30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
zurück 
9.9.2013

Wie sich das deutsche Bildungssystem verändert

Entwicklungstrends in der deutschen Bildungslandschaft

Fehlende Kita-Plätze, niedrige Schülerkompetenzen, langwierige Übergänge zur Berufsausbildung, überfüllte Hörsäle: Dem oft attestierten Modernisierungsrückstand unseres Bildungswesens stehen seit einigen Jahren allmähliche, jedoch tiefgreifende Veränderungsprozesse in der deutschen Bildungslandschaft gegenüber.

Schulmensa in Bad Kreuznach. (© dpa)


In den öffentlichen Debatten erscheint das deutsche Bildungssystem oft als schwerfälliger Tanker mit Entwicklungsrückstand und mangelhafter Leistungsbilanz. Sieht man genauer hin, kam aber gerade in der letzten Dekade viel Bewegung ins System. Als Motor dieser Entwicklungen wirkte zu Beginn des neuen Jahrtausends das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler in internationalen Vergleichsstudien wie PISA. Außerdem erhöhten auch der demografische Wandel und die steigenden Qualifikationsanforderungen am Arbeitsmarkt den Handlungsdruck auf Bildungspolitik und -verwaltung. Was sich verändert, können Wissenschaftler seit 2006 über alle Bildungsbereiche hinweg mithilfe einer fortlaufenden Bildungsberichterstattung beobachten: Wie hat sich zum Beispiel das Angebot an Bildungseinrichtungen in Deutschland gewandelt? Von wem werden welche Einrichtungen wie lange besucht? Verzeichnen wir heute zunehmend bessere Bildungsergebnisse, also höhere Kompetenzen und Abschlüsse? Wo bleiben Herausforderungen im Bildungssystem bestehen?

Anhand der Daten zu den Einrichtungen, Teilnehmern und Ergebnissen der institutionalisierten Bildung gibt dieser Beitrag einen Überblick über die wesentlichen Veränderungen im deutschen Bildungssystem im letzten Jahrzehnt.

Die Bildungslandschaft wird vielfältiger



Zunächst: Das Bildungswesen vereint fünf sehr verschiedene, historisch gewachsene Bildungsbereiche unter einem Dach. Deren Verwaltung, Organisation und Funktionsweise war in Deutschland traditionell weitgehend voneinander abgeschottet – nicht zuletzt weil Zuständigkeiten unterschiedlich auf Bund, Länder und Kommunen verteilt sind. Umso erstaunlicher ist, welche weitreichenden Veränderungen sich nun innerhalb und zwischen diesen Bildungsbereichen abzeichnen:

Abb. 1: Betreuungsquote von Kindern unter 3 Jahren in Kitas und Tagespflege 2006 bis 2011 (in Prozent)

Abbildung 1: Betreuungsquote von Kindern unter 3 Jahren in Kitas und Tagespflege 2006 bis 2011 (in Prozent) (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Kinder- und Jugendhilfestatistik (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Abb 2: Entwicklung öffentlicher und privater Bildungsangebote zwischen 1998 und 2010

Abbildung 2: Entwicklung öffentlicher und privater Bildungsangebote zwischen 1998 und 2010 (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, diverse Statistiken (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Abb. 3: Neuzugänge im Berufsbildungssystem 2000 und 2010 nach Schulabschlüssen (Anzahl)

Abbildung 3: Neuzugänge im Berufsbildungssystem 2000 und 2010 nach Schulabschlüssen (Anzahl) (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Schulstatistik; Bundesagentur für Arbeit, Maßnahmen-Statistik (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Bildungsangebote werden individueller genutzt



Da sich die deutsche Bildungslandschaft gerade in den letzten zehn Jahren weit aufgefächert hat, können die Menschen ihre individuellen Bildungsziele heute auch auf unterschiedlichen Wegen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Lebenslauf verfolgen. War der Durchgang durch die Bildungsinstitutionen selbst vor 20 Jahren noch relativ starr vorgezeichnet, werden die Bildungsverläufe heute zunehmend flexibel und individuell gestaltbar. Doch nicht alle Menschen profitieren in gleicher Weise von der Vielfalt der Möglichkeiten: Während einige ihre Bildungserfolge vom frühkindlichen Alter an Schritt für Schritt steigern, tragen andere lebenslang an den Folgen ungünstiger Startchancen.

Abb. 4: Hauptschul- und Gymnasialbesuch von 15-Jährigen in den Jahren 2000 und 2009 nach sozialer Herkunft (in Prozent)

Abbildung 4: Hauptschul- und Gymnasialbesuch von 15-Jährigen in den Jahren 2000 und 2009 nach sozialer Herkunft (in Prozent) (Mehr dazu...)
Datenquelle: PISA 2000; PISA 2009 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/



Ungleichheiten in den Bildungserfolgen: Wer schafft es, wer nicht?



Seitdem der sprichwörtlich gewordene "PISA-Schock" das Bildungswesen aufrüttelte, verbesserten sich die Kompetenzen der Schüler sowohl in den Grundschulen als auch den Sekundarschulen messbar. Auch die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss geht zurück. Trotzdem bleibt eine große Zahl an Menschen mit allenfalls geringen Bildungserfolgen.

Abb. 5: Geschlechtsspezifische Unterschiede in ausgewählten Bildungsaspekten im Jahr 2010 (in Prozent)

Abbildung 5: Geschlechtsspezifische Unterschiede in ausgewählten Bildungsaspekten im Jahr 2010 (in Prozent) (Mehr dazu...)
Datenquelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Bundesagentur für Arbeit, diverse Statistiken (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/




Wie die Bildungsbereiche jetzt zusammenarbeiten müssen



Die Bildungslandschaft ist bunter geworden. Es gibt vielfältigere Möglichkeiten, Bildungsverläufe zu gestalten: von kurzen Bildungswegen für Leistungsstarke bis hin zu verzögerten Karrieren der zweiten Chancen. Im Verhältnis zwischen den Bildungsinstitutionen sowie zwischen den Einrichtungen und ihren Nutzern ergeben sich daraus weitreichende Veränderungen:

Obwohl insgesamt die Bildungsbeteiligung und der Bildungsstand der Bevölkerung in Deutschland von der Kinderkrippe bis zur Hochschule stark zunahmen, ist es bisher nicht gelungen, die Bildungsungleichheiten zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen entscheidend zu verringern. Insbesondere für Menschen mit Migrationshintergrund, die weit häufiger in sozial schwachen Familien aufwachsen, stellen sich trotz einiger Verbesserungen noch zu selten Bildungserfolge ein. Dabei steigt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in der Bevölkerung weiter an und beträgt für Kinder im Vorschulalter bundesweit bereits 35 Prozent. Frühzeitige individuelle Förderung von bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen wird damit immer bedeutsamer. Um die erweiterten Bildungsmöglichkeiten tatsächlich wahrnehmen zu können, muss jeder Einzelne stärker darin unterstützt und befähigt werden, seinen eigenen Bildungsweg in die Hand nehmen zu können.

Die Beseitigung der Bildungsungleichheiten geht auch deshalb so langsam voran, weil es sich hier um eine gesamtstaatliche Querschnittsaufgabe handelt. Trotz einer Fülle an bildungspolitischen Reformprojekten in der letzten Dekade bleibt der Eindruck bestehen: Auf gesellschaftliche Entwicklungen wie den demografischen Wandel, die veränderte Arbeitsmarktsituation oder neue Elternerwartungen wird jeweils nur in einzelnen Bereichen reagiert. Die historisch gewachsene organisatorische Trennung der Bildungsbereiche mit ihren unterschiedlichen Zuständigkeiten von Bund, Ländern oder Kommunen erschwert ein abgestimmtes Vorgehen aller Akteure in Bildungspolitik, -verwaltung und -praxis. Was ist zu tun? Künftig wird es darauf ankommen, eine intensivere Zusammenarbeit über alle Bildungsbereiche aufzubauen und außerhalb der traditionellen Ressortpolitik das Verhältnis zwischen den Bildungseinrichtungen zielgerichtet aufeinander abzustimmen.


Weiterführende Literatur



Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2012): Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu kultureller Bildung im Lebenslauf. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010): Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demographischen Wandel. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008): Bildung in Deutschland 2008. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich I. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.

Cortina, Kai S./ Baumert, Jürgen/ Leschinsky, Achim/ Mayer, Karl Ulrich/ Trommer, Luitgard (Hrsg.) (2008): Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag.

Konsortium Bildungsberichterstattung (2006): Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Stefan Kühne

Stefan Kühne

Stefan Kühne

Stefan Kühne, geboren 1979 in Erfurt, arbeitet am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) als wissenschaftlicher Koordinator der nationalen Bildungsberichterstattung. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Bildungsstatistik und Indikatorenforschung zum Schulwesen. Zuletzt erschien von ihm „Private (Grund-)Schulen als blinder Fleck der öffentlichen Daseinsvorsorge?“ in der Fachzeitschrift Die Deutsche Schule (Heft 3, Jg. 104).


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln