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5.8.2019

Vor 100 Jahren: Vertrag von Rawalpindi

Am 8. August 1919 unterzeichneten Großbritannien und Afghanistan den Vertrag von Rawalpindi und beendeten damit die Anglo-Afghanischen Kriege. Die britische Kolonialmacht erkannte die vollständige Unabhängigkeit Afghanistans an und konnte im Gegenzug ihre territorialen Befugnisse sichern. Die Gebietsverteilungen sorgen in der Region bis heute für Konflikte.

Sardar Ali Ahmad Khan (Bildmitte) leitete die afghanische Delegation bei den Vertragsverhandlungen von Rawalpindi. (© picture-alliance, Mary Evans Picture Library)


Mit dem Friedensvertrag von Rawalpindi, der am 8. August 1919 zwischen Großbritannien und Afghanistan unterzeichnet wurde, endete der Dritte Anglo-Afghanische Krieg. Gleichzeitig erkannte die britische Kolonialmacht Afghanistan als unabhängigen und souveränen Staat an. Wenige Tage nach der Vertragsunterzeichnung, am 19. August 1919, erklärte der Emir Amanullah Khan (1892-1960) offiziell die vollständige Unabhängigkeit des Landes von der britischen Fremdherrschaft. Das britische Empire hatte zuvor in drei Kriegen um Einfluss und Macht in Afghanistan gekämpft.

Anglo-Afghanische Kriege und Grenzziehung



Ab Mitte des 18. Jahrhunderts eroberte die Britische Ostindien-Kompanie weite Teile des heutigen Indiens (damals Britisch-Indien). Im 19. Jahrhundert expandierte Russland nach Osten und kolonisierte große Teile Zentralasiens. Zwischen dem britischen Königreich und dem russischen Zarenreich entwickelte sich ein über ein Jahrhundert dauernder Konflikt um die Vorherrschaft in der Region – auch als "The Great Game" bezeichnet.

Der Begriff "Afghanistan" etablierte sich für die Pufferzone zwischen der britischen und russischen Einflusssphäre. In drei Anglo-Afghanischen Kriegen versuchte Großbritannien, die Region unter seine Kontrolle zu bringen. Der Erste Anglo-Afghanische Krieg (1838-42) brachte die Truppen aus Britisch-Indien an den Rand einer militärischen Niederlage. Im Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg (1878-1880) versuchten die Briten erneut, Afghanistan zu erobern. Der Krieg schwächte die afghanischen Truppen so sehr, dass das Land seine außenpolitische Souveränität verlor und den Status eines halbautonomen britischen Protektorats erhielt.

Abdur Rahman Khan, Emir von Afghanistan von 1880 bis 1901, musste im Jahr 1893 in einem bilateralen Vertrag der Festsetzung der sogenannten Durand-Linie – als Grenze zwischen Afghanistan und Britisch-Indien – zustimmen. Die neue Grenze durchteilte die Siedlungsregion der Paschtunen, der größten ethnischen Gruppe Afghanistans. Die willkürlich gezogene Grenze führt bis heute zu Konflikten zwischen Afghanistan und Pakistan.

Friedensvertrag von Rawalpindi



Im Vertrag von Sankt Petersburg einigten sich Russland und Großbritannien im Jahr 1907 auf ihre Einflusssphären in der Region: Großbritannien stimmte einer russischen Zone in Persien zu, im Gegenzug akzeptierte Russland Afghanistans Status als britisches Protektorat. Im Jahr 1919 trat mit Amanullah Khan ein neuer Emir an die Spitze Afghanistans und erklärte Großbritannien den Krieg (Dritter Anglo-Afghanischer Krieg). Dieser endete mit dem Vertrag von Rawalpindi am 8. August 1919. Der Vertrag sah vor, dass Großbritannien und Afghanistan ihre "alte Freundschaft" wiederherstellten. Dafür musste Afghanistan Zugeständnisse machen: Der 1893 von den Briten gezogene Grenzverlauf durch paschtunisches Siedlungsgebiet wurde erneut bestätigt. Afghanistan wurde es vorerst untersagt, weiter Waffen und Munition über Indien zu importieren. Zudem stellte Großbritannien seine Zahlungen an die afghanische Regierung ein.

In einem Zusatzbrief zum Frieden von Rawalpindi hieß es, dass "der genannte Vertrag und dieses Schreiben Afghanistan offiziell frei und unabhängig" werden lassen, und zwar "in seinen inneren und äußeren Angelegenheiten." Afghanistan hatte damit die Zeit des (faktischen) britischen Protektorats hinter sich gelassen. Amanullah Khan erklärte am 19. August 1919 offiziell die Unabhängigkeit vom britischen Königreich. Heute begeht Afghanistan den Unabhängigkeitstag als Nationalfeiertag.

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