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25.9.2020

Vor 80 Jahren: Warschauer Ghetto errichtet

Am 2. Oktober 1940 wurde auf Befehl der deutschen Besatzer in der polnischen Hauptstadt das größte Ghetto im besetzten Europa errichtet. Tausende jüdische Menschen wurden dorthin zwangsumgesiedelt und interniert.

Eine Häuserzeile des ehemaligen Warschauer Ghettos. Die Ausstellung "I Can Still See Their Faces" der Schauspielerin Golda Tencer zeigt Bilder von im Warschauer Ghetto ermordeten oder deportierten Menschen. (© picture-alliance/dpa)


Vier Wochen nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 hatten die deutschen Truppen die polnische Hauptstadt besetzt. Mit 380.000 Mitgliedern war die jüdische Gemeinde Warschaus nicht nur die größte Europas, sondern machte auch rund ein Drittel der Warschauer Bevölkerung aus. Bereits kurz nach der Kapitulation Polens litten die polnischen Jüdinnen und Juden unter gewalttätigen Übergriffen der Besatzer. Sie waren zahlreichen Repressalien ausgesetzt, die Menschen wurden gezwungen, sich als Jüdinnen und Juden zu kennzeichnen und Zwangsarbeit zu leisten. Sie wurden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und ihr Eigentum wurde beschlagnahmt. Im November 1939 wurde der überwiegend von Jüdinnen und Juden bewohnten Stadtteil Muranów in der Warschauer Altstadt zum "Seuchensperrgebiet“ erklärt, das die deutschen Soldaten nicht betreten durften. Am 2. Oktober 1940 unterzeichnete der deutsche Gouverneur von Warschau, Ludwig Fischer, eine Verordnung zur Errichtung des Ghettos. Die gesamte jüdische Bevölkerung Warschaus musste binnen sechs Wochen in das festgelegte Gebiet übersiedeln, die dort ansässigen nichtjüdischen Anwohnerinnen und Anwohner mussten ihre Wohnungen räumen.

Allein auf dem Gebiet des heutigen Polen entstanden Ghettos in nahezu 400 großen und mittleren Städten. Das Warschauer Ghetto war das größte Ghetto im besetzten Europa: Laut der Historikerin Andrea Löw waren im März 1941 rund 460.000[1] jüdische Menschen dort auf rund drei Quadratkilometern eingeschlossen. Am 16. November 1940 wurde der "jüdische Wohnbezirk", wie die NS-Behörden das Ghetto nannten, von einer drei Meter hohen Mauer mit Stacheldraht eingegrenzt und abgeriegelt. Knapp ein Drittel der gesamten Stadtbevölkerung war damit auf nur 2,4 Prozent des Stadtgebietes eingeschlossen. Jüdinnen und Juden, die sich ab Oktober 1941 ohne Passierschein außerhalb des Ghettos bewegten, drohte die Todesstrafe.

Katastrophale Lebensbedingungen

Auch aus anderen Gebieten des deutschen Einflussbereiches wurden Jüdinnen und Juden sowie Sinti und Sintezze und Roma und Romnja in das Warschauer Ghetto deportiert. Im März 1941, als die meisten Menschen im Ghetto eingeschlossen waren, betrug die Bevölkerungsdichte rund 150.000 Personen je Quadratkilometer. Zum Vergleich: Heute leben in Warschau etwa 3.300 Personen pro Quadratkilometer. Im Schnitt lebten sieben bis acht Personen in einem Zimmer. Die Versorgung mit Lebensmitteln war sehr schlecht, viele der internierten Bewohner konnten nur durch ins Ghetto geschmuggelte Nahrung überleben. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen und fehlender Medikamente breiteten sich Krankheiten wie Flecktyphus und Tuberkulose aus. Die zahlreichen jüdischen Hilfsorganisationen, etwa selbstgegründete Suppenküchen oder Krankenhäuser, konnten das Leid der Menschen kaum mildern. In den knapp anderthalb Jahren bis zum Beginn der Deportationen im Juli 1942 starben laut der Historikerin Andrea Löw rund 100.000 Bewohnerinnen und Bewohner infolge von Krankheiten und Hunger. Trotz dieser Umstände bemühten sich viele Menschen im Ghetto weiterhin darum, ein kulturelles und religiöses Leben aufrechtzuerhalten. Es wurden Konzerte und Theaterstücke sowie Lesungen und Diskussionsrunden veranstaltet. Der junge Historiker Emanuel Ringelblum gründete zudem das geheime Archiv Oneg Schabbat. Gemeinsam mit anderen Internierten sammelte er Material, um das Leben im Warschauer Ghetto zu dokumentieren.

 Warschau 1940: Im November riegeln deutsche Soldaten das Ghetto ab. (© Yad Vashem, 3186/113) Eine Mauer mit Stacheldraht wird errichtet und trennt das Ghetto vom Rest der Stadt. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0791-29A Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941) Für den Bau und die Sicherung der Ghettomauer müssen die Juden zahlen. Ein- und Ausgänge des Ghettos werden streng bewacht – von deutschen und polnischen Polizeikräften. (© Yad Vashem, 3307/28) Im Ghetto selbst ist der sogenannte Ordnungsdienst verantwortlich – eine jüdische Polizeieinheit, die der SS untersteht. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0792-27 Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941)

Bild5_Bild-101I-134-0792-27-Polen,-Warschauer-Ghetto.--Gruppe-juedischer-Ghettopolizisten-zum-Appell-angetreten Die jüdische Gemeinde in Warschau zählt 360.000 Mitglieder – es ist die größte Europas. Fortan müssen die Menschen im Ghetto leben. (© Bundesarchiv, Bild 183-L14404 Foto: Theil / Oktober 1940) Juden aus dem restlichen Polen sowie aus Deutschland werden in das Ghetto verschleppt. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0782-04 Foto: Knobloch, Ludwig / ca. Mai 1941) Die Menschen leben auf engstem Raum. Häufig drängen sich gleich mehrere Familien in einer Wohnung. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0778-14 Foto: Cusian, Albert / Sommer 1941) Zeitweise leben 150.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 15994) Doch nicht allein die Enge ist inhuman. Die sanitären Bedingungen sind katastrophal und führen zu Krankheiten. Die Menschen hungern. (© Yad Vashem, 3307/36) Jüdische Waisenhäuser wie auch Suppenküchen versuchten hungernden Kindern im Warschauer Ghetto zu helfen, doch die Hilfe reichte nicht. Das Bild zeigt auch soziale Gegensätze im Ghetto. Diese wollte der Fotograf Ludwig Knobloch, Mitglied der Propagandakompanie, vermutlich festhalten. Im Ghetto gab es eine kleine Oberschicht. Doch die Mehrheit der Bevölkerung hungerte – infolge der Ghettoisierung. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0782-13, Foto: Knobloch, Ludwig / vermutlich Mai 1941) Um dem Hunger zu entkommen, schmuggeln die Menschen Lebensmittel ins Ghetto – viele Kinder beteiligen sich. Schmugglern, die erwischt werden, droht die Todesstrafe. (© Yad Vashem, f3116/70) Gläubige Juden versuchen an ihrem religiösen Leben festzuhalten. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0791-05A Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941) Doch neben der Überwachung erleben die Menschen Diskriminierung und Verachtung durch die SS. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 73011A) Im Ghetto herrscht Arbeitspflicht. Die Menschen schuften für wenig Lohn in 
Werkstätten und Fabriken, den sogenannten Shops. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0770-09 Foto: Knobloch, Ludwig / ca. Mai 1941) Deutsche Firmen und die Wehrmacht profitieren von den billigen Arbeitskräften. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 05540) Wenige im Ghetto können sich noch länger Lebensmittel kaufen. Es sind Familien, die ihr Hab und Gut retten konnten. Andere, die durch das Schmuggeln Geld verdienen. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 20664) Die große Mehrheit der Menschen im Ghetto hungert. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 32252) Die Bilder der Propagandakompanien der Wehrmacht sollen das Elend als angeblichen kulturellen Unterschied einfangen für die antisemitische Hetze. Die Ursachen für Hunger und Leid – die Ghettoisierung – zeigen sie nicht. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0780-10 Foto: Cusian, Albert / Sommer 1941)

Bild19_Bild 101I-134-0780-10 Polen, Warschauer Ghetto.- Zwischen Straßenbahnschienen liegender Jugendlicher  junger Mann, Passanten ringsum Leichen im Warschauer Ghetto

Bis Mitte Juli 1942 sterben 100.000 Menschen im Warschauer Ghetto. (© Bundesarchiv, Bild 101I-134-0783-11 Foto: Knobloch, Ludwig / Mai 1941) Zugleich beginnen die Deportationen. Bis zum 21. September werden etwa 280.000 Menschen in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und ermordet. Im Ghetto bleiben rund 60.000 Juden zurück, das Ghetto wird verkleinert. (© Yad Vashem, 4613/479) Im April 1943 erheben sich Juden im Warschauer Ghetto, als wieder Bewohner deportiert werden sollen. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 51008) Doch der bewaffnete Widerstand der Ghettobewohner ist chancenlos.  (© Bundesarchiv, Bild 183-41636-0002 Foto: April-Mai 1943)

Bild23_Bild 183-41636-0002 [Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt] Anschließend zerstören deutsche Truppen systematisch die Überreste des Ghettos. Fast 400.000 Menschen waren im Warschauer Ghetto von 1940 bis 1943 eingeschlossen – nur wenige von ihnen überleben. (© U.S. Holocaust Memorial Museum, 04402)
Während polnische und deutsche Polizeikräfte den Wachdienst an den Außenmauern übernahmen, war innerhalb des Ghettos ein jüdischer Ordnungsdienst für die Bewachung verantwortlich. Das Leben im Ghetto wurde durch einen von den Deutschen eingesetzten "Judenrat" organisiert, dem der Ingenieur Adam Czerniaków vorstand. Der Judenrat führte dabei nur die Befehle der deutschen Besatzer aus und besaß keinerlei Autonomie. Ihm oblag die innere Verwaltung des Ghettos, die Fürsorge für die Ärmsten und die Durchführung der deutschen Verordnungen. Die deutsche Verwaltung richtete zudem die sogenannte Transferstelle Warschau ein, die den Wirtschaftsverkehr zwischen dem Ghetto und der Außenwelt reglementierte. Denn viele Juden aus dem Ghetto arbeiteten außerhalb in Fabriken. Etliche deutsche Firmen sowie die Wehrmacht profitierten dabei von der Ausbeutung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Deportationen und jüdischer Aufstand

Die Auflösung des Ghettos begann am 22. Juli 1942 1942 im Rahmen der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ mit der Deportation der Warschauer Jüdinnen und Juden ins rund 90 Kilometer entfernte Vernichtungslager Treblinka. Andrea Löw zufolge wurden innerhalb von zwei Monaten etwa 280.000[2] nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Nur wenige konnten sich durch Hilfe von außen retten. Beispielsweise gelang es der Sozialarbeiterin und Leiterin der Kindersektion der polnischen Untergrundorganisation Żegota, Irena Sendler, geschätzt 2.500 jüdische Kinder aus dem Warschauer Ghetto zu retten.

Im verkleinerten Ghetto verblieben zunächst etwa 60.000 Menschen. Einige Hundert, meist junge Männer und Frauen, organisierten einen bewaffneten Widerstand gegen weitere Deportationen. Schon am 18. Januar 1943 hatten sie die Sammlung mehrerer tausend Menschen zur Deportation erfolgreich gestört. Als am 19. April SS-Einheiten einrückten, um das Warschauer Ghetto aufzulösen, setzten sich die Widerstandsorganisationen vereint unter dem Namen "Jüdische Kampforganisation" (polnisch: Żydowska Organizacja Bojowa, ZOB) zur Wehr. Es gelang ihnen, sich über mehrere Wochen hinweg den deutschen Truppen zu widersetzen, die am dritten Tag des Aufstands begannen, das Ghetto systematisch niederzubrennen. Erst Mitte Mai 1943 erlangten die deutschen Truppen die Kontrolle über das Gebiet zurück. Darüber, dass der Kampf aussichtslos war, waren sich die Aufständischen im Klaren: "Wir wollen nicht Leben retten, wir wollen unsere Würde retten", sagte Arje Wilner, einer der Gründer der Kampforganisation. Während des Aufstandes ermordeten SS- und Polizeieinheiten etwa 13.000 Menschen. Rund 7.000 Menschen wurden nach Treblinka, rund 36.000 weitere in andere Konzentrationslager verschleppt. Am 16. Mai betitelte Jürgen Stroop, SS-Brigadeführer während des Aufstands, seinen Bericht an Reichsführer-SS Heinrich Himmler mit den Worten: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr."

Erinnerung wird wach gehalten

Dem Warschauer Ghetto kommt bis heute eine hohe symbolische Bedeutung bei der deutsch-jüdischen und deutsch-polnischen Aussöhnung zu. Im Zentrum Warschaus erinnert seit 1948 das Denkmal der Helden des Ghettos an den Aufstand von 1943. 1970 zeigte Bundeskanzler Willy Brandt mit seinem Kniefall eine weltweit beachtete Versöhnungsgeste. Auf dem Gebiet des ehemaligen Warschauer Ghettos befindet sich seit April 2013 das Museum der Geschichte der polnischen Juden. Dieses zeigt in seiner Hauptausstellung die tausendjährige Geschichte der polnischen Juden. Im September 2018 wurde außerdem das Museum des Warschauer Ghettos formal gegründet, das 2023 eröffnet werden soll.


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Fußnoten

1.
Die Angaben zu der Zahl der im Warschauer Ghetto eingeschlossenen Menschen weichen zum Teil stark voneinander ab. Sie schwanken zwischen 350.000 und rund 500.000 Menschen.
2.
Die Zahl der aus dem Warschauer Ghetto deportierten Juden wird zum Teil unterschiedlich angegeben. Die Angaben bewegen sich zwischen 240.000 und 280.000 Menschen.
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