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20.10.2021

Zwölftonreihenschachtel von Arnold Schönberg für seine Oper, Moses und Aron

Mit seiner zwölftönigen seriellen Kompositionstechnik verursachte Arnold Schönberg eine Revolution in der europäischen Musik. Der Antisemitismus führte zu einer Revolution im Innern Arnold Schönbergs, die ihn spät in seiner Laufbahn dazu veranlasste, seine jüdische Identität zu erforschen.

Das Objekt

Zwölftonreihenschachtel von Arnold Schönberg für seine Oper "Moses und Aron"

Zwölftonreihenschachtel von Arnold Schönberg für seine Oper, Moses und Aron Shared History Projekt. Lizenz: cc by-nc-nd/4.0/deed.de (Mit freundlicher Genehmigung von Arnold Schönberg Zentrum)

Das Objekt ist im Nachlass des 1874 in Wien geborenen, 1933 in die USA emigrierten und 1951 in Los Angeles verstorbenen Komponisten Arnold Schönberg überliefert. Seine Sammlung von Manuskripten, Dokumenten, Lehrmaterialien, Instrumenten, und Memorabilia sowie die Bibliothek verblieben zwei Jahrzehnte in Familienbesitz und wurden danach an das 1973 errichtete Arnold Schoenberg Institute der University of Southern California in Los Angeles übergeben. Nach der Schließung des Institutes wurde der Schönberg-Nachlass an die 1997 gegründete Arnold Schönberg Center Privatstiftung nach Wien transferiert. Seit 1998 ist dieses Objekt, die Zwölftonreihenschachtel, im Zusammenhang des Quellenbestandes zur Oper Moses und Aron, im Archiv des Arnold Schönberg Center für die Forschung zugänglich.

Historischer Kontext

Die Komposition von “Moses und Aron”

Arnold Schönberg. - Porträt um 1930. (© picture-alliance/akg)

Arnold Schönberg - Komponist, Maler, Schriftsteller, Lehrer und Erfinder - gilt als Symbolfigur für die Neue Musik im 20. Jahrhundert. 1921 legte er den Grundstein zu einer kompositorischen Neuerung, die als "Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen" (Zwölftonmethode oder Dodekaphonie) die Musikgeschichte in neue Bahnen lenken sollte. Neu geordnet werden in dieser Methode die Tonbeziehungen in der vertikalen wie der horizontalen Partituranordnung - unter der Prämisse der Gleichrangigkeit. Die seit ca. 1908 vollzogenen Entwicklungsschritte der freien Atonalität als Preisgabe der traditionellen Dur-/Moll-Tonalität in der westeuropäischen Musik wurden nunmehr in einen verbindlichen Rahmen gefasst.

Eine dodekaphone Komposition beruht auf einem vordefinierten Materialkern: Das aus 12 Tönen bestehende chromatische Total einer Oktave wird in einer spezifischen Tonabfolge (Zwölftonreihe) angeordnet, die gewissermaßen die musikalische DNA eines Werkes darstellt (unabhängig von Instrumentation, Länge oder dessen Genre). Diese Reihe wird gespiegelt (Umkehrung), reversiert (Krebs), die Umkehrung wiederum reversiert (Krebsumkehrung). Diese vier Gestalten bilden multipliziert um ihre Transpositionsstufen 48 Modi. Reihen sind frei von Tonverdopplungen und enthalten musikalische Qualitäten, die dem Komponisten eine Vielzahl kombinatorischer Möglichkeiten eröffnen. Als Gesetzmäßigkeit (mit Freiheiten der Deutung) lässt die Methode keine Tonwiederholungen zu, ehe das chromatische Total ausgeschöpft wurde. Der erste Einfall einer neuen Komposition erfolgt auch in der Zwölftonkomposition als thematischer Gedanke.

Die Reihen konnten in verschiedenen Formaten notiert werden. Diese Kartonschachtel dient der Aufbewahrung von 12 Kärtchen, auf denen die 48 Modi jener Zwölftonreihe notiert sind, auf der Arnold Schönbergs Oper Moses und Aron beruht. Die Grundreihe von Moses und Aron beginnt auf dem Ton A, der symbolisch für den Vornamen des Komponisten steht, und endet auf dem Ton C, der in Schönbergs Kompositionen in spirituellen Kontexten Gott repräsentiert. Jede Karte enthält die Grundreihe oder Themengestalt (T) sowie deren komplementäre Umkehrung U, die in ansteigenden Transpositionen angeordnet sind. Ziffern bezeichnen den Intervall, um den die Grundreihe nach oben transponiert ist.

Der praktischen Ausarbeitung der Zwölftonmethode vorausgegangen war eine Phase spiritueller Suche nach Antworten auf weltanschauliche Fragestellungen, die Lektüre der Mystiker und Theosophen, die Beschäftigung mit Anthroposophie, Geheimlehren und Spiritismus. Der 1898 zum Protestantismus konvertierte Komponist kehrte nach einer antisemitischen Erfahrung - er wurde im Frühsommer 1921 aus einem Sommerfrischeort im Salzkammergut (Österreich) vertrieben - wieder zu seinen jüdischen Wurzeln zurück. Er setzte sich systematisch mit dem jüdischen Glauben, zionistischer Politik, und der nationalen Problematik der Diaspora auseinander. Höhepunkt dieser Entwicklung ist seine Oper Moses und Aron (1923–1937). Das aus der Idee einer Kantate und später eines szenischen Oratoriums entwickelte Werk, zu dem Schönberg auch das Libretto schrieb, blieb Fragment: Musik zum III. Akt existiert nur in Form einiger Skizzen; der Text hingegen wurde - wenngleich auch nicht als endgültig betrachtet - fertig gestellt.

Schönberg verhandelt in seinem Opus magnum das Schicksal des Volkes Israel und die gleichermaßen weltliche wie heilige Verheißung. Der Prophet Moses und sein wortmächtiger Bruder Aron ringen darum, dieser Verheißung zur Existenz zu verhelfen. Sie sind dabei mit Zweifeln, Hoffnungen, und allen Widersprüchen des auserwählten Volkes konfrontiert. Als Erkenntnisgrund des Werkes benennt Schönberg den Gedanken Gottes. Moses als auserwähltem Mittler dieses Gedankens kommt die Aufgabe zu, von der Selbstoffenbarung Gottes zu künden. Schönbergs Ideendrama ist in seinem religionsphilosophischen Gehalt auf den Konflikt zwischen dem reinen Gottesgedanken und seiner Vermittlung gerichtet.

Die Handlung des Librettos entwickelt sich im Wesentlichen aus einigen Motiven aus dem 2. und 4. Buch Mose sowie den Büchern Exodus, und Numeri. Am Beginn des Werkes steht die Anrufung "Einziger, ewiger, allgegenwärtiger, unsichtbarer und unvorstellbarer Gott...!" Der erste Akt schildert Moses’ Berufung, die Begegnung von Moses und Aron in der Wüste und die Verkündigung der Botschaft Gottes an das Volk Israel. Ein Zwischenspiel und der zweite Akt sind in der Wüste angesiedelt. Hier werden die Verzweiflung und das Aufbegehren des Volks Israel, die in eine Orgie mündende Anbetung des Goldenen Kalbs und dessen Zerstörung durch Moses sowie der Aufbruch ins gelobte Land im Gefolge der Wolken- und Feuersäule dargestellt. Der nicht vertonte III. Akt schließlich sollte Arons Tod unter Einbeziehung des für die Konzeption der gesamten Oper grundlegenden Motivs des Wasser spendenden Felsens zeigen.

Die Oper gibt die Auffassung ihres Schöpfers zu erkennen, dass die Musik das kulturelle Gedächtnis der Menschheit an den Schöpfer der Welt wachhält. Das Volk Israel existiert um der Reinheit und Unversehrtheit des Gottesgedankens willen, der in der Musik eine tönende Kundgabe findet.

In einem Brief an den Schriftsteller Walter Eidlitz vom 15. März 1933 legt Schönberg seine Intention offen:




Persönliche Geschichte

Das Leben der Schönbergs in Wien
In dem 75-jährigen Zeitfenster der Wiener Familiengeschichte des Komponisten, die zwischen der Ankunft seines Großvaters Abraham Schönberg aus Ungarn Ende der 1850er Jahre und Arnold Schönbergs letztem Wiener Aufenthalt im Jahr 1933 aufgespannt werden kann, stoßen antijüdische Traditionen, Emanzipation, Integration, und Akkulturation in unterschiedlichen Generationen aufeinander. Wien wird für die Großeltern- und Elterngeneration urbaner Migrationsort, für Schönberg, dessen Geschwister und Cousins, die als Erwachsene mehrheitlich zum Protestantismus konvertierten, in der Folgegeneration Assimilations- und Akkulturationsort.

Schönberg war bereits als Jugendlicher in Wien einem von einer breiten politischen Basis geduldeten Antisemitismus ausgesetzt, der in einer jahrhundertealten Judenfeindlichkeit wurzelte. Konfrontationen mit Antisemitismus lassen sich über einen Zeitraum von etwa sechs Jahrzehnten innerhalb seines Lebens nachzeichnen, an Individual- bzw. Kollektivereignissen festmachen und schließlich als Auslöser theoretischer und ästhetischer Reflexion in seinen Schriften zum Judentum sowie den Bekenntniswerken Moses und Aron (Oper, 1923–37), Der biblische Weg (zionistisches Sprechdrama, 1922–23 bzw. 1926–27) sowie A Survivor from Warsaw (Ein Überlebender aus Warschau) op. 46 (Kantate, 1947) ablesen.

Im Frühsommer 1921 erfuhr Schönberg in Mattsee antisemitisch motivierte Ausgrenzung, die ihn zutiefst verstörte. In Mattsee, einer kleinen Ortschaft im Land Salzburg, hatte die Gemeindeverwaltung an Vermieter des Ortes den Aufruf erlassen: "enthaltend das Ersuchen, den Ort Mattsee wie im Vorjahre so auch heuer 'judenfrei' zu halten. [...] damit unserem schönen Orte Mattsee die Folgen einer etwaigen Verjudung, den Mietern und Vermietern Schikanen jeder Art durch die deutsch-arische Bevölkerung erspart bleibe" (Salzburger Chronik, 5. Juli 1921). Wenige Wochen nach der überstürzten Abreise aus Mattsee fand Schönberg die strukturellen Grundlagen für die Zwölftonmethode.

Die vom sogenannten "Mattsee-Ereignis" ausgelöste Reflexion seiner jüdischen Identität zeigt eine deutliche Parallelentwicklung in der Legitimation und Ideologisierung der neuen Kompositionsmethode. In einem Brief an Alma Mahler-Gropius vom 26. Juli 1921 verkündete Schönberg, er habe

Schönberg empfand sich als tief in der deutschsprachigen Kultur verwurzelt, seine kompositionstechnischen Errungenschaften seien dazu angetan, der - in seinen Augen - nach dem Ersten Weltkrieg schwindenden Vorherrschaft der deutschen Musik durch angelsächsische und französische Einflüsse entgegen zu wirken.

Im Oktober 1933 erreicht Arnold Schönberg mit Frau und Tochter das Exil New York. Das Foto zeigt die Familie an Bord des Schiffes Ile de France. (© picture-alliance/AP)


Für den Juden Schönberg musste sich die Frage der Nation auf ambivalente Weise stellen und der Zwiespalt von Verwurzelung in der deutschen Kultur gegenüber seiner Identitätsfindung einen existentiellen Konflikt auslösen. Er sah sich in den frühen 1920er Jahren mit der Diskrepanz konfrontiert, dass der von ihm bereits seit langem apostrophierte Begriff der Deutschen Musik, des Deutschen überhaupt, von den Nationalsozialisten instrumentalisiert wurde, wodurch er gezwungen war, sich selbst mehr oder weniger radikal innerhalb dieses Traditionsstranges zu positionieren.

Im Oktober 1938 verfasste Arnold Schönberg mit dem visionären Manifest Ein Vier-Punkte-Programm für das Judentum einen Fokus seiner Leitgedanken zum Judentum. Das umfangreiche Aktionsprogramm mit dem Ziel einen unabhängigen Jüdischen Staat zu errichten, beruht auf der Vorhersehung des drohenden Genozids an den europäischen Juden, welche nur durch vereinten Widerstand verhindert werden könne. Die Ausgangsfrage lautete hierbei:

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Therese Muxeneder

Therese Muxeneder

Therese Muxeneder ist Sammlungsleiterin am Arnold Schönberg Center in Wien. Studium Musikwissenschaft und Germanistik. Lehrbeauftragte der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Veröffentlichungen zur Wiener Schule. Monographie Arnold Schönberg & Jung-Wien (2018). Co-Herausgeberin Journal of the Arnold Schönberg Center.


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