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20.10.2021

Ritueller Gewürzturm aus Frankfurt

Ein jüdischer Kunde gab diesen Gewürzturm bei einem christlichen Silberschmied in Auftrag, was beweist, dass der starke Einfluss von Mode und Geschmack konfessionelle Grenzen überschritt - selbst bei Sakralgegenständen.

Ritueller Gewürzturm aus Frankfurt, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Jüdisches Museum Frankfurt; Foto: Leo Baeck Institute – New York | Berlin)

Das Objekt

Ritueller Gewürzturm aus Frankfurt
von Sabine Kößling

Weltweit sind nur acht Exemplare dieses Typs von Besamim-Türmen bekannt. Die anderen Gewürztürme befinden sich in Würzburg, Jerusalem, New York, London, Kopenhagen, Paris, und Tel Aviv. Der Frankfurter Turm ist am besten erhalten. Er gehört seit 1897 dem Historisches Museum Frankfurt, gekauft durch die städtische Kommission für Kunst- und Altertumsgegenstände von den Frankfurter Kunsthändlern „J. & S. Goldschmidt, Antiquitäten und Juwelen“ in der Kaiserstraße 15. Die bedeutenden Kunsthändler mit Filialen in Berlin, Paris und New York verkauften dem Historischen Museum mehrfach Judaica. Mit der Gründung des Jüdischen Museum durch die Stadt Frankfurt gingen die Judaica Bestände des Historischen Museums 1987 in den Besitz des Jüdischen Museums über.

Historischer Kontext

Die Frankfurter Gemeinde gehörte zu den ältesten und bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens
von Sabine Kößling

Frankfurt am Main hat eine über 800-jährige jüdische Geschichte. Schon im 12. Jahrhundert siedelten Jüdinnen und Juden in Frankfurt und lebten damals südlich des Doms im Zentrum der Stadt. Von 1462 bis etwa 1800 mussten sie in einer abgeschlossenen Straße, der Judengasse, leben. Im 19. Jahrhundert lebten Jüdinnen und Juden in der ganzen Stadt, wobei das Viertel rund um die ehemalige Judengasse ein bedeutendes jüdisches Quartier blieb. Im 19. Jahrhundert wurden hier drei große Synagogen errichtet: die liberale Hauptsynagoge, die neo-orthodoxe Synagoge in der Schützenstraße (später in der Friedberger Anlage) und die konservative Börneplatz-Synagoge, die alle für die Entstehung neuer Formen jüdischer Religiosität eine bedeutende Rolle spielten. Heute sind von der Judengasse nur die Fundamente von fünf Häusern erhalten, die seit 1992 im Museum Judengasse zu sehen sind. Benachbart liegen der alte Jüdische Friedhof, der seit dem 13. Jahrhundert genutzt wurde, und die Gedenkstätte Neuer Börneplatz für die aus Frankfurt deportierten und ermordeten Juden und Jüdinnen. Das Zentrum der Gemeinde befindet sich heute im Viertel Westend, rund um die 1910 eingeweihte Westend-Synagoge, die die Pogromnacht 1938 und den 2. Weltkrieg überstanden hat.

Der aus dem Jahr 1628 stammende Merian-Vogelschauplan zeigt die zwischen innerer und äußerer Stadmauer gelegene Frankfurter Judengasse. Die im Jahr 1462 eingerichtete Judengasse gilt als eines der ersten Gettos überhaupt. Bis zum 18. Jahrhundert wurde der Ort zu einem der wichtigsten Zentren jüdischen Lebens im Mitteleuropa. (© picture-alliance/dpa, Historisches Museum Frankfurt)


1462 mussten die Juden in die neu angelegte Judengasse übersiedeln, die durch Mauern und Tore vom Rest der Stadt getrennt war. In der Gasse standen anfangs nur wenige Wohnhäuser neben der Synagoge, dem Tanzhaus mit Mikwe und dem koscheren Schlachthaus. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Bevölkerung sehr schnell. Die Judengasse war ein attraktiver Wohnort, nicht nur weil die zweimal jährlich stattfindende Messe zahlreiche Erwerbsmöglichkeiten bot. Die Judengasse erlaubte der Gemeinde eine gewisse Autonomie. Ein Rabbinatsgericht entschied in Streitfällen, und der gewählte Vorstand verhandelte mit den städtischen Ämtern. Es gab Synagogen, Ritualbäder, und sonstige Einrichtungen des religiösen Lebens. Wohltätige Vereine unterstützten die armen Bewohner der Judengasse. Die Frankfurter Rabbiner waren wegen ihrer Gelehrsamkeit weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt und geachtet. Die Bewohner der Judengasse sprachen Jiddisch, sie lebten nach den jüdischen Traditionen und hatten einen eigenen Kalender. Dennoch war die jüdische Lebenswelt durch einen engen Austausch mit der sie umgebenden christlichen Gesellschaft geprägt.

Das Verhältnis von Juden und Christen war komplex und vielfältig. In der älteren Geschichtsschreibung wurde es oft auf Konfliktsituationen reduziert, wie es sich aus der Auswertung der archivalischen Überlieferung von gerichtlichen Streitfällen und obrigkeitlichen Verordnungen ergab. Die Lebenswelt war aber vielfältiger. Es gab zahlreiche Verbindungen und Gemeinsamkeiten zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Man traf sich im Schauspiel oder zum Kartenspiel im Wirtshaus. Immer wieder waren Christen zu jüdischen Feierlichkeiten eingeladen. Insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiet kam es zu Berührungen: Juden beauftragten christliche Handwerker mit der Herstellung von Zeremonialobjekten. Christliche Hebraisten lernten bei jüdischen Lehrern. Christliche Buchdrucker beschäftigten jüdische Korrektoren und Setzer für ihre Ausgaben hebräischer und jiddischer Drucke. Jüdische Haushalte brauchten christliches Personal, um das Arbeitsverbot am Schabbat einhalten zu können. Aus all diesen loseren oder engeren Verbindungen kam es auf etlichen Gebieten zu einem Kulturtransfer zwischen der christlichen und der jüdischen Gesellschaft.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Besamim-Turm aus Schwäbisch-Gmünd. Gefäße für die Gewürze der Hawdala-Zeremonie gibt es in allen erdenklichen Formen. Oft werden Alltagsgefäße wie z.B. Gewürzdosen für den rituellen Zweck umgewidmet. Prinzipiell kann jedes Objekt für den jüdischen Ritus verwendet werden. Er darf nur später nicht wieder zu einem Alltagsobjekt herabgestuft werden. Aber auch eigens angefertigte Objekte erfreuten sich großer Beliebtheit. Im aschkenasischen Raum hat das Besamim-Gefäß als Turm eine lange Tradition. Ungewöhnlich ist die Technik: Die Kombination aus Silberfiligran und Emaille wurde sonst für christliche Ritualobjekte wie Kruzifixe benutzt. Offensichtlich kannte der jüdische Auftraggeber dieses Turms solche Werke und hat nach ihrem Beispiel arbeiten lassen. Die Türme wurden im 18. Jahrhundert in Schwäbisch-Gmünd hergestellt, in dem es damals keine jüdische Gemeinde gab. Der oder die Auftraggeber solcher Türme wandten sich also von außerhalb an die Produzenten, um Aussehen und Form der Türme zu bestellen. Sie unternahmen zeitraubende organisatorische und auch finanzielle Anstrengungen, um möglichst schöne und wertvolle Ritualgegenstände zu besitzen.

Der Turm hat über einem Fuß zwei Würfel; der untere ist das Behältnis für die Gewürze. Die Tür und die Seitenteile sind mit bemalten Emaillen geschmückt. Sie zeigen Szenen aus der Bibel: Elieser am Brunnen mit Rebekka, Isaak segnet seinen Sohn Jakob, Jakobs Traum von der Himmelsleiter, Jakob ringt mit dem Engel und erhält den Namen Israel. Auf dem oberen Teil sieht man die verstoßene Hagar und ihren Sohn Ismael in der Wüste, Moses vor dem brennenden Dornbusch, Samson trägt die Tore von Gaza sowie Samson und Dalila. Diese bildlichen Darstellungen sind nach christlichen Vorbildern gemalt. Vorlage waren die Illustrationen der „Icones Biblicae“ von Matthäus Merian, einem christlichen Künstler. Sie wurden 1625–27 in Frankfurt am Main veröffentlicht und waren unter Juden wie Christen sehr verbreitet. Der Turm zeigt, dass Juden die christliche Bilderwelt bekannt war und dass sie kein Problem darin sahen, diese in ihre eigene Bilderwelt zu integrieren.

Überhaupt waren Bilder biblischer Szenen auch in der Judengasse allgegenwärtig, es gab sie als Drucke oder Gemälde und in hebräischen Manuskripten. Im Haus zum Warmen Bad, dessen Fundamente im Museum Judengasse zu sehen sind, soll der Überlieferung nach sogar ein Kachelofen gestanden haben, der mit Bildern biblischer Geschichten bemalt war. Was für die bildende Kunst gilt, lässt sich auch über Literatur, Musik, Moden oder Vorstellungen zum richtigen Lebenswandel sagen: Die Alltagskultur jüdischer und nichtjüdischer Gruppen und Gesellschaften in der frühneuzeitlichen Stadt waren vielfach miteinander verwoben und beeinflussten sich gegenseitig.

Persönliche Geschichte

Ein Skandal, der die jüdischen Gemeinden von Frankfurt, Mannheim und Bonn erschütterte
von Michael Simonson

Gegenstände wie der Besamim-Turm bezeugen die vielfältige Verwobenheit des jüdischen mit dem christlichen Leben im Frankfurt des 18. Jahrhunderts, wobei die jüdische Gemeinde in einigen Bereichen durchaus selbstbestimmt agierte. Dies betraf insbesondere religiöse Fragen und Familienangelegenheiten. Ein besonders deutliches Beispiel ist ein Skandal, der im Jahr 1766 die jüdischen Gemeinden von Frankfurt, Mannheim und Bonn erschütterte.

Im Übergang von Frühling zum Sommer diesen Jahres verlobte sich Isaak Neuberg aus Mannheim mit Leah Gunzhausen aus Bonn. Während der Verlobungszeit stattete Isaak der Brautfamilie einen Besuch ab, bei dem alles Weitere geregelt wurde. Am 8. August 1766 traf Leah mit ihren Eltern in Mannheim ein, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte. Wie geplant fand diese am darauffolgenden Dienstag statt.

Doch ein paar Tage später war Isaak verschwunden. In der Folge stellte sich heraus, dass er eine große Summe Geldes bei sich führte. Die beiden Familien gaben eine Suchaktion in Auftrag, bei der Isaak bei einem christlichen Bauern aufgefunden wurde, dessen Hof ungefähr anderthalb Kilometer von Mannheim entfernt lag. Der Bräutigam kehrte zwar mit dem Suchtrupp zurück, befand sich jedoch in höchster Aufregung und behauptete, er müsse fliehen, da ihm Beamte nach dem Leben trachteten.

Entscheidungsprozess vor dem Rabinat (“Get” – Scheidebrief) Lizenz: cc by-nc-sa/4.0/deed.de (Wikimedia Commons, Jüdisches Museum der Schweiz / LGJMS)


In der darauf folgenden Nacht erlitt Isaak einen hysterischen Anfall und behauptete erneut, sein Leben sei in Gefahr. In einem Gespräch mit dem Bruder seiner Braut, einem Rabbiner, bat er inständig, sich scheiden lassen zu dürfen, um aus dem deutschen Reich fliehen zu können. Dies war ein für Isaak so dringliches Anliegen, dass er auch sagte, er müsse sofort losziehen, ob mit oder ohne Scheidung.

Damit war Leahs Familie in einer schwierigen Lage: ohne Scheidung konnte Leah schließlich keine neue Heirat eingehen. Ihre Familie willigte daher ein und begleitete Isaak nach Kleve nahe der holländischen Grenze. Dort schied der bekannte jüdische Gelehrte Rabbi Israel Lipschütz die Ehe. Isaak reiste rasch ab, um sich in England „in Sicherheit zu bringen“, während Leah mit ihrer Familie in Bonn blieb. Isaaks Vater verdächtigte die Familie seiner Schwiegertochter der Erpressung seines Sohnes. Zwar bezweifelte er nicht, dass Isaak einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte, doch war der der Ansicht, dass die Familie Gunzhausen die Lage zu ihrem Vorteil genutzt habe. Er wandte sich an den Mannheimer Rabbi Tevele Hess, der den Scheidebrief mit der Begründung für ungültig erklärte, dass der Ehemann nicht bei geistiger Gesundheit gewesen war, als er diesen verlangt hatte.

Dabei vertraute Hess nicht nur auf sein eigenes Urteil, sondern wandte sich an das Frankfurter Bet Din als jüdisches Rechtsprechungsorgan sowie an weitere jüdische Gelehrte und Rabbinatsgerichte in Deutschland. Das Bet Din bestätigte Hess und erklärte den Scheidebrief für ungültig; laut dem Richterspruch war Leah nach wie vor verheiratet. Die Rabbiner der Pfalz, von Hagenau und Fürth hingegen traten Lipschütz bei, erklärten die Scheidung für gültig und bestimmten, Leah stehe es frei, mit einem anderen die Ehe einzugehen.

Es wurde bald deutlich, dass das Bet Din von Frankfurt mit seinem Beschluss, die Ehe bestehe wirksam fort, mehr oder minder alleine stand, doch ließen sich die Richter nicht von ihrer Haltung abbringen. Der Frankfurter Dajan Nathan ben Solomon Maas ordnete sogar an, die gegen sein Urteil gerichteten „Responsen“ genannten Bescheide einiger polnischer Rabbiner zu verbrennen.

Die Geschichte fand ihr Ende, indem das Ehepaar erneut heiratete. Der Bräutigam leistete dabei den feierlichen Schwur: „Mit diesem Ring bist du nach wie vor mit mir verheiratet.“

Die Geschichte wurde von Leahs Bruder Aaron Simeon Copenhagen in der Sammlung seiner rabbinischen Entscheidungen Or ha-Yashar (Amsterdam, 1769) festgehalten und ebenso von Rabbi Israel Lipschütz, der in seinem eigenen Or Yisrael (Kleve, 1770) in 37 Responsen darauf eingeht.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Sabine Kößling, Michael Simonson

Sabine Kößling

Sabine Kößling, Judaistin und Literaturwissenschaftlerin, hat am Landesmuseum Braunschweig und in den Jüdischen Museen Berlin und Frankfurt zahlreiche Ausstellungen zur deutsch-jüdischen Geschichte kuratiert. Als Ausstellungsleiterin hat sie die Dauerausstellungen im Museum Judengasse und im Jüdischen Museum kuratiert (eröffnet 2016 bzw. 2020). Seit 2021 entwickelt sie digitale Projekte an den "Lübecker Museen". Letzte Veröffentlichungen: "Die Frankfurter Judengasse. Geschichte, Politik, Kultur" (2016) und "Jüdisches Frankfurt. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart" (2020).


Michael Simonson

Michael Simonson ist Leiter der Öffentlichkeitsarbeit und Archivar am Leo Baeck Institute New York | Berlin.


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