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3.7.2013

Flüsse in den slawischen Literaturen

Seit Anbeginn haben die Slawen an und mit dem Wasser gesiedelt. Deshalb haben sie auch eine besonders innige Beziehung zu den Flüssen. Sie haben Einzug gehalten in die Literatur, werden als nationale Flüsse verehrt, geben Identität und Trost. Allerdings sind sie auch Schauplatz großer Tragödien.

Der Dnjepr in Kiew. Er teilt die Ukraine in einen europäischen Westen und einen als rückständig empfundenen Osten. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Dmitry A. Mottl, Wikimedia Commons)


Was für eine Breite. Die Wolga wie hier in Uljanovsk ist der nationale Fluss Russlands und ein Schauplatz der Literatur. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Olegivvit, Wikimedia Commons)

Das Zitat der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk zeigt es: Den Flüssen, aber auch dem Wasser im allgemeinen, den Seen, Teichen, Bächen und Sümpfen, kommt in den slawischen Literaturen eine große Bedeutung zu. So siedelten die Slawen, zumeist Fischer, Landwirte und Bootsbauer, häufig in unmittelbarer Nähe stehender und fließender Gewässer; in diesen Gebieten sind auch ihre Sagen und (Gründungs-)Legenden angesiedelt. So sind es vor allem Flüsse, die als wichtige nationale Identifikations-, Bezugs- und Erinnerungsorte angesehen werden können und angeblich auch den Nationalcharakter eines Volkes beeinflussen sollen. Flüsse schaffen nationale wie kulturelle Räume wie etwa das Wolgagebiet oder das Weichselland.

Zu den "nationalen" slawischen Flüssen gehören deshalb unter anderem die Wolga, die Weichsel und die Moldau. Sie bestimmen die jeweiligen Sprach- und Kulturräume mit und werden nicht nur literarisch besungen: Volga, Volga, mat‘ rodnaja (die Wolga als heimatlich-russischer Mutterfluss), Płynie, Wisła płynie (Fließe, Weichsel, fließe) oder in Smetanas berühmten Tonmalerei Vltava (Die Moldau) aus dem Zyklus Má vlast (Mein Vaterland).

Smetana hat den Ton vorgegeben. Die Moldau, hier in Prag, ist der tschechische Nationalfluss. (© Inka Schwand)

Die Weichsel ist nicht nur der größte Fluss Polens, ihren Lauf stellt auch das als Gegenzeichen zum Hakenkreuz geschaffene polnische Symbol "Rodło" dar. Der Universalkünstler des "Jungen Polen" (Młoda Polska), Stanisław Wyspiański, zeichnete nicht nur die Weichsel (Wisław pod Krakowem, 1905), sondern schuf auch seine unter anderem von Richard Wagner beeinflusste Legende (Legenda I,1897; Legenda II, 1904). Ursprünglich als Nationaloper geplant, handelt das Libretto vom legendären König Krak, dessen Tochter Wanda und der Weichsel mit ihrer phantastischen Götterwelt.

Die Weichsel, vor allem aber die Mottlau (Motława) als "Stadtfluss“, stellen in den Werken der Schriftsteller Stefan Chwin und Paweł Huelle wichtige Motive dar. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Gespräche über drei europäische Flüsse, die Mottlau, die Seine und die Weser von Marek Wittbrot und Paweł Huelle (Rozmowy nad Motławą, Sekwaną i Wezerą, 2010). Verwiesen sei in diesem Kontext, dass es neben dem Fluss „Wisła“ auch einen gleichnamigen Ort gibt, der im literarischen Werk des polnischen Schriftstellers Jerzy Pilch thematisiert wird.

Auf die Ambivalenz deutsch-polnischer Beziehungen spielen bereits die in der Zwischenkriegszeit entstandenen symbolischen Gedichte von Jarosław Iwaszkiewicz an: Do przyjaciela wroga (An den Freund-Feind), Germania und Wisła i Ren (Weichsel und Rhein). Dem "deutschen"Rhein wird im Vorfeld des drohenden Weltenbrandes die "polnische" Weichsel im Sinne eines gemeinsamen europäischen Kulturerbes an die Seite gestellt. Es sind vor allem die nationalen Flüsse, die explizit seit dem 19. Jahrhundert mit der nationalen Wiedergeburt, der Herausbildung von Sprachnationen und dem Widerstand gegen nationale, sprachliche und kulturelle Unterdrückung in Polen, Böhmen, Mähren und der Slowakei eine zunehmend wichtige Rolle spielen. In der Geschichte der Polnisch-litauischen Adelsrepublik bildeten sie wichtige Grenzen: Dnjestr, Dnjepr oder Zbrucz (Sbrutsch).

Literatur und Grenzziehung

Dabei bildet der Dnjepr bis heute eine Art Kulturgrenze. Er teilt den "Globus Ukraine" fast idealtypisch in zwei Halbkugeln – eine östliche und eine westliche: "Wenn Flüsse Grenzen sind, dann ist der Dnipro vor allem eine Landschaftsgrenze (...), alles westlich des Flusses erscheint als seit ewigen Zeiten kultiviert, besiedelt, agrarisch und beständig, alles östlich davon hingegen als wurzellos-nomadisch, kolonisiert, proletarisch, verwüstet“, schreibt der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytch in Atlas. Meditationen aus dem Jahre 2005.

Vor allem im Osten und Süden der Polnisch-litauischen Adelsrepublik wurden an den "Wehr- und Verteidigungsflüssen" große Festungsanlagen errichtet wie Chocim (Chotim), am Dnjestr gelegen, oder Kamieniec Podolski als "urbs antimurale christianitatis" am Smotrycz, einem Dnjestrzufluss. Flüsse wie Festungen galten als wichtige Bestandteile des "Bollwerkes des Abendlandes" und wurden in einer die Herzen erbauenden polnisch-patriotischen Literatur funktionalisiert wie zum Beispiel in Henryk Sienkiewiczs historischem Roman Der kleine Ritter (Pan Wołodyjowski, 1887/88). Jerzy Stempowski widmet seinen Essayband Im Tal des Dnjestr (W dolinie Dniestru, 1993) dem ukrainischen Thema im polnischen Kontext. Zu weiteren polnischen Grenzflüssen wurden im Verlauf der Geschichte die Memel, der Bug, die Oder, die Lausitzer Neiße und die Olsa (Olza).

Zweierlei russische Flüsse

In der russischen Literatur trat der Terek, der lange Zeit die Südgrenze Russlands gegen den wilden Kaukasus bildete, unter anderem in den Werken von Lew Tolstoi oder Michail Lermontov auf. Zu den kalten, menschenfeindlichen Strömen Russlands zählen die ins nördliche Eismeer fließenden Schicksalsflüsse Sibiriens: die Lena, Petschora oder Kolyma, die in der russischen Gulag-Literatur (Warlam Schalamow, Alexander Solschenizyn) wie auch in der polnischen Deportations- und Lagerliteratur (Gustaw-Herling Grudziński, Józef Czapski, Józef Mackiewicz) immer wieder auftreten.

Zumeist stehen sie im krassen Gegensatz zu den zum Schwarzen Meer fließenden russisch-europäischen Flüssen wie dem "Väterchen Don“, dem Fluss der Kosaken, der im literarischen Werk von Lew Tolstoi, Antoni Tschechow, Michail Scholochow oder Viktor Jerofejew eine zentrale Rolle spielt.

Flüsse des Trostes und des Todes

Flüssen kann in Katastrophen, Kämpfen, in Schlachten und Kriegen, im Holocaust und Völkermord eine große direkte wie auch symbolisch-metaphorische Bedeutung zukommen. So trägt Elie Wiesels Autobiographie beispielsweise den Titel Alle Flüsse fließen ins Meer (1995), Marian Pankowski schreibt über eine Engelstagung am Auschwitz-Fluss (2011) und Hanna Krall findet auf jüdischer Spurensuche keinen Fluss mehr, Da ist kein Fluss mehr (1998, Tam już nie ma żadnej rzeki, 2001).

Negativ gewertet sind auch die Unheil bringenden, mit Verbrechen, Verderben und Tod in Verbindung gebrachten Flüsse des Untergrunds wie zum Beispiel bei Tomasz Jastrun: Rzeka podziemna (Der unterirdische Fluss, 2005) oder in Krimis wie bei Marek Krajewski. Verwiesen sei auf dessen Trilogie: Erynie (Die Erinyen, 2010); Liczby Charona (Die Ziffern Charons, 2011; Rzeki Hadesu (Die Flüsse des Hades, 2012). In seinem unter anderem in Lemberg (Lwów) spielenden Krimi Finsternis in Breslau (Głowa Minotaura, dt. 2012) thematisiert Krajewski das Schicksal des unter die Erde verbannten Flusses Poltwa, der zu einem Ort der Unterwelt, des Verbrechens und Verderbens, aber auch zum rettender Zufluchtsort werden kann wie für die verfolgten Juden in Agnieszka Hollands Film In darkness (2012).

Der Mythos des Flusses Poltwa erinnert auch an die einstige Größe (West-) Galiziens, als die auf ihm verkehrenden Schiffe die Verbindung zur Welt herstellten. Im historischen Rückblick gesehen, kommt aber auch einem kleinen sächsischen Fluss kulturgeschichtliche Bedeutung zu. Im polnischen Kontext gesehen entwickelte sich aus dem Tod des polnischen Feldherrn Fürst Józef Poniatowski in der (Weißen) Elster (Elstera) bei Leipzig der Poniatowski-Mythos. Ebenso kommt dem unter der Führung von Józef Piłsudski im polnisch-sowjetischen Krieg bewirkten "Wunder an der Weichsel"(Cud nad Wisłą) eine besondere Bedeutung zu. Erinnert sei in diesem Zusammenhang aber auch an ein lange Zeit tabuisiertes Thema, das tragische Schicksal der auf der Seite der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg kämpfenden Kosakenverbände und ihrer Familien im Buch Die Tragödie an der Drau. Die verratene Freiheit (1957; 1988) von Józef Mackiewicz.

Flüsse und Flussräume

Nach den Beschlüssen von Jalta ist die Oder zu einem deutsch-polnischen Grenzfluss geworden. Häufig wird in diesem Zusammenhang allerdings der tschechisch-mährische Ursprung der Oder (Odra) außer Acht gelassen. Die polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk vergleicht den Oderstrom mit einem "großen Lebewesen“, das oft die von Menschen gemachten Gesetze missachtet. Der Bau einer Pontonbrücke, über die 1968 Panzer den Fluss überqueren, um die Tschechoslowakei zu besetzen, wird als ein "unmoralischer"Akt dargestellt, der den Fluss "entheiligt" (Olga Tokarczuk: Die Macht der Oder, 2004).

Dabei gehört der Oderstrom zu den vier in den "Okeanus Germanicus"(Ostsee) mündenden Flüssen, die bereits Ptolemäus in seiner Geographia erwähnte: Chalusos, Suebus, Viadrus und Vistula. Allerdings wird erst auf der Landkarte des Martin Waldseemüller von 1513 eine Verbindung von Oder und dem Flussgott Viadrus hergestellt; an den Ufern des Flusses liegen die beiden Städte Frankfurt (mit der Viadrina) und Vratislavia, heute Breslau/Wrocław.

Im Osten bildet wiederum der in den Kulturen Polens, der Ukraine und Weißrusslands eine wichtige Rolle spielende Fluss Bug zum Teil die neue Grenze Polens. In Sabrina Janeschs Roman Katzenberge (2012) werden dramatische Szenen polnischer Familien gezeigt, die auf der Flucht vor Verfolgung und Mord versuchen, das rettende polnische Flussufer zu erreichen. Ähnlich wie die Oder gehört auch die Elbe (Labe) zu den wichtigen europäischen Handels-, Verbindungs- und Kommunikationsflüssen, die eine lebensnotwendige Verbindung zu anderen Ländern und Regionen, zu Europa und der Welt herstellen.

Die Memel spielt vor allem in der polnischen Literatur eine große Rolle. (© Inka Schwand)

Flüsse prägen transnationale Regionen (das Memelland, nach dem Zweiten Weltkrieg das Odergrenzland "transodra“). Flüsse treten des Weiteren als Motive, Symbole oder Metaphern in zahlreichen Werken der slawischen Kulturen und Literaturen auf. Nationale wie regionale Identität werden künstlerisch-literarisch zumeist über die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gebiet artikuliert, das von Gewässern durchflossen wird.

Damit können nationale und regionale Identitäten von Flüssen entscheidend mitgeprägt oder aber auch von anderen abgegrenzt werden. Erinnert sei in diesem Kontext an Stefan Żeromskis Roman Der Getreuen Strom (Wierna rzeka. Klechda domowa 1976). Unterschiedliche Länder und Regionen können über nationale, sprachliche und religiöse Grenzen hinausreichend mit Hilfe des Namens eines "Vielvölkerflusses" einem politischen und kulturellen Raum zugeordnet werden. So war die Donau zum "zweiten Kreislauf" der Donaumonarchie geworden. Ein Pendant eines die einzelnen Länder oder Großregionen verbindende Flusses gab es in der Polnisch-litauischen Adelsrepublik nicht. Hier spielten eher Grenzflüsse eine Rolle, der Dnepr zwischen der Adelsrepublik und Russland, oder der Zbrucz (Sbrutsch) von 1772 bis 1793 zu Österreich.

Die europäische Donau



Als europäischer Fluss gilt der nach der Wolga zweitgrößte Strom Europas, die Donau, der für das Eigene, die Begegnung mit dem Anderen und die Herausbildung eines Zusammengehörigkeitsgefühls steht. Von West nach Ost fließend verbindet der Fluss zahlreiche Länder und Kulturen, vereint sie in einer Flussgemeinschaft, ohne ihre Gegensätze aufzuheben. "Die Donau erinnerte an eine lang gezogene Schlange, deren Kopf im Schwarzen Meer lag, ihr Körper breitete sich über den gesamten Kontinent aus, und die Schwanzspitze verlor sich irgendwo im Schwarzwald. Der Fluss faszinierte ihn. […]. Die Schlange hatte ihn hypnotisiert“, schreibt Michal Hvorecký in seinem Roman Tod auf der Donau von 2011.

Der Erzähler in Hvoreckýs unterschiedlich les- und interpretierbarem Roman beruft sich auf eines der wohl interessantesten über die Donau geschriebenen Bücher, "die Biographie eines Flusses des italienischen Schriftstellers Claudio Magris“. Seinem Buch stellt Hvorecký treffend ein Zitat von Umberto Eco voran: "Ab und zu scheint mir so, dass auf der Donau die Schiffe voller Wahnsinniger ins Unbekannte fahren." Flüsse werden in seinem Roman aber auch als "Mutter" zahlreicher Städtegründungen angesehen: "Ohne die Donau wäre Bratislava gar nicht entstanden, zunächst war es nicht mehr als eine Furt, weit und breit die einzige Stelle, an der man den mächtigen Fluss queren konnte. Hier kreuzten sich auch die Bernsteinstraße (vom Norden) mit der Seidenstraße (vom Osten)."

Exotische Flüsse

Verwiesen sei auch auf die fremden, exotischen Flüsse wie zum Beispiel den Nil im historischem Roman Pharao (1895/96) von Bolesław Prus, auf den Tiber in Henryk Sienkiewiczs Erfolgsroman Quo vadis? (1894/96), oder auf die lateinamerikanische Flüsse wie den Amazonas und Orinoco in der Reise-, Kinder- und Jugendliteratur. Erinnert sei an Henryk Sienkiewiczs Durch Urwald und Wüste (W pustynii i w puszczy, 1911). Unter den Bedingungen von Verbannung, Exil, Emigration und Migration spielen Flüsse eine besondere Rolle. Über sie wird Sehnsucht, Vergänglichkeit, Welt- und Todesschmerz artikuliert. So kommt dem kulturellen Schlüsselwort "Fluss" wie auch anderen Gewässern (Bach, Teich, Weiher, Binnensee, Meer) eine besondere Bedeutung zu, die sich erst dann offenbart, wenn der Leser gemeinsam mit dem Autor am Ufer der Flüsse steht. Im Zusammenhang mit der Frage nach der Heimat stehen ruhige Gewässern zumeist für das Unveränderliche, Stetige, während fließende Gewässer das Unstete, Veränderliche ausdrücken.

Im Stummland (eine Anspielung auf die slawische Bedeutung von Deutschland – Nĕmecko) schreibt der tschechische Schriftstellers Jirí Gruša einen Gedichtband in deutscher Sprache, Wandersteine (1994) genannt und das goldene Prag wird in Grušas gleichnamigem Gedicht zur Hafenstadt Prag (1991). Erst im Wanderghetto begann der Schriftsteller "das Tier, das Schweigen bedeutet" zu verstehen, wollte er im Blick auf den tschechisch-deutschen Verbindungsfluss Elbe "Grenzen aufheben, den Lebensstrom befreien, um ihn breiter zu binden und tiefer daraus zu schöpfen“, um im Babylonwald "glücklich heimatlos" zu werden:

Rückkehr zu den Sehnsuchtsflüssen

Zahlreiche Schriftsteller kehren fern der Heimat zu ihren verlorenen, beschworenen, herbei geträumten Sehnsuchtsflüssen zurück, die ihre Imagination immer wieder beeinflussen. Diese Sehnsucht kann durch Weltschmerz und Sehnsucht ebenso wie durch Verbannung, Vertreibung und Heimatverlust verursacht werden. Zum romantischen Sehnen, zur meist unerfüllten romantischen Liebe gehörten Gewässer wie der Świteź-See oder Flüsse wie die Memel/der Niemen bei Adam Mickiewicz, so zum Beispiel in seinen Werken Do Niemna (An den Niemen), Nad wodą wielką i czystą (Über dem Wasser groß und rein), in Grażyna oder Konrad Wallenrod.

Auch Juliusz Słowacki verehrte den Niemen, unter anderem in seinem poetischen Roman Hugo. Eine Kreuzritterlegende (1830). Im Exil werden fremde Gewässer häufig in einer nostalgisch-verklärende Züge tragenden Literatur mit Flüssen und Seen der Heimat verglichen. Dabei stehen die fremden Flüsse weniger für den "Glanz" als vielmehr für das "Elend" des aufgezwungenen Schicksals. So befindet sich das politische Exilzentrum innerhalb der nach Jalta neu geschaffenen Koordinaten als "Klein-Polen" (Tadeusz Kondracki) an der Themse, das kulturelle Zentrum des polnischen Exils dagegen an der Seine. Der von Heimweh geplagte Dichter Jan Lechoń kann seine Abende nicht mehr am Weichselufer verbringt, sondern sitzt am Hudson in New York ("Evening on the Hudson“). In seinen Gedanken kehrt er zurück an den heimatlichen Weichselstrand.

Sehnsucht treibt die nach Großbritannien geflüchtete und in englischer Sprache schreibende Schriftstellerin Zofia Ilińska zurück an den Fluss ihrer Kindheit und Jugend. Fast fünfzig Jahre nach Kriegsende macht sich Zofia Ilińska mit dem britischen Schriftsteller Philip Marsden auf Spurensuche in die alte Heimat am Ufer der Memel. Mit viel Wärme schildert er die historischen und gegenwärtigen Ereignisse im einstigen polnischen Grenzland. Dabei verknüpft der Autor geschickt die Biographien von Zofia Ilińska und ihrer Mutter Helena mit seinem Reisebericht aus dem "andere Europa"nach dem Zerfall des Sowjetimperiums.

Der aus Litauen stammende polnische Nobelpreisträger Czesław Miłosz verfasste als Selbstheilung in der Fremde seinen Roman einer Kindheit in Litauen, Das Tal der Issa (1988, Dolina Issy). An der Bucht von San Francisco sitzend sehnt sich der Erzähler zurück in sein vertrautes "Heimatliches Europa“. Um die Orientierung in der Fremde nicht zu verlieren, wird vom Autor die "innere Landkarte"mit dem Zauber und der Magie des verlorenen Ortes am Ufer des Flusses immer wieder neu gezeichnet. Dabei bleibt der Sehnsuchtsort die Stadt Wilna (Vilnius), zwischen grünen Hügeln am Flusse Wilia eingebettet, mit den Ausflugsdampfern und Flößen. Wohin der Schriftsteller in seinem Leben auch wanderte, stets war er "mit dem Gesicht dem Fluss zugekehrt" (Na brzegu rzeki – Am Ufer des Flusses, 1995).

Flüsse umströmen und bestimmen die Heimat. Über das europäische Flusssystem, über die großen Ströme, die dem Meer entgegeneilen, wird bereits in der Renaissanceliteratur (Jan Kochanowski, Jan Klonowic), in der Literatur der Romantikern (Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki), bei Zofia Ilińska oder bei Czesław Miłosz der "heimatliche Erdenwinkel"mit der großen Welt verknüpft. Aus der Distanz gleicht die idealisierte Heimat dem von Flüssen durchzogenen Garten Eden.

Bei Zofia Ilińska ist die Heimat mit dem Fluss als "Adresse zum Paradies"(Address of Paradise) zu verstehen. Bei Miłosz wird die Flussmotivik eng mit der Vereinbarkeit des Gegensätzlichen, des Veränderlichen im immer Gleichen ganz im Heraklitschen Sinne verbunden. In seinem Gedicht ohne Überschrift wird der Fluss dabei zum Symbol der erbarmungslos verrinnenden Zeit:

Hans-Christian Trepte

Hans-Christian Trepte

Hans-Christian Trepte

Hans-Christian Trepte lehrt Polonistik an der Universität Leipzig. Seine Schwerpunkte sind westlawische Literaturen und Kulturen sowie polnische Exilliteratur.


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