zurück 
20.10.2021

Einsteinturm

Der Turm, der dazu diente, Einsteins Relativitätstheorie zu belegen, ist eines der bekanntesten Beispiele expressionistischer Architektur in Deutschland.

Einsteinturm, Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP); Foto: Leo Baeck Institute – New York | Berlin)


Das Objekt

Der Einsteinturm
Der Einsteinturm auf dem Areal des heutigen Wissenschaftspark Albert Einstein in Potsdam wurde zwischen 1920 und 1922 nach Entwürfen des Architekten Erich Mendelsohn (1887–1953) gebaut. Nach dem Einbau aller technischen Instrumente konnte der Turm am 6. Dezember 1924 offiziell als Unterabteilung des Astrophysikalischen Observatoriums mit der Bezeichnung Einstein-Institut eröffnet werden. Das in seiner Erscheinung aufsehenerregende Gebäude war funktional und dabei mit Blick auf die wissenschaftlichen Erfordernisse seiner angedachten Nutzung entwickelt worden: Hier sollte die Gültigkeit von Albert Einsteins (1879–1955) Relativitätstheorie experimentell bestätigt werden.

Nach Mendelsohns Vorstellungen sollte der Turm als plastische Architektur in Stahlbeton entstehen. Tatsächlich wurde er in einer Mischbauweise errichtet: Teile des Hauptbaukörpers, die Treppe im Turm und sein Abschluss unterhalb der Kuppel wurden gegossen, der Sockel, die Dächer über den Anbauten und der Turm selbst aus Ziegeln gemauert. Die drehbare Kuppel ist eine Holzkonstruktion. Für ein einheitliches Bild wurde das Gebäude anschließend mit Zementspritzputz überzogen. Es ist eines der bekanntesten Beispiele für expressionistische Architektur in Deutschland.

Historischer Kontext

Deutschlands größter jüdischer Architekt entwarf ein ikonisches Bauwerk für den größten jüdischen Wissenschaftler.
Der Bau des Einsteinturms bedeutete für Erich Mendelsohn den Durchbruch als Architekt. Zwar hatte er 1911 bereits die heute noch erhaltene Trauerhalle des Jüdischen Friedhofs in seiner Geburtsstadt Allenstein (Ostpreußen, heute Olsztyn, Polen) entworfen, aber dieses vergleichsweise unauffällige Gebäude blieb weitgehend ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Ganz anders war es mit dem Einsteinturm. Dies lag zum einen an seiner Nutzung, die im Zusammenhang mit den aufsehenerregenden Forschungen und Theorien des Physikers Albert Einstein stand, zum anderen an der Architektur selbst.

Einsteins 1916 veröffentlichte und im Mai 1919 durch Beobachtungen bei einer Sonnenfinsternis-Expedition bestätigte Allgemeine Relativitätstheorie sollte in dem Neubau am südlichen Rand des Astrophysikalischen Observatoriums in Potsdam experimentell verifiziert werden. Diese Untersuchungen, ebenso wie die Überwachung des Bauvorhabens, kam Erwin Finlay-Freundlich (1885–1964) zu, einem Physiker, der seit 1911 für Einstein arbeitete. Im Juli 1918 sandte Freundlich erstmals Skizzen und eine detaillierte Projektbeschreibung an Mendelsohn, der zu dieser Zeit noch als Soldat im Ersten Weltkrieg diente. Die 1920 begonnene Realisierung war einer der wenigen Neubauten nach dem Ende des Krieges in Berlin und Umgebung und zudem eine der aufwendigsten Forschungsinvestitionen in der Weimarer Republik. Dabei zeigte sich in dem politischen Bemühen auch die Instrumentalisierung des Wissenschaftlers Einstein und seiner Forschungen zugunsten nationaler deutscher Interessen.

Die Entwicklung des Entwurfs von Mendelsohn kann nur sehr grob rekonstruiert werden, da nur wenige Dokumente erhalten geblieben sind. Darunter befinden sich rund 20 zumeist undatierte künstlerische Skizzen, die zum Teil auf ausgesprochen kleinen Papierformaten mit wenigen Strichen gezeichnet wurden. Dabei transportieren sie die Idee und Gestalt des Gebäudes aber so anschaulich, dass sie noch heute immer wieder zu seiner Illustration veröffentlicht werden. Betreten wird das Gebäude von Norden über einen um mehrere Stufen erhöhten kleinen Eingangsbau. Im gleichen Geschoss befindet sich ein Arbeitszimmer, über diesem ein kleiner Raum für Übernachtungen. Für das Teleskop wurde ein Turm im Turm realisiert: Es erhielt sein eigenes Fundament, damit Trittschall und Windbewegungen nicht übertragen und die Messungen verfälscht werden. Im Sockel ist das Laboratorium untergebracht; ein etwa 14 Meter langer temperaturstabilisierter Spektrografenraum. Hier wird das Sonnenlicht in seine spektralen Bestandteile zerlegt und analysiert.

Bereits am 4. September 1921, also noch vor der Fertigstellung des Gebäudes, zeigte die auflagenstarke Berliner Illustrierte seine Außenansicht auf ihrer Titelseite. Damit wurde es erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Mendelsohn realisierte eine ausgesprochen plakative Architektur mit einem hohen Wiedererkennungswert. Dabei entstand gleichzeitig ein Gebäude, dass vollständig funktional und klar gegliedert ist und auch von Gegensätzen lebt: Während mit Hilfe von Fotografien die Vorstellung von Monumentalität produziert wird, ist das tatsächliche Gebäude klein in seinen Abmessungen. Bei der Annäherung von Norden ebenso wie in den Aufrissen zeigt sich eine statische Komposition des Baus, erst mit dem tatsächlichen Umrunden wird seine Dynamik optisch nachvollziehbar.

Aber nicht nur der Bau wurde überregional bekannt, sondern auch sein Architekt: Erich Mendelsohn wurde in der Folge nicht nur der wichtigste jüdische Architekt in Deutschland, sondern einer der wichtigsten Architekten in Deutschland. Davon zeugen nicht nur seine zahlreichen Bauten und Projekte, sondern auch, dass er in den 1920er Jahren zeitweise eines der größten Architekturbüros in Europa führte. Möglich war dies, weil er vor allem jüdische Bauherren fand, die ihn beauftragten, darunter zum Beispiel Salman Schocken. Für ihn realisierte er Kaufhäuser in Nürnberg (eröffnet 1926, 1943 schwer beschädigt und 1954 in veränderter Form wieder aufgebaut), Stuttgart (eröffnet 1928, zerstört 1960), und Chemnitz (eröffnet 1939, seit 2014 als Staatliches Museum für Archäologie des Freistaates Sachsen genutzt).

Mendelsohns Architektur des Einsteinturms steht für eine organische, zum Teil expressive Moderne, die eine von mehreren Facetten des Neuen Bauens in Europa der 1920er Jahre darstellt und damit auch darauf verweist, dass es jenseits der Moderne des Bauhaus wichtige Tendenzen in der Architektur gab. Gleichzeitig verkörpert das Gebäude in seiner Form und in seiner Funktion den Aufbruch in neue Zeit sowohl in der Architektur als auch in der Wissenschaft. Sowohl Mendelsohn als auch Einstein und Freundlich emigrierten 1933 aus Deutschland. Mendelsohn ging mit seiner Frau Luise über Holland zunächst nach Großbritannien, dann in das Mandatsgebiet Palästina und 1941 schließlich in die USA. Einstein lebte und lehrte in Princeton (USA) und Freundlich emigrierte zunächst nach Istanbul (Türkei) und Prag (Tschechoslowakei, heute Tschechische Republik), nach 1939 lehrte er an der Universität St Andrews (Großbritannien). Die Nationalsozialisten änderten bereits im März 1933 den Namen der Forschungseinrichtung in "Institut für Sonnenphysik". Weder Einstein noch Mendelsohn kehrten je nach Deutschland zurück.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nutzten die Zentralinstitute für Physik der Erde und Sternphysik der Akademie der Wissenschaften, das Geomagnetische Institut sowie der Meteorologische Dienst der DDR das Areal und seine Einrichtungen. Am Einsteinturm blieben bis in die Gegenwart zum Teil umfangreiche Instandsetzungs- und Sicherungsarbeiten notwendig. Bei einer Mitte der 1990er Jahre durchgeführten Sanierung konnte unter anderem das Innere des Gebäudes in seiner historischen Farbigkeit wiederhergestellt werden. Nutzerin des Einsteinturms ist heute das Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam. Immer noch finden hier vor allem Untersuchungen zu solaren Magnetfeldern statt. Der ursprünglich geplante Nachweis von Einsteins vorhergesagter Gravitations-Rotverschiebung im Spektrum des Sonnenlichts konnte hier in den 1950er Jahren erfolgreich durchgeführt werden.

Persönliche Geschichte

Erich Mendelsohns Leben für Architektur und Musik

Der Architekt Erich Mendelsohn, Foto um 1950. (© picture-alliance/akg)

Erich Mendelsohn wurde am 21. März 1887 geboren, 202 Jahre nach dem Komponisten und Kantor Johann Sebastian Bach (1685–1750). Dieser Umstand soll von Mendelsohn immer als ein besonderes Omen verstanden worden sein; Bachs Musik begleitete das Leben und die Arbeit des Architekten. Ein Plattenspieler galt ihm neben Papier und Stiften als sein wichtigstes Arbeitsgerät und seine Geburtstage verbrachte er, wenn es ihm möglich war, mit "Bachanalien" im Angedenken an den Musiker. Gleichwohl zeigte sich hier nicht die einzige Verbindung, die Mendelsohn zu und über Musik einging: Am 5. Oktober 1915 heiratete er die Cellistin Luise Maas, die aus einer wohlhabenden jüdischen Handelsfamilie stammte und ihre Musikausbildung in Königsberg, London, Leipzig, und Berlin erhielt. Ein Studienbeginn an der dortigen Königlichen Hochschule für Musik wurde allerdings durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unmöglich. Luise war es, die Mendelsohn mit Erwin Finlay-Freundlich bekannt machte, der ebenfalls Cello spielte. Damit legte sie einen der Grundsteine für die kommende Zusammenarbeit der beiden beim Bau des Einsteinturmes.

Nachdem das Ehepaar Mendelsohn mit der gemeinsamen, 1916 geborenen Tochter Marie Luise Esther ab Ende 1918 für viele Jahre in der Berliner Pension "Westend" gewohnt hatte, zogen sie 1930 in ein eigenes, von Erich entworfenes Haus, das Am Rupenhorn am Stadtrand von Berlin lag. Das Gebäude entwickelte sich schnell zu einem Treffpunkt für Intellektuelle und Künstler:innen. Immer wieder fanden hier Konzerte mit namhaften Musiker:innen statt, so zum Beispiel unter Mitwirkung der Pianistin Lili Kraus (1905–1986). Zu den Gästen gehörte aber auch Albert Einstein. Er und Erich Mendelsohn pflegten seit der Arbeit am Einsteinturm den Kontakt zueinander. Einstein hatte sich zudem ebenfalls Ende der 1920er Jahre ein Haus bauen lassen; sein Sommerhaus in Caputh entstand nach Plänen des Architekten Konrad Wachsmann (1901–1980). Den Erinnerungen von Luise Mendelsohn zufolge, sei Einstein "gewöhnlich mit seinem Segelboot zu unserem Haus" gekommen und anschließend "mit der Fiedel unterm Arm den Hügel hinauf" geklettert. Ihr zufolge war Einstein zwar "ein ausgezeichneter Musiker, technisch gesehen allerdings ein Amateur. Manchmal spielte er sehr gut, aber manchmal schienen seine Gedanken in andere Sphären abzugleiten."[1]

Eine letzte Zusammenkunft im Haus Am Rupenhorn gab es anlässlich des 46. Geburtstags von Erich Mendelsohn am 21. März 1933. Bereits ab dem Nachmittag spielten Freund:innen des Paares in unterschiedlicher Zusammensetzung Stücke von Johann Sebastian Bach, darunter die Brandenburgischen Konzerte. Ebenfalls am 21. März fand nur wenige Kilometer entfernt der "Tag von Potsdam" statt, mit dem unter anderem in einem Staatsakt in der Potsdamer Garnisonskirche der erste Reichstag nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten eröffnet wurde.

Zehn Tage später verließ die Familie Mendelsohn Berlin Richtung Holland, von wo aus sie über Frankreich zunächst nach Großbritannien ging. Einstein kehrte von einer im Dezember 1932 angetretenen Vortragsreise in die USA nicht nach Deutschland zurück; seinen deutschen Pass gab er Anfang April 1933 in der deutschen Botschaft in Brüssel ab. Obwohl Erich Mendelsohn zu den wenigen vertriebenen jüdischen Architekten gehörte, die nach 1945 eine Einladung nach Deutschland erhielten, nahm er sie nicht an. Die Anfrage zur Teilnahme an der Ausstellung "Mensch und Raum" in Darmstadt im Jahr 1951 beantwortete er mit einer scharfen Anklage: "[S]olange Deutschland nicht den Mut oder die Einsicht hat, oeffentlich die kulturfeindlichen Dinge auszurotten, die in seinem Namen und mit seiner schweigenden Zustimmung geschehen sind, kann ich als Jude nicht zu der kulturellen Bedeutung Ihres Landes beitragen."[2]

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Zitiert nach Andreas Bernhard: "Merkwürdig fremde und doch überzeugende Schönheit". Die Architektur des Einsteinturms. In: Hans Wilderotter (Hg.): Ein Turm für Albert Einstein. Potsdam, das Licht und die Erforschung des Himmels. Berlin 2005, S. 88-124, hier, S. 119.
2.
Zitiert nach: Ita Heinze-Greenberg: „,Das Mittelmeer als Vater der internationalen Stilkunde zu übersehen, überlassen wir gerne den Schulzes aus Naumburg.‘ Projekt Mittelmeerakademie und Emigration 1933“. In: Institut für Auslandsbeziehungen (Hrsg.): Erich Mendelsohn. Dynamik und Funktion. Realisierte Visionen eines kosmopolitischen Architekten. Ostfildern 1999, S. 214–223, hier S. 214.

Alexandra Klei

Alexandra Klei

Alexandra Klei ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg und arbeitet in einem DFG-Forschungsprojekt zum "Jüdischen Bauen" nach 1945. Zuletzt erschien ihr Buch "Wie das Bauhaus nach Tel Aviv kam: Re-Konstruktion einer Idee in Text, Bild und Architektur". Berlin 2019.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln