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23.12.2011

Chancen und Perspektiven

Deutschland nimmt eine Vorreiterrolle bei der Entwicklung hin zu einer schrumpfenden Bevölkerung ein. Seine Erfahrungen bei der notwendigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anpassung, die auf verschiedenen Ebenen nicht nur Probleme darstellt, sondern auch Chancen bedeutet, können für andere Länder wegweisend sein.

Ein Spaziergänger ist am am Bodensee mit einer Gehhilfe unterwegs. (© AP)


Deutschland ist weltweit ein Vorreiter bei der Bevölkerungsschrumpfung und gehört mit Japan zu den Ländern mit der intensivsten demografischen Alterung. Trotz der teilweisen Kompensation des Geburtendefizits durch die Zuwanderung junger Menschen wirkt sich die demografische Alterung in Deutschland nachhaltiger und wesentlich früher aus als in allen vergleichbaren Nationen.

Diese demografischen Veränderungen sind seit langem absehbar, sie wurden von der Wissenschaft seit Jahrzehnten prognostiziert. Bei der öffentlichen Auseinandersetzung mit ihnen gab es drei Phasen: Von Mitte der 1970er Jahre bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden die demografischen Probleme meist ignoriert, bestritten und tabuisiert. Was sei schlimm daran, wenn Deutschland statt 80 Millionen nur beispielsweise 40 Millionen Einwohner hätte, daraus ergäben sich doch beispielsweise Chancen für die Umwelt? Bei dieser Frage wird übersehen, dass die Bevölkerungsschrumpfung ein Prozess ist, den man nicht an einer beliebigen Stelle anhalten kann, wenn er einmal in Gang gekommen ist. Vielmehr setzt sich die Schrumpfung so lange fort, wie ihre Ursachen weiterwirken, gegebenenfalls auch im nächsten Jahrhundert. In der zweiten Phase, die bis etwa 2005 andauerte, wurde die Existenz der demografischen Probleme zunehmend anerkannt und die Versäumnisse sowie die Verzögerungen wurden zugegeben.

In der heutigen, dritten Phase ist Demografie zu einem Modethema geworden. Es besteht jetzt sogar die Gefahr, dass die notwendigen politischen Reformen von den inflationsartig zunehmenden Diskussionen und Tagungen in den Hintergrund gedrängt werden. Jetzt werden Versäumnisse und Verzögerungen zwar zugegeben, aber es ist immer noch weitgehend unbekannt, dass der demografische Wandel konfliktträchtige Folgen hat, die nicht immer mit ihm in Verbindung gebracht werden.

Lassen sich aus der Schrumpfung und Alterung aber auch konkrete Chancen ableiten? Sie eröffnen sicherlich die Möglichkeit, dass Deutschland im Umgang mit den demografisch bedingten Problemen Lösungen entwickelt, die später auch für andere Länder wichtig sein werden.

Auf Gemeindeebene könnte eine solche Chance darin bestehen, die nach dem Zweiten Weltkrieg vielerorts hastig wiedererrichteten Städte behutsam zu rekonstruieren und die Qualität ihrer architektonischen und gestalterischen Substanz wieder zu entdecken, um sie für künftige Generationen zu erhalten.

Die entscheidende Aufgabe liegt jedoch in einer erfolgreichen Integration der zugewanderten Bevölkerung – der künftigen Mehrheitsbevölkerung bei den Jüngeren in vielen Großstädten, sowie in einer Integration der Älteren in den Arbeitsmarkt und in neu zu entwickelnde soziale Dienste und Netzwerke.

Auf regionaler Ebene bietet sich die Gelegenheit, den jahrzehntelangen Trend zur Zersiedlung der Landschaft durch die Stadt-Umland-Wanderung (Suburbanisierung) zu beenden und in eine Reurbanisierung umzukehren, um die Vitalität der Städte zu stärken. Dies bedeutet jedoch, dass gleichzeitig Siedlungen aufgelöst werden müssten, was Mut und planerische Weitsicht in einem bisher ungewohnten Maße voraussetzt.

Auf Landesebene ergibt sich die Chance, die vom Grundgesetz aufgegebene, seit Jahrzehnten aufgeschobene Neugliederung des Bundesgebiets in die Tat umzusetzen, um leistungsfähige Länder zu schaffen. Die vom Grundgesetz geforderte Herstellung "gleichwertiger" (nicht gleichartiger) Lebensbedingungen in allen Teilen des Landes bietet die rechtliche Grundlage für die Verwirklichung schrumpfungsbedingter Reformen, vorausgesetzt, dass die Risiken nüchtern analysiert und angegangen werden.

Auf nationaler Ebene und für jeden einzelnen liegt eine Chance der Schrumpfung und Alterung darin zu erkennen, wie stark wir von der solidarischen Unterstützung durch die nachrückenden, jüngeren Generationen abhängig sind, mit anderen Worten, dass es gute Gründe gibt, die Gesellschaft, in der wir leben, zu erhalten, indem wir ihre demografische Tragfähigkeit sichern.

Demografiepolitik – gestalten oder verwalten?

Im November 2009 beschloss die Bundesregierung auf dem Brandenburgischen Schloss Meseberg die Entwicklung einer Demografiestrategie, welche die demografische Lage Deutschlands erfassen und die daraus ableitbare künftige Entwicklung analysieren soll. [...]

Herwig Birg

Zur Person

Herwig Birg

Prof. Dr. rer. pol. habil. Herwig Birg war von 1981 bis 2004 Leiter des Lehrstuhls für Bevölkerungswissenschaft und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik (IBS) der Universität Bielefeld. Seine Hauptforschungsgebiete sind Bevölkerungstheorie, Fertilitätstheorie, Migrationstheorie, Mortalitätsanalyse und Lebenserwartung, Bevölkerungsprognose- und Simulationsmodelle sowie Bevölkerungsprojektionen. Kontakt: »herwig.birg@uni-bielefeld.de« Homepage:»www.herwig-birg.de«


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