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7.9.2020

Vor 20 Jahren: Ermordung von Enver Şimşek durch den NSU

Am 9. September 2000 wurde der Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg durch den so genannten "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) ermordet. Er war das erste der insgesamt zehn Mordopfer der rechtsextremen Terroristen. Es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis die Tat aufgeklärt wurde.

Gedenkstein für NSU-Opfer Enver Şimşek in Nürnberg. (© picture-alliance, McClatchy Washington Bureau | Claudia Himmelreich)


Enver Şimşek wurde 1961 im türkischen Şarkikaraağaç geboren und kam 1985 nach Deutschland. Dort baute er ab den frühen 1990er-Jahren einen Blumenhandel auf.

Am Samstag, den 9. September 2000, vertrat der damals 38-jähirge Şimşek einen Angestellten an seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg. Beim Sortieren von Blumen in seinem Lieferwagen wurde er gegen Mittag von zwei Männern mit einer Schusswaffe brutal ermordet, mehrere Kugeln trafen ihn in den Kopf. Der schwer verletzte Şimşek wurde erst Stunden später gefunden und verstarb zwei Tage später, am 11. September 2000, an den Folgen des Attentats. Erst Jahre später sollte sich herausstellen, dass es sich bei den Tätern um Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt handelte, die gemeinsam mit Beate Zschäpe eine Video-Icon rechtsextreme Terrorzelle gebildet hatten, die sich selbst als "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) bezeichnete.

Şimşek wurde jahrelang als Drogenkurier verdächtigt

Im Zuge des Ermittlungsverfahrens wies Enver Şimşeks Familie auch auf ihren Verdacht hin, es könnte sich um eine rassistisch motivierte Tat handeln. Die mit dem Fall betraute bayerische Polizei verfolgte jedoch zuerst andere Spuren, nicht zuletzt, weil eine rechtsextrem motivierte Tat ohne Bekennerschreiben als untypisch eingestuft wurde. Stattdessen suchten die Beamten jahrelang nach Verbindungen des Mordopfers in die Organisierte Kriminalität oder zum internationalen Drogenmilieu.

Zudem geriet auch die Familie Şimşek selbst in den Fokus der bayrischen Ermittlungen, Eifersucht oder Habgier wurden als Motive vermutet. Die Tochter Semiya berichtete, die Polizei habe ihrer Mutter Adile damals ein Foto von einer blonden Frau gezeigt, mit der ihr Mann angeblich zwei gemeinsame Kinder habe.

Neun Morde mit der gleichen Tatwaffe

Deutschlandkarte mit den Opfern der NSU-Mordserie; Bildgestaltung P.AD. Werbeagentur (© bpb)

In den Jahren nach Şimşeks Tod wurden weitere acht Kleinunternehmer durch den NSU ermordet. Am 13. Juni 2001 wurde Abdurrahim Özüdoğru in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg erschossen, zwei Wochen darauf der Lebensmittelhändler Süleyman Taşköprü in Hamburg. Ende August 2001 fiel der Münchner Gemüsehändler Habil Kılıç einem Attentat zum Opfer. Im Februar 2004 starb Mehmet Turgut, der in einem Rostocker Dönerimbiss ausgeholfen hatte. Gut anderthalb Jahre später, am 9. Juni 2005, wurde İsmail Yaşar erschossen, der Inhaber eines Dönerimbisses in Nürnberg. Nur wenige Tage später, am 15. Juni 2005, wurde der griechische Staatsbürger Theodoros Boulgarides, Inhaber eines Schlüsseldienstes, in München ermordet. Auch der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık starb am 4. April 2006 durch Kugeln der rechtsextremen Terroristen. Und der 21-jährige Halit Yozgat, Betreiber eines Internetcafés in Kassel, wurde zwei Tage später an seinem Arbeitsplatz erschossen.

Als einziger gesicherter Hinweis auf einen Zusammenhang der Taten galt damals die verwendete Munition, die jeweils einer Waffe vom Typ Česká CZ 83 zugeordnet werden konnte. Mundlos und Böhnhardt ermordeten im April 2007 in Heilbronn schließlich auch die Polizistin Michèle Kiesewetter und verletzten deren Kollegen lebensgefährlich. Bei dieser Tat kam eine andere Waffe zum Einsatz.

Die Mär von den "Döner-Morden"

Da die ersten sechs Opfer türkischer Herkunft waren, vermuteten Teile der Polizei spätestens ab 2005 einen Zusammenhang zwischen den Morden und der organisierten Kriminalität unter türkischen Einwanderern, was sich teilweise auch in den Namen der entsprechenden Sonderermittlungskommissionen widerspiegelte, die mit "Halbmond" oder "Bosporus" in eine bestimmte Richtung verwiesen.

Die Vermutung, es handele sich bei der Mordserie um Konflikte innerhalb der türkischen Community, fand auch Eingang in die Medienberichterstattung. Während die Familien der Opfer zunehmend auf die Möglichkeit rassistischer Tatmotive hinwiesen, wurde in der deutschsprachigen Berichterstattung ab 2005 wiederholt von "Döner-Morden" gesprochen, da zwei der Opfer in einem Dönerimbiss arbeiteten. Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung aus dem Jahr 2015 wurden die Angehörigen der Opfer in der medialen Berichterstattung über Jahre hinweg stigmatisiert und teilweise kriminalisiert. So schrieben Medien beispielsweise von einer "schwer durchdringbaren Parallelwelt der Türken", welche "die Killer" schütze.

Opferfamilien wurden als Täter stigmatisiert

Sowohl die Familie Şimşek als auch viele Angehörige weiterer NSU-Opfer berichteten, dass sie sehr unter den jahrelangen Verdächtigungen durch die Polizei, die öffentliche Berichterstattung und die Angst vor weiteren Anschlägen gelitten hätten. Hinzu kam für viele die nagende Ungewissheit, ob nicht am Ende doch eine Person aus dem eigenen Umfeld in den Mord verwickelt sein könnte. Zudem führten die polizeilichen Ermittlungen in Richtung Ausländerkriminalität, Mafiakontakte und Rauschgifthandel in vielen Fällen zu einer Stigmatisierung in familiären, beruflichen und sozialen Kontexten, während die Hinweise auf einen rassistischen Hintergrund der Taten scheinbar nicht ernst genommen wurden. Der zweite NSU-Untersuchungsausschuss sprach 2013 daher von einer doppelten Traumatisierung der Angehörigen. Sie seinen "Traumatisiert durch die Tat an sich, traumatisiert aber auch durch die darauf folgenden Verdächtigungen und Fehler bei den Ermittlungen".[1]

Die Ermittlungen verliefen über Jahre ins Leere

Im Mai 2006 wurden bei einer zweiten Operativen Fallanalyse der Česká-Mordserie unter anderem die Hypothese entwickelt, dass es sich bei den Tätern womöglich doch um räumlich mobil agierende junge Männer mit ausländerfeindlichen Motiven handeln könnte. Allerdings vermutete man deren regionale Verankerung im Raum Nürnberg, weshalb entsprechende Untersuchungen erfolglos blieben. Bei der gleichen Analyse wurden zudem mögliche Verbindungen zum Kölner Nagelbombenanschlag untersucht, den der NSU im Juni 2004 verübt hatte. Die damaligen Ermittlungen fanden jedoch keinen eindeutigen Zusammenhang.

Banküberfall führt zu den Mördern

Das NSU-Trio finanzierte sich seine Existenz im Untergrund zumindest teilweise durch Banküberfälle. Am Morgen des 4. November 2011 überfielen Mundlos und Böhnhardt eine Sparkassenfiliale in Eisenach. Hinweise aus der Bevölkerung führten die Polizei kurz darauf zum Wohnmobil der beiden Täter. Als sich die Polizei dem Fluchtwagen näherte, soll Mundlos zunächst Böhnhardt erschossen und anschließend das Fahrzeug in Brand gesetzt haben. Danach soll er die Waffe gegen sich selbst gerichtet haben. Der genaue Tathergang ist bis heute umstritten. In dem ausgebrannten Fahrzeug wurde die Mordwaffe im Fall Kiesewetter gefunden.

In Zwickau steckte Zschäpe kurz darauf die Wohnung der drei NSU-Mitglieder in Brand, wohl um Beweise zu vernichten, und verschickte ein Video, indem sich die Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund zu Morden und Sprengstoffanschlägen bekennt. Wenige Tage später stellte sie sich der Polizei.

NSU-Prozess dauerte mehr als fünf Jahre

Am 6. Mai 2013 wurde die Hauptverhandlung gegen Beate Zschäpe und insgesamt vier Mitangeklagte, denen Beihilfe vorgeworfen wurde, am Oberlandesgericht München eröffnet. Der "NSU-Prozess" gilt als eines der bedeutendsten Strafverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik. Insgesamt dauerte der Prozess mehr als fünf Jahre.

Im Kern ging es um die Frage, ob Zschäpe eine Beteiligung an den insgesamt zehn Morden im Zusammenhang mit dem NSU nachgewiesen werden konnte. Ihre Verteidigung führte an, dass es keine Beweise dafür gebe, dass Zschäpe sich an einem der Tatorte aufgehalten habe. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl vertrat jedoch die Ansicht, dass dies nicht ausschlaggebend sei. Vielmehr sei Zschäpe Teil eines eingeschworenen Trios gewesen, das gemeinsam den Beschluss gefasst habe, Menschen aus fremdenfeindlichen Motiven umzubringen. Die Ausführung der Taten sei ohne sie nicht möglich gewesen, sie habe die Zuflucht von Mundlos und Böhnhardt im Untergrund organisiert.

Zschäpe wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Zudem stellte das Gericht eine besondere Schwere der Schuld fest. Auch die Mitangeklagten wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, darunter auch der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben, der die Tatwaffe vom Typ Česká besorgt haben soll. Jene Waffe also, mit der auch Enver Şimşek erschossen wurde. Die Anwälte vom Zschäpe legten Revision ein und übermittelten Ende Mai 2020 eine 2.300 Seiten lange Begründung. Der Bundesgerichtshof wird sich nun mit dem Fall beschäftigen.

Kritikerinnen und Kritiker des Prozesses bewerten unter anderem die verhältnismäßig niedrigen Haftstrafen für die Helfer des NSU als zu milde. Zudem sind viele Angehörige der Opfer und deren Unterstützungsnetzwerke enttäuscht von dem Prozess, da für sie zentrale Fragen unbeantwortet bleiben. Auch zwanzig Jahre nach dem ersten Mord des NSU ist beispielsweise nicht abschließend gesichert, nach welchen Kriterien die Terroristen ihre Opfer auswählten oder wie weitreichend der Sympathisanten- und Unterstützerkreis des Täter-Trios war.

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Fußnoten

1.
Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode: Beschlussempfehlung und Bericht des 2. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des Grundgesetzes vom 22. August 2013, Drs. 17/14600, S. 831.
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