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23.3.2020

Faktencheck Noteninflation: Wird das Abi wirklich immer leichter?

Der Philologenverband fordert strengere Abiturnoten. Tatsächlich ist eine Inflation erkennbar – doch nicht so stark wie oft behauptet. Ein Beitrag von Gábor Paál in SWR Wissen.

"Abi in Sicht" – Plakat vor einem Gymnasium in Hessen 2020. Heute machen deutlich mehr junge Menschen ein Abitur als früher. (© picture-alliance/dpa)


Es gibt bei der Diskussion um die Abiturnoten mehrere Mythen. Unbestreitbar ist: Heute machen deutlich mehr junge Menschen ein Abitur als früher. 1970 nur jeder zehnte, 1990 schon jeder fünfte und 2016 waren es bereits 40 Prozent. Doch was sagt das?

Behauptung: "Wenn heute 40 Prozent eines Jahrgangs das Abitur schaffen, müssen die Anforderungen gesunken sein."

Dieser Schluss ist voreilig. Der Hauptgrund für den Anstieg ist vor allem, dass Bildung heute einen höheren Stellenwert genießt. Es wollen mehr junge Menschen Abitur machen – bzw. ihre Eltern wollen es. Zweifellos drängen heute auch manche ehrgeizigen Eltern Kinder zum Abitur, für die ein anderer Abschluss geeigneter wäre. Vor allem aber machen heute Menschen Abitur, die früher von ihren Eltern gar nicht die Möglichkeit bekommen hatten.

Das betrifft gerade auch Mädchen. "Was willst Du mit einem Abitur, Du wirst doch eh irgendwann heiraten und Kinder kriegen." Solche Sätze klingen heute befremdlich, spiegelten aber vor 40 Jahren durchaus noch die Haltung vieler Eltern.

In der Statistik zeigt sich das darin, dass die Mädchen inzwischen die Jungs überholt haben. Bis in die 80er Jahre hinein, war der Jungs-Anteil bei den Abituren höher als der der Mädchen, Mitte der 1980er hat sich das umgekehrt. 2017 haben in Rheinland-Pfalz im betreffenden Jahrgang 47 Prozent der Mädchen Abitur gemacht, aber nur 36 Prozent der Jungs.

Behauptung: "Es gibt eine krassen Anstieg der Abiturnoten in den letzten Jahren."

Betrachtet man den Gesamtdurchschnitt aller Abiturienten in Deutschland, kann man allenfalls von einer leichten Inflation sprechen: Der Durchschnitt aller deutschen Abiturnoten stieg innerhalb von 10 Jahren lediglich um eine Zehntelnote: von 2,52 (2007) auf 2,41 (2017). Ein messbarer, aber kein himmelweiter Unterschied.

Richtig ist aber: In einzelnen Bundesländern war der Anstieg deutlicher: In Berlin stieg die Durchschnitts-Abiturnote im selben Zeitraum von etwa 2,6 auf 2,4. In Baden-Württemberg war der Durchschnitt zwischendurch sogar leicht gesunken, lag aber zuletzt mit 2,42 (2017) wieder auf dem Niveau von 2012. In Rheinland-Pfalz hat sich die Durchschnittsnote von 2,63 auf 2,49 verbessert also etwas mehr als einen Zehntelpunkt.

Fazit: Ja, einen leichten Anstieg gab es, aber von einer drastischen Entwertung der Abiturnoten kann keine Rede sein.

Behauptung: "Immer mehr Schüler machen ein Einser-Abi, haben also eine 1 vor dem Komma."

Tatsächlich wird eine 1 vor dem Komma heute etwas häufiger vergeben als früher. Es gibt also jährliche Schwankungen. Würde man 2017 mit 2007 vergleichen, würde man praktisch keinen Anstieg der Einser-Abiture feststellen.

Kürzlich machte eine Umfrage der Rheinischen Post Schlagzeilen, wonach der Anteil der Einer-Abiturienten 2018 auf fast 26 Prozent gestiegen ist. Allerdings sind hier die traditionell eher strengen Abiturnoten von Schleswig-Holstein (Durchschnittsnote 2017: 2,56!) nicht berücksichtigt. Insofern ist der Vergleich nur bedingt aussagekräftig.

Richtig ist: Die Spitzennote 1,0 wird sehr viel häufiger vergeben.

Nach den Zahlen von 2017 bekamen bundesweit 17 von 1000 Abiturienten eine 1,0 – das sind fast 70 % mehr als noch 2007. Dieser Anstieg ist tatsächlich enorm. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Ländern immens. In Rheinland-Pfalz und Bayern hat sich die Zahl der 1,0er-Abis verdoppelt, in Berlin haben sie sich gar versechsfacht - was aber daran liegt, dass es dort früher sehr wenige gab. Eigentlich liegt Berlin heute erst im Durchschnitt mit 17 von 1000 1,0er-Abis. Spitzenreiter ist Brandenburg - dort schließen 24 von 1000 mit 1,0 ab.

In Baden-Württemberg ist der Trend allerdings gegenläufig. Der Anteil der 1,0er-Abiture ist seit 2006 von 18 pro 1000 auf 16 gesunken.

Behauptung: "Das bayerische und das baden-württembergische Abi sind besonders anspruchsvoll."

Tatsächlich ist die Notenvergabe in Bayern und Baden-Württemberg keineswegs außergewöhnlich streng. Baden-Württemberg liegt mit einem Schnitt von zuletzt 2,4 ziemlich im Durchschnitt, Bayern mit 2,3 sogar darüber. Die strengsten Abinoten gibt es dagegen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und – Rheinland-Pfalz. In diesen drei Ländern lag der Schnitt 2016 bei etwa 2,5 (Rheinland-Pfalz) oder darunter. Den besten Abiturschnitt in Deutschland hat Thüringen mit 2,18.

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Fazit

Je nachdem, welche Zahlen man genau betrachtet, gibt es heute tatsächlich etwas bessere Abiturnoten als früher. Richtig ist aber auch: Zumindest in einigen Bundesländern rasseln heute auch mehr Schülerinnen und Schüler durch die Abi-Prüfung. In Bayern und Meckenlenburg-Vorpommern hat sich die Durchfallquote von 2006 bis 2016 jeweils verdreifacht.

Quelle: KMK: Abiturnoten im Ländervergleich.

Grundsätzlich gilt: Durchschnittsnoten sagen nichts über tatsächliche Anforderungen.

Sind die Durchschnittsnoten in Rheinland-Pfalz schlechter als die in Baden-Württemberg, weil mehr verlangt wird, das Abitur somit strenger bewertet wird? Oder ist der Unterricht schlechter? Das geht aus den Noten nicht hervor.

Auch die Entwicklung über die Jahre zeigt nur, dass es einen leichten Trend Richtung bessere Noten gibt. Das sagt erstmal nichts darüber, ob das Abitur selbst "schwerer" oder "leichter" geworden ist. Platt gesagt: Wenn die Durchschnittsnoten im großen und ganzen gleich bleiben, kann man das verschieden interpretieren: Wer von Noteninflation spricht, geht meist von Interpretation 2 aus: Weniger leistungsfähige Schüler machen heute ein lascheres Abitur - und kommen so auf gute Noten. Doch beweisen lässt sich das kaum, da sich die Anforderungen objektiv schwer vergleichen lassen. Denn heute werden zum Teil ja andere Kompetenzen gefordert und für relevanter erachtet als früher.

Gábor Paál

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