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25.4.2013

MSOs zwischen Herkunfts- und Ankunftsland

Migrantenselbstorganisationen können im Ankunftsland und im Herkunftsland vielfältige Aktivitäten entfalten und für die jeweiligen Gesellschaften ebenso wie für die Organisationsmitglieder teilhabefördernde Wirkungen haben.

Kundgebung kurdischer Organisationen in Hamburg im Januar 2013. (© picture-alliance/dpa)


MSOs sind genuin zwischen den Herkunfts- und den Ankunftsgesellschaften ihrer Mitglieder aufgespannt. Selbst wenn ein Verband türkeistämmiger Eltern sehr stark ankunftsland- und integrationsorientiert ist und z.B. zusätzlichen Deutschunterricht für die eigenen Kinder in Deutschland organisiert, so ist das (Eltern-) Herkunftsland Türkei noch als Bezugspunkt der Definition gemeinsamer Interessenlagen präsent. Meistens ist der grenzüberschreitende Charakter und Bezug von MSOs wesentlich direkter, z.B. wenn sich diese zu Menschenrechten in den Herkunftsländern äußern oder dorthin Hilfsaktionen bzw. Geldüberweisungen organisieren. Viele Studien verweisen auf diesen grenzüberschreitenden Charakter von MSOs. In einer Untersuchung zum freiwilligen Engagement von Türkeistämmigen in Deutschland gaben 12 Prozent der Befragten an, dass ihre MSO in ihrer Arbeit gleichermaßen auf Deutschland und auf die Türkei bezogen sei (Halm/Sauer 2005). Auch eine Untersuchung zu "Selbstorganisationen von Migrantinnen und Migranten in NRW" (MASSKS-NRW 1999a und 1999b) verweist auf die grenzüberschreitenden Aktivitäten sehr vieler MSOs: Immerhin 13 Prozent der befragten Organisationen gaben als ihr Hauptaufgabengebiet "humanitäre Hilfe im Herkunftsland" an.

Für Thränhardt (2000) erweitern starke Beziehungen von Migranten und ihren MSOs zur Herkunftsgesellschaft deren soziales Kapital: Soziale Netzwerke im Herkunftsland können demzufolge eine erfolgreiche Integration im Ankunftsland stärken, etwa dadurch, dass sie soziale und personale Stabilität bieten. Gaitanides (2003, S. 27) meint, dass gerade in Deutschland der Herkunftslandbezug vieler MSOs im internationalen Vergleich besonders ausgeprägt sei: "Die starke Herkunftsland-Orientierung der Migranten-Selbstorganisationen in der Vergangenheit muss auch im Zusammenhang mit der bis zum Ende des Jahrtausends durchgehaltenen Doktrin, die BRD sei kein Einwanderungsland, und den hohen Einbürgerungshindernissen gesehen werden. Im Vereinigten Königreich sind die meisten Einwanderer – aufgrund früherer Commonwealth-Privilegien – eingebürgert. Ihre Selbstorganisationen sind daher viel stärker als die deutschen Migranten-Selbstorganisationen mit den sozialen Integrations- und den politischen Partizipationsproblemen der ethnischen Einwanderungsminoritäten befasst." In Ländern, die sich klar als Einwanderungsgesellschaften definieren, orientieren sich die Teilhabeperspektiven von Migrantinnen und Migranten mit großer Wahrscheinlichkeit eindeutiger auf eben dieses Einwanderungsland als im Falle einer verneinten oder sehr restriktiv gehandhabten Einwanderungsoption – in diesem Falle bleiben Lebensstrategien und Teilhabeorientierungen eher auch auf das Herkunftsland ausgerichtet. Dass sich diese Unterschiede in den nationalen Migrationsregimen auch auf die Ausrichtung der MSOs entweder auf das Ankunftsland, das Herkunftsland oder beide auswirken, konnte neuerlich in einer vergleichenden Studie zu Deutschland, Großbritannien, Polen und Spanien gezeigt werden (Pries/Sezgin 2012).

Grundsätzlich zeigt die Forschung: Die für gesellschaftliche Teilhabe förderlichen Funktionen von MSOs werden nicht danach bestimmt, ob sie entweder am Ankunftsland oder am Herkunftsland orientiert sind – MSOs können in beiden Bezugsräumen vielfältige Aktivitäten entfalten und für die jeweiligen Gesellschaften ebenso wie für die Organisationsmitglieder teilhabefördernde Wirkungen haben.[1]

In den letzten Jahren wurden die Potenziale von MSOs für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung im Herkunftsland und für die Integration im Ankunftsland breiter diskutiert (Schimany/Schock 2010, S. 332ff; BAMF 2012; BMZ 2012). Während solche Diskussionen in anderen Ländern (für die USA z.B. Portes et al. 2007 und 2008) schon etwas früher geführt wurden, besteht in Deutschland die Gefahr, dass die Bedeutung von MSOs nun nach Dekaden ihrer Missachtung bzw. ihrer misstrauischen Beobachtung allzu stark überhöht wird und sie gleichsam als neue "Wunderwaffen" für Entwicklung und Integration in Dienst genommen werden sollen.

Dieser Text ist Teil des Kurzdossiers "Migrantenselbstorganisationen – Umfang, Strukturen, Bedeutung".
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Autor: Ludger Pries für bpb.de
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Fußnoten

1.
In seiner Studie über türkische MSOs in Dänemark, Schweden und Deutschland kommt Jørgensen (2008) zu dem Schluss, dass "particular groups appear to be integrated (or assimilated) in majority society while at the same time display sustained transnational ties and in general articulate transnational identifications" (ebd., S. 350, vgl. auch S. 365).

Ludger Pries

Ludger Pries

Prof. Dr. Ludger Pries ist Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie/Organisation, Migration, Mitbestimmung an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Migrationssoziologie und Transnationalisierungsforschung.
ludger.pries@ruhr-uni-bochum.de


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