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29.9.2017

Welche Sekundarschulen gibt es in Deutschland und welche Bildungsgänge werden dort unterrichtet?

Allgemeinbildende Schulen und Bildungsgänge der Sekundarstufe I und II, nach Bundesland (2017)

Jahrzehntelang war das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland regelrecht in Stein gemeißelt. Inzwischen haben fast alle Bundesländer ihre Schulstrukturen umgebaut. Weil dabei jedes Land seinen eigenen Weg ging, haben wir heute 16 verschiedene Schulsysteme.

Welche Sekundarschulen gibt es in Deutschland und welche Bildungsgänge werden dort unterrichtet? (PDF-Icon Grafik als PDF zum Download) (© bpb, wzb, infografiker.com)


Abschied von der Dreigliedrigkeit

Welche Schulformen in Deutschland angeboten werden, ist im Wesentlichen Sache der Bundesländer. Sie haben im deutschen Föderalismus die Kulturhoheit und entscheiden somit eigenverantwortlich darüber, wie sie ihre Schulstrukturen gestalten.

Dennoch war jahrzehntelang über alle Länder der Bundesrepublik hinweg die dreigliedrige Schulstruktur – bestehend aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium – regelrecht in Stein gemeißelt. Das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler ist in diesem Modell der Schulorganisation auf die vierjährige (in einigen Bundesländern auch sechsjährige) Grundschulzeit begrenzt. Danach wird die Schülerschaft auf die drei Sekundarschulformen aufgeteilt. Neben den allgemeinen Schulen gibt es in allen Bundesländern zudem Förderschulen für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf.

Über die im internationalen Vergleich sehr früh im Leben einsetzende Leistungsauslese wurde in der Bundesrepublik politisch immer wieder heftig gestritten (Edelstein/ Veith: Schulgeschichte nach 1945). Im Ergebnis führten vor allem sozialdemokratisch regierte Bundesländer in den 1970er Jahren Gesamtschulen ein. Als Gegenmodell sollten sie ein längeres gemeinsames Lernen aller Schülerinnen und Schüler ermöglichen und neue Formen der Differenzierung innerhalb der Schule erproben. Am Grundprinzip der frühen Leistungsauslese änderte die Gesamtschule jedoch wenig. Separate Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien blieben bestehen, aus dem dreigliedrigen Schulsystem wurde in manchen Bundesländern lediglich ein viergliedriges.

Mit der Wiedervereinigung kam erneut Bewegung in die deutsche Schullandschaft: Die ostdeutschen Bundesländer entschieden sich mehrheitlich gegen separate Haupt- und Realschulen. Stattdessen richteten sie zweigliedrige Schulsysteme ein. Aber auch in den westdeutschen Bundesländern kam das dreigliedrige Schulsystem langsam ins Wanken. Gründe dafür waren demografisch rückläufige Schülerzahlen, eine schwindende Akzeptanz der Hauptschule, aber auch das unerwartet schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei PISA.

Mit der Ausnahme Bayerns (das jedoch selbst einige „Schulen der besonderen Art“ als Schulversuch unterhält) haben mittlerweile alle Bundesländer ihr Schulangebot im Sekundarbereich verändert. Zahlreiche neue Schulformen sind entstanden, die sich in Vielem unterscheiden, aber doch eines gemeinsam haben: sie setzen stärker auf integrative Formen der Lernens als es in Deutschland traditionell der Fall war. Da sind kooperative Schulformen, wie z. B. die Oberschule in Sachsen oder die in vielen Bundesländern angebotene kooperative Gesamtschule, die zwei bzw. alle drei Bildungsgänge unter einem Dach vereinen. Sie bilden häufig erst in der siebten Jahrgangsstufe abschlussbezogene Klassen. Da sind teilintegrierte Schulformen wie z. B. die Werkrealschule in Baden-Württemberg, wo Haupt- und Realschulbildungsgang zusammengefasst sind. Und da sind schließlich neue vollintegrierte Schulformen wie z. B. die Stadtteilschule in Hamburg, die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein oder die Sekundarschule in Nordrhein-Westfahlen. Sie bieten alle Bildungsgänge einschließlich des gymnasialen an und führen in der Mehrzahl keine abschlussbezogenen Klassen.

Die kooperativen Schulformen stehen in der Tradition des dreigliedrigen Schulsystems, insofern sie die Schülerschaft ab einer bestimmten Klassenstufe weiterhin auf getrennte Bildungsgänge verteilen. Die integrierten Schulformen setzen hingegen auf flexiblere Varianten der Differenzierung. So werden Kernfächer wie Deutsch, Mathematik und Englisch häufig ab einer bestimmten Klassenstufe in Kursen mit unterschiedlichen Anspruchsniveaus unterrichtet. Aber auch Modelle des durchgehenden gemeinsamen Lernens im Klassenverband werden erprobt und weiterentwickelt.

Was zeigt die Grafik?

Diese Grafik zeigt den derzeitigen Stand der Schulstrukturentwicklung im Sekundarbereich in den 16 Bundesländern. Waren die Schulstrukturen der Bundesländer über Jahrzehnte hinweg weitgehend einheitlich organisiert, haben sie sich mittlerweile sehr stark auseinanderentwickelt: In einigen Bundesländern sind neue Schulformen lediglich eine Ergänzung zum traditionellen Schulformenangebot, in vielen Bundesländern aber haben sie die Haupt- und Realschulen vollständig ersetzt. So ist mittlerweile allein das Gymnasium noch in allen Bundesländern vorhanden, daneben variiert das Schulformenangebot zwischen den Ländern derart, dass es selbst für Forscherinnen und Forschern schwer zu überblicken ist (Tillmann: Das Sekundarschulsystem auf dem Weg in die Zweigliedrigkeit).

Die Zahlen auf der Karte geben an, wie viele Schulformen das jeweilige Bundesland im Sekundarbereich unterhält. Wählt man auf der Karte ein Bundesland aus, werden in der nebenstehenden Tabelle alle Schulformen aufgelistet, die es in diesem Bundesland gibt. Die verschiedenen Symbole geben zudem Aufschluss darüber, welche Bildungsgänge in den einzelnen Schulformen unterrichtet werden und wie das Lernen in diesen Schulformen organisiert ist (siehe Lesehilfe).

Lesehilfe:

Am Beispiel Niedersachsen, das eine relativ große Bandbreite von Schulformen aufweist, lassen sich die in der Grafik verwendeten Symbole gut nachvollziehen:

Wenn man die Schulstrukturen der Bundesländer anhand der Tabellen miteinander vergleicht, fällt Folgendes auf:

Benjamin Edelstein, Simone Grellmann

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