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22.10.2021

Puppe von Inga Pollak

Inge Pollak (später Inga Jane Joseph) hatte Trixie im Arm, eine Puppe, die sie von ihrer Mutter bekommen hatte, als sie und ihre Schwester 1939 auf einem Kindertransport das von den Nazis annektierte Österreich verließen.

Das Objekt

Puppe von Inga Pollak

Puppe von Inga Pollak - Mit freundlicher Genehmigung von IWM. Shared History Projekt, (© The Imperial War Museum EPH 3922)

Inga Jane Joseph (Inge Pollak) hatte diese Puppe bei sich, als sie mit ihrer Schwester Lieselotte nach dem Anschluss Österreichs durch die Nazis mit einem der Kindertransporte des Jahres 1939 nach Falmouth in Cornwall gebracht wurde. Die Puppe "Trixie" war ihr 1938 von ihrer Mutter zum Geburtstag geschenkt worden. Die Video-Icon Kindertransporte brachten gefährdete Kinder nach Frankreich, in die Niederlande, die Schweiz, nach Belgien, Schweden und England in Sicherheit; unter anderem starteten die Transporte in Prag, Wien, Frankfurt, Berlin, Leipzig, in der Freien Stadt Danzig und im polnischen Städtchen Zbąszyń. Fast 10.000 Kinder entkamen auf diese Weise dem Tod: der erste Transport verließ Deutschland am 1. Dezember 1938 und der letzte fuhr aus einem Land, in dem sie Zuflucht gefunden hatten, den Niederlanden, am Tag vor der Kapitulation der holländischen Armee im Mai 1940 ab. Einige Jahre später verließen auch die meisten Eltern dieser Kinder die Niederlande, doch blieb bei diesem Transport niemand zurück, der um sie getrauert hätte, als sie in Viehwaggons gesperrt und nach Osten verschleppt wurden.

Historischer Kontext

Nach den Novemberpogromen standen Eltern vor der qualvollen Entscheidung, ihre Kinder mit dem Kindertransport fortzuschicken.
Die Nachrichten über die Novemberpogrome, die zentral gelenkten Angriffe der Nazis überall in Deutschland und Österreich auf Synagogen, jüdische Gemeindehäuser, Geschäfte und Wohnhäuser, lösten im Ausland Mitleid aus und führten insbesondere in Großbritannien zu tätigem Handeln. Die Not der Kinder traf viele, die davon erfuhren, geradezu ins Herz. Die Anglo-jüdische Gemeinde trug die Angelegenheit Premierminister Neville Chamberlain vor, der keine sechs Wochen zuvor bei seiner Rückkehr aus Deutschland erklärt hatte, "Frieden für unsere Zeit" erreicht zu haben. Mittlerweile war diese Fehleinschätzung Chamberlains für alle offensichtlich geworden und er griff den Vorschlag, gefährdete Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren ins Land zu lassen, mit Verve auf. Unverzüglich begannen die jüdischen Gemeinden in den unter Naziherrschaft stehenden Ländern mit der Organisation der "Video-Icon Kindertransporte" genannten Sonderzüge für Kinder, die in Sicherheit gebracht werden sollten. Die Funktionäre der Gemeinden erstellten Listen gesunder Jugendlicher und Kinder, denen "die Internierung, der Tod ihrer Eltern [oder] das Fehlen jeglicher Möglichkeiten zum Lebensunterhalt" drohte. Diese Verzeichnisse wurden an die Geschäftsstelle des Movement for the Care of Children from Germany in London gesandt, wo sie geprüft und anschließend an das britische Innenministerium zur Erlangung eines Aufenthaltstitels für die Kinder weitergeleitet wurden. Die Papiere, versehen mit dem Stempel der damals “Passport Control Office” genannten britischen Einwanderungsbehörde, gingen per Luftkurier nach Berlin, Wien und Prag, wo die jüdischen Stellen sie den entsprechenden Behörden des Reichs vorlegten, um die Zustimmung zur Auswanderung zu erlangen. Mit einem weiteren Stempel versehen, wurden die Einreisekarten sodann den Begleitpersonen des jeweiligen Transports übergeben, die diese bei der Ankunft in England vorzuzeigen hatten. [1]

Dezember 1938: Ein Kindertransport aus Deutschland erreicht England. (© picture-alliance/AP)

Als der erste Kindertransport in Wien bekannt gegeben wurde, wandte sich die Israelitische Kultusgemeinde an die Jugend-Alijah; diese Bewegung, die sich bemühte, Kindern und Jugendlichen die Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen, führte Listen von jungen Menschen, die Europa verlassen wollten. Zu der Zeit war der Student Fritz Deutsch dort tätig, der vor kurzem von der Universität ausgeschlossen worden war. Der Jugend-Alijah waren 100 freie Plätze zugewiesen worden und "wir arbeiteten wie besessen, sortierten die Namen nach Bezirken, um so schnell wie möglich so vielen Menschen wie möglich die Formulare zur Verfügung zu stellen." Die Kinder "mussten photographiert werden, sie mussten medizinisch untersucht werden und es mussten Antragsformulare ausgefüllt werden. Die von Angst erfüllten Eltern baten flehentlich und oft unter Tränen, ihre Kinder auf die Liste zu setzen." [2]

Und so dringend die Eltern ihre Kinder in Sicherheit wissen wollten, so verzweiflungsvoll war der Abschied. “630 Children Quit Wien: One Jewish Mother Dies on Seeing Child Depart for Holland” (630 Kinder verlassen Wien – eine jüdische Mutter stirbt, als sie ihr Kind nach Holland abreisen sieht), titelte die New York Times am 11. Dezember 1938. “Müttern und Verwandten der Kinder war es nicht gestattet, den in einem Randbezirk Wiens gelegenen Bahnhof Hütteldorf zu betreten,” schrieb der Reporter und berichtete weiter: "Der Abschiedsschmerz war für manche zu groß. Eine Mutter starb an einem Herzinfarkt, kurz nachdem sie ihr fünfjähriges Kind mit einem Kuss verabschiedet hatte. Dem Kind wurde nichts gesagt. Sieben Mütter fielen in Ohnmacht, als ihre Kinder zum Zug marschierten." [3] Und die Kinder? Der Zug war voll mit "630 glücklichen jüdischen Kindern im Alter von zweieinhalb bis sechzehn Jahren", so der Autor des Zeitungsartikels. Tatsächlich erinnern sich viele der Kinder des Kindertransports an eine gespannte Vorfreude auf die Reise und große Erleichterung darüber, das unter Nazi-Herrschaft stehende Gebiet verlassen zu können. Die kleineren Kinder jedoch verstanden das alles nicht. Ein Mädchen erinnerte sich: "Das Gefühl, das mich auf der Zugfahrt überfiel und das in den nächsten Jahren anhielt, war Verwirrung. Ich war ständig verwirrt." [4]

Kinder, für die sich "guarantors" verbürgt hatten (Erwachsene, die zugesagt hatten, für ihren Unterhalt zu sorgen), wurden in London am Bahnhof abgeholt. Die in der Behördensprache "unguaranteed cases" genannten Kinder, die nicht von Pflegeeltern aufgenommen wurden, reisten direkt weiter in leerstehende Anlagen für Sommerferienlager. Die von Anna Essinger, einer ebenfalls geflüchteten, weithin bekannten Pädagogin, geleitete Anlage in Dovercourt Bay wurde als erstes eröffnet; dort wurde die größte Anzahl von Kindern und Jugendlichen untergebracht. [5] Für Anna Essinger stellte sich das Camp als großer Erfolg dar, doch erkannte sie auch an, "dass gravierende Fehler gemacht wurden." [6] Unter anderem "der ‚Viehmarkt‘, so nannte ich das Verfahren, bei dem an einer Pflegschaft interessierte Eltern die Kinder begutachteten und sich die aussuchten, die ihnen gefielen." [7]

Kitty Pistol beschrieb das Vorgehen als "Hundeausstellung". Sie war mit dem Wiener Kindertransport aus Hütteldorf vom 10. Dezember nach England gekommen. In Dovercourt Bay hörte sie eines Tages, eine Mrs. Jacobs aus Manchester suche zehn Mädchen bis zum Alter von 14 Jahren. "Ich sagte: ‚Los, wir gehen zur Hundeausstellung. Vielleicht werden wir genommen!’ und tatsächlich hat sie uns auch genommen." [8]

Die Mädchen kamen in ein für sie eingerichtetes Haus. Bis zum März 1940 war die im Februar 1939 eröffnete Herberge in Southport ihr Zuhause. Kitty und die anderen Mädchen machten Lehren, ließen sich als Hausangestellte ausbilden oder nahmen Stellen in den lokalen Geschäften an. Und sie bemühten sich, für ihre Verwandten zuhause Bürgen zu gewinnen.

Die Kriegserklärung Englands gegen Deutschland setzte dem ein Ende. "Wenn der Krieg zwei Wochen später ausgebrochen wäre," klagte Kitty, "dann hätte meine Mutter es geschafft." Eine Familie in Liverpool hatte ihr eine Stelle als Köchin angeboten. Als Kitty 1946 nach Wien zurückkehrte, fand sie den gepackten Koffer vor, den ihre Mutter bei nicht-jüdischen Freunden versteckt hatte. Ihre Mutter fand sie nicht. [9]

1939: Dokumente für den Kindertransport von Österreich nach Großbritannien. (© picture-alliance, HIP | Jewish Chronical)


Persönliche Geschichte

Sie fühlten sich so deutsch wie die Deutschen – wenn nicht noch mehr.
Die Novemberpogrome stellten einen Wendepunkt dar. Angeblich als Reaktion auf das Attentat eines jungen Juden auf einen Diplomaten in der deutschen Botschaft in Paris am 7. November 1938, griffen die Nazis Synagogen, jüdische Gemeindehäuser, Geschäfte und Wohnhäuser an. Viele Jüdinnen und Juden hatten geglaubt, dass man sie – wenn auch von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen – tolerieren werde. Mit der physischen Vernichtung jüdischen Besitzes am 9. November, von der Zerstörung fast jeder Synagoge bis zu den Angriffen auf Geschäfte in jüdischem Eigentum, hatte das jüdische religiöse und wirtschaftliche Leben keinen Platz mehr in der Gesellschaft. Mit der Verhaftung von 30.000 jüdischen Männern am nächsten Tag, die – nur weil sie Juden waren – aus ihren Wohnungen heraus in Konzentrationslager verschleppt wurden, hatten Juden überhaupt keinen Platz mehr in der Gesellschaft.

Der Vater von Hilda Rosenthal war einer derjenigen, die festgenommen und in ein Konzentrationslager verschleppt wurden. Hilda, damals zehn Jahre alt, war mit ihrer Familie in der Wohnung in Frankfurt am Main, als die Hauptsynagoge niedergebrannt wurde. "Wir waren alle zusammen im Zimmer, von dem aus man die Stadt sehen konnte, und wir sahen die riesigen Flammen aus der brennenden Synagoge hochschlagen." Zwei Tage später "kam man, meinen Vater in ein Konzentrationslager wegzuholen." Die Familie Rosenthal befolgte die religiösen Gebote. "Und weil das an einem Freitagabend passierte [an dem der jüdischen Sabbat beginnt], gab es über fünf oder zehn Minuten eine riesige Diskussion: sollte er etwas mitnehmen? Sollte er einen Koffer mit Sachen tragen? Er war vier Wochen weg. Weil er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, war ihm das Eiserne Kreuz verliehen worden und es hieß, dass man ihn deswegen freigelassen hätte."

Die Novemberpogrome waren eine Zäsur. "Danach wurden die Dinge beängstigend." Die Familie musste handeln. "Mein Vater und meine Mutter hatten irgendwann Mitte 1938 die Möglichkeit gehabt, Deutschland zu verlassen. Aber wie alle anderen auch fanden sie selbst damals noch, dass schon nichts passieren würde. Ihre beiden Familien waren seit fünfhundert Jahren in Deutschland. Irgendwie fühlten sie sich genauso deutsch wie die Deutschen – wenn nicht sogar deutscher. Dazu kam noch, dass damals mein Großvater mütterlicherseits gestorben war und meine Großmutter zu uns gezogen war [...]. Mit der alten Dame wäre es ein Problem geworden und natürlich stand es völlig außer Frage, sie zurückzulassen."

Das Ehepaar Rosenthal bemühte sich, für ihre Kinder eine Lösung zu finden. Hildas siebzehnjährige Schwester fing an, bei einer jüdischen Familie in England zu arbeiten. Ihr vierzehn Jahre alter Bruder saß in Deutschland fest. Hilda wurde "im Juli 1939 aus [Frankfurt am Main] mit dem Kindertransport fortgebracht. Ich erinnere mich, wie ich mit meinen Eltern und meinem Bruder und einem grossen Koffer zum [Haupt]bahnhof gegangen bin [...].Wir waren keine Familie, in der viel Zärtlichkeiten ausgetauscht wurden […]und ich weiss noch, wie komisch ich es fand, dass alle mich geküsst haben [...]. Ich dachte, ich würde in die Ferien fahren." Alle Kinder durften außer ihren Kleidern und Hygieneartikeln einen persönlichen Gegenstand mitnehmen. Für Inge Pollack war es die Puppe, ein Geburtstagsgeschenk ihrer Mutter. "Bei mir hatte ich [Hilda] den Khumeshim [Pentateuch] und die Sidurim [Gebetbücher]. Meine Eltern schenkten immer so etwas. Was konnten sie sonst geben? [...] denn dieses zehnjährige Kind, das sie fortschickten, sollte die Dinge bei sich haben, die für es die wichtigsten Dinge im Leben waren ... Nein, es hat keine grosse Szene gegeben. Während ich nicht wusste, dass ich wahrscheinlich für immer fortgehen würde, müssen sie doch gewusst haben, dass sie mich sehr wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen würden. Aber davon war keine Rede; es gab keine Szene und keine Tränen."

Dieser Beitrag ist Teil des Shared History Projektes vom Leo Baeck Institut New York I Berlin.
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Fußnoten

1.
Movement for the Care of Children from Germany, Ltd., First Annual Report: November 1938-December 1939, S. 4-6. Central British Fund for Jewish Relief Archive. Rolle 153. Siehe auch: John Presland (Gladys Bendit), A Great Adventure: The Story of the Refugee Children’s Movement (London: Bloomsbury House, 1944), S. 4-5.
2.
Fred Dunston (ursprünglich Fritz Deutsch), Zeitzeugeninterview geführt von Debórah Dwork, London, 2. Januar 1993.
3.
New York Times, 11. Dezember 1938.
4.
Zeitzeugeninterview mit Susanne Harris-Neuwalder, 54-5.
5.
"Women’s Voluntary Services. Report on a visit to Dovercourt Refugee Camp, Jan. 12th, 1939“ von Nancy de Selincourt, Evacuation Department, Women’s Volunteer Services. PRO, MH 55/689, S. 1.
6.
Anna Essinger, Bunce Court School, 1933-43. Central British Fund for Jewish Relief Archives. Rolle 154. 6.
7.
Veronica Gillespie, "Working with the ‘Kindertransports,’“ Sybil Oldfield (Hrsg.), This Working-day World: Women’s Lives and Culture(s) in Britain 1914-1945 (London: Taylor & Francis, 1994), S. 127 f.
8.
Kitty Suschny-Pistol, Zeitzeugeninterview mit Debórah Dwork, Wien, 19. Juli 1991.
9.
Zeitzeugeninterview von Kitty Suschny-Pistol, 16; 5.

Debórah Dwork

Debórah Dwork

Debórah Dwork ist die Gründungsdirektorin des Center for the Study of the Holocaust, Genocide, and Crimes Against Humanity am Graduate Center - City University of New York. Zu ihren preisgekrönten Büchern gehören Children With A Star; Auschwitz; und Flight from the Reich. Sie ist auch eine führende Autorität in der universitären Ausbildung auf diesem Gebiet: Sie konzipierte und realisierte das erste Doktorandenprogramm in Holocaust History and Genocide Studies. Dwork erhielt den International Network of Genocide Scholars Lifetime Achievement Award (2020).


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