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30.6.2021

Konfliktbearbeitung ist der Klebstoff der Demokratie

Unterschiedliche Lebensstile, Weltanschauungen und politische Überzeugungen – die Gesellschaft wird immer heterogener. Darin liegen große Chancen, aber auch Herausforderungen für die Demokratie und ihren Zusammenhalt. Gerade im Umgang mit dieser Vielfalt steckt das produktive Potenzial sozialer Konflikte, wenn sie bewusst bearbeitet werden.

In der Demokratie haben soziale Konflikte produktives Potenzial – sofern sie aktiv bearbeitet werden. (© picture-alliance/dpa, Galyna Andrushko)


Freiheitliche Demokratien zeichnen sich durch die Anerkennung der individuellen Verschiedenheit ihrer Mitglieder aus und müssen Möglichkeiten bereitstellen, mit den daraus erwachsenden Differenzen konstruktiv umzugehen. Wächst die Heterogenität einer Gesellschaft, ohne dass auch die damit erforderliche Konfliktbearbeitung zunimmt, können entlang der Verschiedenheiten Abgrenzungen statt Austausch zunehmen und zuweilen gar dominieren; zunehmende gesellschaftliche Spaltungen können die Folge sein.

Wie lassen sich die wahrgenommenen Spaltungen der Gesellschaft entlang unterschiedlichster Konfliktlinien aufhalten, eingrenzen oder überbrücken? Aus einer Perspektive der Friedens- und Konfliktforschung lässt sich darauf folgende Antwort geben: Wo wir die Auseinandersetzung über unsere Differenzen suchen und nicht nur Übereinstimmung mit Gleichgesinnten, wo wir Konflikte austragen und Andersmeinende nicht meiden, entfalten sich die integrativen Wirkungen von sozialen Konflikten und ihrer Bearbeitung. In dieser Herangehensweise sind Unterschiede dann Anregungen für Veränderung und Konfliktbearbeitung ist das Mittel für gesellschaftlichen Zusammenhalt und soziale Integration in einer Demokratie.

Umgang mit wachsender Heterogenität entscheidend

Zweifellos scheinen Unterschiede und Vielfalt innerhalb moderner Gesellschaften zuzunehmen. Nicht nur die Differenzen zwischen Reichen und Armen, Alten und Jungen, im staatsbürgerlichen Sinne "Deutschen" und Menschen, die mit einer anderen Staatsbürgerschaft in diesem Land leben, gehören zu dieser Heterogenität. Auch die Breite und Vielfalt an Einstellungen und Meinungen zu relevanten gesellschaftspolitischen Themenfeldern wachsen – etwa im Hinblick auf Rassismus oder den Klimawandel, die Aufnahme von Geflüchteten oder den Umgang mit Anhänger*innen von Verschwörungstheorien. Zunehmende Differenzen bringen steigende Konfliktpotenziale hervor, die in einer demokratischen Gesellschaft nicht unbearbeitet bleiben sollten. Es ist nicht die Heterogenität an sich, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdet. Entscheidend ist vielmehr unsere Wahrnehmung der Unterschiede, ihrer vermeintlichen Ausschließlichkeit, unser Umgang mit den Differenzen und wie wir die damit einhergehenden sozialen Konflikte bearbeiten.

Neigen wir zur Abwertung von Menschen, bei denen wir vornehmlich die Unterschiede zu uns selbst, zu unseren Ingroups wahrnehmen, oder können wir ihnen ihr Verschiedensein zugestehen – oder neigen wird gar zur Neugier an der Andersartigkeit? Suchen wir Anregungen zur Weiterentwicklung unserer aktuellen Meinungen und sozialen Beziehungen oder nur Bestätigung unseres vorhandenen Überzeugungssystems?

Die Demokratie, zu deren Vorzügen und Kennzeichen individuelle Freiheit, öffentlich ausgetragener Streit und das ständige öffentliche Aufeinandertreffen politischer Differenzen in den unterschiedlichsten Institutionen gehören, sucht die gesellschaftliche Weiterentwicklung durch Konfliktbearbeitung. Dafür stehen neben parlamentarischen Auseinandersetzungen, Wahlkämpfen, öffentlichen Debatten und rechtlichen Verfahren noch zahlreiche weitere Institutionen der Konfliktbearbeitung bereit.

Positives Konfliktverständnis

Die Anerkennung der gesellschaftlichen Heterogenität ermöglicht einen demokratischen Umgang mit Differenzen und sozialen Konflikten. Die Interaktion mit Andersmeinenden ist dann nicht einseitig darauf gerichtet, dass die Anderen möglichst so werden sollen wie wir, sondern auf Anerkennung von Verschiedenheit. Jede*r Einzelne kennt das gute Gefühl von Anerkennung, wenn man in einem zunächst fremden Kontext statt Ablehnung Offenheit und Neugier erlebt. Wo einem mit Interesse an der eigenen Verschiedenheit begegnet wird, entsteht sozialer Austausch, gemeinschaftliche Verbundenheit und die Chance auf Veränderung durch neue Anregungen. Gegenseitige Anerkennung der Verschiedenheit und Neugier am Anderssein der Anderen bringen anhaltenden Austausch, neue Verbindungen und sozialen Zusammenhalt mit sich, bei dem die (entdeckten) Gemeinsamkeiten die Unterschiede in den Hintergrund drängen können.

Doch es gibt gesellschaftspolitische Differenzen, die kaum von Gemeinsamkeiten dominiert und überlagert werden können, etwa wenn menschenrechtliche Grundkonsense zugunsten nationalistischer oder rassistischer Benachteiligung anderer Menschen verlassen werden. Solche Differenzen entwickeln sich zu Spaltpilzen einer Gesellschaft, wenn daraus immer mehr übereinstimmende Grenzziehungen in der Wahrnehmung unserer sozialen Umwelt resultieren. Dabei werden soziale Kategorisierungen – "wir" gegen "euch" — vorgenommen und immer wieder dieselben Trennungslinien gezogen, unabhängig davon, um welche Themen und Unterschiede es geht. Das führt dazu, dass die Unterschiede zwischen der eigenen Gruppe (Ingroup) und den Anderen überschätzt werden und so die Welt in einem Schwarz-Weiß-Bild erscheint. Die Zunahme solcher vertiefter Differenzen zwischen gesellschaftlichen Sub-Gruppen verlangt nach intensivierter Konfliktbearbeitung, weil ansonsten der Austausch abbricht oder Auseinandersetzungen eskalieren.

Solches zeigte sich in jüngster Zeit etwa verstärkt in der Betonung von Differenzen zwischen einer teilweise als Ingroup wahrgenommenen "einheimischen Bevölkerung" und Menschen, die sich in ihrem sozialen Verhalten oder Kleidungsstil, ihrem Namen oder ihren kulturellen Handlungsmustern, ihren Essgewohnheiten oder politischen Prioritäten, ihrer Sprache oder ihrem Aussehen davon unterscheiden und schon bei nur einer Differenz als Teil einer Outgroup kategorisiert werden. Entlang dieser Trennungslinien werden dann leichtfertig und pauschal auch politische, religiöse, soziale und moralische Differenzen unterstellt, die den Beteiligten Dialog und Austausch nahezu unmöglich erscheinen lassen.

Angesichts solcher Entwicklungen sind sowohl die differenzierte Auseinandersetzung mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten und die öffentliche Debatte politischer Differenzen als auch ganz neue Formen und Institutionen der Konfliktbearbeitung gefragt – etwa in Form einer Weiterentwicklung von Dialogforen, Beteiligungs- oder Mediationsverfahren. Solche Institutionen der Konfliktbearbeitung sollen dabei unterstützen, Differenzen anzuerkennen, einen vermehrten Austausch mit Menschen anderer Überzeugungen zu ermöglichen und darüber auch neue Gemeinsamkeiten zu erkennen. Werden in diesem Austausch die Unterschiede thematisiert und die Differenzen artikuliert, entstehen daraus soziale Konflikte und die gesellschaftliche Heterogenität wird bearbeitbar. Verschiedenheiten entfalten dabei eine dynamische Wirkung und befördern so gesellschaftlichen Wandel in einem friedlichen Modus.

Aktive Konfliktbearbeitung

Dieser Umgang mit Konflikten ist jedoch zumeist anstrengend und mühsam — Konfliktbearbeitung eben. Zudem besitzt jeder Konflikt auch ein Eskalationspotenzial bezüglich seiner Austragungsform. Aus diesen zwei Gründen neigen wir häufig dazu, Konflikte eher zu vermeiden oder sie nicht aktiv zu bearbeiten. Wo Konflikte und deren Austragung unvermeidbar sind, etwa bei pubertierenden Kindern, unfairen Vorgesetzten, übergriffigem Verhalten machtvoll auftretender Personen oder im Zusammenhang gegensätzlicher politischer Überzeugungen, gibt es Institutionen, Muster und Regeln, nach denen diese sozialen Konflikte ausgetragen werden. Sind sich die Beteiligten ihres Konflikts bewusst und daran interessiert, ihn auszutragen, sich also auf die Auseinandersetzung einzulassen, lässt sich die Interaktion als Konfliktbearbeitung bezeichnen. Dafür sind entsprechende Regeln und Institutionen der Konfliktbearbeitung (z. B. Gerichtsprozesse, Wahlkämpfe und demokratische Repräsentation, Mehrheitsentscheidungen, Minderheitenrechte, Konsultationsverfahren, Mediation und Vermittlung) wichtig und hilfreich, weil sie die Handlungssicherheit erhöhen und das Eskalationspotenzial senken. Damit sind wichtige Voraussetzungen geschaffen, dass soziale Konflikte ihre produktiven Wirkungen entfalten können und Chancen auf Veränderung und Weiterentwicklung auch tatsächlich genutzt werden.

Unterschiede zu thematisieren und damit als soziale Konflikte bearbeitbar zu machen, muss dann nicht mehr verunsichern, sondern ist der bekräftigte Standard demokratischer Gesellschaften. Innergesellschaftliche Verschiedenheiten und Differenzen führen dann nicht zu sozialen Blöcken, die sich unversöhnlich gegenüberstehen und erhebliches Eskalationspotenzial für gesellschaftspolitische Konflikte mit sich bringen, sondern zu intensiviertem Austausch und konstruktivem Streit in einer lebendigen Demokratie. Dies verlangt für jede sich verfestigende Differenz mit sozialer Gruppenbildung nach aktiver Konfliktbearbeitung, in der auch neue, möglicherweise sogar innovative Institutionen der Konfliktbearbeitung entstehen. Auf diesem Weg der produktiven Konfliktbearbeitung entsteht der Klebstoff der Demokratie und die zunehmenden Verschiedenheiten in unserer Gesellschaft lassen sich in Integrationsmotoren umwandeln.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Zuwanderung, Flucht und Asyl: Aktuelle Themen

Literatur

Dahrendorf, Ralf: Der moderne soziale Konflikt. Stuttgart 1992.

Frick, Marie-Luisa: Zivilisiert streiten. Zur Ethik der politischen Gegnerschaft. Stuttgart 2017.

Simmel, Georg: "Der Streit", in: ders.: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Frankfurt a.M. 1908/1992, 284-382.

Weller, Christoph: Konflikte in der pluralisierten Gesellschaft. Oder: Integration durch Konfliktbearbeitung, in: Reder, Michael/Pfeifer, Hanna/Cojocaru, Mara-Daria (Hrsg.): Was hält Gesellschaften zusammen? Stuttgart 2013, 47-53.

Weller, Christoph: Konfliktanalyse in der Konfliktforschung, in: Bock, Andreas/Henneberg, Ingo (Hrsg.): Iran, die Bombe und das Streben nach Sicherheit. Strukturierte Konfliktanalysen, Baden-Baden 2014, 15-31.

Weller, Christoph: Frieden ist keine Lösung. Ein bescheidener Friedensbegriff für eine praxisorientierte Konfliktforschung, in: Wissenschaft und Frieden 38 (2020): 2, 15-18.
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Christoph Weller

Christoph Weller

Prof. Dr. Christoph Weller forscht zu gesellschaftlichen Konflikten, ihrer Analyse und Bearbeitung; er leitet den Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg.


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