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18.3.2021

Antisemitismus in Spanien

Internationale vergleichende Umfragen zeigen, dass Spanien zu den Ländern in Westeuropa gehört, in denen der Antisemitismus besonders ausgeprägt ist. Vorurteile gegenüber Juden haben viele Ursachen und lassen sich nicht pauschal mit einem allgemeinen europäischen Antisemitismus erklären.

Rechtsextreme zeigen den Hitlergruß und skandieren "Sieg Heil" am Kolumbus-Denkmal in Barcelona während des Nationalfeiertags (Oktober 2020). (© picture-alliance, ZUMAPRESS.com | Jordi Boixareu)


In Spanien stellen Juden etwa 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung, dennoch werden antisemitische Stereotype in einem unverhältnismäßigen Ausmaß akzeptiert und ihnen wird unvermindert nachsichtig begegnet. Selbst vier Jahrzehnte nach dem Ableben General Francos und dem Ende der Diktatur bringen Meinungsumfragen tiefverwurzelte antisemitische Klischees zutage, die immer wieder in den öffentlichen Diskurs einsickern. Die Vorurteile gegenüber Juden haben viele Ursachen und lassen sich nicht pauschal mit einem allgemeinen europäischen Antisemitismus erklären. Doch obwohl weite Teile der spanischen Gesellschaft antisemitische Rhetorik hinnimmt, hat diese Duldung nicht zu einem Anstieg antisemitischer Vorfälle geführt.

Historischer Hintergrund

Nach der Vertreibung der Juden aus den Königreichen Kastilien und Aragón im Jahr 1492 lebte in Spanien nie wieder eine nennenswerte größere jüdische Bevölkerung. Erst Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich wieder einige wenige jüdische Familien an. Mit der Einwanderung sephardischer Jüdinnen und Juden aus Marokko stieg die jüdische Bevölkerung in Spanien 1966 auf 7.000 Personen und wuchs bis Ende des 20 Jahrhunderts, als das Land eine neue Einwanderungswelle aus Lateinamerika erlebte, auf etwa 20.000. Die Federación de Comunidades Judías de España (Föderation jüdischer Gemeinden Spaniens) schätzt die aktuelle jüdische Bevölkerung im Land auf etwa 40.000 bis 45.000 Personen.

Die Jahrhunderte alte Feindseligkeit gegenüber Jüdinnen und Juden hinterließ ihre Spuren und blieb auch nach der Vertreibung bestehen. Uralte religiös begründete Schmähungen und Vorwürfe – Juden als Christusmörder, Vorwürfe ritueller Verbrechen oder Entweihung christlicher Symbole – blieben über Sprache, Literatur und Volkstraditionen im kulturellen Gedächtnis Spaniens verankert. Doch der Antisemitismus des späten 19. Jahrhunderts ging weit über das rein traditionalistische katholische Denken hinaus und erhielt in der Zweiten Republik (1931-1936) neue Facetten. Juden wurden nun den "Anti-Españas" zugerechnet (ein aus den 1930ern Jahren stammender Sammel- und Kampfbegriff ultranationalistischer Kräfte gegen vermeintlich innere Feinde), als angebliche Drahtzieher hinter kommunistischen, liberalen und separatistischen Akteuren im Land. Verschiedene konservative antirepublikanische Akteure übernahmen den modernen antisemitischen Diskurs, eine toxische Mischung aus französischer antirepublikanischer Literatur und Nazi-Propaganda (durch die spanische faschistische Falange-Partei) [1]. Während des Spanischen Bürgerkriegs (1936 bis 1939) applaudierten die Franquisten (Anhänger des rechten Putschisten General Francisco Franco) der antisemitischen Politik im Deutschen Reich und in Italien und stellten eine Verbindung zur "klugen Entscheidung" der Katholischen Könige Isabella und Ferdinand im 15. Jahrhundert her. Man betrieb zwar keine "Rassenpolitik", adaptierte jedoch großzügig die antijüdische Rhetorik im Stil des antisemitischen Hetzblatts Der Stürmer oder zitierte direkt aus deutschen Quellen. Ein Beispiel dafür ist die Berichterstattung über die deutschen Novemberpogrome 1938, als Spanien noch in zwei feindliche Lager gespalten war. Während die legitime spanische Regierung die nationalsozialistischen Pogrome scharf verurteilte und den deutschen Juden ihre Solidarität aussprach, reagierten die Franquisten mit Beifall.[2] Beim der spezifisch spanischen Form des Antisemitismus kann von einer Mischung aus religiösen und modernen antijüdischen Motiven gesprochen werden, deren Spuren bis heute zu erkennen sind.

Zur Stärkung seiner internationalen Position bemühte sich das Franco-Regime ab 1945 um eine positive Außendarstellung, um sich von seinen früheren Verbindungen zum nationalsozialistischen Deutschland zu lösen. So wurde etwa die naziähnliche öffentliche antisemitische Hetze eingestellt und Juden nicht mehr länger ins Visier der politischen Propaganda genommen. Die traditionelleren und religiösen Aspekte des Judenhasses blieben davon jedoch unberührt. Das Stereotyp des jüdischen Wucherers und die Legenden von jüdischen Ritualmorden waren weitverbreitet und wurden in den Schulen und Kirchen weiter gepflegt. Oder wie der Dichter und Essayist Jon Juaristi schrieb: "Unter dem Franco-Regime konnte diese castizo [traditionalistische] Version des Antisemitismus beibehalten und die Vernichtung der europäischen Juden ignoriert werden, während man gleichzeitig damit prahlte, man habe Tausende oder sogar Millionen Juden während des Holocaust gerettet."[3] Mit den Lockerungen in der Spätphase des Franco-Regime (1936/39-1975/78) durften Juden wieder einwandern, Synagogen wurden geöffnet und die Gemeinden konnten in diskretem Umfang wieder aktiv werden.

Im Zuge des Demokratisierungsprozess gab es auf institutioneller und rechtlicher Ebene wichtige Veränderungen. Mit dem 1980 verabschiedeten Gesetz zur freien Glaubensausübung wurde die in der neuen Verfassung garantierte Religionsfreiheit umgesetzt. 1992 besuchte der spanische König Juan Carlos I. anlässlich des 500. Jahrestags der Vertreibung der Juden die Synagoge in Madrid, was als bedeutender symbolischer Akt gewertet wurde. 2015 unterzeichnete die spanische Regierung ein Gesetz, das bislang 15.000 sephardischen Juden, deren Vorfahren im 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben worden waren, erlaubte, die spanische Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Allerdings war man im Rahmen der Leitlinien, die für Spaniens Übergang zur Demokratie (1975-1978) festgelegt worden waren, übereingekommen, dass Schweigen über die Schrecken der Vergangenheit der Schlüssel für Frieden und Stabilität sei. Damit wurde auch der Antisemitismus weder eingestanden noch wurde das Problem angegangen. Weil antisemitische Einstellungsmuster nicht klar und unmissverständlich verurteilt wurden, konnten sie auch weiterhin auf vorhersehbare, aber auch unerwartete Weise zum Vorschein kommen.

Negative Meinungen über "imaginäre" Juden

Internationale vergleichende Umfragen, die seit der Jahrtausendwende durchgeführt werden, haben gezeigt, dass Spanien zu den Ländern in Westeuropa gehört, in denen der Antisemitismus besonders ausgeprägt ist. In der 2009 veröffentlichten Studie "Global Attitudes & Trends" des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center wurde festgestellt, dass 46 Prozent der spanischen Bevölkerung abfällig über Juden urteilten. Spanien war das nichtmuslimische Land mit den negativsten Werten bei den Ansichten über Juden. Eine Umfrage desselben Instituts von 2018 enthielt keine spezifische Frage zur Einstellung gegenüber Juden, dennoch war Spanien (nach Portugal) das Land in Westeuropa, in dem ein besonders hoher Anteil der Befragten (32 Prozent in Spanien und 36 Prozent in Portugal) einer eindeutig antisemitischen Äußerung zustimmte, nämlich: "Juden verfolgen immer ihre eigenen Interessen und nicht die Interessen des Landes, in dem sie leben." Diese Ergebnisse entsprechen einem Trend, den sowohl Untersuchungen der Anti-Defamation League (ADL) aus dem Jahr 2007 zur Haltung gegenüber Juden und dem Nahostkonflikt zeigen, als auch die Umfrage ADL Global 100 aus dem Jahr 2019. Obwohl der Anteil der negativen und stereotypen Ansichten bei der spanischen Bevölkerung zurückgeht, weist Spanien in dieser Umfrage aus dem Jahr 2019 mit einem Indexwert von 28 Prozent den höchsten Prozentsatz an antisemitischen Stereotypen unter den westeuropäischen Ländern auf. Gleichzeitig ist Spanien laut Umfrage des Pew Research Center von 2018 das Land, das beim Kenntnisstand über das Judentum am schlechtesten abschneidet und in dem die wenigsten Befragten (nur 18 Prozent der Stichprobe) tatsächlich persönlich jemanden kennen, der Jude ist.

Eine von mir 2009 durchgeführte Studie, die auf der Methode der Gruppendiskussion basiert, zeigt eine direkte Verbindung zwischen dem spanischen Antisemitismus und dem Fehlen sowie der mangelnden Sichtbarkeit der Juden im Land.[4] Anders als bei anderen religiösen und ethnischen Minderheiten (etwa bei aus Marokko eingewanderten Muslimen) werden mangelnde Sichtbarkeit der jüdischen Minderheit und dass sie sich nicht von der Mehrheit der Bevölkerung abhebt mit Fantasien und Verdächtigungen verknüpft, die häufig auf stereotypen antisemitischen Vorstellungen basieren: Man unterstellt Juden Heimlichtuerei, das Segeln unter verschiedenen Flaggen und ein Doppelspiel, um ihre Interessen voranzutreiben: “Im Hintergrund ziehen sie die Fäden … Tja, man weiß ja nie so recht … Die Juden sind überall« »Sie verschwören sich … ohne dass man es überhaupt mitbekommt« … »Sie halten die Welt am Gängelband…“

Diese Äußerungen stammen von ganz unterschiedlichen Gruppen, von mittelalten und älteren Teilnehmern, von in urbanen und ländlichen Raum lebenden Menschen, von Angehörigen der Mittelschicht und unteren Mittelschicht, von Konservativen und Progressiven. Die qualitative Studie zeigt, dass die Diskussion über "die Juden" in Spanien Denkkategorien folgt, deren einzige Grundlage die Wiederholung unreflektierter und nicht beweisbarer negativer Behauptungen ist. Dennoch kann man einen Rückgang religiös begründeter Äußerungen erkennen (die in unserer Stichprobe nur von älteren Menschen aus kleinen und mittelgroßen ländlichen Ortschaften stammten). Ein besonderes Merkmal der Situation in Spanien ist die Intensität dieser Denkmuster sowie ihre weite Verbreitung in unterschiedlichen sozioökonomischen, politischen und kulturellen Milieus.

Selbst wenn das (explizit) religiöse Element allmählich schwindet, fungiert es dennoch wie ein Brennglas oder bildet den grundlegenden Rahmen für antisemitisches Denken oder den umfassenden israelfeindlichen Antisemitismus (auf den wir noch zu sprechen kommen). Der Katholizismus befindet sich in Hinblick auf die religiöse Praxis auf dem Rückzug, doch Säkularisierung und Modernisierung haben ihren symbolischen Wert und die Emotionen, die sie auslösen, nicht wesentlich verringert. In dem Zusammenhang kann man vermuten, dass die "Exkulturation", also der Prozess, bei dem sich die spanische Kultur und Identität vom Katholizismus lösen, einen direkten Einfluss auf den Antisemitismus in Spanien haben wird – insofern als dadurch eine inhärent antisemitische Semantik und die damit verbundenen Argumentationsstrukturen geschwächt werden.

Antisemitische Israelkritik

In Spanien gibt es keine nennenswerten sprachlichen Tabus, die bei bestimmten Formulierungen Zurückhaltung verlangen (methodisch betrachtet ein relevanter Faktor zur Erklärung der Ergebnisse in Spanien im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern). In Spanien werden offen abwertende, stereotype Kommentare nach wie vor verwendet und auch toleriert. "Traditionelle" Ausprägungen des Antisemitismus oder Antijudaismus existieren weiter und treten auch gelegentlich in der populären und religiösen Kultur in Erscheinung. Doch der Großteil der antijüdischen Äußerungen im öffentlichen Diskurs ist vor allem in Medienberichten über den israelisch-arabischen/palästinensischen Konflikt festzustellen. Diese antijüdische Darstellung erfolgt meist in Form von Kritik, Anschuldigungen und Verurteilungen, die weit über den Staat Israel (seine Regierung, seine Institutionen, Repräsentanten und so weiter) hinausgehen und "die Juden" als monolithische Einheit darstellen, als homogene Übeltäter, die überall auf der Welt ihre Finger im Spiel haben. Diese spezifisch "spanische" Interpretation des Konflikts lässt sich vor allem in Karikaturen aufzeigen und analysieren. Während der Zweiten Intifada, im Libanonkrieg 2006 und während des Gaza-Konflikts im vergangenen Jahrzehnt veröffentlichten Zeitungen und Zeitschriften zahlreiche Karikaturen, in denen Israelis, Israel insgesamt oder jüdische Symbole mit der Ermordung von Kindern sowie Themen wie Rache und Grausamkeit in Verbindung gebracht wurden.

Die Darstellungen knüpften an alte antijüdische Vorstellungen auf der Iberischen Halbinsel an, nahmen aber auch Stereotype des modernen Antisemitismus auf wie etwa den Vorwurf, Zwietracht zu säen oder andere zu unterwerfen, und zogen Vergleiche zwischen Israelis und Nazis. Die antisemitische Israelkritik fällt zwar in linken und linksgerichteten Veröffentlichungen drastischer aus, findet sich aber auch in konservativen Publikationen wie La Razón oder El Mundo.

Angesichts der geringen jüdischen Präsenz in einem Land, das eine lange anhaltende antisemitische Tradition hat, fungieren Israel und die Konflikte, in die der Staat verwickelt ist, häufig als eine Art Blitzableiter, über den Einstellungen und Meinungen gegenüber Juden zum Ausdruck kommen. Oder anders ausgedrückt: der Nahostkonflikt nährt seit langem bestehende Vorurteile und lässt sie wieder aufflammen, da er durch die Brille antijüdischer Stereotype betrachtet wird, die selten infrage gestellt werden.

Es zeigt jedoch auch, dass die Häufigkeit und Intensität dieser eindeutig antisemitischen Rhetorik in den Mainstream-Medien im vergangenen Jahrzehnt zurückgingen. Dieser Wandel ist unter anderem auf die Kritik einer neuen Generation junger Journalisten in den Medien zurückzuführen, aber auch auf die Bemühungen der jüdischen Gemeinde in Spanien, die sich mittlerweile deutlich zu Wort meldet und verstärkt in der Öffentlichkeit aktiv ist.[5]

Blindheit gegenüber dem Antisemitismus in der spanischen Politik

Als Barack Obama im Juli 2016 Spanien besuchte, twitterte die Madrider Ortsgruppe der Partei Izquierda Unida (Vereinigte Linke) unter dem Hashtag #ObamaGoHome eine Karikatur, in der ein dicklippiger Obama einen orthodoxen Juden umarmt und ihm dabei Geldscheine aus der Tasche zieht (siehe Karikatur hier). Nach Kritik an dieser unverhüllt rassistischen und antijüdischen Darstellung erklärte die Partei, sie habe keineswegs beabsichtigt, jüdische Menschen zu beleidigen, sie habe nur "die Rolle anprangern wollen, die der Staat Israel spielt".

Der Vorfall illustriert drei typische Merkmale einer antiisraelischen Haltung, die in Teilen der spanischen Linken stark ausgeprägt ist. Erstens umfasst die Kritik an Israel weiterhin und ohne jede Hemmung oder intellektuellen Widerspruch die Stereotype, die für gewöhnlich Kennzeichen des klassischen Antisemitismus sind: Juden sind reich, manipulativ und geizig. Zweitens wird die Kritik an Israel mit antiamerikanischen/antiimperialistischen Vorstellungen vermischt. Und drittens verweist die Reaktion auf ein ganz typisches Kennzeichen des Antisemitismus in Spanien: die Weigerung, ihn einzugestehen. Der Verweis auf Israel und den Nahostkonflikt verhindert nicht nur eine Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, sondern er ermöglicht auch seine Begründung und Rechtfertigung. Die Linke, die Antisemitismus als ein Problem der Vergangenheit betrachtet, leidet unter einer besonderen Form der Kurzsichtigkeit: Sie verbindet Antisemitismus ausschließlich mit dem Nationalsozialismus, der Franco-Diktatur und deren nationalistischen und religiösen Erscheinungsformen. Alles, was sich unter der Rubrik "Antizionismus" zusammenfassen lässt, müsse von derartigen Vorwürfen und Verurteilungen befreit betrachtet werden, selbst wenn dadurch unmissverständlich antisemitische Vorstellungen verbreitet werden.[6]

Die international Kontroverse um den amerikanischen Reggae- und Hip-Hop-Künstler Matisyahu im Sommer 2015 ist ein weiterer Beleg für den uneingestandenen und als normal geltenden linken Antisemitismus in Spanien. Matisyahu sollte bei einem internationalen Musikfestival in Valencia auftreten, wurde aber wieder ausgeladen, weil er sich weigerte, eine Erklärung abzugeben, in der er sich für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat aussprach. Matisyahu ist Jude und der einzige Künstler des Festivals, von dem eine derartige Erklärung verlangt wurde.

Am anderen Ende des politischen Spektrums haben die spanischen Konservativen in ihrer Haltung gegenüber Israel und jüdischen Angelegenheiten einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Man darf nicht vergessen, dass die noch aus der Zeit der Diktatur stammende Abneigung gegenüber Israel nicht einfach über Nacht verschwand. Spanien war das letzte europäische Land, das den Staat Israel anerkannte, erst 1986 unter der Regierung des Ministerpräsidenten Felipe González, dessen sozialdemokratische Partei PSOE vier Jahre zuvor die Wahlen gewonnen hatte. Heute bekennt sich die konservative Partido Popular (Volkspartei) klar zu Israel, obwohl sich ihre Außenpolitik nicht sonderlich von der der PSOE unterscheidet (seit dem Übergang zur Demokratie haben sich die beiden Parteien in der Regierung weitgehend abgewechselt). Im Ringen um die politische Macht sind neue Taktiken entstanden, und der Vorwurf des Antisemitismus ist zu einer Waffe der konservativen Politiker geworden, mit der sie gegen ihre politischen Gegner vorgehen (mit oder ohne ausreichenden Grund). Doch gleichzeitig tauchen in öffentlichen Äußerungen aus dem gesamten politischen Spektrum hin und wieder beschämende alte antisemitische Formulierungen aus der spanischen Sprache auf. So kritisierte etwa der Präsident der Regionalregierung Extremadura und Mitglied der Partido Popular, José Antonio Monago, im Februar 2014 die Haushaltssituation des Landes als "Judenmarkt".

Der Aufstieg der ultranationalistischen Partei Vox 2019 öffnete die Tür zu einem antiglobalistischen Diskurs samt den damit einhergehenden Mythen und Unwahrheiten. Die Partei, die ähnliche Standpunkte wie andere rechtsgerichtete populistische Parteien Europas vertritt, ist eindeutig pro-israelisch und stets bereit, den linken Antisemitismus anzuprangern. Gleichzeitig schwelgt Vox in Verschwörungstheorien, die den ungarisch-jüdischen Philanthropen George Soros als dämonenartige Figur darstellen und ihm vorwerfen, den katalonischen Separatismus zu fördern und die irreguläre Einwanderung nach Spanien zu unterstützen.[7]

Im Februar 2021 erklärte die achtzehnjährige Aktivistin Isabel Peralta bei einer Demonstration von über 300 Neonazis in Madrid: "Der Feind ist immer derselbe, auch wenn er verschiedene Masken trägt – es ist immer der Jude." Die Demonstration fand zum Gedenken an die Blaue Division statt, eine Infanteriedivision bestehend aus spanischen Freiwilligen, die unter der Führung der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion kämpfte. Nach diesem Vorfall wurde der Antisemitismus über das gesamte politische Spektrum hinweg einstimmig und unmissverständlich verurteilt. Allerdings hatte es zuerst zu einem derart krassen und radikalen Vorfall kommen müssen, bevor man ihn eingestand und verurteilte.

Holocaust-Karneval und Missbrauch der Erinnerung

Als sich Spanien in den späten siebziger Jahren vom Franco-Regime löste, wurde die Geschichte des Holocaust – während der Diktatur ein Tabu-Thema – von der jungen Demokratie ignoriert. Der Holocaust drang erst mit US-amerikanischen Filmen und Fernsehserien ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vor. Doch erst seit rund 15 Jahren hat sich Spanien nach und nach der größeren europäischen Debatte über den Zweiten Weltkrieg und dem Gedenken an den Holocaust angeschlossen.

Während das Gedenken an den Holocaust in den meisten westeuropäischen Ländern durchaus auch vorbeugend gegen Antisemitismus heute wirken soll, bewegt sich Spanien am Rand dieses europäischen Empfindens und Erlebens. Ein Beispiel dafür ist ein Karnevalsumzug in der kastilischen Stadt Campo de Criptana, der mit dem Thema Holocaust im Februar 2020 weltweit für Schlagzeilen sorgte.[8] Die Teilnehmer des Umzugs waren als Nazis verkleidet, es gab Tanzformationen aus KZ-Häftlingen, Kinder trugen gelbe Judensterne und ein Umzugswagen war als Krematorium gestaltet (siehe beispielsweise hier: Karnevalsumzug mit dem Thema "Holocaust" in Campo de Criptana, Februar 2020). Die Stadtverwaltung reagierte auf die massive Empörung – unter anderem seitens der spanischen Regierung, jüdischer Gemeinden und Israel – mit der Behauptung, sie habe die Erlaubnis für den Umzug im Glauben erteilt, man werde damit die Toten des Holocaust ehren. Tatsächlich stellte sich heraus, dass dahinter keine böswillige Absicht stand, doch der Vorfall zeigt, dass es in weiten Teilen der spanischen Bevölkerung immer noch wenig Hemmungen gibt, beim Umgang mit Juden oder dem Holocaust Grenzen zu überschreiten, obwohl derartige Aktionen eigentlich Empörung oder Scham auslösen müssten.

2008 trat Spanien der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA, Internationale Allianz zum Holocaustgedenken) bei. Das Centro Sefarad Israel, ein staatlich finanziertes Kulturzentrum, setzt seitdem zahlreiche Bildungsinitiativen um, darunter Kulturveranstaltungen und Lehrerfortbildungsseminare. In Übereinstimmung mit der IHRA-Mitgliedschaft gibt es in Spanien mittlerweile auch eine offizielle Zeremonie am Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Doch diese Entwicklungen führten auch zu einem unvermeidlichen Aufeinanderprallen zwischen dem transnationalen Imperativ des Holocaust-Gedenkens und der im Rahmen der Transición verinnerlichten nationalen Direktive, den Franquismus zu vergessen. Eine außergewöhnlich hitzige und polarisierende politische Debatte zwischen der Linken – die für eine Aufarbeitung der Diktatur und des Bürgerkriegs eintritt – und der Rechten, die sich vehement gegen eine sogenannte "memoria histórica" wendet, liefert heute den Hintergrund für eine Reihe spezifisch spanischer Narrative in Bezug auf den Holocaust und indirekt auch Juden.[9] Diese reichen von der Aneignung und Instrumentalisierung des Gedenkens bis zur völligen Ablehnung in seiner derzeitigen Form. Die Konservativen und sogar die Anhänger von Vox akzeptieren die Grundsätze des Holocaust-Gedenkens im Land, betonen aber – nicht ganz uneigennützig – die Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit der Shoah. Die Linke und die katalanischen Separatisten heben Francos Rolle als Nazi-Kollaborateur hervor und vermischen die Erinnerung an die Opfer der Franco-Diktatur mit der an den Holocaust. Derartige Auslegungen können jedoch zu einer Verzerrung der historischen Darstellung führen, die wiederum nicht ohne antisemitische Untertöne auskommt. Beispielsweise schaffte es Pablo Iglesias, Vizepräsident der spanischen Regierung und Generalsekretär der linkssozialistischen Partei Podemos, am 27. Januar 2020, dem Internationalen Holocaustgedenktag, an die Befreiung von Auschwitz zu erinnern, ohne die jüdischen Opfer zu erwähnen. "Zehntausende [sic] Menschen wurden dort ermordet", schrieb er in einem Tweet, "darunter auch Hunderte spanische Republikaner, die zur Kennzeichnung einen roten Dreieckswinkel trugen. Gedenken, damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Nie wieder Faschismus." Iglesias fasste Auschwitz unter dem allgemeinen Begriff Faschismus zusammen und nahm dem Gedenken den spezifisch jüdischen Aspekt und seine singuläre Bedeutung.

Das spanische Paradox

Obwohl die Mauern oder Fassaden jüdischer Einrichtungen gelegentlich mit beleidigenden oder bedrohlichen Graffiti beschmiert werden (etwa der Jüdische Friedhof von Madrid im Dezember 2020) [10], kommt es in Spanien nur sehr selten zu körperlichen Angriffen auf Juden oder anderen gewalttätigen antisemitischen Vorfällen.

Zwischen der antisemitischen Rhetorik und der geringen Zahl von Konfrontationen und tätlichen Angriffen besteht eine erhebliche Diskrepanz. Die meisten spanischen Juden würden dieses Paradox bestätigen: Juden führen in Spanien eigentlich ein freies Leben und sind in die Gesellschaft integriert, werden jedoch in ganz alltäglichen Situationen mit antisemitischen Klischees konfrontiert. Die dominante Ausprägung des Antisemitismus, die in Spanien in verschiedenen Formen auftritt, ist somit nicht als sekundär, sondern als primär einzustufen. Bis heute kann man antisemitische Äußerungen ungehindert von sich geben (häufig ohne zu wissen, dass sie überhaupt antisemitisch sind). Auch die Bedeutung des Begriffs "Antisemitismus" ist in der breiten Öffentlichkeit immer noch weitgehend unbekannt, wie die folgende Anekdote zeigt. Bei einem Seminar über Antisemitismus, das die Föderation jüdischer Gemeinden in Spanien 2011 in Madrid organisiert hatte, wurde die Fassade des Gebäudes, in dem die Veranstaltung stattfand, in der Nacht mit antijüdischen Graffiti beschmiert. Daraufhin wurde das Gebäude am zweiten Tag unter Polizeischutz gestellt. Als die Konferenzteilnehmer die Veranstaltung am Abend verließen, konnte ich nicht überhören, wie ein Polizist zu seinem Kollegen sagte: "Die Antisemiten verlassen jetzt das Gebäude."

For English version see here: Antisemitism in Spain

Fußnoten

1.
Gonzalo Alvarez Chillida (2002). El antisemitismo en España. La imagen del judío (1812-2002). Madrid, Marcial Pons.
2.
Alejandro Baer, "Zwischen Aufhetzung und Verurteilung. Die geteilte Rezeption der Novemberpogrome im Spanien des Bürgerkriegs", in Die Novemberpogrome 1938: Versuch einer Bilanz, Stiftung Topographie des Terrors (ed), Berlin: Stiftung Topographie des Terrors, 2009.
3.
Jon Juaristi, "Espana ante el Holocausto," Factual, April 23, 2010.
4.
Alejandro Baer und Paula López. 2012. "The Blind Spots of Secularization: A Qualitative Approach to the Study of Antisemitism in Spain.", in: European Societies 14(2):203–21.
5.
2009 schuf die Federación de Comunidades Judías de España das Observatorio de Antisemitismo (https://observatorioantisemitismo.fcje.org/), das antisemitische Vorfälle dokumentiert und über sie berichtet. Davor gab es das Dokumentationszentrum der Asociación de Judios Españoles GUESHER ("Brücke") und von B´NAI B´RITH-España, das sich hauptsächlich auf die Dokumentation von Rassismus und Antisemitismus in den spanischen Medien konzentrierte.
6.
Siehe das überzeugende Argument der Soziologen Benno Herzog und Orfeo Balboa, dass Elemente des antizionistischen Diskurses in Spanien antisemitische kulturelle Codes umfassen: "Antisionismo: Judeofobia sin Judíos y Antisemitismo sin Antisemitas," in: RECEI – Scientific Journal on Intercultural Studies, Bd. 2, Nr. 2, Oktober 2016, S.118-139.
7.
https://www.tabletmag.com/sections/news/articles/spains-pro-israel-far-right-party
8.
https://www.dw.com/en/spanish-holocaust-themed-carnival-parade-sparks-outcry/a-52547656
9.
Alejandro Baer und Natan Sznaider (2020) "From ‘No Pasarán’ to ‘Nunca Más’. The Holocaust and the Revisiting of Spain’s Legacy of Mass Violence," in: Sara Brenneis und Gina Herrmann (eds.) Spain, World War II, and the Holocaust: History and Representation. Toronto: University of Toronto Press, 2020, 603-619
10.
Siehe beispielsweise hier: Graffiti "Raus" und "Holohoax" auf der Mauer des Jüdischen Friedhofs in der Nähe von Madrid im Dezember 2020

Alejandro Baer

Alejandro Baer

Alejandro Baer ist Soziologieprofessor an der University of Minnesota und dort auch Direktor des "Center for Holocaust and Genocide Studies (CHGS)".


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