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30.1.2018

Radikalisierung und Rückkehr als Themen des Jugendquartiersmanagements in Dinslaken

Der Dinslakener Stadtteil Lohberg galt als "Salafisten-Hochburg". Mehrere junge Männer hatten sich radikalisiert und waren gemeinsam nach Syrien ausgereist. Quartiersmanager Önay Duranöz erklärt, welche Umstände zu ihrer Radikalisierung beigetragen haben. Er beschreibt, wie das Jugendquartiersmanagement darauf reagiert hat – zum Beispiel mit Hilfestellungen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben oder der Vermittlung zwischen türkischstämmigen Familien und Institutionen.

Jugendquartiersmanagement Dinslaken-Lohberg (© Philipp Stempel)


Dieser Beitrag erschien zuerst in dem Sammelband "Sie haben keinen Plan B", der von Jana Kärgel herausgegeben wurde. Der Sammelband kann im Shop der bpb bestellt werden.

Wer den Stadtteil Dinslaken-Lohberg googelt, erhält an zweiter oder dritter Stelle Vorschläge wie "Salafisten" oder "ISIS". Das ist leider nicht verwunderlich, da die aus Dinslaken stammende, selbsternannte "Lohberger Brigade" im Bereich radikaler Islamismus weltweite traurige Berühmtheit erlangt hat. Vormals einfache junge Männer mit und ohne Migrationshintergrund haben sich hier formiert und radikalisiert, um gemeinsam nach Syrien zu gehen und die Weltöffentlichkeit mit schrecklichen Facebook-Posts und Aufrufen, sich der "Karawane des Dschihads" anzuschließen, zu schockieren.

So ist vielen z.B. Mustafa K. durch das Foto, auf dem man ihn mit einem abgeschlagenen Kopf in der Hand und einem breiten Grinsen auf den Lippen sieht, in Erinnerung geblieben. Dieses Foto wird bis heute in Lohberg als Mustafas Abschiedsbotschaft an sein altes Leben verstanden. Bekannt wurde auch der deutsche Konvertit Philipp B., ein junger Mann mit blauen Augen und blondem Bart, der mit einer Kalaschnikow über die Schulter gehängt im syrischen Kriegsgebiet sitzt und die Muslime aufruft, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls in den Kampf gegen "den Westen" zu ziehen. Beide prägen das Bild, das viele heute mit Dinslaken-Lohberg in Verbindung bringen.

Wie sich junge Menschen in Dinslaken-Lohberg radikalisierten



Wie konnte es dazu kommen, dass sich eine ganze Gruppe junger Menschen aus dem Stadtteil radikalisierte und schließlich nach Syrien bzw. in den Irak ging, um sich radikal-islamistischen Milizen wie der ehemaligen Al-Nusra-Front (Jabhat al-Nusra) und später auch dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen? Um dies nachzuvollziehen, muss man den Weg der Radikalisierung im Stadtteil Dinslaken-Lohberg genauer zurückverfolgen. Nach den Berichten des nordrhein-westfälischen Innenministeriums ist es unbestritten, dass sich die beiden erwähnten jungen Männer sowie bis zu 25 weitere im Stadtteil suchten, fanden und unter gezielter "Anleitung" radikalisierten. Viele Lohberger Bürgerinnen und Bürger meinen jedoch bis heute, dass die Jugendlichen gezielt gesucht, gefunden und radikalisiert wurden. Die Mitglieder dieser Gruppe aus heutiger Sicht als gescheiterte Existenzen zu bezeichnen, wäre jedoch zu einfach. Unter ihnen waren auch junge Männer, die durchaus Perspektiven in ihrem Leben hatten, sei es im Beruf, Studium oder Privatleben.

Um Antworten zu finden, muss man sich auch mit den ökonomischen und kulturellen Gegebenheiten in Lohberg befassen. Lohberg ist eine ehemalige Bergarbeitersiedlung, die um die ehemalige Zeche Lohberg entstanden ist und dadurch zum Zuhause von Gastarbeitern aus Polen, Italien und vor allem der Türkei wurde.

Vor allem die Menschen im Stadtteil mit muslimischem Migrationshintergrund sind seit jeher stolz auf ihre nationale, kulturelle und religiöse Identität. Sie leben eine konservative Auslegung des Islams, jedoch mit Offenheit und Akzeptanz gegenüber der einheimischen Mehrheitsgesellschaft. Nach dem Wunsch vieler Familien sollen sich die jungen Menschen im Stadtteil in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, aber ohne dadurch ihre nationale, kulturelle und religiöse Identität zu vernachlässigen. Jedoch erhoffen sich die Menschen in Lohberg bei dieser Integration auch die Akzeptanz für ihre Identität, die sie bislang nicht wirklich bekommen haben.

Dank der Zeche Lohberg hatten die Menschen Arbeit und es ging ihnen wirtschaftlich gut. Auch stellte die Zeche jedes Jahr mehr als 300 junge Menschen als Auszubildende ein. Dadurch waren die Menschen mit Migrationshintergrund beruflich und damit auch gesellschaftlich integriert, sodass kulturelle Unterschiede eine geringe Bedeutung hatten. Auch die nicht vorhandenen Sprachkenntnisse spielten keine große Rolle für sie, weil sie durch Kollegen stets wussten, was für sie an ihrem unmittelbaren Arbeitsplatz zu tun war. Doch die Sprachbarrieren im Alltag blieben bestehen und die Familien gaben die Verantwortung zur Überwindung der daraus resultierenden Probleme an die Schulen weiter, die schon dafür Sorge tragen würden, dass ihre Kinder die deutsche Sprache erlernen. Zudem glaubten viele Eltern, vor allem jene mit türkischem Migrationshintergrund, dass ihre Kinder – ähnlich wie die Väter in der Zeche Lohberg – notfalls auch ohne Sprachkompetenzen zurechtkämen.

Mit der Schließung der Zeche im Jahr 2005 gingen viele Arbeitsplätze und auch die Berufseinstiegsmöglichkeiten für junge Menschen mit Migrationshintergrund verloren, ohne dass berufliche Alternativangebote geschaffen wurden. Außerdem hatten die Jugendlichen zuvor nicht gelernt, gängige Kriterien des Berufseinstieges (z.B. ein qualifizierter Berufsabschluss, eine ihren Fähigkeiten entsprechende realistische Berufswahl, aber auch Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Disziplin, Ausdauer und Flexibilität) zu erwerben bzw. zu verinnerlichen. Viele dieser jungen Menschen scheiterten bereits an den Hürden eines regulären Bewerbungsverfahrens, etwa wenn es um das Anfertigen von aussagekräftigen Bewerbungsunterlagen ging. Aufgrund dieser Defizite hatten sie große Schwierigkeiten, den Übergang von der Schule in den Beruf zu bewerkstelligen. Stattdessen suchten sie die Schuld für ihre aussichtslose Situation vielfach in der einheimischen Mehrheitsgesellschaft, obwohl die Jugendlichen nicht zuletzt auch aufgrund ihrer brüchigen Bildungsbiografien und den vorherrschenden Sprachbarrieren ins Hintertreffen geraten waren. Sie fühlten sich von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt und nicht gewollt. Es verstärkte sich bei ihnen das Gefühl, dass sie nicht erwünscht waren und nicht gebraucht wurden, obwohl ihre Väter dieses Land in den 1960er Jahren mit aufgebaut hatten.

Jugendarbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven wurden mehr und mehr zum Problem. Parallel dazu nahm die Jugenddelinquenz immer mehr zu und Lohberg befand sich auf dem Weg, ein "Problemstadtteil" zu werden. Um diese Negativentwicklungen zu stoppen, wurden vielfältige soziale Angebote und Hilfsmaßnahmen, wie Bewerbungscoaching, aufsuchende Jugendarbeit und interkulturelle Veranstaltungen initiiert, die kurzfristigen Erfolg versprachen, jedoch Nachhaltigkeit aufgrund begrenzter Projektdauer und Fördergelder vermissen ließen.

Hier muss allerdings betont werden, dass es unter den jungen Menschen in diesem Stadtteil auch einige wenige gab (und gibt), die ihren gewünschten Weg gehen konnten und sich gesellschaftlich etabliert haben. Sie profitierten meist von ihren eigenen, gut integrierten Familien, die sich der gesellschaftlichen Anforderungen bewusst waren und die nicht zuletzt deshalb einen großen Wert auf die Bildung ihrer Kinder legten.

Der Großteil der Jugendlichen entstammt jedoch bildungsfernen Familien und ist weiterhin auf der Suche nach Identität, Gemeinsamkeiten, Akzeptanz und Anerkennung. Was in solch einem Lebensumfeld Abhilfe schafft, wird gern angenommen. So wenden sie sich den Menschen zu, die ihnen vertraut sind, und widmen sich dem Umfeld, das ihnen Identität stiftet. Diese Identität kann durch gemeinsame Nationalität, Kultur und Religion definiert und verstärkt werden und führt nicht selten zum Rückzug aus der Gesamtgesellschaft.

Wenn dann z. B., wie in Lohberg, ein "großer Bruder" (türkisch Abi, im Türkischen auch als Respektbezeugung verstanden), der seine Akzeptanz in der Gemeinde auf seiner vermeintlichen Frömmigkeit begründet, diesen jungen Menschen seine Aufmerksamkeit widmet, dann genießt er unter ihnen Anerkennung und Respekt. Man hört ihm zu und widerspricht ihm nicht. Wenn dieser Mensch dann auch noch die Jugendlichen ermahnt, die Älteren zu respektieren und sich von Kriminalität und Drogen fernzuhalten, dann sind sogar die Familien zufrieden mit dem neuen Umgang ihrer Kinder. Dieser Abi legitimierte seine Ansichten und Forderungen an die Jugendlichen mit dem Islam, sodass man diese von Beginn an nicht infrage zu stellen wagte. Plötzlich hingen tatsächlich viele junge Männer nicht mehr sinnlos herum, begingen keine Gewalttaten oder Einbrüche, tranken keinen Alkohol, nahmen keine Drogen und gehorchten ohne Widerworte ihren Eltern.

Über die gemeinsame Religion, den Islam, sprach er die Jugendlichen in ihren Lebenswelten an und machte ihre Probleme zum Thema. Sein Ziel war es dabei nicht, den friedvollen und barmherzigen Islam zu lehren; stattdessen zog er Parallelen zu der vermeintlichen Unterdrückung und Diskriminierung der Muslime weltweit, womit sich die Jugendlichen, die sich oftmals selbst ausgegrenzt fühlten, identifizieren konnten. Sie sollten begreifen, so die Logik des Abi, dass Ausgrenzung und Muslim-Sein untrennbar miteinander verknüpft waren und dass nur das konsequente Auslegen und Ausleben des Islams ihnen Kraft geben, Zusammenhalt stiften und sie gegen Diskriminierung wappnen würde. Seine Religionsauslegung beantwortete von Anfang an alle Fragen und gab den Jugendlichen eine mögliche Orientierung für ihr Leben. Die mit der Zeit zunehmend zutage tretenden eindimensionalen Ansichten und Interpretationen, das Schwarz-Weiß-Denken, die Haltung, Schuld für die persönliche Misere bei anderen zu suchen, die willkürliche Einteilung in Recht und Unrecht und in Gut und Böse – dieses dichotome Weltbild fand bei den Jugendlichen großen Anklang. Doch vor allen Dingen war da ein Abi, eine Art großer Bruder, der ihnen zuhörte und ihre Probleme verstand und für sie da war. Man befand sich in vertrauter Gesellschaft. Alle kannten die Sorgen der anderen und jeder Einzelne hatte die gleichen negativen Erfahrungen gemacht wie sein "Bruder" neben sich.

Genau diese Erfahrungen und Annahmen nutzte der Abi, um ein Fundament des Verstehens und Vertrauens zu schaffen, auf dem er dann mit seinen religiösen Ansichten Wege aus diesem vermeintlichen Dilemma vermittelte. Er erklärte den Jugendlichen wieder und wieder, dass die Mehrheitsgesellschaft sie nicht brauche, aber ihre Religion und ihre muslimischen Brüder und Schwestern umso mehr. Durch den ständigen Rückbezug auf den Islam verlieh er seinen Worten Gewicht, nach und nach wuchsen die Jugendlichen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen und bekamen endlich auch Respekt von außen, weil sie sich so intensiv mit ihrem Glauben auseinandersetzten, sich an die Gebote hielten und ihre Brüder und Schwestern in ihrem Umfeld unterstützten.

Gleichzeitig erzählte der Abi den jungen Männern immer wieder vom wachsenden Leid der Menschen in Syrien und im Irak und klagte über die in seinen Augen weltweit verbreitete Ungleichbehandlung von Muslimen und die zunehmende Islamfeindlichkeit – allesamt Faktoren, die bei den jungen Männern wie Trigger wirkten und Radikalisierungsprozesse beschleunigten, nach dem Motto: "Da muss ich doch was tun!" Plötzlich reichte es ihnen nicht mehr, den Brüdern und Schwestern im direkten Umfeld zu helfen, sondern sie wollten sich auch um ihre muslimischen Brüder und Schwestern in Syrien kümmern, die "von imperialistischen Kreuzzüglern und dem Handlangerregime von Assad vor den Augen der Weltöffentlichkeit ermordet wurden". Mit diesen gezielt verächtlichen Bezeichnungen und diesem martialischen Sprachgebrauch versuchte der Abi, die jungen Männer um sich herum immer stärker an sich zu binden und an ihr Schuld- und Verantwortungsgefühl zu appellieren. Ständig fragte er die Jugendlichen, wie sie in Deutschland ruhig schlafen könnten, während muslimische Brüder und Schwestern in Syrien ermordet werden.

Der Radikalisierungsprozess schritt in immensem Tempo voran und entwickelte Anziehungskraft auch über die Grenzen von Dinslaken hinaus. Schnell etablierte sich ein harter Kern, der immer radikaler wurde. Dieser harte Kern, die aus den Medien bekannte "Lohberger Brigade", verschenkte schon bald seinen "weltlichen Besitz" wie DVDs, Fernseher und Handys, vermied den Kontakt zum anderen Geschlecht und wies in der Öffentlichkeit andere Muslime zurecht, weil diese als zu liberal empfunden wurden. Zudem trugen sie keine westliche Kleidung mehr und bauten auch sprachlich Elemente aus dem Arabischen ein. Für sie gab es nur noch die Auslegung des Korans nach dem von ihrem Abi vorgebeteten Verständnis und die Einhaltung der damit einhergehenden Verbote und Gebote. Die Radikalisierung gipfelte in der Ausreise der "Lohberger Brigade" in Richtung Syrien. Neben diesem harten Kern machten sich vier weitere junge Männer auf den Weg in das Kriegsgebiet in Syrien, die jedoch nach kurzer Zeit desillusioniert zurückkehrten.

Ein zurückgelassener Stadtteil



Nachdem zu Beginn der Mut der Mitglieder der "Lohberger Brigade" von einigen Jugendlichen gefeiert worden war und man sich, aufgrund der gemeinsamen Vergangenheit, mit ihnen verbunden gefühlt hatte, machten sich nach den ersten grausamen Bildern und dem Medienauflauf in diesem kleinen Stadtteil Ablehnung und Entrüstung breit. Dieser Abi und selbsternannte "Prediger" hatte immer wieder gesagt, dass man nach Syrien gehen müsse, um dort humanitäre Hilfe zu leisten und die vertriebenen Muslime zu schützen. Die Lohberger Familien hatten jedoch nicht geahnt, dass die Jugendlichen dort selbst zur Waffe greifen und ebenfalls morden würden. Viele erkannten nun erst, dass dort in Syrien Muslime andere Muslime töteten. Dass auch Lohberger Jugendliche Menschen töteten und mit abgeschlagenen Köpfen in der Hand in die Kamera lächelten, ging für die Menschen im Stadtteil zu weit. Traurigkeit und Resignation machten sich bei den zurückgelassenen Familien und im Stadtteil breit. Es war nun für alle Menschen deutlich zu erkennen, warum die "Lohberger Brigade" damals heimlich ausgereist war. Es ging hier nicht um humanitäre Hilfe für notleidende Muslime, sondern um den bewaffneten Kampf im Namen des Terrors.

Den Angehörigen wurde schnell bewusst, dass sie die jungen Männer wohl nicht mehr wiedersehen und diese im Kampf im Kriegsgebiet sterben würden. Liberale Muslime in Dinslaken waren entsetzt, dass ihre Religion ausgenutzt wurde, um junge Menschen, verblendet von einer radikalen Ideologie, vom Kampf in einem Kriegsgebiet zu überzeugen. In ihrer Trauer, Wut und Machtlosigkeit über die Vorgänge zogen sich die Menschen im Stadtteil und insbesondere die Angehörigen immer mehr zurück. Auch die Scham darüber, die Absichten dieser Gruppe und ihres "Predigers" nicht durchschaut zu haben, isolierte die Familien immer mehr. Natürlich blieben diese Entwicklungen nicht im Verborgenen und so wurden neben den Sicherheitsbehörden auch viele Medien schon bald im Stadtteil aktiv. Die Journalisten versuchten, den Vorgängen nachzugehen, trafen jedoch auf Familien und Angehörige, die sich in ihrer Trauer und Wut zurückgezogen hatten und nichts mit den Medien zu tun haben wollten. Die Berichterstattung ließ nicht lange auf sich warten: Schon bald galt Dinslaken-Lohberg deutschlandweit als "Salafisten-Hochburg" und seine Bewohnerinnen und Bewohner als Förderer dieser Geschehnisse, da sie die Radikalisierung und Ausreise ihrer Kinder nicht kommen gesehen oder verhindert hatten. Viele der berichtenden Journalisten verstanden nicht, dass das Handeln der Lohberger Gruppe auch die Menschen im Stadtteil schockierte und deren Familien traumatisiert zurückließ. Entsprechend ablehnend war die Haltung vieler Menschen in Lohberg gegenüber Medienvertretern, denen vielfach eher an der Sensation als an seriöser Berichterstattung gelegen war.

Von einem Großteil der Jugendlichen mit muslimischem Migrationshintergrund im Stadtteil, die ständig für Interviews angefragt wurden, schlug den Journalisten Ablehnung entgegen. Sie versuchten damit auf ihre eigene Art, den Stadtteil und die Angehörigen der ausgereisten jungen Männer zu schützen. Aus ihrer Sicht war dies der einzige Weg, um Solidarität untereinander zu zeigen und Zeit für die Überwindung der Trauer, Wut, Verzweiflung und des Schocks zu gewinnen.

Die Entwicklung des Jugendquartiersmanagements in Lohberg



Trotz der steigenden Aufmerksamkeit für den Stadtteil durch externe Kräfte wie Sicherheitsbehörden, Journalisten und Kommune, wurde es vernachlässigt, den zurückgelassenen Familien Hilfe und psychologische Betreuung anzubieten. Lediglich die Moscheevereine und die Migrantenselbstorganisationen (MSOs) waren bemüht, den Familien der jungen Männer zu helfen. In persönlichen Gesprächsrunden wurde versucht, die Vorgänge zu rekapitulieren und Hilfsangebote zu entwickeln. Doch die Beantwortung der Schuldfrage entzweite die Menschen. Es wurden Vorwürfe laut, dass die Eltern zu naiv und unaufmerksam bezüglich des Umgangs und der Entwicklung ihrer Kinder gewesen seien. Deshalb gingen die Familien auf diese Hilfsangebote nicht ein und versuchten auf eigene Faust, Kontakt zu ihren Kindern in Syrien herzustellen und sie zu einer Rückkehr zu überreden, was ihnen allerdings nicht gelang.

Natürlich stand auch die Soziale Arbeit nach diesen Vorgängen vor einer großen Herausforderung. Man wollte die Menschen im Stadtteil nicht allein lassen und individuelle sowie kollektive Hilfsangebote unterbreiten, die auch dringend gebraucht wurden, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Zugleich sollten aber auch Maßnahmen entwickelt werden, die die Wiederholung solcher Erlebnisse in der Zukunft verhindern würden. Die Stadt Dinslaken und der Deutsche Kinderschutzbund waren dafür in intensiven Gesprächen mit den ortsansässigen MSOs, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und weiteren sozialen Institutionen, um gemeinsam ein tief greifendes und nachhaltiges Angebot für den Stadtteil Lohberg zu schaffen. Alle, ob externe oder interne Akteure, waren sich einig, dass die Hilfe in der Mitte der Lohberger Gesellschaft verankert sein müsste und dass professionelle Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter eingesetzt werden müssten, die auch der Sprache der betroffenen, muslimischen Familien mächtig waren, dem gleichen Kulturkreis entstammten und somit die Probleme der Menschen authentisch nachvollziehen konnten.

Ein Großteil der perspektivlosen Jugendlichen im Stadtteil ist ständig auf der Suche nach Vorbildern, an denen sie sich orientieren können. Aus diesem Grund hatten sich einige von ihnen an dem "Prediger" orientiert, der jedoch ihr Vertrauen ausnutzte und missbrauchte. Umso wichtiger war es, dass das Jugendquartiersmanagement (JQM) installiert und mit einem Sozialarbeiter mit muslimischem und türkischem Background besetzt wurde, denn er konnte ein neues, professionelles und positives Vorbild sein – ein Abi, der die gleichen Erfahrungen wie alle anderen im Stadtteil gemacht hatte, dem es jedoch gelungen war, sich zu integrieren und seinen beruflichen sowie privaten Weg zu gehen; ein Abi, der die Hindernisse für Menschen mit Migrationshintergrund in der Mehrheitsgesellschaft überwunden hatte und Türkisch sprach, denn in sprachlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten finden die Menschen im Stadtteil Vertrauen, dann empfinden sie die angebotenen Hilfen als authentisch und nehmen sie gern an. Um schneller mit den Menschen im Stadtteil in Kontakt zu kommen, verstärkte sich das JQM mit einem ehrenamtlichen Helfer, der in Lohberg aufgewachsen und bekannt war. Auch eine Sozialarbeiterin für die Gemeinwesenarbeit, ebenfalls mit Migrationshintergrund, wurde eingestellt, sodass es nun auch eine direkte Ansprechpartnerin für die Mädchen im Stadtteil gab.

Die Angebote des Jugendquartiersmanagements Lohberg



Nach verschiedenen lehrreichen Gesprächen mit seinen Kooperationspartnern entwickelte das JQM bedarfsgerechte Angebote für die jungen Menschen im Stadtteil. Zuerst konzentrierte man sich auf ihre dringlichsten Bedürfnisse, da die Gefahr, dass sich weitere Jugendliche radikalisieren würden, weiterhin sehr groß war. Um die Jugendlichen effektiv und im großen Umfang zu erreichen, hat sich das JQM gezielt weitere, starke Partner aus dem Stadtteil gesucht. So schloss das JQM Kooperationen mit den Moscheegemeinden, MSOs und den lokalen Sportvereinen. Gemeinsam mit der Moscheegemeinde wurden z.B. Gesprächskreise entwickelt und der Imam der Moschee nahm sich Zeit, in einer ungezwungenen und lockeren Atmosphäre die Fragen der Jugendlichen zu ihrem Glauben zu beantworten und Missverständnisse klarzustellen. Außerdem richtete die Moschee eine Sprechstunde für Eltern ein, die Auffälligkeiten bei ihren Kindern erkannten und Rat suchten. Das JQM nutzte diese Gesprächsrunden zugleich, um die Problemlagen und Bedarfe der Jugendlichen und Eltern zu erfassen. Hierbei war es von großer Bedeutung, dass das JQM mithilfe anerkannter und alteingesessener Personen aus dem Moscheevorstand, den lokalen Vereinen, der Lokalpolitik und anderer sozialer Hilfeträger aus dem Stadtteil den Zugang zu den Jugendlichen fand.

Hilfestellungen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben

Schnell wurde jedoch klar, dass die Jugendlichen besonders dringend Hilfestellungen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben benötigten, um sich – nicht zuletzt mit Blick auf die Gesamtgesellschaft – nicht länger ausgegrenzt und perspektivlos zu fühlen. Zu den Angeboten des JQM zählt bis heute deshalb unter anderem das intensive Berufs- und Bewerbungscoaching – das stärkste "Pfund" in seiner Arbeit. Um präventiv anzusetzen, hat das JQM mit den Schulen, die von den meisten Kindern und Jugendlichen aus Lohberg besucht werden, ein Konzept entwickelt, dass ab dem 8. Schuljahr auf den Übergang von der Schule in den Beruf vorbereitet. Externe Fachkräfte bieten über ein gesamtes Schuljahr einmal pro Woche nachmittags Handwerks- und Kunst-AGs an. Durch die Handwerks-AG sollen die Kinder und Jugendlichen den Umgang mit diversen Werkstoffen und Werkzeugen kennenlernen, um ihr mögliches Interesse und Talent an einer handwerklichen oder technischen Berufsausbildung zu entdecken. In den wöchentlichen Kunst-AGs haben sie die Möglichkeit, den Umgang mit verschiedenen Materialien wie Ton oder Holz sowie auch ihr zeichnerisches und kreatives Talent kennenzulernen.

Kooperationen mit den lokalen Unternehmen und den Berufsschulen

Ab Klasse 9 werden in Kooperationen mit den lokalen Unternehmen und den Berufsschulen diverse Ausbildungsberufe vorgestellt und den Schülerinnen und Schülern wird erklärt, welche Attribute für welchen Beruf von Bedeutung sind. Durch den Besuch der lokalen Unternehmen erfahren die Schülerinnen und Schüler aus erster Hand, was sie für den Berufseinstieg konkret mitbringen müssen. Doch das Hauptziel ist bei jedem Angebot die Entfaltung und Entwicklung sozialer Kompetenzen im Umgang miteinander. Diese Angebote sind bis heute fest an den Schulen installiert und werden vom JQM gemeinsam mit Lehrern und externen Akteuren durchgeführt.

Individuelle und Gruppencoachings sowie Zielvereinbarungen

Außerhalb der Schulzeit werden im Stadtteil selbst, im Büro des JQM, das zentral am Marktplatz des Stadtteils gelegen und für jeden zugänglich ist, individuelle und Gruppencoachings angeboten. Um den Kindern und Jugendlichen beizubringen, sich Ziele zu setzen und dafür auch etwas zu tun, werden gemeinsam Zielvereinbarungen getroffen und diese verfolgt. Dies kann dann so aussehen, dass ein Jugendlicher, der eine Berufsausbildung im Handwerk anstrebt, seine Mathematiknote um eine Schulnote verbessern muss. Es kann aber z.B. auch ein verbesserter Umgang mit Mitschülerinnen oder Mitschülern bzw. mit den Lehrkräften vereinbart werden. Da das JQM die Zielvereinbarungen mit den Jugendlichen in Einzelgesprächen trifft, ist dies eine vertrauliche und verlässliche Bindung zwischen den Jugendlichen und dem Sozialarbeiter. Die Sozialarbeiterin der Gemeinwesenarbeit unterstützt das JQM hier bei der Betreuung der Mädchen. Wenn man auf dieser Basis das Vertrauen der jungen Menschen genießt, kann man die Hilfsangebote auf weitere Felder des täglichen Lebens übertragen.

Zu den Inhalten des Bewerbungscoachings, die individuell oder in Gruppen stattfinden, gehören: Überprüfung und Bewusstwerdung der eigenen Stärken und Fähigkeiten hinsichtlich der Berufswahl, Erläuterung der Anforderungen diverser Ausbildungsberufe und Ausbildungsinhalte, Bewerbungstraining (Anfertigen von Deckblättern, Lebensläufen und Anschreiben), Internetrecherchen, Telefontraining, praktisches Üben und Simulieren von Vorstellungsgesprächen, Vorbereitung auf Einstellungstests, Stärkung der sozialen Kompetenz durch Sozialtrainings, Arbeitsweltorientierung und Vermittlung der geforderten Kompetenzen, Aufklärung über Rechte und Pflichten eines Auszubildenden, Informationen über die Berufsabschlüsse, die an Berufsfachschulen erworben werden können, und Vermittlung von Betriebsbesuchen in Kooperation mit lokalen Unternehmen.

Synergieeffekte: Jugendliche tragen Wissen in ihre Peer-Gruppen

Das Konzept zeigte schnell positive Ergebnisse, denn fast alle Jungen und Mädchen konnten nach der Teilnahme entweder eine Berufsausbildung beginnen oder aber in eine schulische Weiterbildungsmaßnahme vermittelt werden. Die Jugendlichen haben erkannt, wie sie die hohen Hürden von der Schule in den Beruf überwinden können und dass sie stets verlässliche Ansprechpartner um sich herum haben. Zudem gab es positive Synergieeffekte, da die Jugendlichen das erworbene Wissen in ihre Peer-Gruppen hereintrugen und so weitere Jugendliche motivierten, diese pädagogischen Angebote anzunehmen. Angesichts der Erfolge der Jugendlichen, die das Bewerbungscoaching absolviert haben, ist es mittlerweile "in", sich nicht hängen zu lassen, sondern zum JQM zu gehen und Bewerbungen zu schreiben, um selbst eine neue Perspektive durch einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Dieses Hilfsangebot ist für die präventive Arbeit mit Jugendlichen im Stadtteil von elementarer Bedeutung.

Entwicklung von Konfliktmanagement mit lokalen Schulen

Das JQM hat darüber hinaus mit den lokalen Schulen ein Konfliktmanagement entwickelt. Über Jahre gab es schon Probleme mit Schülern aus Lohberg, die in verschiedenen Bereichen ein auffälliges Sozialverhalten zeigten. Gleichzeitig hatten die Eltern häufig keinerlei Kenntnisse über pädagogische Hilfsangebote, die sie beantragen und nutzen konnten. Durch die fehlende Kommunikation war der Dialog zwischen Eltern, Schülern und der Schule fast zum Erliegen gekommen. Dies hängt auch damit zusammen, dass es für die meisten türkischstämmigen Familien in Lohberg in der Vergangenheit kaum einen Anlass gab, ihre deutschen Sprachkompetenzen zu verbessern, da sie in ihrem Mikrokosmos allein mit der türkischen Sprache problemlos zurechtkamen.

Vermittlung zwischen türkischstämmigen Familien und Institutionen

Hier setzte das JQM an und bot sich als unabhängiger Vermittler an. Da die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter des JQM sowie die Sozialarbeiterin der Gemeinwesenarbeit Türkisch sprechen, können sie die Probleme dieser Familien verstehen, einordnen und weitergeben und so als Vermittler zwischen streitenden Parteien dienen. Ziel des Konfliktmanagements war es, die entstandenen Mauern einzureißen und ohne Schuldzuweisungen und unter Berücksichtigung kultureller Gegebenheiten im Interesse aller Beteiligten gemeinsam Lösungen zu finden. Mit diesem Angebot gewann das JQM das Vertrauen der Eltern, aber auch der Institutionen, da man nun vermehrt an einem Strang zog und Probleme rasch anging, um sie nicht eskalieren zu lassen.

Kooperationen mit Sportvereinen

Ein weiteres Problem: Vielfach fehlte es in Lohberg an Möglichkeiten zur sinnvollen und effektiven Freizeitgestaltung. Um das Freizeitangebot attraktiver zu gestalten und die Jugendlichen vor dem sinnlosen "Abhängen" zu bewahren, hat das JQM seine lokalen Kooperationspartner in den Sportvereinen mobilisiert. Jugendliche, die nicht viel mit sich, ihrer Energie und ihrer Freizeit anzufangen wissen, können sich den diversen Sportvereinen anschließen. Hierbei ist es wichtig, dass das JQM und die Sportvereine gemeinsam die Eltern und Jugendlichen ansprechen und über Angebote informieren. Dank der öffentlichen Fördergelder zur sozialen und gesellschaftlichen Teilhabe konnten auch die finanziellen Hürden für die Eltern überwunden werden. Die Trainer und Verantwortlichen wiederum wissen, dass sie eine soziale Verantwortung tragen und deshalb immer ein Auge auf die sonstigen Bedürfnisse sowie die Veränderungen im Verhalten und Auftreten der Jugendlichen haben müssen.

Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Akteuren, Vereinen und Institutionen

Die Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Akteuren, Vereinen und Institutionen ist von immenser Bedeutung für das JQM. Ohne dieses große Netzwerk innerhalb des Stadtteiles hätten die beschriebenen pädagogischen Maßnahmen und Angebote der ganzheitlichen Präventionsarbeit nicht umgesetzt werden können. Doch der wohl wichtigste Schritt war es, Abis zu finden, die selbst in diesem Stadtteil aufgewachsen sind, ein bestimmtes Alter hatten, im Leben standen und die vor allem den Respekt der Jugendlichen genossen. Diese Abis waren für das JQM die Türöffner, erst als sie dem JQM vertrauten, die mit dessen Angeboten verbundenen Ziele erkannten und unterstützten, konnte das JQM in Lohberg Fuß fassen und sich nach gewisser Zeit etablieren.

Die Arbeit mit den Syrien-Rückkehrern



Wie bereits berichtet, kehrten vier junge Männer bereits nach wenigen Wochen wieder nach Hause zurück. Am Anfang begegnete der Stadtteil ihnen mit Angst und Ablehnung. Man wusste nicht, wie man sie empfangen und mit ihnen umgehen sollte. Die Familien im Stadtteil waren besorgt, dass die Rückkehrer ihre Kinder gefährden und radikalisieren könnten. Auch die Rückkehrer wussten, dass sie sich nicht ohne Weiteres wieder in die Gesellschaft integrieren konnten. Nachdem sie nach ihrer Rückkehr Ablehnung und Ausgrenzung erfahren hatten und für einige Wochen bei ihren Familien untergetaucht waren, suchten sie die Unterstützung des JQM, weil sie die vielfältigen Probleme, die sie schon vor ihrer Ausreise gehabt hatten, bewältigen wollten, um einen Neuanfang in Deutschland zu starten. Beim JQM stießen sie auf offene Türen. Nachdem die Sicherheitsbehörden bestätigt hatten, dass keine Gefahr von ihnen ausging, übernahm das JQM ihre Betreuung.

Das JQM konzentrierte sich in der Einzelfallhilfe für diese jungen Männer auf ihre individuellen Bedürfnisse und Ressourcen. Sie hatten Schulden und keine Arbeit, weshalb die wichtigste Aufgabe war, für sie eine Zukunftsperspektive zu schaffen. Durch individuelle Zielvereinbarungen, in denen die Bedürfnisse der Rückkehrer im Mittelpunkt standen, gelang es schließlich, mithilfe der Netzwerkpartner in Dinslaken und Umgebung Arbeitsplätze zu finden und Einigungen mit den Gläubigern zu erzielen.

Zudem wurde die Kommunikation mit den Sicherheitsbehörden aufrechterhalten, um die Informationen und Entwicklungen bezüglich der Reintegration der Rückkehrer abzugleichen. Zeitgleich wurde der Abbau von Vorbehalten der Lohberger gegenüber den Rückkehrern vorangetrieben. In Gesprächen mit den lokalen Akteuren und den Familien erklärten die vier Rückkehrer ihre Beweggründe für ihre Hinwendung zum radikalen Islamismus und ihre Ausreise. Zudem war es für die Menschen wichtig zu erfahren, was die jungen Männer in Syrien erlebt und warum sie sich entschieden hatten, zurückzukehren. Die offenen und ehrlichen Gespräche mit den vier Rückkehrern trugen maßgeblich dazu bei, dass diese sich wieder in den Stadtteil integrieren konnten und nicht weiter stigmatisiert wurden.

Doch das hohe Interesse der Presse und der Öffentlichkeit an den Rückkehrern erschwerte ihre Reintegration immens, denn die negative und einseitige Berichterstattung schürte weiterhin Ängste vor ihnen und der "Salafisten-Hochburg" Lohberg. So musste bei sehr vielen Netzwerkpartnern viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit sie diesen jungen Männern, die aufgrund von Wut, Frustration, falschen Kontakten, aber auch falscher und eindimensionaler Interpretation ihrer Religion und Unkenntnis über die globalen Auseinandersetzungen in der muslimischen Welt nach Syrien gegangen waren, eine neue Chance gaben. Glücklicherweise erhielten die jungen Männer diese und nutzten sie im Laufe der Zeit.

Rückwirkend kann das JQM sagen, dass der wichtigste Punkt im Umgang mit den Rückkehrern die Zurückhaltung der Sozialarbeiter war. Es ging in der sozialen Arbeit mit den jungen Männern nie darum, ihnen Vorwürfe zu machen, nie um das "Wieso", "Weshalb", "Warum" oder das "Wie konntet ihr nur!". Es wurde stets vermieden, Religionsdebatten aufkommen oder sich zu Wertungen hinreißen zu lassen. Die Arbeit mit den Rückkehrern konzentrierte sich ausschließlich auf ihre individuellen Problemlagen. So konnte das Vertrauen der vier jungen Männer gewonnen werden. Sie haben später zurückgemeldet, dass diese Haltung eine große Erleichterung für sie gewesen war.

Doch es muss einschränkend angemerkt werden, dass diese Art der Betreuung nur möglich war, weil die vier Rückkehrer nicht so stark indoktriniert und radikalisiert waren wie Ausreisende und Rückkehrer anderswo in Deutschland. Sie waren unabhängig vom harten Kern der "Lohberger Brigade" ausgereist. Zum Zeitpunkt ihrer Ausreise gab es noch keinen erstarkten "Islamischen Staat" und viele Rebellengruppen in Syrien stritten noch um die Vorherrschaft im Kampf gegen das Assad-Regime. Es war für die jungen Männer auch deshalb alles andere als klar, worauf sie sich konkret eingelassen hatten.

Der eingangs erwähnte Abi kam übrigens der von ihm ausgerufenen Pflicht zum bewaffneten Kampf selbst nicht nach, sondern tauchte, nach Informationen der Sicherheitsbehörden, nach der Ausreise der "Lohberger Brigade" im Ausland unter und wagt es seitdem nicht mehr, nach Lohberg zurückzukehren.

Fazit



Durch die intensive Betreuung radikalisierter Jugendlicher konnte das JQM einen einmaligen Einblick in die Propagandamaschinerie radikaler Islamisten gewinnen, der es erlaubte, Gegenkonzepte zu entwickeln, die in der Präventionsarbeit mit weiteren Jugendlichen genutzt werden. Zu dieser ganzheitlichen Präventionsarbeit im Stadtteil kam später hinzu, dass die Rückkehrer bereit waren, anderen, am radikalen Islamismus interessierten Jugendlichen von ihren negativen Erfahrungen und ihrer systematischen Verblendung zu berichten, und sie damit in die Prävention eingebunden werden konnten. So konnten die "heiligen Versprechungen und Prophezeiungen" der radikal-islamistischen Prediger entzaubert und der Blick der Jugendlichen auf sich, ihre Gemeinde und ihre Verpflichtungen und Möglichkeiten innerhalb Deutschlands gelenkt werden. Die Erfahrungen des JQM zu diesem Thema werden in der Präventionsarbeit noch heute in den Schulen an die Lehrer- und Schülerschaft in Dinslaken und Umgebung weitergegeben.

Jeder Sozialarbeiterin und jedem Sozialarbeiter in der stadtteilbezogenen Jugendarbeit muss allerdings klar sein, dass man nicht alles abdecken kann, weshalb man mit anderen Expertinnen und Experten kooperieren sollte. Die Moscheegemeinde und der Imam sind für religiöse Fragen der Jugendlichen zuständig. Die Sportvereine und stadtteilbezogene Jugendprojekte dienen dazu, dass die Jugendlichen ihre Freizeit effektiv nutzen und soziale Kompetenzen (weiter)entwickeln. Bei Problemen in der Schule und beim Übergang von der Schule ins Berufsleben gibt es in Lohberg das JQM, ein Team aus professionellen Sozialarbeitern, ebenfalls mit Migrationshintergrund und im Stadtteil bekannt, die je nach individueller und kollektiver Problemlage Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen entwickeln. Zudem braucht man noch engagierte und zuverlässige Respektpersonen und Vorbilder (Abis), die in Kooperation mit den Jugendhilfeträgern interessante Jugendprojekte entwickeln, anleiten, begleiten und sich dabei an den Bedürfnissen der Jugendlichen orientieren.

Das Projekt "Botschafter der Toleranz", das bereits mehrfach durchgeführt wurde, oder das Projekt "Bergparkpaten", sind nur zwei Beispiele solcher Projekte aus Dinslaken. Im Projekt "Botschafter der Toleranz" arbeiten Lohberger Jugendliche mit Jugendlichen mit christlichem und jesidischem Hintergrund aus den anderen Stadtteilen Dinslakens zusammen und suchen z.B. Gemeinsamkeiten in ihren Peergroups, Familien, Religionen und im Alltag. Dieses Projekt dient der Demokratieerziehung sowie der Förderung der Ambiguitätstoleranz und ist bei den Jugendlichen mittlerweile sehr beliebt.

Um das alte Zechengelände, das nun der Bergpark ist, wieder attraktiv zu gestalten und die Sachbeschädigungen einzudämmen, beteiligen sich ca. 20 Jugendliche am Projekt "Bergparkpaten". Gemeinsam als Gruppe säubern, pflegen und gestalten sie den Bergpark in Zusammenarbeit mit den kommunalen Servicediensten und den externen Künstlern, die sich hier niedergelassen haben. So übernehmen sie für sich, ihre Familien und den Stadtteil Verantwortung, denn der Bergpark soll ein Ausflugsziel für Menschen aus Lohberg, aber auch für Gäste aus dem gesamten Rhein-Ruhr-Gebiet sein. Die jungen Menschen möchten unbedingt zeigen, dass der Ruf Lohbergs als "Salafisten-Hochburg" nicht gerechtfertigt ist. Das positive Echo, das dieses Projekt in den Medien und bei den Menschen aus dem gesamten Stadtgebiet findet, bestärkt die Jugendlichen in ihrem sozialen Engagement. Zudem sind dadurch auch lokale Unternehmen auf die Jugendlichen im Stadtteil aufmerksam geworden und haben Praktikumsmöglichkeiten angeboten. Diese positiven Verstärker sind von großer Bedeutung für die gesellschaftliche Teilhabe und Integration der Jugendlichen.
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Autor: Önay Duranöz für bpb.de
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Önay Duranöz

Önay Duranöz

Önay Duranöz arbeitet als Sozialpädagoge beim Deutschen Kinderschutzbund Dinslaken-Voerde e. V. und ist für das Jugendquartiersmanagement in Dinslaken-Lohberg zuständig. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören unter anderem die Koordinierung der sozialpädagogischen Angebote, Berufscoaching beim Übergang von der Schule in den Beruf, Konfliktmanagement sowie Demokratieerziehung. Außerdem ist er in der Radikalisierungsprävention und als Referent zum Thema Salafismus an den lokalen Schulen tätig.


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