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20.10.2021

Modell von Hamburg in der Zeit des Lebens von Glikl von Hameln

Glückel, eine Geschäftsfrau, und alle anderen Juden mussten Hamburg jeden Abend verlassen und in ihre Wohnungen im nahen Altona zurückkehren.

Modell von Hamburg in der Zeit des Lebens von Glikl von Hameln, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Museum für Hamburgische Geschichte)


Das Objekt

Modell der Stadt Hamburg zur Zeit Glikl von Hamelns
von Magdalena Wrobel

Dieses Modell gibt Zeugnis von der reichen und vielschichtigen Geschichte der Hansestadt Hamburg, in der es eine Witwe namens Glikl von Hameln im 17. Jahrhundert zu bemerkenswert großem Erfolg brachte. 1644 veröffentlichte Arnold Pitersen eine große Karte der Stadt Hamburg unter dem Titel Niederländischer Buch und Kundsthandeler bey der Boerse. Im Jahr 1939 beauftragte der Verein für Hamburgische Geschichte Edmund Köster, dessen Unternehmen seit 1928 auf die Fertigung von Spielzeugmodellen spezialisiert war – hauptsächlich Schiffe, aber auch Landestellen, Schuppen und Krane - mit dem Bau eines dreidimensionalen Modells auf der Grundlage der Skizzen Pitersens aus dem 17. Jahrhundert. Das Modell wurde dem Museum für Hamburgische Geschichte anlässlich seines hundertjährigen Bestehens geschenkt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Stadtmodell schwer beschädigt. Die in den späten 1980er Jahren begonnene Restaurierung wurde in den frühen 1990er Jahren fertig gestellt.

Historischer Kontext

Verwitwet, mit zwölf Kindern und der Führung eines Geschäfts beschäftigt, hinterließ Glückel von Hameln einen detaillierten Bericht über ihr Leben
von Inge Grolle

Bertha Pappenheim (1859-1936) im Kostüm der Glikl bas Judah Leib. (© Wikimedia)

Ganz plötzlich, nach dreißig gemeinsam durchlebten Ehejahren, starb Chaim Hameln, der Mann von Glikl, der Tochter von Judah Leib aus Hamburg. Er ließ sie mit 12 Kindern, von denen erst vier verheiratet waren, allein zurück. Nach den vorgeschriebenen 30 Trauertagen, an welchen Verwandte die Trauernden trösteten, musste die Witwe Glikl die Situation allein durchstehen. Niemand stand ihr als Vormund helfend zur Seite. Sie kannte die Geschäfte des Perlenhandels und des Kreditgebens, an denen sie immer beteiligt gewesen war. So nahm sie jetzt die Kontobücher vor und stellte fest, dass 20.000 Reichstaler an Verbindlichkeiten zu leisten seien. Um sie zu lösen, veranstaltete sie mit Hilfe ihrer beiden in Hamburg verheirateten Söhne einen Auktionsbazar. In Jahresfrist war das Firmenkonto bereinigt. Damit hatte Glikl ihre Geschäftstüchtigkeit erwiesen.

Aber in den Nächten kamen Trauer, Verzweiflung und Sorgen über sie. Um ihre melancholischen Gedanken zu bezwingen, begann sie, ihre eigene Lebenserfahrung aufzuschreiben und erfand für sich, was man heute "Therapeutisches Schreiben" nennt. An die Adresse ihrer Kinder, an ihre eigene und die Gottes gerichtet entstand eine Chronik ihrer Lebenszeit. Sie enthält Namen und Verdienste ihrer eigenen Vorfahren und alles, was ihr selbst in Familie und Geschäft begegnete und was ihr durch Gerüchte zugetragen wurde. Das Panorama aus individueller Lebensgeschichte und dichterischem Ambiente vermittelt uns noch heute einen lebendigen Eindruck vom jüdischen Alltagsleben im 17. Jahrhundert. Es gibt keine mit den Memoiren der Glikl vergleichbaren Quellen. Sie sind einzigartig.

Dreizehnjährig wurde Glikl von ihren Eltern mit Chaim aus Hameln verheiratet. Nach dem Brauch blieb das junge Paar noch zwei Jahre lang im Haus der Schwiegereltern, zog aber dann aus Hameln, das Juden keine Handelschance bot, nach Hamburg. Dort gründeten sie unter eigenem Namen ein Geschäft mit persönlicher Haftung. Trotz schwieriger Anfänge profitierten sie vom plötzlichen Aufschwung des jüdischen Schmuckhandels. Nach den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges stieg das Bedürfnis der deutschen Fürstenhöfe nach Luxusgütern, nach Gold, Diamanten und Perlen. Zur Bewältigung ihrer Geldwirtschaft banden viele der Fürsten sogenannte Hofjuden an sich. Für Juden war dies der höchste soziale Stand, den sie erreichen konnten. Chaim wurde nicht Hofjude, aber er gehörte zur sozial gehobenen jüdischen Klasse der Kaufleute und Händler, deren Leitwerte lauteten: "Reichtum und Ehre". Glikl verstand den Sinn des Reichtums darin, ihn wohltätig anzuwenden. Dieses fromme Ziel des Gewinnstrebens hatten beide Gatten verfolgt und es bestimmte auch Glikls Handeln als Witwe.

Der häusliche Bereich von aschkenasischen Juden war eine eigene Welt, nach religiösen Vorschriften und überlieferten Sitten geregelt. Auf der Straße und in der Nachbarschaft begegneten sich Juden und Nichtjuden täglich. Jedoch war die Stimmung der Hamburger Bürgerinnen und Bürger gegenüber den Aschkenasen instabil. Einerseits lebten sie miteinander als Nachbarn und Vermieter friedlich zusammen. Auch fanden Juden auf Reisen oft hilfreiche Aufnahme in christlichen Gasthäusern, wobei sich Glikl von den örtlichen Bauern abends beim Bier die Gegend erklären ließ. Andererseits konnte in Hamburg die Stimmung gegenüber Juden abrupt umschlagen, wenn von den Kanzeln, den Stätten öffentlicher Verkündigung, Hetz- und Schmähreden lutherischer Geistlicher die Juden als Gottesmörder geißelten und ihre Entfernung aus der Stadt verlangten.

Handelsgeschäfte erforderten Mobilität, Menschenkenntnis, und Geschick mit jüdischen und christlichen Gesprächspartnern. Meist fanden sich zur Reise auf eine Messe zwei oder mehr Kompagnons zusammen zum gegenseitigen Schutz oder als vertraglich geregelte Interessengemeinschaft. Glikl konnte bei Geschäftsreisen als Frau nicht mit anderen Männern kooperieren; sie ließ sich von einem ihrer Söhne zu Märkten und Messen begleiten und wurde als solvente Partnerin geachtet. Außerdem unterhielt sie in Hamburg eine Manufaktur von Strümpfen, welche beständige Einkünfte garantierte.

Ein Hauptteil des Bemühens von Glikl galt der günstigen Verheiratung ihrer Kinder. Jede Heirat bot Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg der Familie durch ihre Präsenz in mehreren Orten Europas. Die Verheiratung einiger Kinder innerhalb Hamburgs erhöhte und sicherte den Stand der Familie am Ort. Die Verheiratung der Tochter Zipora mit dem Sohn des berühmten Elias Cleve, der als Mann von 100.000 Reichstalern galt und als geschäftlicher Vertrauensmann dem Großen Kurfürsten von Brandenburg diente, sorgte für großes Aufsehen. Die glänzende Hochzeit in Amsterdam, an der hohe christliche Würdenträger und Kronprinz Friedrich, der spätere erste König von Preußen, teilnahmen, steigerte das Ansehen des Hauses Hameln.

Nach Chaims Tod verwendete Glikl unendlich viel Sorgfalt und Mühe auf den Abschluss der noch anstehenden Heiraten. Es gelangen ihr wichtige Verbindungen nach Metz, Berlin, Kopenhagen, London und ins Fränkische nach Bamberg und Bayersdorf. Außer beachtlichen Erfolgen erlitt Glikl auch schmerzliche Niederlagen. Am Ende ihres Lebens hatte sie das Ziel, die Heimkehr nach Jerusalem, nicht erreicht, aber in dem frommen jüdischen Haus von Schwiegersohn und Tochter in Metz den ihr gebührenden Ehrenplatz erhalten.

Persönliche Geschichte

Leidenschaft und Zusammenbruch der messianischen Sabbatäerbewegung hinterließen tiefe Spuren
von Inge Grolle

Glückel-von-Hameln-Straße in Hamburg-Altona Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (Wikimedia, Hinnerk11)

"Es ist gar nicht zu sagen, was für wunderliche Dinge uns sündigen Menschen passieren können", so leitet Glikl die Geschichte ein, deren Augenzeugin sie wurde. Im Sommer 1665 hatte sie gerade ihr drittes Kind geboren, als sich unter den Juden das Gerücht vom Erscheinen des Messias verbreitete. Glikls Leute hatten es von den "Portugiesen" gehört. Das waren jüdische Glaubensflüchtlinge aus der Iberischen Halbinsel, die sich bereits vor den jiddisch sprechenden sogenannten Aschkenasen, zu denen Glikls Familie gehörte, in Hamburg niedergelassen hatten. Obwohl Sprachen und Gottesdienstordnungen beider Gruppen verschieden waren, verband sie ihr Judentum so miteinander wie alle weit in der Welt zerstreuten Juden.

Nun hieß es, bei den Portugiesen sei ein Brief mit unerhörten Nachrichten aus dem Heiligen Land eingetroffen, der in ihrer Synagoge vorgelesen würde. Dorthin kamen auch die Aschkenasen und Glikl erfuhr sogar den Wortlaut des Briefes: "Lob sei dem Herrn der Welt für die Nachricht, die aus dem Osten und aus Italien und aus anderen Ländern kam, wonach Er in seiner Gnade uns einen Propheten im Heiligen Land schickt, den Rabbi Aschkenasi, und einen messianischen König, den Rabbi Sabbatai Zwi, den der Herr dazu erwählt hat, dass er sein Volk aus den Völkern zusammen sammele und seinen Namen erhöhe, der unter den Völkern entweiht ist."

Wie alle Zuhörer ist Glikl tief ergriffen von der Botschaft. Je mehr Briefe aus allen Weltgegenden eintreffen, umso mehr steigert sich die Begeisterung. Die Portugiesen tanzen mit Torarollen unter lauter Musik und kleiden sich durch ein grünes Seidenband in die Livree von Sabbatai Zwi. Jedoch fordern die Ältesten strenge Buße, Gebete, und Almosengeben, um sich für den bevorstehenden Auszug zu reinigen und verbieten, Angehörigen anderer Religionen etwas zu sagen über die nahe Erlösung der Juden. In festem Glauben an die Prophezeiung treffen einzelne Fromme praktische Vorkehrungen für den Exodus. Glikls verehrter Schwiegervater Josef Hameln verlässt Haus und Heim, und schickt nach Hamburg zwei große Fässer mit Leinenzeug und unverderblichen Nahrungsmitteln. "Denn der alte Mann hat gedacht", so Glikl "man würde ohne weiteres von Hamburg nach dem Heiligen Land fahren." Die Fässer blieben drei Jahre dort stehen.

Nur zögerlich erfuhren die Juden der Diaspora was weiter passierte: dass Sabbatai Zwi von orthodoxen Juden aus Jerusalem ausgewiesen wurde, im Februar 1666 nach Konstantinopel zog und auf Befehl des Sultans in Ehrenhaft nach Gallipoli kam. Erst als das Verhalten des "jüdischen Königs" bei den Moslems Verdruss erregte, wurde Sabbatai Zwi vor die Wahl gestellt, ob er sterben oder zum Islam übertreten wolle. Er wählte Letzteres und damit war die große Hoffnung der Judenheit zerschlagen. Auch Glikls Enttäuschung ist tief. Sie beklagt die Sünden der Menschen als Grund für das Scheitern der Vollendung und adressiert ihre Klagen auch an Gott: "Wir haben gehört und alle deine lieben Knechte und Kinder haben sich gemüht mit Gebet, Buße, und Almosen durch die ganze Welt. Und dein liebes Volk Israel ist auf dem Gebärstuhl gesessen und hat gehofft, nachdem sie zwei, drei Jahre im Gebärstuhl gesessen, und es ist nichts als ein Wind hervorgekommen." Die Hoffnung auf Erlösung aber, so versichert Glikl, werde sie nie aufgeben.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Magdalena Wrobel, Ingeborg Grolle

Magdalena Wrobel

Magdalena Wrobel ist Projektmanagerin am Leo Baeck Institute - New York | Berlin (LBI). Sie promovierte am Historischen Seminar, Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Am LBI hat sie u.a. das 1938Projekt und das Shared History Project betreut.


Ingeborg Grolle

Ingeborg Grolle geb. Streitberger wurde 1931 in Württemberg geboren. Nach Staatsexamen und Promotion über die Geschichte Straßburgs 1685-1789 verfasste sie Texte für den Schulfunk Geschichte. Sie arbeitete als freie Historikerin über Themen der Frauen-und Sozialgeschichte. Seit 2011 beteiligte sie sich in Hamburg an der biographischen Spurensuche zu Stolpersteinen.


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