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1.10.2011

Geschichte des Kriegsfilms

Wie sieht es aus, an vorderster Front um sein Leben zu kämpfen? Wie würde man selbst sich in der Schlacht bewähren? Diese Fragen treiben die Zuschauer von Kriegsfilmen um, seit es Filme über den Krieg gibt.

Das Kino ist eine relativ neue Erfindung. Im Jahr 1895 veranstalteten die Brüder Skladanowsky in Berlin und die Brüder Lumière in Paris die ersten öffentlichen Filmvorführungen. Kriege gibt es zwar bedeutend länger, aber sowohl das Kino als auch der Krieg unterlagen im 20. Jahrhundert einer rasanten technischen Entwicklung. Kriege wurden zur Materialschlacht, die sich mit neuen Kameras, Objektiven und höherwertigem Filmmaterial immer besser abbilden ließ. Kriegsfilme gibt es in fast jedem Land. Die meisten Kriegsfilme werden jedoch im amerikanischen Hollywood produziert. Das ist kein Zufall: Kriegsfilme kosten viel Geld, über das vor allem die dortigen großen Produktionsfirmen verfügen. Außerdem stand Hollywood schon immer für die Verbindung von großer Action mit großem Gefühl. Die hohen Kosten und die allgemeine Vormachtstellung des amerikanischen Films haben also dazu geführt, dass die bekanntesten Kriegsfilme von Hollywood produziert wurden. Häufig werden mit Kriegsfilmen auch politische Botschaften vermittelt. Sie dienen zu Kriegszeiten oft der Hebung der eigenen Kriegsmoral und der Abwertung des militärischen Gegners. Allerdings finden sich auch Beispiele für pazifistische Filme, die den Krieg als menschengemachten Wahnsinn kritisieren.

Filme über den Ersten Weltkrieg (1914–1918)

Um den Film "Im Westen nichts Neues" (1929/1930) gab es in Deutschland einen erbitterten Streit. Konservative Kreise empfanden ihn als antideutsche Propaganda, u. a. weil immer wieder deutlich auch tote deutsche Soldaten gezeigt werden.
Ausschnitte des Spielfilms "Im Westen nichts Neues" finden sich auf der DVD "Der Krieg in den Medien" in E1 – Live dabei? / Wissen im Detail / Der Krieg in den Medien / Geschichte. (© Universal)

Insgesamt wurden bis heute nur wenige Kriegsfilme gedreht, die den Ersten Weltkrieg zum Thema haben. Kriegsfilme, die in Deutschland in den Zwanziger- und Dreißigerjahren entstehen, tragen eine zumeist pazifistische Botschaft: Nie wieder Krieg! Nur in den pseudohistorischen "Preußenfilmen" lässt sich das Militär weiter verherrlichen. In den USA hingegen gewinnt der Fliegerfilm "Wings" (1927), der die US-Piloten des Ersten Weltkrieges als Helden feiert, den ersten Oscar (1929). Eine realistische Wiedergabe des Kriegsgeschehens ist damals aber noch nicht möglich: Alle Filme sind Stummfilme. Erst der Tonfilm macht den Lärm von Geschützdonner und das Schreien von Soldaten hörbar. Einer der ersten Tonfilme, die den Krieg thematisieren, ist Lewis Milestones "Im Westen nichts Neues" (1930). Dieser amerikanische Kriegsfilm ist eine Adaption des damals sehr populären deutschen Antikriegsromans von Erich Maria Remarque (1929). Er zeigt das Elend in den Schützengräben, scheut keine drastischen Darstellungen – und ist damit weltweit erfolgreich.

Filme über den Zweiten Weltkrieg (1939–1945)

Wie schon im Ersten Weltkrieg erfährt das deutsche Publikum über den Zweiten Weltkrieg durch kurze Dokumentarfilme vom Frontgeschehen. Die Nazis nutzen diese "Wochenschauen" allerdings ausschließlich zur Propaganda, nicht zur Aufklärung. Mit zunehmender Kriegsdauer werden in Deutschland auch immer mehr "Durchhaltefilme"

Im Film "Die Brücke" (1959) erhalten acht noch minderjährige Jugendliche den sinnlosen Befehl, eine Brücke einer Kleinstadt vor den anrückenden Amerikanern zu verteidigen. Der Film beschönigt kein Heldentum, sondern die Sinnlosigkeit des Krieges wird spürbar, und die Angst der jungen Soldaten ist deutlich zu sehen.
Ausschnitte des Spielfilms "Die Brücke" finden sich auf der DVD "Der Krieg in den Medien" in E2 – Medienprodukt Krieg? / Wissen im Detail / Kriegsfilm / Geschichte. (© Fono)

produziert, die zumeist nur subtil auf das aktuelle Kriegsgeschehen Bezug nehmen, wie in dem "Preußenfilm" "Kolberg" (1943/1945). Für das Märchenspektakel "Münchhausen" (1943), in dem Hans Albers auf einer Kanonenkugel reitet, lässt Propagandaminister Goebbels das amerikanische Technicolor-Verfahren kopieren. Mit Filmen wie "Air Force" (1943) produzieren auch die US-Amerikaner Kriegspropaganda. Prägend ist das Bewusstsein, für eine gerechte Sache zu kämpfen.

Unmittelbar nach dem Ende des für alle Seiten traumatischen Krieges entstehen nur wenige Kriegsfilme. In Deutschland überspielt man das schlechte Gewissen mit Heimatfilmen, in den USA wird der Krieg in Komödien und Liebesgeschichten verarbeitet. Das Kriegsgeschehen bleibt im Hintergrund, allzu brutale Bilder sollen dem Publikum erspart bleiben. Eine deutsche Ausnahme bildet Bernhard Wickis Film "Die Brücke" (1959), der das sinnlose Sterben junger Kämpfer in den letzten Kriegstagen aufgreift. Die internationale Koproduktion "Der längste Tag" (1963) inszeniert mit dokumentarischem Anspruch die Landung der Alliierten in der Normandie aus der Perspektive aller teilnehmenden Armeen. Harte, realistische Kriegsfilme produziert in der Zeit des Kalten Krieges vor allem Großbritannien. Breitwandspektakel wie "Agenten sterben einsam" (1968) und "Ein dreckiger Haufen" (1968) werden zum Aushängeschild des britischen Kinos.

Filme über den Vietnamkrieg (1965–1973)

In "Platoon" (1986) zeigt Oliver Stone den Tod in Zeitlupe (© Hemdale)

Der Krieg in Vietnam verändert die Einstellung der Amerikaner zum Krieg und damit auch den Kriegsfilm radikal. Erstmals sind unabhängige Fernsehteams und Fotografen zugelassen. Ihre Bilder schockieren die Nation. Die Protestgeneration der Hippies (mit der Idee von einem humaneren, entspannten und friedlicheren Leben, das mit dem verwendeten Schlagwort "flower power" [engl.: "Kraft der Blumen"] belegt wurde) macht gegen den Krieg mobil: "Make love, not war". Nur "Die grünen Teufel" (1968) von und mit Revolverheld John Wayne versucht sich an einer Rechtfertigung des amerikanischen Engagements in dem fernen Land – ohne Erfolg.

Nach der Niederlage in Vietnam werden mehrere hundert Filme produziert, die dieses amerikanische Trauma zum Thema haben. Viele von ihnen sind überaus kritisch und zeigen das Sterben der US-Soldaten in ebenso brutalen Bildern wie ihre Massaker. Michael Ciminos "Die durch die Hölle gehen" (1978) und Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" (1979) sorgen für erregte Diskussionen, weil sie sich zwischen Faszination und Abscheu bewusst nicht entscheiden wollen. So wird hier zum Beispiel die Popmusik der Antikriegsgeneration, etwa von Jimi Hendrix oder The Doors, als Irritationsmittel eingesetzt. Anti-Kriegsfilme wollen damit nicht nur die Schrecken, sondern auch die Illusionsmacht des Krieges vermitteln. Später entstehen Filmklassiker wie Oliver Stones "Platoon" (1986) und Stanley Kubricks "Full Metal Jacket" (1987), die diese Widersprüche aufgreifen. Es wird daher immer schwieriger, zwischen Kriegs- und Antikriegsfilm zu unterscheiden.

Der Kriegsfilm heute

Mit zeitlichem Abstand zum Krieg in Vietnam rückt der Antikriegsfilm wieder in den Hintergrund. Kriegsfilme, wie zum Beispiel der Fliegerfilm "Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel" (1986) mit Tom Cruise, vermitteln nun immer häufiger die Faszination des Militärs. Spätestens in den Neunzigerjahren beginnt auch die direkte

Der Pilotenfilm "Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel" (1986) schafft es in besonderem Maße, nur die "saubere" Seite des Krieges mit seinen "sauberen", coolen Helden darzustellen. Der Film sorgte für einen wahren Ansturm von Bewerbern bei der US-Armee.
Ausschnitte des Spielfilms "Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel" finden sich auf der DVD "Der Krieg in den Medien" in E3 – Alles Propaganda? / Wissen im Detail / Methoden / Ästhetisierung. (© Paramount Pictures)

Kooperation zwischen Hollywood und dem US-Militär ("Militainment"). Das Verteidigungsministerium unterstützt Filme wie "Armageddon – Das jüngste Gericht" (1998) und "Men of Honor" (2000), die sich als Rekrutierungsbotschaft an junge Männer verstehen lassen und den Krieg als ehrenwertes Abenteuer begreifen. Für die Produktion von "Black Hawk Down" (2001) stellt das Militär Soldaten und Hubschrauber zur Verfügung. Mit "Wir waren Helden" (2002) entsteht ein Vietnamfilm, der die amerikanischen Soldaten in einem milderen Licht zeigt.

Wichtiger als historische Bezüge werden jedoch modernste Film-, Ton- und Computertechniken, die den Krieg für den Zuschauer unmittelbar "erfahrbar" machen sollen. Politische Botschaften sind in solchen Filmen weniger deutlich als das Bemühen um eine möglichst realistische Darstellung. Schon in der Eröffnungssequenz von Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan" (1998) hat der Zuschauer das Gefühl, mitten in der Schlacht zu stehen. Der Film über die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 gilt als Beginn einer neuen Kriegsfilmästhetik.


In Abgrenzung zu Hollywood, das zumeist Heldengeschichten erzählt, verlegten sich zahlreiche Kriegsfilme außerhalb von Hollywood ganz auf die Perspektive von Opfern oder Kindern. Der britische Film mit dem ironischen Titel "Hope and Glory – Der Krieg der Kinder" (1987) zeigt englische Schulkinder während der deutschen Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg. Den Krieg der Erwachsenen betrachten sie als großes Abenteuer. Die Leiche eines abgestürzten Bomberpiloten konfrontiert sie mit der Realität. In dem japanischen Animationsfilm "Die letzten Glühwürmchen" (1988) überstehen zwei kleine Kriegswaisen die letzte Kriegsphase in einem Bunker.

Dokumentarfilme über Krieg

Der Dokumentarfilm "Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien" (2005) zeigt eindringlich das Schicksal junger Kriegsteilnehmer im Tschetschenien-Krieg. Besonders eindrucksvoll ist das Interview mit einem Minenopfer.
Ein Ausschnitt des Spielfilms "Weiße Raben – Alptraum Tschetschenien" findet sich auf der DVD "Der Krieg in den Medien" in E1 – Live dabei? Am Ende der Einführungstour. (© zero film)

Anders als Spielfilme basieren Dokumentarfilme über Kriege oft auf (unter Lebensgefahr gedrehten) Originalaufnahmen und Zeitzeugenerzählungen. Meist werden sie durch einen Sprechertext kommentiert. Dokumentarfilme bauen weniger auf ästhetische (visuelle oder akustische) Effekte, sondern wollen hauptsächlich Zusammenhänge, Hintergründe und Folgen des gezeigten Geschehens verständlich machen, also informieren.

Sie können den Zuschauern aber auch nur ein Abbild des tatsächlichen Geschehens vermitteln und ebenso beeinflussend wirken wie Spielfilme, z. B. durch die Auswahl des gezeigten Geschehens. Daher werden sie sowohl für aufklärerische Zwecke eingesetzt wie auch für propagandistische Zwecke missbraucht.
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