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13.1.2020

Vor 30 Jahren: Die Besetzung der Stasi-Zentrale

Am 15. Januar 1990 besetzten DDR-Bürgerinnen und Bürger die Zentrale der Staatssicherheit in Berlin. Sie wollten damit die Vernichtung der Geheimdienstakten stoppen. Diese und ähnliche Aktionen in anderen Städten besiegelten das Ende der Staatssicherheit.

Demonstranten stürmen am 15. Januar 1990 - zwei Monate nach dem Mauerfall - die Zentrale der Staatssicherheit der DDR in Berlin. (© picture-alliance/AP)


"Mit Fantasie und ohne Gewalt." So lautete der Aufruf der DDR-Bürgerrechtsbewegung "Neues Forum" zur Kundgebung vor den Toren der Stasi-Zentrale am 15. Januar 1990. Tausende Demonstrierende waren dem Aufruf gefolgt und verlangten die Abschaffung des DDR-Geheimdienstes. Sie wollten die Tore des Gebäudes in der Normannenstraße symbolisch vermauern und damit die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) besiegeln.

Plötzlich ist die Tür offen

Mit diesem Flugblatt rief das Neue Forum am 15. Januar 1990 zu einer Demonstration vor der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Ost-Berlin auf. (© Robert-Havemann-Gesellschaft)

Doch die Stimmung der DDR-Bürgerinnen und Bürger, die sich gegen 17 Uhr vor den Toren des Hauptquartiers versammelt hatten, war aufgeheizt. Als die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley zur Ruhe mahnte, wurde sie ausgepfiffen. "Stasi raus" und "Korrupter SED-Adel an den Pranger!" skandierten die Demonstrierenden. Zugleich forderten sie Einlass in die seit vier Jahrzehnten gesicherte Stasi-Zentrale. Tatsächlich öffnete sich plötzlich unerwartet deren Eingang. Etwa 2.000 Demonstrierende strömten in den Hof und die Gänge des Hauptquartiers. Die meisten gelangten in den Versorgungstrakt und stießen auf eine Fülle von West-Delikatessen - für DDR-Zeiten undenkbarer Luxus - was ihre Wut noch steigerte. Scheiben klirrten und Papiere, Stühle und Tische wurden aus den Fenstern geworfen. Es kam zu tumultartigen Szenen.


Bereits im Dezember hatten DDR-Bürgerinnen und Bürger in Städten wie Erfurt und Leipzig Stasi-Niederlassungen besetzt. Sie wollten damit die Aktenvernichtung stoppen, die die Stasi nach dem Mauerfall am 9. November 1989 begonnen hatte, um ihre Taten zu verschleiern und sogenannte Inoffizielle Mitarbeiter (IM) vor der Enttarnung zu schützen. Ungeachtet dieser Protestaktionen setzte die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg ihre Arbeit unvermindert fort. Das stieß auf großen Unmut bei der Opposition - ebenso die Pläne des DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow, die Stasi durch eine Umwandlung in einen Verfassungsschutz und einen Nachrichtendienst in die neue Zeit zu retten.

Bericht über Aktivitäten

Ebenfalls am 15. Januar 1990, nur wenige Stunden vor der Erstürmung der Stasi-Zentrale, war der "Zentrale Runde Tisch" in Ost-Berlin zusammen gekommen: Die Sitzung des Gremiums aus Oppositionellen und Regierungsabgesandten, die landesweit im Rundfunk übertragen wurde. Ein Mitarbeiter des Ministerrats berichtete erstmals öffentlich über das Ausmaß der Geheimdienstaktivitäten. Die Zahlen übertrafen alle Befürchtungen: rund 85.000 hauptamtliche und 109.000 Inoffizielle Mitarbeiter seien Ende der achtziger Jahre im Einsatz gewesen.

Die Behörde der Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen (BStU) geht heute davon aus, dass noch weitaus mehr Menschen für die Stasi arbeiteten: 1989 waren es rund 91.000 hauptamtliche und rund 180.000 IMs. Was auf der Sitzung des Runden Tisches außerdem deutlich wurde, war die Bewaffnung des DDR-Geheimdienstes. Knapp 125.000 Pistolen, 77.000 Maschinengewehre und zahlreiche weitere Waffen waren im Stasi-Besitz. Diese Zahlen stärkten den Unmut der Opposition über die schleppende Auflösung des Geheimdienstes - und ihren Willen, eine sofortige Schließung der Berliner Stasi-Zentrale zu bewirken.

Die Nachricht über die Ereignisse in Berlin-Lichtenberg erreichte den Runden Tisch am frühen Abend. Die Teilnehmenden brachen die Gespräche ab und fuhren gemeinsam mit Ministerpräsident Modrow in die Normannenstraße. Es gelang ihnen, die dortige Lage zu entspannen, in dem sie die Demonstrierenden zu Ruhe und Besonnenheit aufriefen.

Wie ging das Tor auf?

Wer das Tor zur Stasi-Zentrale geöffnet hat, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die Publizistin Anne Worst geht davon aus, dass die Demonstrierenden damals Teil einer Inszenierung der Stasi geworden sind. In ihrem Buch "Das Ende eines Geheimdienstes. Oder: Wie lebendig ist die Stasi?" zitiert sie Zeitzeugen mit den Worten, dass sich die Stahltore damals nicht durch den Druck der Massen geöffnet hätten, sondern von innen "freiwillig" entriegelt worden seien. Zudem stellt sie Vermutungen an, dass verdeckte Stasi-Mitglieder die Demonstrierenden gezielt in den Versorgungstrakt und weg von den Akten gelenkt hätten. Das Chaos und die Gewalt gegen Sachen in der bis dato friedlichen Revolution sollten der DDR-Regierung Argumente liefern, den Sicherheitsapparat doch mit einem Verfassungsschutz auszustatten. Andere Historikerinnen und Historiker gehen davon aus, dass Personen aus dem inneren des Gebäudes die Tore öffneten, weil sie fürchteten, in der drangvollen Enge würden Menschen zu Schaden kommen.

Merkwürdigkeiten

15. Januar 1990 in der Berliner Normannenstraße. Demonstranten brechen die nächstgelegenen Türen der Stasi-Zentrale auf - sie führen aber nur in den Versorgungstrakt. (© wir-waren-so-frei.de / Jürgen Nagel)

War der Sturm auf die Stasi stasigesteuert? Auch ein Feature des Deutschlandradios vom 14.1.2010 weist auf Merkwürdigkeiten im Lauf des 15. Januars 1990 hin: "Es geschah in Berlin". Der Historiker Christian Booß wiederum beschreibt einen Bürgererfolg, wenn auch "ohne Masterplan". David Gill, der erste Sprecher des Berliner Bürgerkomitees, schildert eine dritte Perspektive - die von Macht und Ohnmacht der Bürgerkomitees zugleich.

Bundesbeauftragter und Museum in der Normannenstraße

Ein Schild weist an einer Einfahrt zur Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin auf das Stasi-Museum hin. (© picture-alliance/AP)

Eine Woche nach den historischen Ereignissen sprach sich der Runde Tisch für die Einrichtung einer "Gedenk- und Forschungsstelle zum DDR-Stalinismus" in der Normannenstraße aus. Am 7. November 1990 nahm das "Stasi-Museum" seinen regulären Betrieb auf.

Zudem führte der öffentliche Druck auf die Volkskammer und die DDR-Vertragsunterhändler im Zuge der Einigungsverhandlungen dazu, dass eine Zusatzvereinbarung zum künftigen Umgang mit den Stasi-Unterlagen in den Einigungsvertrag einfloss. Daraufhin wurde Joachim Gauck am 3. Oktober 1990, dem Tag der Wiedervereinigung, zum "Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes" ernannt. Damit fand eine zentrale Forderung der Friedlichen Revolution des Herbstes 1989 eine Verankerung im vereinten Deutschland. Der Zugang zu den Akten der Staatssicherheit der DDR sollte für Bürgerinnen und Bürger möglich sein. Am 29. Dezember 1991 trat das Stasi-Unterlagen-Gesetz in Kraft wodurch der "Sonderbeauftragte" zum "Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR" (BStU) wurde.

Mit dem Ende der Amtszeit des jetzigen Bundesbeauftragten im Sommer 2021 wird die Verantwortung für die Stasi-Unterlagen auf das Bundesarchiv übergehen. Räumlich bleiben die Papiere, Tonbänder und andere Materialien weitgehend dort, wo sie sich jetzt befinden: auf dem Gelände des ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg sowie in den fünf östlichen Bundesländern, wo für jedes Bundesland ein Archiv-Standort vorgesehen ist.

Dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen bleibt, ist auch der Verdienst der Oppositionellen und der Bürgerrechtsbewegung von damals. Sie retteten durch die Besetzung der Stasi-Verwaltungen rund 16.000 Säcke mit zerrissenen Dokumenten vor der endgültigen Vernichtung. Seit 1995 setzen BStU-Mitarbeitender die Einzelteile der Akten mühsam wieder zusammen.

Anlässlich des 30. Jahrestages der Besetzung der Stasi-Zentrale findet am Mittwoch, den 15. Januar 2020, am historischen Ort "Stasi-Zentrale. Campus für Demokratie“ in Berlin ein Tag der offenen Tür statt. Zum Abschluss des umfassenden Rahmenprogramms lädt der BStU zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Wo ist meine Akte" ein.

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