Teil des Inventars der nahegelegenen Kirche St. Leonhard. In beiden Fällen gab die Schenkung luxuriöser persönlicher Seidenkleider Frauen eine Präsenz im sakralen Raum, die der Bewahrung ihres Andenkens diente und zugleich – aus Sicht ihrer Gemeinden – für ihr Seelenheil wirkte.

Persönliche Geschichte

Die Prager jüdische Gemeinde war unter den vitalsten der frühen Neuzeit
von Miriam Bistrovic

Welche Gedanken Reizl Plohn durch den Kopf gingen, als sie schon zu Lebzeiten bestimmte, dass eines ihrer Seidenkleider nach ihrem Ableben zu einem Prachtvorhang (parochet) für die Hohe Synagoge umgenäht werden soll, ist nicht überliefert. Doch ihre Entscheidung zu diesem Schritt gewinnt angesichts der Geschichte der Stadt und der unmittelbar von ihr und ihrer Familie erlebten Ereignisse besondere Bedeutung.

Hohe Synagoge in Prag. (Wikimedia) Lizenz: cc by-sa/3.0/de

Die Hohe Synagoge liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu anderen bedeutenden jüdischen Denkmälern der Josefstadt: dem Jüdischen Rathaus und der Altneu-Synagoge, um deren Namen sich Legenden ranken. Diese trugen zu der Wahrnehmung bei, dass es sich bei der Altneu-Synagoge in Prag und der dortigen Gemeinde um die älteste in Europa handele. Dies ist zwar nicht der Fall, aber sie gehört zweifellos zu den ältesten.

Bereits im 10. Jahrhundert sind Berichte über sephardische Händler in Prag nachgewiesen. Doch auch vor Prag machten die fanatischen Anhänger des 1. Kreuzzugs (1096) nicht halt: sie zwangen die jüdische Bevölkerung zur Konversion und ermordeten jene, die sich weigerten. Wer fliehen konnte, floh aus der Stadt. In den darauffolgenden Jahrhunderten verschlechterte sich die Situation der in Prag verbliebenen Juden, und es kam zur Errichtung des Prager Ghettos. Erst unter Kaiser Karl IV. (Karl I. von Böhmen) verbesserte sich ab 1348 die Lage der Jüdinnen und Juden in Böhmen. Die Sicherheit ermöglichte es einigen unter ihnen zu Wohlstand zu gelangen und gegen Ende des 15. Jahrhunderts siedelten Prager Jüdinnen und Juden auch außerhalb des Ghettos.

Die Eingliederung Böhmens ins Habsburgerreich war für die jüdischen Bewohner Prags ein herber Rückschlag. 1541 wurden viele von ihnen aus der Stadt vertrieben und auch wenn der Beschluss einige Jahre später zurückgenommen wurde, blieb die Unsicherheit. Es ist Maximilian II. (Regierungszeit 1562–1576) und seinem Nachfolger Rudolf II. (Regierungszeit 1575–1611) zu verdanken, dass das jüdische Leben in Prag erneut prosperieren konnte. Sie sicherten den jüdischen Anwohnern dauerhaftes Bleiberecht zu, förderten ihre Handelstätigkeit durch Zugeständnisse und verbesserten langfristig die Lebensqualität. Selbst der Dreißigjährige Krieg, der 1618 in Prag zu Übergriffen und Plünderungen durch Christen führte, konnte diese Entwicklung nicht dauerhaft aufhalten. 1648, zum Ende des Krieges, lebten noch 2.090 Personen im stark dezimierten Prager Ghetto, denen Ferdinand III. das Recht auf einen eigenen Markt, den Tandlmarkt, gewährte.

Darstellung des Prager Fenstersturzes 1618 aus dem Theatrum Europaeum von Johann Philipp Abelinus - der Anfang des Dreißigjährigen Krieges. Lizenz: cc publicdomain/zero/1.0/deed.de (Public Domain)


Zwei Tragödien führten im 17. Jahrhundert jedoch zur fast vollständigen Zerstörung des erneut wachsenden Ghettos: die Pestepidemie von 1680 und der Brand von 1689. Mithilfe ausländischer jüdischer Unterstützung konnte das Ghetto binnen weniger Jahre neu errichtet werden, so dass es um 1703 bereits von mehr als 11.500 Personen bewohnt wurde. Von den früheren Synagogen konnten lediglich sechs der ursprünglich zwölf wieder erbaut werden, darunter die Hohe Synagoge.

Reizl Plohn und ihrer Familie dürften diese wechselvollen Jahre nur allzugut in Erinnerung gewesen sein, als sie sich entschloss, den Prachtvorhang zu stiften. Dessen edler Stoff war zugleich ein deutliches Zeichen für den Wohlstand seiner früheren Besitzerin. Vielleicht hoffte sie, dass die Blütezeit des lebendigen und stetig wachsenden Ghettos dieses Mal von Dauer sei. Doch dem war nicht so. 33 Jahre nachdem Reizl Plohns Witwer die Parochet der Synagoge vermachte, erließ Kaiserin Maria Theresia 1744 ein Dekret zur Ausweisung der Prager Jüdinnen und Juden. Über 13.000 Personen verließen daraufhin die Stadt. Zurück blieben nur einige Alte und Kranke – und die prächtige Parochet von Reizl Plohn.

Vier Jahre später, wurde der Bann widerrufen und Jüdinnen und Juden erlaubt, zurückzukehren und sich erneut in der Stadt niederzulassen. Im Verlaufe der nachfolgenden Jahrhunderte wandelte sich Prag ein weiteres Mal zu einem strahlenden Leuchtfeuer jüdischen Lebens und Kultur, und wurde die Heimat von vielen deutschsprachigen jüdischen Geistesgrößen.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Rachel L. Greenblatt, Dr. Miriam Bistrovic

Rachel L. Greenblatt

Rachel L. Greenblatt ist Kulturhistorikerin des frühneuzeitlichen Judentums und Judaica Librarian an der Brandeis University. Sie ist Autorin des Buches To Tell Their Children: Jewish Communal Memory in Early Modern Prague (Stanford University Press, 2014). In jüngster Zeit hat sie mehrere Artikel über jüdische Prozessionen zu Ehren der habsburgischen Monarchen veröffentlicht. "A Jewish Easter Lamb: Cultural Connection and its Limits in a 1716 Prague Procession", in: Connecting Histories: Jews and Their Others in the Early Modern Period, ed. David B. Ruderman und Francesca Bregoli (University of Pennsylvania Press, 2019).


Dr. Miriam Bistrovic

Miriam Bistrovic ist Leiterin der Berliner Repräsentanz des Leo Baeck Institute New York | Berlin. Sie studierte Geschichte und Kunstwissenschaft und promovierte 2010 and der Technischen Universität Berlin. Ihre Forschungsgebiete sind: jüdisches Exil (insbesondere in Ostasien) und Diaspora, Erinnerungskulturen und Antisemitismus. Seit der Gründung der Berliner Repräsentanz des Leo Baeck Institute New York | Berlin koordiniert sie die Tätigkeiten des Instituts in Deutschland, darunter das 1938Projekt und Shared History.


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