zurück 
14.5.2018

Kann man Integration messen?

Integrationsmonitorings sollen anhand von festgelegten Indikatoren Auskunft über den Verlauf von Integrationsprozessen geben. Aber ist dies überhaupt möglich? Der Beitrag sucht nach Antworten.

Mitglieder des Kölner Karnevalsvereins Rote Funken. Die in den Integrationsmonitorings verwendeten Indikatoren beziehen sich größtenteils auf objektive und von amtlicher Seite erfasste Daten, mit einem Schwerpunkt auf Arbeitsmarkt und Bildung und nicht auf "weiche", d.h. subjektive Komponenten der Integration, wie z.B. die Werte und Normen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. (© picture-alliance, Geisler-Fotopress)


Im Zuge der Diskussionen um ein neues Selbstverständnis Deutschlands als Einwanderungsland gab es in den letzten Jahren verstärkt Bemühungen, den Integrationsstand der Bevölkerung mit Migrationshintergrund abzubilden. Aber lässt sich Integration überhaupt messen? Von staatlicher Seite ist hierzu im Rahmen der Integrationsmonitorings der Länder sowie des Bundes systematisch ein Katalog an Kenngrößen bzw. Indikatoren (wie z.B. Platzierung am Arbeitsmarkt und Studienerfolgsquote von Personen mit und ohne Migrationshintergrund) entwickelt worden, die auf Grundlage der amtlichen Statistik Orientierung über den Verlauf der Integrationsprozesse geben sollen. Grundsätzlich ist Integration ein vielschichtiger Prozess, der sich in die Teilaspekte der strukturellen, sozialen, kulturellen und identifikatorischen Integration unterteilen lässt.[1] Um die Schwierigkeit darzustellen, etwas Komplexes wie den 'Integrationsstand' abzubilden, sollen im Folgenden die Integrationsmonitorings der Länder genauer betrachtet werden. Diese stellen einen umfassenden Versuch dar, Integration auf Länder- bzw. Bundesebene über einen längeren Zeitraum in Zahlen zu fassen.

Integrationsmonitoring der Länder



In dem mittlerweile in der dritten Auflage vorliegenden Integrationsmonitoring der Länder[2] werden zahlreiche ausgewählte Indikatoren herangezogen, meist um Vergleiche zu ziehen zwischen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund. Dabei gilt bei Indikatoren, die beide Vergleichsgruppen einbeziehen, dass ein Abstand zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ein Anzeichen für einen Handlungsbedarf hinsichtlich des Integrationsstandes signalisiert. Beispielsweise kann die Erwerbstätigenquote Auskunft geben über die Teilhabe am Arbeitsmarkt. Eine vergleichsweise niedrigere Erwerbstätigenquote der Migranten[3] könnte in diesem Zusammenhang ein Hinweis sein auf eine schlechte Arbeitsmarktintegration.

Die Indikatoren erstrecken sich insgesamt über unterschiedliche integrationsrelevante Bereiche, um möglichst viele davon abzudecken. Neben allgemeinen demografischen Kennzahlen (z.B. Anteile der Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Altersklassen) liegen amtliche Daten für die folgenden Felder aufgeschlüsselt nach Migrationshintergrund oder Staatsangehörigkeit bereit: Die einzelnen Indikatoren sind nicht nach ihrer Bedeutung gewichtet und die daraus gewonnenen Informationen werden auch nicht in einem Gesamtindex dargestellt. Dieses wäre auch schwierig, da die meisten Bereiche (z.B. Arbeitsmarkt und Bildung) sich gegenseitig beeinflussen und eine Gewichtung einzelner Kennziffern die vielfältigen Integrationsprozesse verzerrend darstellen würde. Je nachdem welches Erkenntnisinteresse leitend ist, gewinnen also einzelne Indikatoren an Bedeutung.

Grenzen der Integrationsmessung



Bei der Bewertung der einzelnen Bereiche muss weiterhin berücksichtigt werden, dass die Integrationsmonitorings lediglich eine ungefähre Verortung des Integrationsstandes der Migranten und ausdrücklich keine Ursachen-Wirkungs-Analysen zulassen. So kann z.B. die unterschiedliche Erwerbstätigenquote von Personen mit und ohne Migrationshintergrund verschiedene Gründe haben, wie z.B. Diskriminierung der Zuwanderer oder unterschiedliche Qualifikationen bzw. einem beschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt. Hier wie auch bei anderen Indikatoren handelt es sich also um jeweils nicht als absolut zu interpretierende Kennziffern, sondern um einzelne, eindimensionale Kennzahlen eines mehrdimensionalen Bereichs. Der Versuch, Integration objektiv messbar zu machen, ist also stets mit Unsicherheiten und Einschränkungen hinsichtlich der Aussagekraft einzelner Indikatoren behaftet. Zudem unterscheidet sich die im zuletzt veröffentlichten Integrationsmonitoring verwendete Definition des Migrationshintergrundes von der Definition der beiden Vorgänger.[5] In der aktuellen Ausgabe wurde auf die etwas vereinfachte Definition des Zensus 2011 zurückgegriffen. Demnach verfügen alle Ausländer, alle "nach 1955 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderte[n], sowie alle Personen mit zumindest einem zugewanderten Elternteil"[6] über einen Migrationshintergrund.

Darüber hinaus gibt es bei einzelnen Indikatoren verschiedene Vergleichsuntergruppen der Migranten. Da die Integrationsmonitorings auf unterschiedliche Datensätze zurückgreifen, liegen unterschiedliche Kategorisierungen der Migranten vor. So stellen einige Indikatoren der Bevölkerung mit deutscher Staatsangehörigkeit Ausländer gegenüber. Ein Beispiel: Während der Indikator 'Erwerbstätigenquoten' die insgesamt etwa 16,5 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund (und damit auch alle Ausländer) einbezieht, liegen zur Arbeitslosenquote lediglich Informationen für Deutsche, d.h. auch eingebürgerte Migranten sowie für die insgesamt rund 6,8 Mio. Ausländer vor. Diese Gruppen sind jedoch sehr unterschiedlich bzgl. der Eingliederung in verschiedene, für die Integration wesentliche Bereiche wie u.a. auch den Arbeitsmarkt. So schließt die Kategorie 'Ausländer' z.B. komplett alle (Spät-)Aussiedler aus der Vergleichsgruppe aus. Für die Interpretation der einzelnen Indikatoren muss entsprechend stets mitberücksichtigt werden, über welche Vergleichsgruppen Aussagen getroffen werden.
Die beschriebenen Schwierigkeiten bei der Interpretation und Einschränkungen der Aussagekraft sind somit einerseits in der Vielschichtigkeit des Integrationsprozesses begründet. Andererseits ist jede Konzipierung eines die Integration in Zahlen abbildenden Indikatorenkatalogs an die Verfügbarkeit von Daten gekoppelt. So verspricht zwar ein Monitoring, das zahlreiche integrationsrelevante Bereiche einbezieht, einen umfassenderen Überblick. Doch vermindern die unterschiedlichen Bezugsgruppen der Indikatoren ebenfalls die Aussagekraft der Erhebungen.

Daten für 'weiche' Indikatoren fehlen



Schülerinnen der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg (© Susanne Tessa Müller)

Die in den Integrationsmonitorings verwendeten Indikatoren beziehen sich größtenteils auf objektive und von amtlicher Seite erfasste Daten, mit einem Schwerpunkt auf Arbeitsmarkt und Bildung. Mit Blick auf die darin verwendeten Bereiche ordnet man diese Art des Monitorings eher der strukturellen Integration zu – hierbei werden hauptsächlich objektive Kennziffern herangezogen. Woran es grundsätzlich mangelt sind bundesweit erhobene, 'weiche', d.h. subjektive Komponenten der Integration, wie z.B. die Werte und Normen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund oder auch der Grad ihrer Identifikation. Daher fehlt derzeit auch ein umfassendes auf die 'weichen' Faktoren abzielendes Integrationsmonitoring mit einem systematisch zusammengestellten Katalog subjektiver Integrationsindikatoren. Hierzu existieren lediglich einige Untersuchungen auf Bundesländerebene und teilweise noch kleinteiliger für einzelne Gemeinden. Zu nennen sind hier z.B. "Integration gelungen?"[7] für Baden-Württemberg, eine Studie zu ausgewählten Bereichen des interkulturellen Zusammenlebens in Berlin[8], "Zusammenleben in Hamburg"[9] für die Hansestadt oder etwa der "Interkulturelle Integrationsbericht" für München[10]. Zu beachten ist, dass die aufgeführten Studien zu unterschiedlichen Zeitpunkten erhoben wurden und auch teilweise auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen abzielen, was die Vergleichbarkeit stark einschränkt. Darüber hinaus unterscheiden sich die thematischen Schwerpunkte deutlich. Mit Blick auf die nächsten Jahre ist auf Bundesebene einzig vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration eine bundesweite Studie geplant, in der subjektive Einstellungen zu integrationsrelevanten Bereichen erhoben werden.

Fazit



Trotz der zahlreichen Einschränkungen kann ein Integrationsmonitoring durch das Abbilden unterschiedlicher Lebenslagen von Personen mit und ohne Migrationshintergrund wichtige Erkenntnisse im Hinblick auf die Integrationsentwicklung geben. Denn auch wenn die einzelnen Indikatoren keine absolute Bestimmung des Integrationsstandes erlauben, kann eine langfristig einheitliche Verwendung der Kennzahlen über die Jahre einen Erkenntnisgewinn im Hinblick auf einen Fort- oder Rückschritt in einzelnen Bereichen liefern.

Literatur



Esser, Hartmut (2006): Sprache und Integration. Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracherwerbs von Migranten.

Fick, Patrick; Wöhler, Thomas; Diehl, Claudia; Hinz, Thomas (2014): Integration gelungen? Die fünf größten Zuwanderergruppen in Baden- Württemberg im Generationenvergleich.
Online unter: http://integrationsministerium-bw.de/pb/site/pbs-bw/get/documents/mfi/MFI/Abteilung2/Referat23/IntegrationGelungen_web.pdf.

Foroutan, Naika; Canan, Coskun; Schwarze, Benjamin; Beigang, Steffen; Kalkum, Dorina (2014): Deutschland postmigrantisch II – Einstellungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Gesellschaft, Religion und Identität, Berlin.
Online unter: https://www.projekte.hu-berlin.de/de/junited/deutschland-postmigrantisch-1.

Heckmann, Friedrich (2005): Bedingungen erfolgreicher Integration.
Online unter: http://www.stmas-test.bayern.de/migration/integrationsforum/ofr0128h.pdf.

Stelle für interkulturelle Arbeit der Landeshauptstadt München (2013): Interkultureller Integrationsbericht – München lebt Vielfalt.
Online unter: http://www.muenchen.info/soz/pub/pdf/483_integrationsbericht_2013.pdf.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Alex Wittlif für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Vgl. Heckmann 2005.
2.
Neben den Integrationsmonitorings der Länder gibt es auch ein Integrationsmonitoring des Bundes. Letzteres erschien zuletzt in der zweiten Auflage 2012, ist hinsichtlich der Datenstruktur ähnlich und wird an dieser Stelle nicht weiter behandelt (http://www.bundesregierung.de/).
3.
Migranten und Personen mit Migrationshintergrund werden im Folgenden synonym verwendet.
4.
Der bislang einzige Indikator für den Gesundheitsbereich wird erst ab der nächsten Auflage des Integrationsmonitorings vorliegen.
5.
Die in den ersten beiden Integrationsmonitorings verwendete Definition wird seit 2005 im Mikrozensus geführt und ist auf der Seite des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zu finden unter: https://www.bamf.de/
6.
http://www.integrationsmonitoring-laender.de/, S.96.
7.
Online unter: http://integrationsministerium-bw.de/pb/site/pbs-bw/get/documents/mfi/MFI/Abteilung2/Referat23/IntegrationGelungen_web.pdf.
8.
Online unter: http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb-integration-migration/statistik/svr_integrationsbarometer_berlin.pdf. (Stand: März 2016)
9.
Online unter: http://www.hamburg.de/contentblob/4419094/data/umfrage-zusammenleben-in-hamburg.pdf.
10.
Online unter: http://www.muenchen.info/soz/pub/pdf/483_integrationsbericht_2013.pdf

Alex Wittlif

Alex Wittlif

Alex Wittlif ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Zu seinen Aufgaben gehört die Betreuung und Weiterentwicklung des SVR-Integrationsbarometers und die Mitarbeit an den SVR-Jahresgutachten.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln