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26.11.2020

Israelbezogener Antisemitismus an Schulen

Phänomen – Forschungsbefunde – Umgang

Auch 75 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ist der Antisemitismus weiter ein Problem in Deutschland – auch an Schulen. Er manifestiert sich heute häufig mit einem Israelbezug und wird in dieser Form von vielen Lehrkräften nicht als Problem wahrgenommen oder gar als "legitime Kritik" verharmlost. Was ist israelbezogener Antisemitismus, wie stellt er sich an Schulen dar und wie sollten Lehrkräfte auf ihn reagieren?

Zwei Mädchen am Zaun der jüdischen Lichtigfeld-Schule in Frankfurt am Main. Für jüdische Schüler und Lehrer ist Antisemitismus schon lange ein Problem mit dem sie regelmäßig konfrontiert sind. (© picture-alliance/dpa, Frank Rumpenhorst)

Antisemitismus an Schulen ist den vergangenen Jahren auch für die Öffentlichkeit als Problem sichtbar geworden, da wiederholt Angriffe auf jüdische Schüler eine Medienberichterstattung nach sich gezogen haben.[1] Für jüdische Schüler und Lehrer ist Antisemitismus schon lange ein Problem mit dem sie regelmäßig konfrontiert sind, und das häufig, ohne dass ihre Mitschüler und Lehrer dies wahrnehmen. Insbesondere ist das in den Situationen der Fall, in denen Antisemitismus mit einem Israelbezug artikuliert wird, d.h. die Judenfeindschaft ihren Ausdruck als Israelfeindschaft oder vermeintliche Israelkritik findet (vgl. Zick et al. 2017: 62). In der Folge sind viele Schulen zu Orten geworden, an denen Antisemitismus nicht angemessen entgegengewirkt wird. Das ergeben die Befunde einer qualitativ-sozialogischen Studie über Antisemitismus an Schulen in Deutschland (vgl. Bernstein 2020), die als Grundlage dieses Artikels dienen.[2]

Dass israelbezogener Antisemitismus nicht sozial geächtet wird, ist ein gesellschaftliches Problem, dass in der Schule lediglich wie unter einem Brennglas sichtbar wird. Um ihn an Schulen thematisieren zu können, bedarf es also zuvorderst einer Annäherung an das Phänomen Antisemitismus, wie es sich nach dem Holocaust in der deutschen Gesellschaft entwickelt hat.

Was ist Antisemitismus?

Antisemitismus bezeichnet Judenfeindschaft, wie sie sich seit über zweitausend Jahren als Diskriminierungs- und Gewaltpraxis in unterschiedlichen Erscheinungsformen entwickelt hat. Die unterschiedlichen Erscheinungsformen basieren auf einem ideologischen Ordnungsentwurf des Verhältnisses von einer Gemeinschaft zu den Juden, der je nach dem religiös, national, "rassisch" oder kulturell begründet wird. Die Juden werden in diesem Entwurf der kollektiven Identität dieser jeweiligen Gemeinschaft gegenübergestellt und als "unterlegene" religiöse, ethnische, "rassische" oder kulturelle Minderheitengruppe abgewertet und zu deren Feinden erklärt.

Der Antisemitismus endet also nicht bei der stereotypen Wahrnehmung und Abwertung von Juden als Minderheit und der Konstruktion einer "Andersartigkeit". Er ist nicht nur ein Vorurteil, sondern gründet vielmehr auf einem Ressentiment (vgl. Ranc 2016: 10) und einer Weltanschauung, die bei den Trägern antisemitischer Einstellungen Feindbilder und Legenden von "allmächtigen Juden" strukturieren (vgl. Postone 1991: 6) und in imaginierte Bedrohungsszenarien überführen, um Juden als "absolutes Böses" und Personifizierung aller Übel zu dämonisieren (vgl. Adorno/Horkheimer 1944/2008: 177).

Der Antisemitismus spannt sich so in einem widersprüchlichen Judenbild auf, das gegenüber Juden als Minderheit entlang von Stereotypsierungen einerseits eine Unterlegenheit, andererseits in Feindbildern und Legenden eine Überlegenheit markiert. So steht z.B. auf den ersten Blick die rasseideologische Vorstellung vom Juden als krankem, schwachen und "den Volkskörper zersetzenden" Element der antisemitischen Vorstellung entgegen, "die Juden" seien Vertreter übermächtiger Kräfte, von denen man sich befreien müsste. Aber auch die allmachtzuschreibenden Feindbilder und Legenden stehen in ihrer Ausgestaltung mitunter in einem Widerspruch zueinander, werden Juden doch als Antagonisten der Gemeinschaft und damit als omnipotente Urheber beliebiger, die Gemeinschaft bedrohender Übel imaginiert (vgl. Salzborn 2012: 192); etwa sowohl als "Kommunisten und Kapitalisten". Damit wird eine Übermacht und Herrschaftsposition von Juden konstruiert, die die Gemeinschaft insgeheim beherrsche.

Antisemitismus wohnt also eine Struktur der Wahrnehmung, des Denkens und des Fühlens inne, nach der der Weltverlauf ein unauflöslicher Antagonismus ist zwischen der das "absolute Gute" verkörpernden Gemeinschaft und den als "absolutes Böse" dämonisierten Juden. Dabei kann jedes gesellschaftlich wirksame Ereignis als Beleg des imaginierten Verschwörungswirkens einer jüdischen Herrschaft und damit als Ausdruck der "jüdischen Überlegenheit" bzw. der Ohnmacht und Bedrohung der Gemeinschaft ausgewiesen werden. Da der Antisemitismus eine Position begründet, in der sich die Gemeinschaft von allmächtig imaginierten Feinden in ihrer Existenz bedroht wähnt, lässt er nicht nur die Gewalt gegen Juden als Notwehr erscheinen, vielmehr zielt er in letzter Konsequenz auf die als "Sieg über das Böse" verstandene Vernichtung der Juden ab.

Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit wurde die Judenfeindschaft religiös begründet und z.B. konkretisiert in Legenden vom gottes-[3] und Ritualmord sowie in Feindbildern über Verrat, List und Wucher. Diese Legenden konstruierten Bedrohungsszenarien, die als Rechtfertigung dienten, um Juden zu diskriminieren und anzugreifen. In der Moderne wurde die Judenfeindschaft im Zusammenhang mit der nationalen Identität der Gemeinschaft begründet, die Legenden und Feindbilder wurden säkularisiert. Das Verhältnis zwischen Gemeinschaft und Juden wurde dann infolge sozialdarwinistischer und rassistischer Vorstellungen pseudowissenschaftlich biologisiert: "Dem jüdischen Wesen" wurden feststehende spezifische körperliche und charakterliche Eigenschaften zugeschrieben und aus dieser Andersartigkeit ein "Rasseverhältnis" zur Gemeinschaft konstruiert. Auf dieser ideologischen Grundlage ermordeten die Nationalsozialisten Millionen von Juden. Mit den Verbrechen des Nationalsozialismus offenbarte sich die eliminatorische Dimension des Antisemitismus. Die kalt geplante und industriell betriebene Ermordung der europäischen Juden ist der größte Zivilisationsbruch der Geschichte.

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist der Antisemitismus in der Öffentlichkeit weitestgehend geächtet. Doch obwohl das öffentliche Bekenntnis zur Judenfeindschaft weitgehend tabuisiert ist, sind weder die antisemitischen Feindbilder und Legenden noch das ihnen zugrunde liegende Weltbild und Ressentiment verschwunden (vgl. Bergmann/Erb 1986). Vielmehr hat sich der Antisemitismus um die Dimensionen der Schuld- und Erinnerungsabwehr erweitert. Juden erscheinen als Hindernis einer positiven persönlichen, familiären oder nationalen Identität und verhindern eine Identifikation mit dem nationalen Kollektiv, welches als schambesetztes Objekt an die nationalsozialistische Geschichte und biographische Verstrickungen gemahnt. Das weckt ein Schuldabwehr- und Entlastungsbedürfnis, aus dem häufig die Relativierung des Holocaust oder der Täterschaft und Aggressionen gegen Juden als Nachkommen der Opfer des Holocaust folgen (vgl. Chernivsky 2017: 270 ff.).

Für die in Deutschland lebenden Juden gehören Anfeindungen mit durch den Antijudaismus und modernen Antisemitismus tradierten Feindbildern und Legenden, aber auch mit relativierenden oder gar glorifizierenden Bezugnahmen auf den Holocaust (vgl. Bernstein/Diddens 2019) zum Alltag. Zudem werden sie von Antisemiten als vermeintliche Repräsentanten für die reale oder imaginierte Politik Israels verantwortlich gemacht. Ihnen schlägt z.B. Wut entgegen, wenn sie sich als Juden zu erkennen geben, und man zeigt ihnen Bilder, die Israel als Aggressor im Nahostkonflikt darstellen (vgl. Zick et al. 2017a: 69). Gerade letztere Forschungsergebnisse weisen auf die gegenwärtig dominierende Erscheinungsform des Antisemitismus hin, die sich nach dem Holocaust und der Gründung des jüdischen Staats mit einem Israelbezug entwickelt hat.

Was ist israelbezogener Antisemitismus?

Im israelbezogenen Antisemitismus wird das antisemitische Ressentiment auf den jüdischen Staat gerichtet und die tradierten Feindbilder und Legenden auf ihn übertragen. Vor dem Hintergrund der Ächtung des Antisemitismus ermöglichen Bezugnahmen auf den Nahostkonflikt, Juden in der Öffentlichkeit abwerten und dämonisieren zu können. In Abgrenzung zu einem auf rassistische Erscheinungsformen reduzierten Antisemitismus legitimiert sich israelbezogener Antisemitismus als "Kritik" am Staate Israel, an seiner Politik oder an seinem Handeln im Nahostkonflikt. Oft heißt es dann, es würde dabei über den Staat Israel, aber nicht über Juden und Judentum geurteilt.

Aber ebenso wie im antisemitischen Weltbild Juden wahrgenommen und beurteilt werden, wird auch der Nahostkonflikt zum Fluchtpunkt antisemitischer Projektionen und Imaginationen. Unabhängig davon, wie Israel in einer spezifischen Konfliktkonstellation handelt, ob es um eine Verteidigung gegen Krieg oder Terror oder um die Wahrung der staatlichen Souveränität geht, gilt der jüdische Staat oft im Alltagsdenken als "Aggressor" und "Ursache" des Konflikts. Dadurch wird seine Geschichte und Wahrnehmung als Ereignisfolge verzerrt. Der jüdische Staat, dessen Entstehungsgeschichte wesentlich im Holocaust gründet, wird im weltanschaulichen Muster des Antisemitismus im Phantasma, er verkörpere das Böse und unterdrücke die das Gute repräsentierende Gemeinschaft der Palästinenser oder der Muslime, in seiner Existenz delegitimiert.

Diese Delegitimierung basiert auf einer Dämonisierung (vgl. Sharansky 2004; Salzborn 2013: 10), mit der tradierte antisemitische Feindbilder und Legenden auf Israel übertragen werden. So wird das, wofür einst Juden dämonisiert wurden, heutzutage dem jüdischen Staat zum Vorwurf gemacht (vgl. Schwarz-Friesel/Reinharz 2013: 195 ff.): etwa das Phantasma des Kindermords als Modifizierung der mittelalterlichen Ritualmordlegende oder das Phantasma einer allmächtigen jüdischen bzw. zionistischen Verschwörung, die andere Staaten oder die Weltpolitik manipuliere und lenke.

Aber auch mit Blick auf gegenwärtig konsensuell moderne Leitwerte – z.B. die Ächtung von Kolonialismus und Rassismus oder die Wahrung des Menschen- oder Völkerrechts – wird Israel im antisemitischen Weltbild als das "absolute Böse" dämonisiert. Dem jüdischen Staat werden dann Verletzungen konsensueller moderner Leitwerte vorgeworfen. Z.B. wird der israelische Staat als solcher u.a. als kolonialistisch, rassistisch oder als Apartheidstaat dämonisiert und delegitimiert (vgl. Schwarz-Friesel 2019: 89 f.). Das heißt, dass ungeachtet der Geschichte der Juden im heutigen Staatsgebiet Israels, der Legitimität ihrer Präsenz im Nahen Osten, des Rechts zur nationalen Selbstbestimmung der Juden und vor allem der demokratischen Verfasstheit sowie der Bürgerrechte der arabisch-palästinensischen Minderheit in Israel ein Zerrbild konstruiert wird, das die Feindschaft oder die "Kritik" nicht nur als gerechtfertigt, sondern als gefordert erscheinen lässt.[4] Dem israelbezogenen Antisemitismus geht es also nie um Debatte, historische Analyse und empirischen Befund, sondern um einseitige Schuldzuschreibung und ein Schwarz-Weiß-Denken.

Eine weitere Dämonisierungsstrategie basiert auf der Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus bzw. dem Vergleich der Palästinenser mit den Juden als Opfer des Holocausts. Dem jüdischen Staat wird in diesem Zusammenhang etwa vorgeworfen, sich so zu verhalten wie die Nationalsozialisten und einen Völkermord an den Palästinensern zu begehen.

Die mit dieser Dämonisierung zum Ausdruck kommende Relativierung des Holocaust erfüllt somit eine weitere Funktion: die der Schuld- und Erinnerungsabwehr. Mit der auf Israel gerichteten Feindbildkonstruktion werden Juden, gleich ob in explizierter oder impliziter Form, zu Tätern erklärt. Dieser Umstand rechtfertigt dann "Kritik" oder gar Feindschaft. In spezifischen Milieus dient diese Täter-Opfer-Umkehr zudem zum einen der Abwehr einer Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und eigenen biographischen Verstrickungen; zum anderen der Entlastung von den Verbrechen an den europäischen Juden, wodurch eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Geschichte und einem nationalen Kollektiv erleichtert wird.

Der antisemitische Gehalt der "Israelkritik" folgt in diesem Zusammenhang nicht notwendigerweise aus einer expliziten antisemitischen Dämonisierung, sondern daraus, die "Kritik" an Israel als Ventil für das antisemitische Ressentiment zu nutzen. Die dem zugrundliegenden Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster lassen sich als einseitig und verzerrt beschreiben und basieren auf der Bewertung des jüdischen Staats auf doppelten Standards (vgl. Sharansky 2004). Israel wird also für Handlungen kritisiert, andere Staaten für die gleichen Handlungen aber nicht.

Wie drückt sich israelbezogener Antisemitismus in der Schule aus?

In einer 2017 und 2019 durchgeführten Studie an 171 Schulen in Deutschland wurden die Antisemitismuserfahrungen jüdischer Schüler und Lehrer sowie die Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmuster nichtjüdischer Lehrer ermittelt. Aus den Ergebnissen lässt sich schließen, dass der israelbezogene Antisemitismus weitverbreitet ist und eine wesentliche Dimension des Problembereichs Antisemitismus an Schulen abbildet (vgl. Bernstein 2020: 201 ff.). Jüdische Schüler und Lehrer sind mit antisemitischen Feindbildern unterschiedlicher Erscheinungsformen konfrontiert, besonders häufig jedoch mit solchen, die einen Israelbezug aufweisen. Der israelbezogene Antisemitismus ist sowohl in der Schüler- als auch in der Lehrerschaft verbreitet und folgt bei beiden Akteursgruppen den gleichen Mechanismen und Funktionen sowie Dämonisierungen. Während er sich in den Handlungen von Schülern häufig aggressiv manifestiert, findet er bei einigen Lehrern einen im Vergleich zum Handeln der Schüler gemäßigten und als "Kritik" legitimierten Ausdruck.

Repräsentationslogik

Jüdische Kinder und Jugendliche werden ungeachtet ihrer Staatsbürgerschaft oder ihrer Überzeugungen von ihren Mitschülern als Repräsentanten Israels wahrgenommen und vor diesem Hintergrund angefeindet. Sinnfällig wird dieses Moment an dem folgenden an eine jüdische Schülerin gerichteten Vorwurf im Verweis auf Geschehnisse in Israel: "Schau, was dein Volk tut". Auch die an einen jüdischen Schüler gerichtete vulgäre Verurteilung illustriert die Konstruktion eines homogenisierten jüdisch-israelischen Kollektivs: "Ihr Juden macht da unten im Nahen Osten so eine Scheiße." Solche Anfeindungen gehen häufig mit einem offenen Bekenntnis zum "Israelhass" einher und drücken sich im Handlungsspektrum von Beleidigungen, Bedrohungen und physischer Gewalt aus.

Auch bei einigen Lehrkräften strukturiert die antisemitische Repräsentationslogik ihr Handeln gegenüber jüdischen Kindern und Jugendlichen. Diese werden häufig im schulspezifischen Arrangement des Politikunterrichts und vor dem Hintergrund der Thematisierung des Nahostkonflikts als Repräsentanten des jüdischen Staats wahrgenommen und mit der Erwartung konfrontiert, als Experten über ein gefestigtes Wissen zu verfügen, als Stellvertreter aufzutreten oder sich von tatsächlichen oder vermeintlichen Handlungen Israels zu distanzieren.

Übertragung tradierter antisemitischer Feindbilder und Legenden

In der Schülerschaft folgt die antisemitische Dämonisierung häufig der Übertragung tradierter Feindbilder und Legenden gegenüber Juden auf den Staat Israel. Besonders die mittelalterliche Ritualmordlegende erfährt im Nahostkonflikt eine Modifizierung als Phantasma vom "Kindermord" und ist unter Schülern populär. Häufig sind es muslimische Schüler, die jüdische Schüler mit dieser Dämonisierung konfrontieren; so etwa ein Fünftklässler, der zu einem jüdischen Mädchen sagte, er wisse, dass ihre Eltern aus Israel kommen und Juden Kinder töten, oder ein Schüler, der sich auf die türkischen Nachrichten berief und zu seiner jüdischen Mitschülerin im Biologieunterricht meinte: "Ihr Juden seid doch scheiße, schau mal nach Israel, da essen Soldaten Kinder". Gegenüber einem jüdischen Lehrer äußerte sich die Mutter eines Schülers besorgt, ihr Sohn wolle nicht, dass er in Israel Urlaub mache, da der Imam Israel als "Kindermörder" bezeichnet hat. Auch antisemitische Verschwörungsmythen über eine durch Israel oder "die Zionisten" errichtete "jüdische Herrschaft" und "Manipulation" sind unter Schülern verbreitet, etwa im Glauben daran, der jüdische Staat kontrolliere den Discounter Lidl oder sei für die Terroranschläge vom 11.09.2001 in den USA verantwortlich.

Wenn Lehrkräfte tradierte antisemitische Feindbilder oder Legenden auf Israel übertragen, werden diese häufig nicht expliziert, aber als Botschaft ihrer Aussagen über Israel kommuniziert. Eine jüdische Schülerin beschreibt dies so, dass ihre Lehrer sich zwar nicht offen antisemitisch äußern, aber die mit den tradierten Feindbildern verbundenen Eigenschaften nun Israel zuschreiben, wie z.B., dass der jüdische Staat rachsüchtig sei.

Dämonisierung, Delegitimierung und ihre Aufwertung

Unter Schülern erhält die Dämonisierung Israels auch in der Überzeugung einen Ausdruck, der jüdische Staat gründe darauf, Land gestohlen oder gar einen palästinensischen Staat zerstört zu haben. Die Dämonisierung als "Landräuber" basiert auf der Prämisse, jüdische Präsenz auf dem historisch jüdischen Gebiet komme einer Besatzung gleich, und geht zudem mit der Imagination weiterer Verbrechen einher. Eine Schülerin hat etwa bei einem Referat ihre Überzeugung kundgetan, Israels Staatsgründung verlief mit der Unterstützung der Briten so, den "Palästinensern das Land geklaut und […] alle ermordet" zu haben. Die Dämonisierung Israels vollzieht sich aber auch diffus im Phantasma, dass "Juden die Muslime töten", wie es ein Schüler äußerte. Die Konstruktion solcher Bedrohungsszenarien dient mitunter gar der Legitimierung oder Glorifizierung von Gewalt. Auch Vernichtungsphantasien werden von Schülern vorgetragen. So wurde etwa eine jüdische Schülerin von ihrer palästinensischen Mitschülerin mit islamistischer Propaganda und der Botschaft konfrontiert, dass Israel zerstört werden werde.

Bei "israelkritischen" Lehrkräften wiederum verhält es sich so, dass sie diesen Dämonisierungen zustimmen, diese aber in Bezugnahmen auf beispielsweise Besatzungs- oder Siedlungspolitik elaborieren. Dabei lässt sich bei diesen Lehrkräften die Tendenz feststellen, den Antisemitismus von palästinensischen oder muslimischen Schülern zu rationalisieren, also die Geltung antisemitischer Feindbilder und Dämonisierungen anzunehmen und darauf basierend Hass auf Juden als "nachvollziehbare" oder "logische" Reaktion auszugeben. Dafür steht diese Äußerung einer Lehrkraft exemplarisch: "Aber, äh, man kann es nachvollziehen, warum Leute, äh, die aus der Gegend kommen, so einen Hass aufbauen." Die Äußerung einer anderen Lehrkraft folgt ebenso diesem Muster und verdeutlicht, dass es für sie eine "nichtantisemitische Judenfeindschaft" gibt: "Aber was halt schon klar ist, dass die Schülerin, die aus Palästina kommt, halt klar aus ganz anderen Gründen eben was gegen Juden hat […], die mag natürlich keine Juden."

Dämonisierung und Schuldabwehr

Die Gleichsetzung Israels mit dem nationalsozialistischen Deutschland wird als Dämonisierung auch gegen jüdische Schüler gerichtet. Eine jüdische Schülerin wurde von einem Mitschüler bei einer Diskussion über Israel im Deutschunterricht vor der Klasse angebrüllt: "Die Israelis machen genau dasselbe mit Palästinensern, was die Nazis mit den Juden gemacht haben." Das meinte auch ein Schüler, der dies zum Anlass nahm, nach der Thematisierung der Befreiung von Auschwitz im Unterricht gegenüber seinem jüdischen Mitschüler einzufordern, einen Schlussstrich unter den Holocaust zu ziehen: "Man sollte ja diese ganze Sache jetzt […] endlich vergessen." (vgl. Zick et al. 2017a: 63). Diese Täter-Opfer-Umkehr zur Schuldabwehr geht auch von manchen Lehrkräften aus. So fordert eine Lehrkraft einerseits, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust "kompakt abgeschlossen" werden sollte, während sie gleichzeitig einen "Teufelskreis" moniert, den sie mit Bezug auf den Holocaust und Israel darin sieht, "dass gerade Menschen, die so etwas erlebt haben, nun selbst so etwas machen bzw. weitertreiben."

"Israelkritik"

In diesem Zusammenhang legt sich die Funktion der von manchen Lehrkräften vertretenen "Israelkritik" als Schuldabwehr offen. Eine Lehrkraft hat ihre "Israelkritik" mit der Gleichsetzung einer Militärhandlung Israels zu Verteidigungszwecken mit der nationalsozialistischen Vernichtungspraxis begründet: "Da sind sie [Israelis, J. B.] sehr hart und grausam oft […] Die letzten Vorfalle am Gaza-Streifen, da sterben Leute, weil sie auf die andere Seite vom Zaun wollen, das geht nicht, genauso wenig wie Menschen in die Gaskammer zu schicken […].". Dass die Relativierung des Holocaust und die Dämonisierung Israels durch die Gleichsetzung mit dem Nationalsozialismus als Ausdruck des israelbezogenen Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet ist, belegen empirische Untersuchungen (vgl. Zick et al. 2017b: 27). Der Aussage, "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben", haben im Jahr 2018 rund 39 Prozent der Befragten zugestimmt (Zick/Berghan/Mokros 2019: 70).

Diese weite Verbreitung der "Israelkritik" konterkariert die Empfindung "israelkritischer" Lehrkräfte, denen zufolge "Israelkritik" unterdrückt werde. Dabei gilt vielen der Hinweis auf den Antisemitismus und der damit verbundene Anspruch der Ächtung als willkürlicher und als schwerwiegend geltender "Antisemitismusvorwurf", um unliebsame "Kritiker" mundtot zu machen. Diese selbstheroisierende Pose widerspricht letztlich der empirischen Verbreitung und Popularität der "Israelkritik", stellt einen "Tabubruch ohne Tabu" dar und dient der Profilierung an einem imaginierten Sachverhalt. Die zuvor zitierte Lehrkraft leitet die Notwendigkeit einer "Israelkritik" diffus in dieser Weise her: "Es muss immer möglich sein, den Staat kritisieren zu können, weil die machen nicht alles richtig, die machen ganz viele Fehler, die machen ganz viel falsch." Dort, wo "Israelkritik" einem zwanghaften Verlangen folgt, für Entlastung zu sorgen, erhält sie oft einen obsessiven Charakter. Dieser ist bei einem Lehrer einer jüdischen Schülerin hervorgetreten, der seine regelmäßigen "israelkritischen Tiraden" im Unterricht stets mit der auf die kollektive Identität der Deutschen bezogenen folgenden Selbstvergewisserung eingeleitet hat: "Wir haben ja Verantwortung, keine Schuld, aber Verantwortung". Zum Teil wird in diesem Muster eines an der nationalsozialistischen Geschichte "geläuterten" Selbstbildes von Lehrkräften ein "Imperativ" zur "Israelkritik" formuliert. Die historische Verantwortung der Deutschen wird dann vor dem Hintergrund der Täter-Opfer-Umkehr als Verpflichtung zur "Israelkritik" ausgegeben, also gegen den jüdischen Staat und Juden gewendet.

Wie mit israelbezogenem Antisemitismus umgehen?

Bei vielen Lehrkräften haben sich Probleme im Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus rekonstruieren lassen, die in der Konsequenz seine Bagatellisierung auch dann bedingen, wenn sich die Lehrkräfte ihren Selbstbildern nach gegen Antisemitismus positionieren (vgl. Bernstein 2020: 265 ff.). Diese Probleme im Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus sollen im Folgenden dargestellt werden, um anschließend Handlungsempfehlungen für Lehrkräfte für den pädagogischen Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus von Schülern zu umreißen.

Antisemitismus als Phänomen eigener Art erkennen

Ein Bagatellisierungsmuster basiert auf der Wahrnehmung des Antisemitismus, die ihn als Phänomen dem Rassismus gleichsetzt und damit auf seine in der Vergangenheit dominierende rassistische Erscheinungsform und den Nationalsozialismus reduziert. Auf diese Weise wird ein überwunden geglaubtes Phänomen historisiert oder nur der rassistisch begründete Antisemitismus in der Gegenwart wahrgenommen, welcher aber nur ein verhältnismäßig randständiges Problem ist (auch wenn er in seiner Verbreitung unter Rechtsextremen natürlich stets präsent bleibt). Um aber einen angemessenen Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus zu entwickeln, muss er als spezifische Erscheinungsform, und damit als in einem Weltbild oder Ressentiment verankerte Struktur von Feindbildern und Legenden, erkannt werden. Dafür ist es wesentlich, den israelbezogenen Antisemitismus als Umwegkommunikation zu verstehen (vgl. Bergmann/Erb 1986). In ihrem Israelbezug und im Anspruch, "Kritik" darzustellen, ermöglicht sie, die Ächtung des Antisemitismus zu unterlaufen, den tradierten Antisemitismus wieder sagbar zu machen und sich gleichermaßen gegen Juden und den jüdischen Staat zu positionieren. Zudem sollte die "Adaptionslogik" (Schwarz-Friesel 2019: 80) des Antisemitismus beachtet werden, d.h. wie sich Judenfeindschaft nicht nur an gegebene konsensuelle gesellschaftliche Leitwerte und Autoritäten anpasst, sondern sich dadurch auch von anderen, geächteten Formen des (z.B. rassistisch begründeten) Antisemitismus abzugrenzen versucht.[5]

"Kritik" zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Für viele Lehrkräfte besteht die größte Schwierigkeit und Unsicherheit darin, zwischen als "Kritik" vorgetragenem Antisemitismus und einer legitimen Kritik am politischen Handeln Israels zu unterscheiden. Aus dieser Unsicherheit heraus wird im Zweifel häufig der mit dem israelbezogenen Antisemitismus verbundene Anspruch, lediglich "Kritik" zu äußern, hingenommen. Ohne es beurteilen zu können oder zu wollen, werden derartige Äußerungen als Kritik aufgefasst oder mitunter als "Meinung" – und damit als nicht "zu kritisieren" – in eine Diskussion überführt. Hier muss die Analyse klar sein: Ein möglicher antisemitischer Gehalt einer Äußerung kann nicht von der Intention des Sprechers abhängig gemacht werden. Eine Äußerung ist antisemitisch oder nicht, unabhängig davon, wer sie aus welchem Grund sagt.

Zwar lassen sich der antisemitische Gehalt und das der "Kritik" zugrunde liegende antisemitische Ressentiment mit dem sogenannten 3-D-Test für Antisemitismus (Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards vgl. Sharansky 2004) erkennen. Und kritische Äußerungen zu Israels Politik sind nicht generell antisemitisch. Gleichwohl ist es bei vielen kritischen Äußerungen zu Israel, die sich auf einen konkreten Sachverhalt des politischen Handelns beziehen, nicht eindeutig zu klären, ob sie ein Ausdruck eines antisemitischen Ressentiments sind oder nicht. Es können also keine positiven Kriterien formuliert werden, die eine Kritik an Israels Politik als per se nicht antisemitisch ausweisen könnten. Vielmehr lässt sich "legitime Kritik" als nicht antisemitisch nur ex negativo definieren (vgl. Salzborn 2013: 7). Häufig erschließt sich der israelbezogene Antisemitismus aber deutlich über den Kontext einer Äußerung. Dies gilt vor allem dann, wenn sie an in Deutschland lebende Juden als vermeintliche Repräsentanten des jüdischen Staats gerichtet werden.

Bei nicht eindeutig einzuordnenden Äußerungen über Israel oder den Nahostkonflikt gibt es zudem weitere Kriterien, die über den 3-D-Test hinausgehen und einen antisemitischen Gehalt offenlegen können.[6] Als solche können die Konstruktion eines jüdisch-israelischen Kollektivs gelten (d.h. wenn nicht zwischen Juden und Israel unterschieden wird), die Nutzung emotionalisierender Sprache und dämonisierende Schlüsselbegriffe oder Codes (z.B. "Nazimethoden" oder die Kategorisierung "Zionisten" anstelle von "Israelis"), die Dekontextualisierung des Konfliktgeschehens in Bestätigung des Wahrnehmungsmusters "israelischer Täter" und "palästinensischer Opfer" (z.B. die Verdrehung der Kausalität eines Handlungsgeschehens, bei der z.B. Verteidigungs- zu Angriffshandlungen erklärt werden), und die Irrationalität, die etwa in widersprüchlichen Vorwürfen oder im verschwörungsmythologischen Denken zum Ausdruck kommt.

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Kriterien israelbezogener Antisemitismus

  1. 3-D-Test: Doppelstandards: Wird Israel im Vergleich zu anderen Ländern nach ähnlichen Standards bewertet? Nimmt der Bezug auf Israel bzw. die "Kritik" genau so viel Platz ein wie der auf andere Ereignisse auf der Welt? Gilt es als Fehler, an diesem Ort den Staat gegründet zu haben?

  2. 3-D-Test: Dämonisierung: Wird Israel z. B. in Rekurs auf Phantasmen über "Menschrechtsverbrechen" und "Apartheid" oder in Gleichsetzungen mit dem Nationalsozialismus zum Übel erklärt?

  3. 3-D-Test: Delegitimierung: Wird die Existenz des jüdischen Staats implizit oder explizit delegitimiert, z. B. in Vernichtungsphantasien oder politischen Forderungen zur als "Rückkehr" ausgegebenen Ansiedlung von Palästinensern?

  4. Kontinuität zu anderen Erscheinungsformen: Fragmentierung, werden dieselben antisemitischen Bilder, die sich seit Jahrhunderten belegen lassen, benutzt? Werden diese Bilder in einem ideologischen Weltanschauungsmuster miteinander verknüpft?

  5. Eindimensionale Reduktion der Komplexität: Gelten Juden als Repräsentanten Israels? Wird ein jüdisch-israelisch homogenisiertes Kollektiv konstruiert? An wen richten sich die Aussagen?

  6. Dekontextualisierung zur Feindbildkonstruktion: Wird in der Deutung des "Konfliktes" nur eine Seite anerkannt bzw. wahrgenommen? Werden Fakten ignoriert bzw. nur Informationen hervorgehoben, die ein einseitiges Narrativ stützen?

  7. Irrationalität und Vehemenz: Inwieweit sind die Äußerungen von Emotionen oder Irrationalität bestimmt? Woher stammen die Informationen, ist die Quelle zuverlässig? Inwieweit ist eine Vehemenz in der Position trotz Widersprüchen oder argumentativen Widerlegungen erkennbar?

  8. Sprachliche Manipulation: Werden durch, teils offensichtlich absurde, Satzkompositionen wie "Israel droht mit Selbstverteidigung" Fakten verdreht? Handelt es sich um eine emotionalisierende Sprache, in der Schlagworte und mobilisierende Schlüsselsymbole ("Kolonialstaat", "Apartheidstaat", "Nazimethoden") ein ideologisches Sinnmuster transportieren?

  9. Neutralitätsanspruch: Wird als Deutscher eine "neutrale Position" zum Nahostkonflikt beansprucht? Wird betont, dass es immer "zwei Seiten" gibt? Im Neutralitätsanspruch wird häufig eine geschichtlich bedingte Befangenheit kaschiert, er dient der Entlastung. Deshalb soll die Frage gestellt werden: "Was ist die in der israelbezogenen Kritik implizierte Position bezüglich der eigenen kollektiven Identität?"

  10. Imperativ zur Kritik: Wird eine besondere Verantwortung oder Verpflichtung als "Deutscher" im Hinblick auf den Nationalsozialismus und die Shoah geltend gemacht, um "Kritik" an Israel zu üben und zu legitimieren? Solche "Kritikimperative" verkehren die historische Verantwortung der Deutschen gegenüber Juden in ihr Gegenteil, jede Äußerung und Tat im Namen einer geschichtlichen Verpflichtung wegen der Shoah, die einen negativen Effekt auf das Leben von Juden in Israel oder Deutschland hat, soll hinterfragt werden.

  11. Vermischung von Politik und Religion: Warum klingt es logisch, wenn gesagt wird, dass arabische und jüdische Jungen keine Freunde sein können? Warum versteht man den Wurf der Molotowcocktails auf die Synagoge in Wuppertal (2014) als legitime Wut der Palästinenser in Deutschland? Warum werden beispielsweise Grenzschutzmaßnahmen, bei denen bewaffnete Palästinenser getötet wurden, die zur Zeit des Pessach-Festes versucht hatten, von Gaza aus nach Israel einzudringen, als "Pessach-Massaker" benannt? Warum bezeichnet z. B. ein marokkanischer Junge, der in der dritten Generation in Deutschland lebt, Palästinenser als seine Brüder?

  12. Überschreitung der Grenzen hin zur kommunikativen Gewalt: Werden "Israelkritik", Israelhass oder Aufrufe zur und Rechtfertigungen der Gewalt gegen Juden im Spektrum eines demokratischen Meinungspluralismus legitimiert? Ist eine Dynamik zu beobachten, in der mehrere Personen auf Basis eines kleinsten gemeinsamen Nenners gegen Israel bzw. Juden laut werden?
Bernstein 2020: 239 f.

Neutralität und Neutralitätsideale

Ein weiteres Bagatellisierungsmuster entspringt einer in der Funktion als Lehrer/-in vermeintlich gebotenen Neutralitätshaltung, die dazu führt, "Israelkritik" im Spektrum kontroverser Meinungen zuzulassen, auch wenn darin israelbezogener Antisemitismus enthalten ist. Mit Verweis auf den in der politischen Bildung maßgeblichen Beutelsbacher Konsens – wonach Schüler nicht indoktriniert, Sachverhalte und Diskussionen kontrovers dargestellt und Schüler nicht in der eigenen Urteilsbildung eingeschränkt werden sollen – wird das Zulassen solcher Äußerungen oftmals sogar mit einem Erziehungs- und Bildungsauftrag begründet.

Mit der Einnahme einer neutralen Haltung geht häufig eine "kritische Äquidistanz" zu beiden Konfliktparteien einher. Dadurch wird nicht unterschieden zwischen einem demokratischen Staat wie Israel und Terrororganisationen wie der Hamas oder zwischen der Verteidigung vor antisemitischer Aggression und ebendieser. Ebenso wird damit ein Nichtreagieren im Unterricht gerechtfertigt, wie es jüdische Schüler erleben, wenn sie in Diskussionen über den Nahostkonflikt einer mitunter aufgebrachten Mehrheit gegenüberstehen und sich deshalb überfordert und allein gelassen fühlen.

Besonders problematisch wird diese Haltung, wenn aufgrund eines vermeintlichen Neutralitätsgebots nicht reflektiert wird, was Indifferenz gegenüber Antisemitismus über die eigene kollektive Identität als Deutscher aussagt. Hier ist schließlich die Funktion der Schuld- und Erinnerungsabwehr im israelbezogenen Antisemitismus miteinzubeziehen. Ferner wäre zu reflektieren, inwiefern die eigene Wahrnehmung Israels oder des Nahostkonflikts im Widerspruch steht zur Vermittlung pluralistischer, demokratischer und menschenrechtsorientierter Haltungen und Werte sowie die Frage, inwiefern die biographische Verstrickung in die nationalsozialistische Vergangenheit einen Einfluss auf die eigene Wahrnehmung nimmt.

Nahostkonflikt

Einige Lehrkräfte meiden die Thematisierung des Nahostkonflikts im Unterricht, da sie die Erfahrung gemacht haben, dass sich Schüler emotional zeigen und antisemitisch äußern. Sie sehen sich dieser Situation und einer zukünftigen Thematisierung des Nahostkonflikts im Unterricht nicht gewachsen. Dabei geht es auch um die Befürchtung, sich nicht gut genug auszukennen, um den Nahostkonflikt in seiner Geschichte und Akteurskonstellation darstellen oder antisemitische Äußerungen widerlegen zu können. Dadurch allerdings verbleiben derart antisemitische Feindbilder und Legenden in der Schülerschaft unter der Oberfläche, wo sie sich verfestigen können.

Deshalb ist die Thematisierung des Nahostkonflikts im Fachunterricht von großer Bedeutung. Antisemitische Feindbilder oder Legenden mit Israelbezug sollten dabei aber nicht ausschließlich wissensbasiert widerlegt werden, sondern im Zusammenhang mit der mit ihrer Äußerung stets aktivierten Struktur des antisemitischen Weltbilds und Ressentiments besprochen werden. Dergestalt sollten die Mechanismen der Feindbildkonstruktion, die Funktion und die Kontinuität des Antisemitismus zum Gegenstand einer Intervention gemacht werden – anstatt die Geltung antisemitischer Feindbilder oder Legenden zu bestätigen, um sie dann als falsch oder unwahr auszuweisen. Das bedeutet beispielsweise, die Dämonisierung Israels als "Kindermörder" nicht ausschließlich im Verweis darauf, dass es sich um eine falsche Aussage handelt, sondern vielmehr als Modifizierung der mittelalterlichen Ritualmordlegende als Phantasma zur Dämonisierung von Juden zu widerlegen.

Israelbezogenem Antisemitismus entgegentreten

Dieses Vorgehen trägt dem Umstand Rechnung, dass sich Antisemitismus nicht logisch oder wissensbasiert widerlegen lässt, wenn er einem gefestigten Weltbild und Ressentiment entspringt. Um beurteilen zu können, ob dies der Fall oder einzelne antisemitische Feindbilder oder Legenden als Fragmente von Schülern geäußert werden, sollte darauf geachtet werden, ob die Schüler einer Reflexion zugänglich sind oder die Dämonisierungen ausbauen. Im Falle des Letzteren sollten keine Diskussionen auf inhaltlicher Ebene über den Nahostkonflikt fortgeführt und weitere antisemitische Äußerungen unterbunden werden. Denn andernfalls würde den sich antisemitisch äußernden Schülern eine Plattform geboten und antisemitische Dämonisierungen zur Diskussion gestellt werden.

Wenngleich sich das dringlichste Ziel der pädagogischen Auseinandersetzung mit israelbezogenem Antisemitismus daraus ergibt, Schüler dazu zu befähigen, daraus zu lernen und ihre Einstellungen zu reflektieren, wenn sie sich antisemitisch geäußert haben, so ist auch die Ächtung des Antisemitismus einzulösen. Wenn er gar als kommunikative oder zur Rechtfertigung physischer Gewalt gegen jüdische Schüler zum Ausdruck kommt und sich Schüler trotz einer angemessenen Intervention nicht zugänglich zeigen, sind ggf. disziplinarische Schritte zu erwägen.

Im Februar 2021 erscheint im Beltz-Verlag ein Buch von der Autorin zum Thema: "Israelbezogener Antisemitismus. Erkennen – Handeln – Vorbeugen". https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/buecher/produkt_produktdetails/44071-israelbezogener_antisemitismus.html

Literatur

Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max (1944/2008): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. 17. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Bergmann, Werner; Erb, Rainer (1986): Kommunikationslatenz, Moral und öffentliche Meinung. Theoretische Überlegungen zum Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 38 (2), S. 223–246.

Bernstein, Julia (2020): Antisemitismus an Schulen in Deutschland. Befunde – Analysen – Handlungsoptionen. Weinheim: Beltz Juventa.

Bernstein, Julia; Diddens, Florian (2019): Echoes of the Nazi Era. Jews in Germany amid routine Trivialisation of the Holocaust and antisemitic Attacks. In: Jost Rebentisch, Adina Dymczyk und Thorsten Fehlberg (Hrsg.): Trauma, Resilience, and Empowerment. Descendants of Survivors of Nazi Persecution. Frankfurt am Main: Mabuse, S. 40–58.

Chernivsky, Marina (2017): Biografisch geprägte Perspektiven auf Antisemitismus. In: Astrid Messerschmidt und Meron Mendel (Hrsg.): Fragiler Konsens. Antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft. Frankfurt: Campus Frankfurt / New York, S. 269–280.

Postone, Moishe (1991): Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Kritik & Krise (4–5), S. 6–10.

Ranc, Julijana (2016): "Eventuell nichtgewollter Antisemitismus". Zur Kommunikation antijüdischer Ressentiments unter deutschen Durchschnittsbürgern. 1. Auflage. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Salzborn, Samuel (2012): Weltanschauung und Leidenschaft. Überlegungen zu einer integrativen Theorie des Antisemitismus. In: Zeitschrift für Politische Theorie 3 (2), S. 187–203.

Salzborn, Samuel (2013): Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung. In: Kirche und Israel. Neukirchener Theologische Zeitschrift 28 (1). Online verfügbar unter http://www.salzborn.de/txt/2013_Kirche-und-Israel.pdf, zuletzt geprüft am 09.10.2020.

Sharansky, Nathan (2004): 3D Test of Anti-Semitism: Demonization, Double Standards, De-legitimization. In: Jewish Political Studies Review 16 (3-4), S. 5–8.

Schwarz-Friesel, Monika; Reinharz, Jehuda (2013): Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Berlin, Boston: De Gruyter.

Schwarz-Friesel, Monika (2019): Judenhass im Internet. Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl. 1. Auflage.

Zick, Andreas; Hövermann, Andreas; Jensen, Silke; Bernstein, Julia (2017a): Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland. Ein Studienbericht für den Expertenrat Antisemitismus. Online verfügbar unter uni-bielefeld.de/ikg/daten/JuPe_Bericht_April2017.pdf, zuletzt geprüft am 29.09.2019.

Zick, Andreas; Jensen, Silke; Marth, Julia; Krause, Daniela; Döring, Geraldine (2017b): Verbreitung von Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung. Ergebnisse ausgewählter repräsentativer Umfragen. Expertise für den unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus. Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Online verfügbar unter pub.uni-bielefeld.de/record/2919878, zuletzt geprüft am 10.09.2020.

Zick, Andreas; Berghan, Wilhelm; ·Mokros, Nico (2019): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland 2002–2018/19. In: Andreas Zick, Wilhelm Berghan und Beate Küpper (Hrsg.): Verlorene Mitte - feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19. Bonn: J. H. W. Dietz, S. 53–116.
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Fußnoten

1.
Diese Medienberichterstattung begann 2017 und bezog sich auf wesentlich auf Angriffe auf jüdische Schüler in Berlin. Siehe dazu exemplarisch tagesspiegel.de/berlin/antisemitismus-an-berliner-schulen-sein-vergehen-er-ist-jude/21156700.html oder https://www.zeit.de/2018/17/antisemitismus-juden-muslime-schule-deutschland.
2.
Im Rahmen der Studie wurden zwischen 2017 und 2019 insgesamt 251 Interviews mit jüdischen Schülern, ihren Eltern sowie mit jüdischen und nichtjüdischen Lehrkräften an 171 Schulen in Deutschland geführt, um das Problem Antisemitismus an Schulen im Vergleich der Perspektiven der Betroffenen und nichtjüdischer Lehrkräfte zu analysieren. Alle Beispiele und Zitate von Betroffenen und Lehrkräften in diesem Text stammen aus dieser Studie (vgl. Bernstein 2020).
3.
Die Schreibweise "gottesmord" soll den impliziten Geltungsanspruch christlicher Religion offenlegen. Die Legende vom gottesmord basiert auf der christlichen Lehre der Menschenwerdung durch Jesus. Der Widerspruch zum Judentum bildet also die Grundlage für die Legende des gottesmordes und der Dämonisierung der Juden.
4.
In diesem Zusammenhang soll auf den israelbezogenen Antisemitismus im Aktionsspektrum antiimperialistischer linker Organisationen hingewiesen werden. So sind antisemitische Feindbilder und Dämonisierungen z.B. bei der sich als "progressiv“ gegen einen "Unterdrückerstaat“ gerichtet verstehenden BDS-Kampagne zu finden, die mit dem Israelboykottkampagne an die nationalsozialistische Praxis des Judenboykotts erinnert.
5.
Der moderne Antisemitismus in seiner rassistischen Begründung wurde vom Antijudaismus abgegrenzt, die Religion als Begründung der Feindschaft galt als veraltet, überholt und nicht ernst zu nehmen. Heute wird in vergleichbarer Weise der israelbezogene vom rassistischen Antisemitismus abgegrenzt.
6.
Es ist wichtig, sich nicht nur auf den 3-D-Test zu beziehen, da dieser zwar die antisemitische Feindbildkonstruktion als Dämonisierung, basierend auf Doppelstandards und der Delegitimierung skizziert, dabei aber primär auf die expliziten Ausdrucksformen fokussiert und deshalb nicht ausreicht, israelbezogenen Antisemitismus z.B. auch über den Handlungskontext (Repräsentationslogik, Konstruktion eines jüdisch-israelischen Kollektivs und Anfeindungen von Juden), seine Funktion (Schuldabwehr) oder Implikationen (Neutralitätsanspruch, Kritikimperativ) zu erkennen.

Julia Bernstein

Julia Bernstein

Julia Bernstein ist Professorin mit den Themenschwerpunkten Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Sciences. bernstein.julia@fb4.fra-uas.de


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