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18.2.2020

Awet A.: "Wenn du Freiheit hast, ist das alles!"

Awet A. ist 2015 aus Eritrea geflüchtet. Seine Reise führte ihn über Äthiopien, Sudan, Libyen und Niger bis nach Deutschland. Eine persönliche Schilderung eines langen Weges.

Wäsche trocknet an einem vergitterten Fenster in einem Auffanglager für Geflüchtete in Misrata/Libyen 2016. Der Alltag der Geflüchteten in libyschen Lagern ist von Gewalt und Unfreiheit geprägt. (© picture-alliance/dpa, Ricardo Garcia)


Warum sind Sie aus Eritrea geflüchtet?

In Eritrea gibt es keine Menschenrechte. Das Leben ist schwer. Wenn du einmal in den Händen des Militärs bist, kommst du nicht mehr raus. Dann kannst du nicht mehr als freier Mensch leben. Der unbefristete Nationaldienst ist daher ein Grund, warum ich geflohen bin. Alles, was du da verdienst, ist für die Regierung. Persönlich hast du also keine Perspektive.

War Europa von Anfang an Ihr Ziel?

Nein, am Anfang denkst du nur darüber nach, wie du aus Eritrea rauskommst, entweder nach Äthiopien oder in den Sudan. Von Eritrea bis in den Sudan sind wir zu Fuß gelaufen. Erst als ich im Sudan war, habe ich mit dem Gedanken gespielt, nach Europa zu kommen. Im Sudan gab es so eine Art Auffanglager namens Shagarab, da habe ich drei Monate gelebt und danach bin ich nach Khartum, die Hauptstadt des Sudan, und von dort aus mit dem Auto nach Libyen.

Dieses Lager im Sudan, ist das ein staatliches Lager oder ist es in Schleuserhand?

Das ist ein Lager der sudanesischen Regierung und von Hilfsorganisationen. Es gibt einen Ort im Sudan, der heißt Kassala. Dort sammeln Soldaten die Leute aus Eritrea ein und bringen sie dann in dieses Lager. Von diesem Lager aus darfst du nirgendwo hin, du musst dableiben. Aber wir haben uns entschieden, wegzugehen. In den Lagern gibt es Leute, die mit Schleusern zusammenarbeiten. Die fragst du: "Wie kann ich rausgehen?". Das wird alles telefonisch erledigt. Sie schicken Leute, die dich mitnehmen. Im Sudan war ich ein Jahr lang und dann bin ich nach Libyen gekommen.

Wie lange hat die Reise von Sudan nach Libyen gedauert?

Normalerweise dauert die Fahrt vom Sudan nach Libyen fünf Tage, aber bei uns hat es 21 Tage gedauert, weil wir auf dem Weg von einem anderen Schleuser festgehalten wurden. Er hat uns sozusagen "geklaut". Und dann musste er mit uns einen anderen Weg nehmen, weil er sonst die anderen Schleuser getroffen hätte. Er hat uns schlecht behandelt, hat uns kein Essen gegeben und mehr Geld verlangt. Wir waren 40 Leute, die auf drei verschiedene SUVs verteilt waren. Das Trinkwasser mussten wir mit Benzin verdünnen, damit es für uns alle reicht. Drei Leute sind dadurch gestorben und wir haben sie auf dem Weg beerdigt.

Was ist dann passiert?

Wir sind nach 21 Tagen in einen Ort in Libyen gekommen, der Bani Walid heißt. Dort hat man uns in eine große Halle gesperrt, eine Art Lagerhalle mit Stahlträgern oben. Dort habe ich eineinhalb Jahre verbracht.

Wer hat Sie dort eingesperrt?

Der Schleuser, der uns auf dem Weg nach Libyen "geklaut" hat, hat uns zu einer anderen Person gebracht, die die Kontrolle über das Lager hatte. Du musst da so lange drinbleiben, bis du den Schleuser bezahlt hast. Und wenn du ihn bezahlt hast, dann kriegt der Lagerbetreiber von dem Geld, das du an den Schleuser bezahlt hast, 200 Dollar ab. Das ist sein Lohn sozusagen, dafür, dass er das Lager bewacht. Er hat an jeder Person 200 Dollar verdient. Sobald du den Schleuser bezahlt hast, bist du rausgekommen.

Wie war die Situation in der Lagerhalle, in der Sie eingesperrt waren?

Wir waren ungefähr 400 Leute. Wir hatten alle zusammen einmal pro Tag zwei Kilo Essen, wenn du Glück hattest, zweimal täglich. Wasser zum Trinken und zum Duschen gab es in einem Badezimmer. Du bekamst den Befehl: "Geh da rein zum Duschen!" und wenn du anfängst zu duschen, voll mit Seife bist und der Aufpasser sagt: "Geh raus, jetzt reicht es!", musst du mit Seife rauskommen. Da gab es sehr unschöne Situationen. Diese Bäder haben Gitter, die wurden nachts verschlossen. Wenn du nachts Wasser lassen musstest, musstest du das an Ort und Stelle machen oder es in einer Tüte aufbewahren. Du konntest nachts auch nichts trinken. Auf den Weg zum Badezimmer wurdest du geschlagen und verfolgt. Du musstest schnell dein Wasser nehmen oder aus dem Hahn trinken und dann wurdest du auf dem Rückweg wieder geschlagen, bis du zurück an deinem Platz warst. Die Leute haben Angst, dass du wegrennst.

Eigentlich wurdest du jede Nacht geschlagen. Ein Grund dafür ist auch das Geld, das du besorgen musst – das deine Familie besorgen muss. Ich habe einen Betrag von 3.600 Dollar vereinbart gehabt, um bis nach Italien zu kommen, aber bezahlt habe ich 5.500 Dollar. Die Leute des Schleusers kommen jeden Abend und fragen: "Wo ist das Geld?" Du musst es besorgen oder du wirst geschlagen. Das ist jeden Abend so.

Und wie gelangen die an ihr Geld?

Die haben ein System. Wie das Geld übergeben wird, denken sie sich jedes Mal neu aus. Es gibt Leute in Eritrea, die rufen aus Telefonzellen deine Familie an. Sie nennen ihnen den Ort, an dem das Geld übergeben werden soll. Dann beobachten sie, ob die Geldübermittler jemanden bei sich haben, der sie festnehmen könnte. Dann nehmen sie das Geld und hauen ab.

Wie ging es weiter, nachdem Sie freigelassen wurden?

Ich wurde an einen Schleuser übergeben, der mich bis nach Italien bringen sollte. Das hat er aber nicht gemacht. Er hat mich an einen anderen Schleuser übergeben. Die Schleuser, die nach Eritrea oder ins Ausland Kontakt haben, die nehmen dich nur als Gefangene oder als Ware und du wirst an andere verkauft. So verdienen die ihr Geld und so war das bei mir auch: Der libysche Mann hat mich an jemanden verkauft, der auch ins Ausland Kontakt hatte. Der hat mich dann wieder eingesperrt – sechs Monate lang.

War es dort genauso wie in dem anderen Lager?

Es war ein bisschen besser als in dem anderen Lager: Die Toiletten und Bäder konntest du jederzeit benutzen. Die Versorgung mit Essen war aber genauso schlecht.

Was ist nach den sechs Monaten passiert?

Ich habe 2.000 Dollar bezahlt und der Schleuser hat uns auf ein Boot gebracht. Auf dem Meer hat uns dann die libysche Küstenwache festgenommen. Sie haben uns drei Tage auf dem Meer festgehalten und dann zur Küste gebracht. Dort hat uns das UNHCR registriert und sie haben uns in eine Art Halle gebracht, die von libyschen Soldaten bewacht wurde. Die haben uns oft nur dann gut behandelt, wenn Leute aus dem Ausland kamen. Einmal ist eine Frau aus Frankreich gekommen. Vor ihrem Besuch haben sie uns gesagt, dass wir unsere beste Kleidung anziehen und alles saubermachen sollen. Nachdem die Frau weg war, haben sie uns alle Sachen weggenommen und wir mussten wieder die alten Sachen anziehen. Aber der Tag war sehr schön, weil alles erlaubt war.

Und UNHCR weiß, was dort vor sich geht?

Natürlich wissen die Leute vom UNHCR das. Es gab mal den Fall einer Frau, die ein bisschen hysterisch war. Der Vorgesetzte des Lagers hat sie geschlagen und einer von den UNHCR-Leuten hat gefragt, warum er das tut. Er antwortete: "Das ist Libyen! Wenn du möchtest, kannst du rausgehen. In Libyen darfst du mich nicht anmeckern." Die Leute vom UNHCR wissen das auch und sagten zu uns: "Ihr seid nur einen kurzen Moment hier, bitte haltet durch!" Sie wissen, dass die libyschen Soldaten uns so etwas antun.

Wie lange waren Sie in dem Lager?

Ich musste ungefähr eineinhalb Monate dortbleiben. Dann bin ich in den Niger ausgeflogen worden. Dort habe ich Selamawi M. kennengelernt. Wir sind dann später gemeinsam nach Deutschland gekommen.

Wie ist es Ihnen im Niger ergangen?

Das Essen war besser. Aber die Hauptsache war die Freiheit. Du wurdest nicht geschlagen, du konntest kommen und gehen, wann du willst. Wenn du Freiheit hast, ist das alles!

Wie lange waren Sie im Niger?

Acht Monate. Ich habe in dieser Zeit zwei Interviews mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geführt und zwei Gesundheitschecks durchlaufen. Bis zum Schluss wusste ich aber nicht, dass ich nach Deutschland kommen werde.

Wie lange waren Sie insgesamt unterwegs, um von Eritrea nach Deutschland zu kommen?

Am 7. Januar 2015 habe ich Eritrea verlassen und im Oktober 2018 bin ich in Deutschland gelandet. Dazwischen liegen dreieinhalb Jahre.

Wie geht es Ihnen heute in Deutschland und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Mir geht es gut. Ich möchte mich selbst tragen können, eine Ausbildung machen und selbstständig leben.

Das Interview führte Laura Hartmann. Mündliche Übersetzung aus dem Tigrinischen: Frezghi Akalu.
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