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20.10.2021

Neue Synagoge Berlin an der Oranienburger Straße

Von eleganter Erscheinung, exotischem Charakter und enormen Ausmaßen, war Berlins Neue Synagoge der physische Ausdruck eines spezifischen Augenblicks im Prozess der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert, als deutsche Juden voller Hoffnung und Zuversicht waren.

Neue Synagoge Berlin an der Oranienburger Straße, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Jüdische Gemeinde zu Berlin; Foto: Leo Baeck Institute )


Das Objekt

von Anja Siegemund

Die Neue Synagoge Berlin in der Oranienburger Straße wurde 1866 eröffnet, 1938 bei den Novemberpogromen geschändet, aber durch Eingreifen von Polizeibeamten nicht niedergebrannt, vom NS-Staat missbraucht, 1943 durch alliierte Bomben weitgehend zerstört und 1958 zum Teil abgerissen. 1988 begann, noch zu DDR-Zeiten, die Rekonstruktion des ruinenartigen verbliebenen Teils, der 1995 als "Centrum Judaicum" eröffnet wurde. Am Ort der einst größten Synagoge, die es in Deutschland je gab, befindet sich heute ein Museum inklusive eines der bedeutendsten Archive zum deutschen Judentum - und wieder der Sitz der vereinten Ost- und Westberliner Jüdischen Gemeinde. In seiner Geschichte, seiner Architektur und seiner heutigen Realität sind die Themen der deutsch-jüdischen Geschichte wie in einem Brennglas fokussiert: Akkulturation, deutsch-jüdisches Selbstverständnis, Verfolgung und Ermordung, Wiederaufbau von Gemeinden in Ost und West am Ort des Früheren, die Neuentdeckung des jüdischen Berlins. All dies macht das Gebäude zu einem Wahrzeichen nicht nur Berlins, sondern zu einem ikonischen, international bekannten Symbol für die Geschichte der Berliner und der deutschen Juden seit der Emanzipationsära bis heute.


Historischer Kontext

Die Neue Synagoge in Berlin. Ein Modell deutsch-jüdischer Geschichte
von Anja Siegemund

Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte - Stahlstich von J. Kolb, um 1866. (© picture-alliance/akg)

Als "Stolz der jüdischen Gemeinde Berlins, aber mehr noch, […] eine Zierde der Stadt" wurde die Neue Synagoge Berlin bei ihrer Einweihung im Jahr 1866 bezeichnet. Die gemäßigt liberale National-Zeitung, die dies schrieb, war kein radikaler Außenseiter, sondern ein Blatt, auf das sich viele einigen konnten. Ihre Bewunderung für die Neue Synagoge symbolisierte die Fortschritte des Emanzipationsprozesses der Juden.

Schon die Tatsache, dass ein solches Monumentalgebäude in der Mitte Berlins das Stadtbild derart prägen durfte, war eine seiner Errungenschaften. Als die Jüdische Gemeinde zu Berlin 1846 den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. um die Genehmigung für einen neuen Synagogenbau ersuchte, lehnte dieser ab. Sein Gegenvorschlag, an einem abgelegenen Ort der Stadt zu bauen, in dem damals kaum Juden lebten, offenbarte die wirklichen Motive des Königs und seiner Politik: An prominenter Stelle in der Stadt, zumal in der Nähe einer Kirche, wollte man keine Synagoge haben.

Berlin, Heidereutergasse 4, Blick auf den Eingang zur Alten Synagoge (© picture-alliance, arkivi )

Dass schließlich 20 Jahre später die Neue Synagoge dann doch in der Mitte Berlins eröffnet werden konnte, dokumentiert die Dynamik der Emanzipation der Juden, denen in der Verfassung von 1850, angestoßen durch die Revolution von 1848, rechtliche Gleichstellung zugesichert wurde. Die Tage, an denen eine Synagoge unter das Niveau der Straße gelegt werden musste, wie es bei der im Jahr 1714 eröffneten, unauffälligen Gemeindesynagoge in der Heidereutergasse der Fall gewesen war - um nicht die umliegenden Häuser zu sehr zu überragen - schienen endgültig und für alle Zeiten vorüber.

Der neue Prachtbau verströmte mit seinen fast märchenhaft-exotisch anmutenden Formen und Ornamenten nicht nur Eleganz und Schönheit, sondern reflektierte mit seinem Aufwand an teuerstem Material auch den sozioökonomischen Aufstieg der Juden inklusive ihrer finanziellen Leistungskraft - das Gebäude hatte die Unsumme von 750.000 Talern verschlungen. Die Größe des Baus für 3.200 Menschen bildete die stetig anwachsende Gemeinde in Berlin ab, die sich, vor allem durch weiteren Zuzug aus den preußischen Ostprovinzen in den zwei Dekaden vor 1866 nun auf die Zahl von 28.000 vervierfacht hatte.

Mehr als alles stand der Bau für ein erstarkendes Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinschaft. Ganz bewusst hatte man sich für ein großes Maß an Auffälligkeit entschieden: Der Eingang mit seinen großen Portalen war an die Straße gelegt und nicht etwa zurückgesetzt oder abgeschirmt worden, über ihm und nicht über dem rückwärtigen Synagogen-Hauptraum schloss in einer Höhe von mehr als 50 Metern die weithin sichtbare goldene Hauptkuppel die Silhouette ab. Eine noch deutlichere Sprache sprach die maurische Architektur, die an die Alhambra im spanischen Granada erinnern sollte, aber auch indischen Vorbildern folgte. Einerseits befand man sich damit im Kontext des Orientalismus, einer verbreiteten Faszination für den Orient, was bereits seit dem 18. Jahrhundert zu einer Anwendung von entsprechenden Motiven bei europäischen Bauwerken führte.

Doch aus jüdischer Sicht beinhaltete der Griff zu maurischer und orientalisierender Architektur mehr: nämlich zum einen den Verweis auf das spanische Mittelalter, das im kollektiven Gedächtnis als "Goldenes Zeitalter", als Vorbild für ein Zusammenleben von Christen, Muslime und Juden verankert war, zum anderen die Assoziierung mit dem geographisch-kulturellen Ursprung des Judentums im Orient, was als ins Architektonische übersetzte Aussage von einem seiner selbst sicheren, auf seine Souveränität setzenden Judentum deutbar ist. Mit anderen Worten: diese Architektur war die Manifestation des Ringens um gesellschaftliche Gleichberechtigung, wenn man so will, um einen Dialog (fast) auf Augenhöhe.
In Folge der europäischen Aufklärung wuchsen Ende des 18. Jahrhunderts auch im deutschsprachigen Raum das jüdische Streben und die Forderung nach politischer und menschlicher Gleichberechtigung. (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

Gleichermaßen spiegelte der Bau die großen Debatten innerhalb des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert um Identitäten und Zugehörigkeiten wider. Dabei war er ein Zeugnis für jene Tendenz, die als die "liberale" bekannt wurde. Dies bezog sich zum einen auf kulturelle und emotionale Identifizierungen, auf das starke Wollen, deutsch-jüdisch in einer Bindestrichidentität zu vereinen, zum andern auf religiöse Praxis und Auslegung - wobei es hier in der Realität oft Verflechtungen gab. Nicht nur die Enge der alten Synagoge, sondern auch das Bedürfnis vieler - und immer mehr - nach einem weniger orthodoxen Ritus hatte zum Bau einer weiteren Synagoge motiviert, was innerjüdisch wie von Seiten des christlichen Obrigkeitsstaates keinesfalls mit ungeteiltem Wohlwollen beäugt worden war; gerade der Kirche hatte es daran gelegen, dass Juden in der Orthodoxie verharren mussten, wenn sie Juden bleiben wollten - und als Alternative nur den Übertritt zum Christentum hatten.

Die Neue Synagoge verkörperte dann die Position zwischen einerseits der in Berlin sehr aktiven Reformbewegung, die bereits seit 1854 ihre eigene Synagoge unweit der Oranienburger Straße hatte, und andererseits der Orthodoxie. So wählte man, auch was religiöse Praxis betraf, einen Mittelweg: Für die Liturgie wurden deutsche Texte eingeführt, aber auch hebräische beibehalten, eine aus jüdisch-orthodoxer Sicht verbotene Orgel und ein Chorleiter stillten das Bedürfnis nach einer Musik, die den ästhetisch-kulturellen Konventionen und dem Zeitgeschmack der Gesellschaft entsprach. Frauen konnten das Geschehen im Hauptraum zwar nur von Emporen verfolgen, aber ihnen waren die Hälfte der Plätze zugedacht und sie saßen nicht wie in orthodoxen Synagogen hinter einer zaunartigen Abtrennung, außerdem sangen sie seit 1895 zusammen mit den Männern im Chor.

Diese liberale Strömung nahm immer mehr die führende Stellung unter deutschen Juden ein und hatte auch weltweiten Einfluss. Beispielhaft für die vielen Fäden ausgehend von der Neuen Synagoge in die Welt hinaus sind die Melodien des Chordirigenten und Komponisten Louis Lewandowski, der diese für die Neue Synagoge schuf und die noch heute in den Synagogen und Konzerthäusern auf dem Globus erklingen.

Im Lichte dieser innerjüdischen Debatten zwischen Reform und Orthodoxie, kann die hebräische Inschrift, die in großen goldenen Lettern über den Hauptportalen angebracht wurde, als Signal nach außen wie nach innen, gegenüber den diversen jüdischen Richtungen, interpretiert werden. "Tuet auf die Pforten, dass einziehe das gerechte Volk das wahret die Treue" - der Bibelvers von Jesaja 26,2 verkündete der inner- und außerjüdischen Welt, dass dieses Gebäude für das Selbstverständnis stand, in der deutschen Gesellschaft angekommen zu sein - jedoch bei aller Öffnung zur Gesamtgesellschaft hin Jüdinnen und Juden bleiben zu können und zu wollen.

"Tuet auf die Pforten, daß einziehe das gerechte Volk, das bewahret die Treue" lautet die Inschrift in vergoldeten hebräischen Lettern über dem Tor der Neuen Synagoge. (© picture-alliance/dpa)


Persönliche Geschichte

Jacob Jacobson und die Schaffung jüdischer Erinnerung
von Barbara Welker

Direkt neben der Neuen Synagoge befand sich das Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in dem neben zahlreichen Gemeindeeinrichtungen seit 1910 auch das Gesamtarchiv der deutschen Juden seinen Sitz hatte. Die wechselvolle Geschichte dieser Einrichtung ist auf das engste verbunden mit dem Namen Jacob Jacobson, dem langjährigen Leiter des Archivs. Ein um 1935 entstandenes Foto zeigt ihn in den niedrigen Archivräumen in der Oranienburger Straße 28, über eine Kiste mit Archivmaterial gebeugt. Zeitgenossen beschreiben ihn als bescheidenen, hilfsbereiten "mittelgroßen, leicht untersetzten Mann mit schütterem Haar in seinem blauen Arbeitskittel" (Ernst G. Lowenthal).

Das Gesamtarchiv war 1905 gemeinsam vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund und der Großloge für Deutschland des Unabhängigen Ordens B’nai B’rith mit dem Ziel gegründet worden, die historischen Akten jüdischer Gemeinden und Organisationen in Deutschland zu sammeln, um ihre Sicherung, Erschließung und Auswertung zu ermöglichen. Unter seinem ersten Leiter Eugen Täubler hatte das Gesamtarchiv bis 1919 Akten aus rund 300 Gemeinden zusammengetragen. Im Frühjahr 1920 übernahm Jacob Jacobson die Leitung des Archivs. 1888 in Schrimm/Posen (heute Śrem/Polen) als Sohn eines Rabbiners geboren, war Jacobson schon 1910/11 für einige Monate als wissenschaftliche Hilfskraft am Gesamtarchiv tätig. Im August 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger zum Ersten Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wurde. Nach Kriegsende promovierte er 1919/20 in Marburg mit einer Arbeit über die Stellung der Juden in den 1793/95 von Preußen erworbenen polnischen Provinzen.

Während der Inflationsjahre war die Existenz des Archiv ungesichert, Jacobson blieb jahrelang der einzige Mitarbeiter. Die finanzielle Lage verbesserte sich ab 1925, als die Berliner Jüdische Gemeinde und später auch der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden Zuschüsse übernahmen. Erst 1934 wurde Jacobson zum pensionsberechtigten Beamten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ernannt.

Im Vordergrund stand nach 1920 die Sicherung weiterer Gemeindeakten - vor allem aus den kleinen Landgemeinden, die aufgrund der umfassenden Abwanderung in größere Städte vor der Auflösung standen. Auch aus den Gemeinden der ehemaligen preußischen Provinzen, die nun zu Polen gehörten - vor allem Posen und Teile Oberschlesiens - wurden systematisch Bestände übernommen.

Daneben wuchs seit den 1920er Jahren das Interesse an privater familiengeschichtlicher Forschung und damit die Zahl der an das Gesamtarchiv gerichteten Anfragen, weshalb unter Jacob Jacobson verstärkt genealogische Quellen (Geburts-, Trau- und Sterberegister, Mohelbücher, Memorbücher usw.) dokumentiert und gesammelt wurden.

Eine neue Bedeutung erhielten die genealogischen Quellen nach 1933, als das Archiv zu einer wichtigen Anlaufstelle für familiengeschichtliche Anfragen wurde. Einerseits musste das Archiv vor allem nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze 1935 zunehmend Auskünfte für sogenannte "Abstammungsnachweise" erteilen, andererseits wuchs nach 1933 auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft unter den Bedingungen des wachsenden Drucks das Interesse an der Erforschung der eigenen (Familien-)Geschichte.

Neben Reisen zu den zunehmend bedrohten Gemeinden wies Jacobson mit Anzeigen und Artikeln in jüdischen Zeitungen auf die Bedeutung der Bestände des Gesamtarchivs für familiengeschichtliche Nachforschungen hin - nicht zuletzt auch zum Zweck der Auswanderung - und bat um die Ablieferung weiterer Quellen. "Schützt Euer Archivgut!" - mit diesen dringenden Appell wandte er sich im Juni 1938 im Gemeindeblatt der Berliner Jüdischen Gemeinde an die noch in Deutschland lebenden Juden. Zahlreiche, zu diesem Zeitpunkt noch vorhandene Quellen wurden während der Novemberpogrome 1938 unwiederbringlich zerstört. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurden die Bestände des Gesamtarchivs beschlagnahmt und das Archiv vorübergehend geschlossen. Jacobson durfte die Archivräume erst Wochen später wieder betreten. Nachdem Jacobson und das Gesamtarchiv bereits seit 1935 für die Reichsstelle für Sippenforschung (ab 1940 Reichssippenamt) Recherchen zur jüdischen Abstammung übernehmen mussten, hatte das Archiv nun endgültig seine Selbständigkeit verloren. Die jüdische Abteilung des Amtes zog in das Gebäude in der Oranienburger Straße ein und beanspruchte dort die Archivräume, später auch die Räume der Gemeindebibliothek.

Jacobson bemühte sich nun um die Auswanderung für sich und seine Familie, die Gestapo nahm ihnen jedoch die Pässe ab. Während sein Sohn noch 1938 und seine Ehefrau im Sommer 1939 Deutschland verlassen konnten, musste er in Berlin bleiben, da seine Kenntnis der Archivbestände für die NS-Behörden unerlässlich war. Am 19. Mai 1943 wurde er nach Theresienstadt deportiert. Nach der Befreiung des Lagers Theresienstadt im Mai 1945 konnte er endlich zu seiner Familie nach England reisen. Dort war er später für das 1955 gegründete Leo Baeck Institute in London tätig.

Jacob Jacobson verstarb 1968 in Bad Neuenahr. Sein wissenschaftlicher Nachlass und die Dokumente in seinem Besitz, an denen er auch im Ghetto Theresienstadt gearbeitet hatte, liegen als Jacob Jacobson Collection im Archiv des LBI in New York. Seinem Einsatz zur Sicherung und Bewahrung der Akten jüdischer Gemeinden und Organisationen ist es zu verdanken, dass zahlreiche Bestände bis heute überliefert sind - ein großer Teil davon im Centrum Judaicum.

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Anja Siegemund, Barbara Welker

Anja Siegemund

Anja Siegemund ist Direktorin der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum. Zuvor leitete sie das Leo Baeck Institute Jerusalem. Ihre Schwerpunkte sind deutsch-jüdische Geschichte im 20. Jahrhundert, zentraleuropäischer Zionismus, die Migrationsgeschichte(n) deutscher Juden in Mandatspalästina/Israel sowie Erinnerungskulturen. Zuletzt gab sie zusammen mit Michael Wildt heraus: Gedächtnis aus den Quellen. Zur jüdischen Geschichte Berlins - Hermann Simon zu Ehren, Berlin 2021.


Barbara Welker

Barbara Welker, geb. 1965 in Berlin, Studium der Geschichte und Archivwissenschaft, seit 1990 Wissenschaftliche Archivarin bei der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Veröffentlichungen zur Geschichte des Gesamtarchivs der deutschen Juden und zu den Beständen des Archivs des Centrum Judaicum.


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