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8.9.2019

Weltalphabetisierungstag

Seit 1967 begeht die UNESCO jährlich am 8. September den Weltalphabetisierungstag. Aktuell zählt die Organisation 750 Millionen Analphabeten. In vielen Ländern ist es immer noch ein Privileg, lesen und schreiben zu können.

In Deutschland gibt es rund 2 Millionen Menschen, die weder lesen noch schreiben können. Die fehlende Lese- und Schreibkompetenz beeinträchtigt die Menschen in ihrem Alltag und kann zu Exklusion führen. (© picture alliance / dpa Themendienst)


Alphabetisierung – die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben – ist eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Um an die Bedeutung von Alphabetisierung und Erwachsenenbildung zu erinnern und die öffentliche Aufmerksamkeit für Alphabetisierungsfragen zu wecken, begeht die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) seit 1967 jedes Jahr am 8. September den Weltalphabetisierungstag. Ins Leben gerufen wurde dieser 1966 auf Empfehlung der Weltkonferenz der Bildungsminister zur Beseitigung des Analphabetismus, die im September 1965 in Teheran stattfand.

Was ist Analphabetismus?

Als Analphabeten werden im Allgemeinen Erwachsene bezeichnet, die über keine oder nur unzureichende Kenntnisse der Schriftsprache verfügen. Die UNESCO zählt all jene Menschen, denen grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen fehlen, zu den Analphabeten.

Darüber hinaus werden verschiedene Arten von Analphabetismus unterschieden: Von "primärem" Analphabetismus spricht man, wenn ein Mensch keinerlei Schreib- und Lesefähigkeiten erworben hat. "Sekundärer" Analphabetismus bedeutet, dass eine Person in der Schule Lesen und Schreiben gelernt, diese Kenntnisse nach der Schulzeit jedoch wieder verlernt hat. In Deutschland gibt es zudem den Begriff des "funktionalen Analphabetismus". Er beschreibt Menschen, deren Lese- und Schreibfähigkeiten nicht ausreichen, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Da dieser Begriff sich jedoch an dem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld orientiert ist dieser nicht international vergleichbar.

Ein globales Problem

Laut Daten des Statistischen Instituts der UNESCO aus dem Jahr 2016 gibt es weltweit rund 750 Millionen erwachsene Menschen (älter als 15 Jahre), die nicht lesen und schreiben können. Fast zwei Drittel davon sind Frauen, rund 102 Millionen sind Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren. Seit den 1990er Jahren hat sich der Anteil der Menschen mit mindestens grundlegenden Lese- und Schreibkompetenzen an der Gesamtbevölkerung in den meisten Ländern jedoch deutlich verbessert. In Südasien stieg beispielsweise die Alphabetisierungsrate zwischen 1990 und 2016 von 46 Prozent auf 72 Prozent. Trotz dieser deutlichen Steigerungen lebten 2016 in Südasien weiterhin fast die Hälfte aller weltweiten Analphabeten.

Die weltweit niedrigste Alphabetisierungsrate wies 2016 die Region Subsahara-Afrika auf – nur rund 65 Prozent aller Menschen in dieser Region können lesen und schreiben. Neben Nordafrika, West- und Südasien gehört Subsahara-Afrika zu den Regionen mit stark ausgeprägten Unterschieden zwischen der Alphabetisierung von Frauen und Männern.

Weltweit ist bei den Frauen seit den 1960er Jahren jedoch ein stärkerer Anstieg der Alphabetisierung zu verzeichnen als bei den Männern. Dies zeigt sich besonders bei den Frauen zwischen 15 und 24 Jahren, von denen 2016 fast 91 Prozent über mindestens grundlegende Lese- und Schreibkompetenzen verfügten, während dies bei älteren Frauen nur auf rund 73 Prozent zutraf. Aber auch in Ländern mit hohen Einkommen und Bildungsstandards, wie etwa in Europa, gibt es eine nennenswerte Zahl von funktionalen Analphabeten, also Menschen mit einer niedrigen Lese- und Schreibkompetenz.

Alphabetisierungsrate der erwachsenen Bevölkerung

Alphabetisierungsrate der erwachsenen Bevölkerung (15 Jahre und älter) nach Ländern. (© UNESCO eAtlas of Literacy, abgerufen am 05.09.2019, Montreal: UNESCO Institute for Statistics, abrufbar unter https://tellmaps.com/uis/literacy/#!/tellmap/-1003531175)


Ursachen

Die Ursachen für Analphabetismus sind sehr unterschiedlich. Armut ist einer der Hauptgründe, warum Menschen der Zugang zu Lese- und Schreibunterricht verwehrt bleibt, da Familien das Schulgeld nicht aufbringen können oder Kinder schon früh zum Familieneinkommen beitragen müssen. Ängste, fehlende Förderung in der Familie oder eine schlechte Bildungspolitik können ebenfalls Ursachen sein. Kinder werden häufig in der Schule aufgrund von Personal- oder Zeitmangel nicht ausreichend individuell gefördert. Auch Geschlechterdiskriminierung spielt eine Rolle: Weltweit dürfen viele Mädchen und Frauen nach wie vor nicht zur Schule gehen.

Situation in Deutschland

Laut einer Studie der Universität Hamburg von 2018 sind in Deutschland etwa 6,2 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene (12,1 Prozent) im Alter zwischen 18 und 64 Jahren von funktionalem Analphabetismus betroffen, d. h. sie können nur einzelne Sätze lesen und schreiben, nicht aber zusammenhängende Texte erfassen. Rund 62,3 Prozent der 2018 Betroffenen sind erwerbstätig. Während 16,9 Prozent über einen höheren Bildungsabschluss verfügen, haben 22,3 Prozent keinen Schulabschluss.

Von den 6,2 Millionen Betroffenen gelten rund 2 Millionen als Analphabeten im engeren Sinne, das heißt sie können zwar einzelne Buchstaben oder Wörter lesen oder schreiben, scheitern jedoch an der Ebene von Sätzen. Anders als im weltweiten Durchschnitt sind in Deutschland die Mehrheit der Menschen mit geringen Lese- und Schreibkompetenzen Männer; ihr Anteil beträgt rund 58,4 Prozent. Insgesamt sind in Deutschland weniger Menschen von funktionalem Analphabetismus betroffen als noch vor einigen Jahren. 2011 ermittelte die Vorgängerstudie der Universität Hamburg rund 7,5 Millionen betroffene, was einem Anteil von 14,5 Prozent in der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands entsprach.

Bemühungen der internationalen Gemeinschaft

In den vergangenen 25 Jahren hat sich die internationale Gemeinschaft wiederholt dazu bekannt, die Alphabetisierung unter Erwachsenen zu fördern. Bereits auf der ersten Weltkonferenz der UNESCO zum Thema "Bildung für alle" im März 1990 setzten sich die teilnehmenden Staaten mit der Weltdeklaration "Bildung für alle" (Education for All, EFA) das Ziel, die Analphabetenrate bei Erwachsen bis zum Jahr 2000 um rund 50 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Ihr Vorhaben bestätigten sie zehn Jahre später im Rahmen des Weltbildungsforums in Dakar. Als Frist für die Umsetzung vereinbarten sie das Jahr 2015.

Der UNESCO-Weltbildungsbericht Education for All 2000-2015: Achievements and Challenges kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Analphabetenrate im Zeitraum zwischen 2000 und 2015 lediglich von 18 Prozent im Jahr 2000 auf schätzungsweise 14 Prozent im Jahr 2015 gesunken ist. Dieser Fortschritt sei im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass besser gebildete junge Menschen in die Statistik der Erwachsenen aufrückten. Den geringsten Rückgang der Analphabetenrate verzeichnete Guinea mit einem Prozent. Am erfolgreichsten war Kuweit: Der Anteil der Menschen, die nicht lesen und schreiben können, ging dort in derselben Zeit um 83 Prozent zurück.

Für den geringen Erfolg im Kampf gegen Analphabetismus benennt der Bericht der UNESCO verschiedene Ursachen: Beispielsweise sei das Ziel der Alphabetisierung nicht explizit in den Millennium Development Goals der Vereinten Nationen verankert worden, was in der Folge dazu geführt habe, dass das Thema sowohl international als auch national vernachlässigt wurde. Darüber hinaus habe es in vielen Ländern Kampagnen gegeben, die den Analphabetismus eher stigmatisieren, anstatt ein Bewusstsein für Auswege zu schaffen. Zudem weist die UNESCO auf die große Bedeutung von lokalen Sprachen bei der Alphabetisierung hin. Diese würden die Regierungen vieler Länder nicht berücksichtigen, da sie aufgrund von Sprachvielfalt Spaltung oder Konflikte befürchteten.

2015 hat sich daraufhin die Weltgemeinschaft mit Ziel 4 der Globalen Nachhaltigkeitsagenda dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2030 den Erwerb ausreichender Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten für "alle Jugendlichen und für einen erheblichen Anteil der Erwachsenen" sicherzustellen. Im Jahr 2016 hat die UNESCO zudem die Global Alliance for Literacy (GAL) einberufen. Die GAL besteht aus Vertretern von UNESCO-Mitgliedstaaten, regionalen Organisationen sowie Vertretern aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft. Zu den Zielen gehört u.a. die Förderung des Zugangs zu Alphabetisierungsprogrammen für alle Altersgruppen.

Alphabetisierung und Mehrsprachigkeit

Das offizielle Plakat der UNESCO zum Weltalphabetisierungstag 2019. (© UNESCO)

Am 8. September 2019 wird der Weltalphabetisierungstag unter dem Motto "Alphabetisierung und Mehrsprachigkeit" begangen. Damit soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass die Einbeziehung sprachlicher Vielfalt in Bildungs- und Alphabetisierungsprogramme von zentraler Bedeutung ist. Zudem soll der Welttag in diesem Jahr dazu genutzt, werden auf die Feierlichkeiten zum Internationalen Jahr der indigenen Sprachen 2019aufmerksam zu machen.

In Deutschland wurde 2016 zudem die sogenannte AlphaDekade, die die Lese- und Schreibfähigkeiten Erwachsener in Deutschland verbessern soll, ins Leben gerufen. Das Programm läuft zunächst bis 2026. Zentrale Herausforderung bildet die Frage, wie Erwachsene mit niedrigen Schriftsprachkompetenzen erreicht und zum Lernen aktiviert werden können.

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