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30.4.2013

Brücke oder Fähre?

Auf 94 Kilometern bildete die Elbe bis 1989 die innerdeutsche Grenze. Ein Schicksalsfluss war sie, sagen viele. Doch die Mauer in den Köpfen ist bis heute vorhanden. Auch zwischen Hitzacker und Amt Neuhaus. Die Ossis wollen eine Brücke, die Wessis sind dagegen. Dabei leben sie seit 1993 in einem Bundesland – in Niedersachsen.

Blick vom Weinberg auf Hitzacker und die Elbe. (© Inka Schwand)


Protest gegen eine Brücke

In Hitzacker, dem niedersächsischen Elbstädtchen, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. In den schmalen, verkehrsberuhigten Fachwerkstraßen finden sich mehrere Restaurants, ein Fischgeschäft, ein Juwelier, ein Bioladen, ein Museum und sogar eine Buchhandlung. Für die Touristen ist es um diese Jahreszeit noch zu kalt, aber drei kleine Boutiquen mit Schmuck und feinen Stoffen zeugen von dem Umsatz, der hier in der Saison gemacht wird.

Auch die Künstler aus dem nahegelegenen Wendland haben einen "Gemeinschaftsladen" gegründet, in dem Kunsthandwerk, gefilzte Pulswärmer und kultige Armbänder aus alten Fahrradschläuchen angeboten werden – ein Renner besonders unter den Benutzern des Elbradweges, der durch Hitzacker führt.

Aber nicht nur für Touristen hat der Ort etwas zu bieten. An einem Samstagvormittag ist das alternative Café in der Ortsmitte voll besetzt, alles Einheimische, die sich zur Begrüßung vertraut umarmen. Familien mit Kindern sitzen bei Getreidemilchkaffee und Dinkelbrötchen zusammen, Altachtundsechziger legen ihre Flyer mit Angeboten für Yogakurse oder ein Tangowochenende aus. Auf dem Stapel der Infozettel liegt auch ein Aufruf der Bürgerinitiative gegen die neue Elbbrücke in Darchau.

An der geplanten Verkehrsverbindung zwischen Ost- und Westufer entzündet sich seit Genehmigung der Brücke ein erbitterter Streit. Jeder in dem betroffenen Gebiet, ob auf der West- oder der Ostseite wohnend, hat eine Meinung zur geplanten Brücke. Wie konnte eine Brücke über die Elbe zum Streitpunkt werden? Und zeigt sich nicht an der Auseinandersetzung, wie präsent die Elbe als Grenze zwischen Ost und West immer noch ist?

Ost gegen West

Blickt man vom Hafen in Hitzacker auf das gegenüberliegende Ufer, faszinieren zuallererst die Weite des Stroms und die Ruhe, die er ausstrahlt. Die Elbe konnten die über ihr kreisenden Möwen und die über sie hinweg ziehenden Gänse seit Jahrzehnten leicht überwinden, leichter als die Menschen. Denn zwischen 1945 und 1989 gab es nur wenige, denen es gelang, die Elbgrenze schwimmend, paddelnd oder übers Eis zu überqueren und die DDR in Richtung Westen zu verlassen.

Doch dass auch heute noch – fast 25 Jahre nach der Wiedervereinigung – auf 75 Kilometern zwischen Dömitz und Lauenburg keine Brücke existiert, halten viele Ansässige für untragbar. Namentlich die Bewohner des Amtes Neuhaus sprechen sich für die Brücke aus, da vor allem das Ostufer von der fehlenden Infrastruktur betroffen ist.

Die Gegenstimmen kommen vornehmlich von westlicher Seite, unterstützt durch den Wahlsieg der niedersächsischen Grünen, die die Natur durch den zunehmenden Auto- und LKW-Verkehr gefährdet sehen. Die Brücke würde das "Biosphärenreservat Elbtalaue" durchschneiden, wenn sie das Fünf-Seelen-Örtchen Darchau mit dem Sechs-Seelen-Dörfchen Neu-Darchau auf westlicher Seite verbindet.

Dass die Landesregierung in Niedersachsen für die Brückenentscheidung zuständig ist, obwohl das rechstelbische Amt Neuhaus auf ehemaligem DDR-Gebiet liegt und vom Bundesland Mecklenburg-Vorpommern umschlossen ist, hat seine Ursache in einer historischen Besonderheit: Das Amt Neuhaus gehörte seit 1698 zum Landkreis Lüneburg, bevor es 1949 aufgrund seiner vom Westen abgetrennten Lage auf der anderen Elbseite der DDR zugeschlagen wurde. Nach 1989 drängte man auf eine rasche Rückgliederung. Und so wurden durch einen Bürgerentscheid im Jahr 1993 aus ehemaligen DDR-Bürgern über Nacht Niedersachsen, ein in der Geschichte der Wiedervereinigung einmaliger Vorgang. Nach diesem historischen Ost-West-Transfer stellten das Land Niedersachsen und der Kreis Lüneburg für ihren "kleinen Aufbau Ost" mehrere Millionen Euro zur Verfügung.

Wenn Tanja schlappmacht

Die Autofähre von Darchau nach Neu-Darchau soll durch eine Brücke ersetzt werden. (© Inka Schwand)

Warum also keine Brücke, die die Einheit des Landkreises herstellen und darüber hinaus das Zusammenwachsen von Ost und West nicht nur auf symbolischer Ebene vorantreiben würde? Von solch pathetischen Argumenten hält Andreas Conradt aus Neu-Darchau, der Sprecher der Bürgerinitiative "Ja zur Fähre – nein zur Brücke", nichts. Statt einer Brücke plädiert er für den Ausbau des bestehenden Personen- und Autofährbetriebs mit der Fähre "Tanja", die doch für die wenigen Pendler ausreichend sein müsse.

Allerdings ist Conradt selbst, der am Westufer wohnt und nach eigener Aussage in ein paar Jahren wegziehen wird, gar nicht von der Abwanderung auf der anderen Seite betroffen. Auch nicht betroffen ist er von der Anfälligkeit des Fährbetriebs, da "Tanja" bei Hochwasser gar nicht und sonst nur bis 21 Uhr verkehrt. Bei dringenden Reparaturarbeiten ergeben sich folgenschwere Engpässe. Es gibt zwar noch eine kleinere Fähre zwischen Bleckede und Neu-Bleckede, aber die ist für landwirtschaftliche Gefährte und LKW nicht zugelassen. Müssen bei einem Ausfall der "Tanja" die Busse, die die Schüler von Neuhaus in die Schulen des gegen überliegenden Landkreises Lüneburg, also nach Bleckede transportieren, den Umweg über die 32 Kilometer entfernte Brücke in Lauenburg machen, ist das Verkehrschaos perfekt. Die Landeszeitung für die Lüneburger Heide überzieht die verantwortlichen Politiker mit Häme, ein ganzer Landkreis steht Kopf.

Muss also doch eine Brücke her? Das schlagendste Argument dafür, das auch von der CDU immer wieder ins Feld geführt wird, ist die Ost-West-Verbindung. Erst durch eine Brücke wäre die deutsche Einheit wirklich vollzogen.

Wie sehen das politisch unabhängigere Gemüter, die dennoch von der Situation betroffen sind, wie zum Beispiel Karin Thoben, eine Journalistin aus Lüneburg, die in Rassau im Amt Neuhaus eine zweite Heimat gefunden hat? In ihrem reetgedeckten Häuschen mit dem liebevoll gestalteten Garten direkt am Elbdeich hat sie sich schon 1993 niedergelassen. Gleich nach der Wende sei sie von den Umwälzungen wie elektrisiert gewesen und habe sich auf Recherchetour an die Elbgrenze begeben. Auf ihr zukünftiges Haus sei sie dadurch aufmerksam geworden, dass ihr von einer Frau im Garten freundlich zugewunken wurde – eine Geste, die noch ein Jahr zuvor geahndet worden wäre.

Der Schicksalsfluss

Das Winken "feindwärts" sei verboten, wurde die zwölfjährige Sonja Meier von den Grenzsoldaten in Bitter zurechtgewiesen, als sie über die Elbe hinweg ihren Westverwandten zuwinkte. Solche und andere Geschichten ihrer neuen Nachbarn hat Karin Thoben in ihrem sorgfältig recherchierten Buch Weite Heimat Elbe. Lebenswege an einem Schicksalsfluss gesammelt, das 2011 erschienen ist. Mit der Bezeichnung "Schicksalsfluss" bringt Karin Thoben die Bedeutung der Elbe auf einen Begriff, den sie auch für sich in Anspruch nehmen würde. Heimatsuchende unterschiedlichster Herkunft und mit den verschiedensten Sehnsüchten ließen sich hier nieder. Gerade noch bis zur Elbe schafften es 1945 die Flüchtlinge aus Ostpreußen oder Pommern, die den Anschluss an den Westen suchten, bevor ihnen die Russen am Ufer den Weg abschnitten.

Und wie so oft waren es die fehlenden Brücken, die ein Weitkommen unmöglich machten, nachdem die Dömitzer Brücke 1945 bei einem Luftangriff zerstört wurde; als Mahnmal ragt sie wie ein mächtiger Finger immer noch in die Landschaft. Erst nach dem Ende der deutschen Teilung wurde im Jahr 1992 eine neue Autobrücke gebaut, die einzige feste Elbquerung auf dem circa 115 Kilometer langen Flussabschnitt zwischen Wittenberge und Lauenburg.

Was sagt also Karin Thoben, von deren Küchenfenster aus man die grüne Kante des Elbdeichs sehen kann, zu dem Brückenneubau? Die Antwort kommt ohne nachzudenken: Natürlich solle man die Brücke bauen. Schon wegen des Zusammenwachsens der beiden Landesteile. Sicherlich sei der Schutz der Natur ein Argument, aber da sollten sich die Naturschützer lieber mal der Großbetriebe annehmen, die hier mit Subventionsmillionen aus Niedersachsen extensive Landwirtschaft betrieben und ganze Dorfanger einbetonierten. Wenn Karin Thoben auf die Agrarfabriken schimpft, hört sich das fast so an, als verdamme sie die Investitionsprojekte der Nachwendezeit, durch die die Attraktivität des ehemaligen Sperrgebiets erhöht werden soll.

Aber Karin Thoben differenziert: Sie sei nicht gegen Maßnahmen, die die Abwanderung verhindern sollen, wohl aber gegen den Abbau von dörflichen Infrastrukturen wie zum Beispiel die drohende Schließung des von der Konsumgesellschaft betriebenen Dorfladens in Kaarßen, einer Nachfolgegesellschaft des DDR-Konsum-Verbundes. Die Schließung zwinge sie wie jeden anderen, der hier wohne, zum Einkaufen in die entfernten Supermärkte, die die Landschaft verschandelten.

Dies sei hier eben ein besonderer Landstrich mit einer besonderen Geschichte. Zwar schweiße die "Schicksalsgemeinschaft der Ossis" die Bewohner des ehemaligen Sperrgebietes immer noch gegen missliebige Entscheidungen der Politik zusammen, dennoch sei die Stimmung insgesamt miserabel. Schließlich wolle keiner vom anderen hören, wie schlecht es ihm ginge. Befragt nach dem Brückenneubau lässt die Bäckerin in Kaarßen, die in unmittelbarer Nachbarschaft des von der Schließung bedrohten Dorfladens ihre Brötchen verkauft, ihrer Klage allerdings freien Lauf. Überaschenderweise sind es nicht so sehr die Wessis, über die sie schimpft, sondern "die da oben", die eine längst beschlossene Sache wieder ins Wanken brächten. Die Brücke sei ein Muss. Sie hätten hier im Amt Neuhaus sonst gar keine Chance zu überleben. Der Sohn, Bäcker wie die Mutter, wird die Dorfbäckerei nicht übernehmen können. Er suche jetzt Arbeit in Lüneburg.

Umsiedlungen an der Elbe

Trotz des weit verbreiteten Jammerns und Klagens in ihrer unmittelbaren Umgebung bleibt Karin Thoben unerschrocken, sei sie doch hergezogen, um hier heimisch zu werden. Ihre Offenheit für die Menschen im Allgemeinen und für den hiesigen Menschenschlag im Besonderen scheint ihr immer wieder aufs Neue zu helfen. Wegen ihrer "Erinnerungsbücher", in denen sie von den verschlungenen und abenteuerlichen Lebenswegen der Bewohner des Sperrgebiets berichtet, wird sie von ihren Nachbarn geschätzt, ja als Gesprächspartnerin geradezu aufgesucht. Lebensgeschichten zu erzählen, könne heilende Wirkung haben, davon ist Karin Thoben überzeugt. Viele Biographien der umliegenden Bewohner sind Flucht- oder Vertreibungsgeschichten. Ein besonderes Augenmerk liegt für Karin Thoben in der Dokumentation der Zwangsaussiedlung, von denen die elbnahen Gehöfte besonders betroffen waren.

Die Aktionen "Ungeziefer" (1952) und "Kornblume" beziehungsweise "Festigung" (1961) zwangen Dutzende Einheimische zum Verlassen ihrer Höfe. Für das Dorf Vockfey, das dem Erdboden gleich gemacht wurde, ist auf Initiative Karin Thobens eine Gedenkstätte entstanden. Die beim Neubau des Elbdeichs gefundenen Steine geschleifter Bauernhäuser wurden zu einer Pyramide aufgeschichtet. Der "Verein für Bürgerbegegnung im Amt Neuhaus e.V." erarbeitete eine Ausstellung, die in einem Infohäuschen am historischen Ort einer ehemaligen Hofstelle ihren Platz hat. So wie Vockfey erging es vielen Dörfern am Rande des Ufers.

Doch nicht nur in den 1950er und 1960er Jahren, auch noch 1974 wurden die Bewohner Opfer der sich immer weiter ausdehnenden Grenzanlagen in der Fünf-Kilometer-Sperrzone. Auf dem Bitterschen Werder mussten Familien die Zerstörung ihrer Häuser mit ansehen. Die Heimat auf dieser malerischen, durch Sandablagerungen entstandenen Insel, die ein beliebtes Ausflugslokal und 35 Menschen beherbergte, sollte auf Anweisung der DDR-Behörden den Baggern weichen. Heute erinnert die meterhohe Holzskulptur "Phönix", die einen stilisierten Vogel zeigt, als Mahnmal an die Zwangsaussiedelung von Bitter-Werder. Die Symbolkraft ist eindeutig: Der Vogel Phönix reckt seine Flügel dem Himmel entgegen und möchte aus der Asche der Geschichte zu neuem Leben aufsteigen.

Neben der Skulptur stehend, wirkt das auf der anderen Elbseite friedlich daliegende Städtchen Hitzacker zum Greifen nahe. Um zu verstehen, wie weit die Verbundenheit der beiden Elbufer vor dem Krieg an dieser Stelle ging, muss man wissen, dass sich die Sonntagsausflügler aus Hitzacker gerne an heißen Sommertagen nach Bitter-Werder übersetzen ließen, um dort im Gasthaus Zur Kastanie Butterkuchen zu essen oder den berühmten, frisch gefangenen Aal. Und dass die Bewohner von Bitter mit aller Selbstverständlichkeit in Hitzacker zum Zahnarzt gingen, heirateten und ihre Toten begruben.

Einer der wenig erhaltenen Wachtürme an der ehemaligen Elbgrenze samt Metallgitterzaun. (© Inka Schwand)


Die Mauer in den Köpfen

Wie sieht es mit der Verbundenheit heute aus? Fragt man in einem Friseurgeschäft in Hitzacker eine Mittzwanzigerin aus Uelzen, die hier als Friseurin arbeitet, ob sie Kontakt zu Ostdeutschen habe, fördert man Erstaunliches zu Tage: Die Ossis hätten "andere Adern, anderes Blut". Zuerst habe sie versucht, sich nicht von den Vorurteilen leiten zu lassen, aber diese hätte sie alle bestätigt gefunden: Die Ossis sprächen zu laut und unartikuliert und sie seien unhöflich.

Sollte es wirklich an den unterschiedlichen Dialekten liegen, dass sich Ost- und Westdeutsche nicht verstehen, ist es die feine Hannoversche Aussprache, die dem Hochdeutschen am Nächsten kommt, die einen Keil zwischen sie treibt?

Fragen wir Martha M. Scheibner, eine Frau, die es wissen muss. Sie lebt seit 1989 als Westlerin auf dem anderen Elbufer, schräg gegenüber von ihrer alten Heimatstadt Hitzacker. Sie habe mit ihren Nachbarn keine Probleme, bekennt sie. Vielleicht liege das aber auch daran, dass sie lieber für sich sei und weniger den Kontakt suche, dass sie in Ruhe arbeiten wolle. Als gelernte Landwirtin und Erzieherin aus dem Wendland, hatte sie schon immer Sehnsucht nach einem einfachen Leben in friedlichem Umgang mit der Natur. Diese Sehnsucht ließ sie sich für den Widerstand gegen Gorleben engagieren. Ein Foto aus den Tagen der Platzbesetzung zeigt sie mit Latzhose in der selbst gezimmerten Küche des Hüttendorfs.

Kurz nach der Wende hat sie sich in ihr großes Bauernhaus verliebt, das direkt am Elbdeich steht und das sie sich nur leisen konnte, weil sie gleich nach 1989 zuschlug und das marode Haus in mühsamer Kleinarbeit selbst renovierte. Damals gab es zum Waschen nur einen Eimer an einer Stange über dem Brunnen, es gab schiefe Scheunen, ein kaputtes Dach und ein Plumpsklo. Heute vermietet Martha Scheibner eine kleine, liebevoll bestückte Ferienwohnung mit direktem Blick auf Hitzacker, betreibt Hühner- und Schafzucht und arbeitet am liebsten in ihrem ungezähmten Naturgarten. Geld ist nicht viel vorhanden, dafür aber die Befriedigung, sich mit der eigenen Hände Arbeit fast komplett selbst versorgen zu können. Zeitweilig gründete sie mit ihrem ehemaligen Lebensgefährten das so genannte "Netzwerk für kreativen Anachronismus". Auch eine Tischlerei ist im alten Schweinestall untergebracht. Wenn man etwas von Handwerk verstehe und seine Arbeit gut mache, werde man von den Ossis gleich geschätzt.

Auf das leidige Thema Brückenneubau angesprochen, wird sehr schnell klar, zu welcher Fraktion Martha Scheibner gehört. Sie möchte die Integrität der Natur erhalten, die gerade durch die hiesige dünne Besiedelung einmalig sei. Auch ist Martha Scheibner Entschleunigung als Lebensprinzip wichtig. Und mit Hilfe der Selbstversorgung versucht sie, sich nicht zu sehr von den gesellschaftlichen Zwängen abhängig zu machen. Zwar hat auch sie ein Auto, aber die Benutzung der Fähre oder die Umwege über die Brücken schrecken sie weniger als die Zerstörung der Landschaft.

Zur Not mit dem Boot

Fähranleger in Bitter-Werder gegenüber von Hitzacker. (© Inka Schwand)

Ja, nur wie kommt man von Marthas Idyll wieder zurück ans andere Ufer, wenn sich die kleine Personenfähre zwischen Hitzacker und Bitter Anfang April aufgrund ungünstiger Witterung noch im Winterquartier in Hamburg befindet? Das andere Ufer scheint fast so unerreichbar wie zu DDR-Zeiten. Aber zum Glück nur fast. Denn Nachbar Jahnke mit seinem Boot kann aushelfen – der perfekte Ersatz für eine Brücke. In seinem umgebauten Motorboot setzt er zur Saison Feriengäste über, die die Fähre verpasst haben oder abends nochmal in die zahlreichen Kneipen von Hitzacker gehen wollen. Jahnkes fahren auch mal schnell zum Einkaufen auf die "anner Siet".

Mit der Umrüstung seines Bootes hat Jahnke seine "Fähre", auf die fünf Personen und drei Fährräder passen, selbst perfektioniert: Eine eigens eingebaute hydraulische Klappe erleichtert das Einsteigen, so dass man sein Rad nicht über den Bootsrand hieven muss. Wie so viele aus dem ehemaligen Sperrgebiet, sind Jahnkes aus der DDR ins benachbarte Niedersachsen geflohen und nach der Wende wieder zurück gekehrt. Sich in der alten Heimat eine neue Existenz aufzubauen, ist trotzdem nicht leicht. Auf die Frage, ob er denn beruflich auch mit Booten zu tun habe, antwortet Sohn Jahnke, der gerade steuert, eher einsilbig: er suche gerade Arbeit.

Die Überfahrt mit dem Motorboot dauert nicht einmal zehn Minuten und kostet zwei Euro. Zu DDR-Zeiten hätte man für solch eine Dienstleistung sicher mehr hinlegen müssen. Wohl gab es Fluchthelfer, die mit einem Ein-Mann Paddelboot Menschen übersetzten, die nicht mehr in der DDR leben wollten - ein riskantes Unternehmen.

Die meisten Fluchtversuche aber wurden in Eigenregie geplant und ohne Fluchthilfe durchgeführt. Zwei Fünfzehnjährige banden Traktorenschläuche zusammen, einer von ihnen ertrank. Mutter und Sohn paddelten mit Brotbrett und Tischtennisschlägern in einem Gummiboot ans andere Ufer. Bis in die frühen 1970er Jahre kam den Flüchtenden zugute, dass es an manchen Stellen in Ufernähe nur einen löchrigen Zaun mit aufgesetztem Stacheldraht gab. Doch später versperrte den Bewohnern, deren Häuser mitunter direkt am Deich lagen, ein Metallgitterzaun aus engmaschigem, undurchsichtigem Stahlgeflecht die Sicht auf die Elbe. Für Jahrzehnte keinen Blick auf den Strom werfen zu können, über den man jetzt so selbstverständlich schippert – ein unvorstellbarer Gedanke. Was muss das wohl für ein Gefühl gewesen sein, als sie sich in Bitter am 19. November 1989 am Tor im Zaun versammelten, um zum ersten Mal seit Kriegsende ans Westufer übergesetzt zu werden?

Waren die getrennte Jahre so prägend, dass es jetzt immer noch schwer fällt, die Unterschiede zu überbrücken? Und wie lange wird es noch dauern, bis das Ost- und das Westufer zusammenwachsen – sei es durch eine Brücke, sei es auf anderen Wegen? Fragen, die einen hier an der Elbe nicht loslassen.

Ruth Johanna Benrath

Ruth Johanna Benrath

Ruth Johanna Benrath

Ruth Johanna Benrath ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien bei Suhrkamp Wimpern aus Gras. Die Elbe und die Elbgrenze erkundete sie bei ihrem Aufenthalt in der niedersächsischen Stipendiatenstätte Schreyahn im Wendland.


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